Arbeitsbelastung in der Politik
Zwischen Reiz, Risiken und Resilienz

Plenardebatten bis spät in die Nacht, Dauerstress und kaum Auszeiten: Die Arbeit in der Politik ist kräftezehrend. Dazu der Druck durch die permanente Öffentlichkeit, und immer häufiger Hass, Hetze und Gewalt. Wer tut sich das an – und warum?

    Mappen mit Akten liegen in einer Plenarsitzung des Bayerischen Landtags in München auf der Regierungsbank.
    Lange Sitzungstage, ständige Erreichbarkeit und Multitasking: Für viele Politikerinnen und Politiker gehört das zum Arbeitsalltag (picture alliance / dpa / Matthias Balk)
    Wer in die Politik will, braucht ein klares Wertegerüst und eine politische Idee – aber auch die Fähigkeit, mit wenig Schlaf und dafür umso mehr Stress klarzukommen. So sieht es die ehemalige FDP-Spitzenpolitikerin Katja Suding. Für sie selbst war der Beruf nichts, der Druck durch die Öffentlichkeit und die vielen Anfeindungen zu belastend. 2021 zog sie die Reißleine und kehrte dem politischen Betrieb den Rücken. Auch andere Polit-Promis quittierten den Dienst – von Peter Tauber (CDU) bis Kevin Kühnert (SPD).
    Die Arbeit in der Politik ist kräftezehrend: Einen festen Feierabend gibt es nicht, Wochenenden und Urlaube sind rar. Mandatsträger müssen rund um die Uhr erreichbar sein, sich immer und zu jedem Thema äußern können, schlechte Wahlergebnisse erklären. Dazu kommen Hass, Hetze und sogar tätliche Angriffe. Vor allem für Frauen, aber auch in der Kommunalpolitik für die meist ehrenamtlichen Bürgermeister und Gemeinderätinnen, ist die Belastung hoch. Welche Folgen haben diese Arbeitsbedingungen für die Politik und für politische Entscheidungen? Und was treibt diejenigen an, die sich trotzdem nicht abschrecken lassen?

    Inhalt

    Arbeitsbelastung in der Politik: Dauerstress und lange Sitzungstage

    Eine scharfe Kritikerin der Arbeitsbedingungen in der Bundespolitik ist die ehemalige Linken-Abgeordnete Anke Domscheit-Berg. In der Politik könne man sich nie auf eine Sache fokussieren, sondern arbeite stets an zwei, drei Themen gleichzeitig, sagt sie. Zugleich gebe es kaum Auszeiten, keine freien Wochenenden. Die Folgen des Dauerstresses zeigten sich bei ihr körperlich, sagt Domscheit-Berg: Sie bekam Migräne, Dauerschwindel und Burnouts.
    Lange Sitzungstage, ständige Erreichbarkeit – wer sich für eine politische Karriere entscheidet, muss hart im Nehmen sein. Bereits 2019, nachdem es im Parlament binnen eines Tages zwei medizinische Notfälle gegeben hatte, schilderte Domscheit-Berg ihr Berufsleben als getrieben: „Gefühlt gehe ich aus jedem Termin zu früh raus, um trotzdem beim nächsten Termin zu spät anzukommen“, sagte sie und stieß mit ihren Äußerungen eine Debatte über ein bis dahin weitgehend tabuisiertes Thema an: das enorme Arbeitspensum von Politikerinnen und Politikern.
    Mit ihrer Kritik steht die frühere Linken-Abgeordnete nicht allein, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zum „Arbeitsplatz Bundestag“ zeigt. Für die Umfrage wurden 30 in oder nach der letzten Wahlperiode ausgeschiedene Abgeordnete dazu befragt, wie sie den Parlamentsbetrieb erlebt haben. Die Ergebnisse zeigen: Viele Abgeordnete sind hoch belastet. Neben späten Plenardebatten und vollen Tagesordnungen klagten die Befragten vor allem darüber, den eigenen Ansprüchen an die Arbeit wegen ineffizienter Abläufe und Bürokratie nicht gerecht geworden zu sein.

