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StartseiteCorsoEiner, der den Eid brach06.04.2020

ARD-Drama "Der Überläufer"Einer, der den Eid brach

Ein Deserteur als Protagonist: Die Figur des fahnenflüchtigen NS-Soldaten im Siegfried-Lenz-Roman "Der Überläufer" ist auch heute umstritten. Regisseur Florian Gallenberger, der den Stoff verfilmt hat, sagte im Dlf, auf welche Kommentare der Film stößt. "Ich war vollkommen geschockt."

Florian Gallenberger im Corsogespräch mit Ina Plodroch

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Die Freunde Proska (Jannis Niewöhner) und Kürschner (Sebastian Urzendowsky) kämpfen Seite an Seite - und gucken aus einem Schuppen hervor  (NDR/Dreamtool Entertainment)
Die Freunde Proska (Jannis Niewöhner, l.) und Kürschner (Sebastian Urzendowsky) kämpfen Seite an Seite (NDR/Dreamtool Entertainment)
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Juli 1944 in Pommern:

"Ich bin Soldat."
"Wenn du die verdammte Uniform ausziehst, bist Du auch kein Solat mehr."
"Den Krieg gewinnen wir nicht mehr - hast Du gesagt. Also für wen? Fürs Vaterland? Für den Führer?"
"Ich habe meine Pflicht."
"Ach, leck' doch die Pflicht am Arsch!"
"Meine Kameraden, die kann ich nicht im Stich lassen."

Und deshalb zieht dieser Walter nochmal los – nicht so richtig aus Überzeugung. So richtig aufgeben, aufhören, das traut er sich aber auch nicht. Er ist die Hauptfigur in Siegfried Lenz‘ Roman "Der Überläufer". Geschrieben hat Lenz ihn 1951, sein Verlag wollte das Buch zu dieser Zeit  aber nicht veröffentlichten. Der Protagonisten sei "zu treulos gegen die Heimat" gewesen.

2016 ist das Buch dann erst erschienen, nach seinem Tod. Die ARD konnte sich die Filmrechte sichern. Und nun – 75 Jahre nach Kriegsende – ist der Film "Der Überläufer" in der ARD zu sehen, gemacht von Oscargewinner und Kinoregisseur Florian Gallenberger.

"Ein Deserteur steht eigentlich nie im Zentrum einer Geschichte"

"Der Stoff hat mich interessiert, weil ich diese Figur, den Überläufer, so spannend finde", sagte Gallenberger im Dlf, "denn ein Deserteur steht eigentlich nie im Zentrum einer Geschichte". Das Buch und der Film richten den Blick darauf, was in dem Menschen vor sich geht, wie der Regisseur erklärte. "Was sind die Beweggründe, was sind die Konflikte, in denen er drinsteckt?"

Gerade heute, 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, sei es wertvoll, so eine Figur nochmal zu erzählen, findet Gallenberger. Der Film sei kurzzeitig bei YouTube zu sehen gewesen, und dort habe er hasserfüllte Kommentare gelesen, wie man nur einen Deserteur in den Mittelpunkt stellen und fast erzählen könne, wie einen Helden - das sei eine Schweinerei. Das seien Menschen, die hätten einen Eid gebrochen, und man solle sie nur verachten.

Der Revisionismus von heute 

"Ich war vollkommen geschockt, wie 75 Jahre später, immer noch dieses Ressentiment und diese Reflexbewegung da ist. Dass YouTube mittlerweile leider zum Sammelbecken von Wutbürgern, die sich in den Kommentaren ausleben, geworden ist - ja, das weiß man. Aber ich war schon überrascht, dass es diese Haltung noch mit dieser Vehemenz gibt." Es gebe immer noch Menschen, die  die Geschichte umdeuten wollten - die revisionistischen und rechtsnationalen Tendenzen seien im Zuge des Erstarkens von Populisten salonfähig geworden. "Deswegen ist der Film ganz wichtig, um die Leute daran zu erinnern, was tatsächlich passiert ist und was das für heute bedeutet." 

Äußerungen unserer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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