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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Eine ökologische Katastrophe im ländlichen Raum"12.01.2016

Artenrückgang in Europa"Eine ökologische Katastrophe im ländlichen Raum"

Rebhuhn, Feldlerche, Kiebitz und andere Arten seien bald für immer aus Deutschland und Europa verschwunden, warnt Konstantin Kreiser vom Naturschutzbund. Er fordert im DLF ein Ende der "pauschalen Gießkannensubventionen" für Landwirte und eine Neuausrichtung der EU-Förderpolitik.

Konstantin Kreiser im Gespräch mit Britta Fecke

Ein Kiebitz auf einer Wiese in Ostfriesland (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)
"Drei Viertel der Kiebitze sind bei uns verschwunden", sagt Konstantin Kreise vom Naturschutzbund. (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)
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Britta Fecke: Bei den Impressionisten waren sie ein beliebtes Motiv, Mohnblumen, die ein Weizenfeld rot färbten, Kornblumen, die sich im Wind wiegten, blau wie das Meer. Diese Motive findet man bei Monet, Renoir, auf französischen, spanischen oder deutschen Getreideflächen sieht man sie kaum noch. Wenn, dann beim Biobauern. Doch ein Großteil der europäischen Ackerflächen wird inzwischen konventionell bewirtschaftet und das beinhaltet eine derart intensive Nutzung des Bodens, einen so hohen Einsatz von Pestiziden, chemischem Dünger und Gülle, dass Kamille, Kornblume und Co. Keine Chance mehr haben, und wo die Wildblumen fehlen, bleiben auch die Insekten aus und die von ihnen lebenden Arten wie Wirbeltiere, Marder oder Greifvögel. Immer mehr Arten werden so immer weiter zurückgedrängt.
Zur Stunde wird in Berlin die europäische Studie zur Artenerosion in Europas Agrarlandschaften vorgestellt. Einer der Referenten ist Konstantin Kreiser, Teamleiter für EU-Naturschutzpolitik beim NABU. Herr Kreiser, wie steht es denn um die Biodiversität auf europäischen Äckern und landwirtschaftlich genutzten Grünlandflächen?

Konstantin Kreiser: Guten Tag, Frau Fecke. - Ja, es ist wirklich ein dramatisches Bild, was wir in unserer Landschaft sehen. Wir haben es mit einem sich tatsächlich beschleunigenden Artenschwund zu tun, vor allem in der landwirtschaftlich geprägten Landwirtschaft. Denn während unsere Naturschutzgebiete und auch EU-finanzierten Artenhilfsprogramme zu wirken beginnen, macht die Art, wie unser Land überwiegend bewirtschaftet wird, diese Erfolge zum großen Teil wieder zunichte, oder wie gesagt verschärft sogar das Artensterben weiter. Wir haben Bestände von Arten, die früher jeder kannte, die häufig waren, wie das Rebhuhn, das auch gern gegessen wurde, das in Kochbüchern auftaucht, wie die Feldlerche, den Kiebitz. Diese Bestände befinden sich im freien Fall. In den letzten 25 Jahren sind 94 Prozent der Rebhühner bei uns verschwunden, ein Drittel der Feldlerchen, drei Viertel der Kiebitze. Wir haben es hier wirklich mit Arten zu tun, die vielleicht bald für immer verschwunden sind aus Deutschland und Europa. Ähnlich geht es auch Fröschen, Schmetterlingen, Käfern und vielen Arten, die wir vielleicht gar nicht kennen, die aber für die Bodenfruchtbarkeit zum Beispiel sehr wichtig sind. Lebensräume wie vor allem unser Grünland verarmen und verschwinden. Wir haben es wirklich mit einer ökologischen Katastrophe im ländlichen Raum zu tun, die sich widerspiegelt im Prinzip in allen EU-Staaten. Man kann es sogar ganz gut sehen. Die EU-Staaten, die schon länger in der EU dabei sind, da haben wir das Bild schon länger. Die Staaten, die erst kürzlich beigetreten sind, die holen jetzt auf bei der Artenvernichtung, da die jetzt in den Genuss der schädlichen EU-Agrarsubventionen kommen.