    Wenn der Job krank macht: Risiken für die Gesundheit

    Aus der Forschung zu Arbeitsgesundheit ist bekannt, welche Belastungen grundsätzlich ein hohes Risiko für Körper und Psyche darstellen. Dazu zählen Faktoren wie eine hohe Arbeitsintensität und eine starke Verdichtung der Arbeit, inhaltliche Überforderung, geringer Handlungsspielraum und wenig soziale Unterstützung, Überstunden und Schichtarbeit, vor allem Nachtdienste.
    Nach Auffassung des Arbeitspsychologen Thomas Rigotti gilt: Sobald die wöchentliche Arbeitszeit über 50 Stunden liegt, ist sie ein Gesundheitsrisiko – wovon in der Politik auszugehen sei. Dazu kämen weitere potenziell schädliche Faktoren wie Termine bis spät in die Nacht und die Herausforderung, ständig und in unterschiedlichsten Bereichen sprechfähig gegenüber der Presse sein zu müssen.

    Bedroht im Amt: Hass, Hetze und körperliche Gewalt

    Wer sich für eine Karriere in der Politik entscheidet, braucht außerdem ein dickes Fell. Zwar ist Kritik Teil des politischen Geschäfts, doch das Klima ist rauer geworden. Anfeindungen und sogar tätliche Angriffe auf Mandatsträger haben zuletzt deutlich zugenommen. Laut einer Umfrage des Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KfN) hat die Mehrheit der Politikerinnen und Politiker in Deutschland schon einmal verbale oder psychische Gewalt erlebt. Demnach gab 61 Prozent der rund 1.500 Befragten von der Kommunal- bis zur Bundesebene an, in ihrer bisherigen Laufbahn mindestens einmal beleidigt, bedroht oder Opfer anderer, zum Beispiel sexualisierter Aggression und Gewalt geworden zu sein.
    Von solchen Anfeindungen sind Mandatsträger auf allen Ebenen betroffen. Besonders hoch ist der Druck jedoch in der Kommunalpolitik. Schließlich sind Bürgermeister und Landrätinnen nah dran an den Menschen – und damit potenziell auch an denjenigen, die sie oder ihre Familien beleidigen und bedrohen.

    Geschlechtsspezifische Angriffe

    Die Forschung zeigt zudem einen Unterschied zwischen Frauen und Männern. Laut Louise Koch von der TU München sehen Hass und Hetze gegenüber Politikerinnen anders aus: „Die Angriffe sind stärker vergeschlechtlicht und sexualisiert und zielen auf die Legitimität als politische Akteurinnen ab, auf die Person, auf die Familie.“
    Zu demselben Ergebnis kommt eine Studie der Universität Basel. Demnach berichteten Frauen und Männer aus Schweizer Jugendparlamenten zwar ähnlich häufig von Anfeindungen. Die Inhalte unterschieden sich aber deutlich: Politikerinnen wurden wesentlich öfter Zielscheibe sexistischer oder sexualisierter Kommentare. „Zum Beispiel wird ihre Kompetenz grundsätzlich aufgrund ihres Geschlechts infrage gestellt. Bei Männern ist das nicht der Fall“, sagt Daniel Höhmann, Politologe und Erstautor der Studie. Mehr als die Hälfte der befragten Frauen hatte demzufolge sogar geschlechtsspezifische Angriffe wie Vergewaltigungsdrohungen erlebt.