60 Milliarden Euro Steuergeldern pro Jahr - ohne Gegenleistung

Fecke: Wie hat sich denn die EU-Förderpolitik geändert in den letzten zehn Jahren, sodass das Artensterben damit einhergehen konnte?

Kreiser: Die EU-Förderpolitik, die EU-Agrarpolitik wird im Prinzip alle sieben Jahre reformiert und überprüft und diskutiert und immer wieder wurde daran herumgeschraubt. Zunächst einmal wollte man die Butterberge und Milchseen eindämmen, hat dann nicht mehr die direkte Produktion gefördert, sondern verteilt die Steuergelder jetzt pro Hektar. Es ist jetzt so: Ein Hektar Agrarfläche erhält in Deutschland circa 300 Euro vom Steuerzahler, egal was dort passiert, ohne wesentliche Gegenleistungen. Gleichzeitig schaffen wir es nicht, nicht mal die 80 Euro pro Hektar aufzubringen, die ein Naturschutzgebiet bräuchte, um wirklich geschützt zu werden. Das heißt, wir haben im Prinzip es mit einer Förderpolitik zu tun, die unglaubliche Mengen an Steuergelder, an die 60 Milliarden Euro im Jahr ohne Gegenleistung verteilt an einen Sektor, der zum großen Teil verantwortlich ist für große Umweltschäden, die wir dann mit weiteren Steuergeldern reparieren müssen. Hier brauchen wir also ein dringendes Umsteuern, damit öffentliches Geld tatsächlich weiter an Landwirte geht, aber gegen Leistungen, die auch der Gesellschaft nutzen im Bereich Wasserschutz, Bodenschutz, Klima- und Landschaftsschutz, aber auch im Bereich des Naturschutzes und der Artenvielfalt.

"Gießkannensubventionspolitik können wir uns auch nicht mehr leisten"

Fecke: Wie genau müsste denn dann die Förderpolitik ausgerichtet werden?

Kreiser: Wir brauchen eigentlich ein Ende der Direktsubventionen, die im Moment das Gros der Förderung ausmachen, dieser pauschalen Gießkannensubventionen. Das muss ein Ende haben spätestens 2020 bei der nächsten Reform. Wir brauchen einen EU-Fonds, der die Entwicklung des ländlichen Raums finanziert in dem Sinne, dass wirklich Landwirte Unterstützung bekommen, die etwas für die Natur, die etwas für die Landschaft tun, die konkrete Leistungen erbringen für die Gesellschaft, die ja das Geld auch über Steuergelder aufbringt. Man kann sich da viel Inspiration holen bei der gegenwärtigen sogenannten zweiten Säule der Agrarpolitik, die aber wesentlich kleiner ist und als Stiefkind gesehen wird. Hier gibt es schon sehr viele gute Ansätze im Bereich Vertragsnaturschutz zum Beispiel oder bei Agrarumweltprogrammen. Das muss sehr viel weiter ausgebaut werden und die Gießkannensubventionspolitik können wir uns auch nicht mehr leisten in einem Europa, was von Austerität und von Mittelknappheit spricht.

Fecke: Wir haben ja in Deutschland den sogenannten Bio-Boom. Hat der denn gar keine Auswirkung auf die Artenvielfalt?

Kreiser: Leider ziemlich wenig, denn wir haben zwar eine steigende Nachfrage nach Bioprodukten, aber das wirkt sich nicht aus auf eine steigende Fläche von ökologischem Anbau. Das hat viel damit zu tun, dass wir sehr viele Ökoprodukte importieren und dass die Umstellung für Landwirte von konventionell auf Bio sehr riskant ist und viele sich diesen wirtschaftlich schwierigen Schritt nicht wagen, und auch hier brauchen wir deutlich mehr Förderung vom Staat, um die Ökolandbaufläche zu vergrößern. Aber wir müssen auch im konventionellen Bereich was tun. Bioanbau allein wird die Artenvielfalt nicht retten.

Fecke: Der Artenrückgang auf europäischen Äckern und im Grünland - darüber sprach ich mit Konstantin Kreiser. Er ist Teamleiter für EU-Naturschutzpolitik beim NABU. Vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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