    Folgen für die Repräsentation und politische Entscheidungen

    Die hohe Arbeitsbelastung und das aggressive öffentliche Klima haben Folgen für die Politik und politische Entscheidungen. Manche, wie Katja Suding und Anke Domscheit-Berg, ziehen sich aus dem Politikbetrieb zurück. Die, die bleiben, ändern oftmals die Art, wie sie Politik machen. Viele werden leiser, andere scheinen eine Art „Jetzt-erst-recht“-Einstellung zu entwickeln. So gaben laut der KfN-Studie 20 Prozent der Befragten an, als Reaktion auf Drohungen und Hass ihr politisches Engagement grundsätzlich eingeschränkt zu haben. Etwa ein Viertel reduzierte die öffentliche Sichtbarkeit und äußert sich seltener zu kontroversen Themen.
    Der Rückzug aus der Politik macht sich vor allem in den Kommunen bemerkbar. Seit Jahren wird es zunehmend schwieriger, Kandidatinnen und Kandidaten für politische Ämter zu finden. Laut einer Forsa-Umfrage der Körber-Stiftung hat ein Viertel der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aus Sorge um die eigene Sicherheit schon einmal darüber nachgedacht, sich aus der Politik zurückzuziehen.
    Die Forschung zeigt zudem, dass Frauen in der Politik generell häufiger auf Hass und Hetze mit einem Rückzug reagieren als ihre männlichen Kollegen. So gaben etwa in der Studie der Uni Basel etwa 30 Prozent an, Online-Missbrauch sei ein Grund, die Politik ganz zu verlassen. Bei den Männern lag der Anteil bei etwa sieben bis zehn Prozent.

    "Menschliche Steine"

    Dass die enorme Arbeitsbelastung einen Einfluss auf die Politik hat, davon ist auch der Resilienzforscher Rigotti überzeugt: „Das macht auch etwas mit den politischen Entscheidungen, wenn da jemand übermüdet sitzt und am Ende nur noch etwas durchwinken will, damit es endlich vorbei ist.“
    Er sieht zudem Auswirkungen darauf, welcher Typ Mensch in der Politik bleibt – nämlich womöglich jener mit einem „besonders ausgeprägten Narzissmus“. Aus Sicht des Arbeitspsychologen kann eine Portion Narzissmus zwar als Resilienzfaktor im Politikeralltag hilfreich sein. In Extremfällen könne dies allerdings umschlagen, sodass „keine Empathie mehr für andere erlebt wird“.
    Auch die ehemalige Abgeordnete Domscheit-Berg warnt davor, dass wegen der hohen Arbeitsbelastung bald nur noch „menschliche Steine“ im Parlament sitzen könnten. Es dürfe nicht sein, dass am Ende nur noch diejenigen, „die mit vier Stunden Schlaf auskommen und 150 Prozent belastbar sind“, Politik machen können. „Wir wollen repräsentative Menschen in der Politik, die Politik für alle machen – dazu müssen sie auch mehr oder weniger normal sein.“

    Individuelle Stärken, entlastende Faktoren und Resilienz

    Was treibt diejenigen an, die trotz der Arbeitsbelastung im Politikbetrieb bleiben? Aus Sicht des Heidenheimer Oberbürgermeisters Michael Salomo hat das vor allem mit den Gestaltungsmöglichkeiten zu tun. „Ich glaube, es ist einer der schönsten Jobs der Welt.“ Die Forschung sieht daneben weitere Faktoren, die Menschen in ihrem Job Kraft und Motivation geben, und als eine Art Schutzfaktor gegen Stress agieren. Dazu zählen Autonomie, Macht und Anerkennung, aber auch das Eingebundensein in eine Gruppe, in der Politik etwa in Parteien mit gleichen Zielen und Werten.
    Der Umgang mit belastenden Arbeitssituationen lässt sich auch trainieren, sagt der Resilienzforscher Rigotti. Er verweist darauf, dass die Bundespolitik in der Regel nicht der Berufseinstieg in die Politik ist. Die meisten hätten schon einige Jahre Erfahrung und „viele politische Situationen erlebt“. Das helfe ihnen beim Umgang mit Stress.
    Allerdings hat auch das Grenzen. Resilienz könne nicht nur individuelle Widerstandsfähigkeit bedeuten, sondern brauche entsprechende Strukturen, sagt Rigotti. Das bedeute zum Beispiel, die Arbeit politisch engagierter Menschen so zu gestalten, dass Erholung und Abgrenzung möglich seien. Auch Finn Heinrich, Demokratie-Experte der Bertelsmann-Stiftung und Ko-Autor der Studie „Arbeitsplatz Bundestag“, warnt: „Die Leistungsfähigkeit unserer Demokratie hängt auch davon ab, wie gut die Rahmenbedingungen für politische Amtsträgerinnen und Amtsträger sind.“

    Online-Text: Irina Steinhauer