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StartseiteTag für TagIch glaube nicht!01.11.2017

Atheismus in ItalienIch glaube nicht!

In Italien, dem Mutterland des Katholizismus, will die Hälfte der Bevölkerung laut Umfragen nichts mehr mit der Kirche zu tun haben. Besonders sichtbar wird der neue italienische Atheismus jedes Jahr im Herbst: Dann gehen radikale Laizisten gegen die Kirchensteuer auf die Straße.

Von Thomas Migge

Mario Staderini bei einer Demonstration der Partei Radicali Italiani (RI)  (imago/Milestone )
Der Chef der Partei Radicali Italiani, Mario Staderini, spricht sich gegen die Kirchensteuer aus: "Die Amtskirche betreibt vor allem Sozialbusiness, um damit gut zu verdienen." (imago/Milestone )
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Jedes Jahr im Herbst organisiert die laizistische Partei der Radikalen in Rom und in anderen italienischen Großstädten Demonstrationen gegen die Kirchensteuer. Die wird immer im Herbst vom Staat einkassiert und zum großen Teil an die italienische Bischofskonferenz überwiesen, jährlich rund eine Milliarde Euro. Mal mehr, mal weniger. Für den Chef der Radikalen, Mario Staderini, sind diese Kirchensteuern ein Unding, vor allem in einem verfassungsmäßig laizistischen Italien:

"Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Der italienische Staat finanziert mit den Kirchensteuern die Bürokratie der katholischen Kirche. Von rund einer Milliarde Steuereinnahmen fließen aber nur circa 20 Prozent in Sozialprojekte. Klar, es gibt viele Geistliche und Ordensleute, die sich selbstlos aufopfern, aber die Amtskirche betreibt vor allem Sozialbusiness, um damit gut zu verdienen."

Die Hälfte der Bevölkerung wendet sich von der Kirche ab

Wie die Partei der Radikalen wollen viele Italiener mit der katholischen Kirche nichts mehr zu tun haben, machen davon aber kein großes Aufheben. Sie interessieren sich einfach nicht mehr für Kirche und Glauben. Dem römischen Sozialforschungsinstitut Censis zufolge macht diese Gruppe mindestens 35 Prozent der italienischen Gesamtbevölkerung aus. Tendenz steigend. Außerdem wollen weitere 18 Prozent der Bevölkerung, rund 11 Millionen Italiener, nicht nur mit der katholische Kirche nichts mehr zu tun haben, sondern mit allen Kirchen und Religionen.

Zu dieser Gruppe gehören die Leser einer Zeitschrift, die im breiten italienischen Spektrum atheistischer Publikationen einen besonderen Stellenwert einnimmt. Der Titel des alle zwei Monate erscheinenden Magazins ist "Non credo", "ich glaube nicht". Gründer von "Non credo" ist der ehemalige Luftfahrtingenieur und Philosophiedozent Paolo Bancale:

"Die Zeitschrift thematisiert Laizität unter den verschiedensten Aspekten. Unter Laizität verstehen wir allerdings nicht nur die von Parteien wie den Radikalen geforderte Trennung von Kirche und Staat. Uns geht es auch darum, aber vor allem wollen wir mit dieser Zeitschrift die negativen Folgen sämtlicher Religionen auf unsere Gesellschaft behandeln."

Atheistische Bildungsbürger

"Non credo" erscheint seit rund acht Jahren. Die Zahl der Abonnenten liegt bei etwa 10.000. Jedes Jahr werden es mehr. Die Autoren sind keine wütenden Radikallaizisten, die über die Kirchen herfallen, sondern zumeist Hochschulprofessoren verschiedenster Disziplinen.

In der aktuellen Ausgabe schreibt unter anderen ein Professor für Bioethik und Soziologie über die freie Meinungsäußerung im Umgang mit religiösen Symbolen, eine Juristin über die Beziehungen zwischen Mafia und Religion, ein Verfassungsrechtler über den Heiligen Stuhl als Objekt des internationalen Rechts, ein Journalist über die mangelnde Zusammenarbeit der Kirchen in Italien bei der Aufdeckung krimineller Straftaten des Klerus, und ein Kirchenhistoriker über die Frage, ob religiöse Fundamentalisten überhaupt zum friedvollen Zusammenleben mit Andersgläubigen fähig sind. Der Autor beantwortet die Frage mit einem entschiedenen "Nein". Die Leser von "Non credo" gehören dem Bildungsbürgertum an, sind vor allem Akademiker. Zeitschriftengründer und Herausgeber Paolo Bancale:

"In den Anfängen der Menschheitsgeschichte erfüllten Religionen den Zweck von Antwortgebern bei unerklärlichen Dingen und sie dienten als sozialer Kitt, um Bevölkerungsgruppen ein identitäres Gefühl des Zusammenhalts zu geben. Doch heute ist diese Funktion von Religion obsolet geworden."

"Masochistische Bedürfnisse"

Religionen seien, so Bancale, überflüssig geworden. Sie dienten vor allem, erklärt er, "masochistischen Bedürfnissen von Menschen, die sich einem wie auch immer gearteten Klerus unterordnen, um sich in der Welt zurechtfinden zu können".

Bancale steht nicht nur der gut gemachten und intellektuell anspruchsvollen Zeitschrift vor, sondern auch einer Stiftung, der, die ihren Sitz in Civitavecchia hat, in der Nähe von Rom. Hier unterhält die Stiftung auch ein Kongresszentrum, das regelmäßig Vorträge und Veranstaltungen organisiert. Diese Stiftung wird von privaten Spendern finanziert. Sie organisiert auch Stipendien für Gymnasialschüler. Dazu Alessia Villotti von der Fondazione Bancale:

"Die Idee ist die: Die Schüler sollen angeregt werden, sich für bestimmte Themen zu interessieren: die Laizität staatlicher Institutionen und das Prinzip des freien Bürgers."

Mit dem Vatikan ins Gespräch kommen?

Die Stiftung betreibt auch einen eigenen Verlag sowie einen Radiosender, das "Non credo"-Radio, mit Interviews und Hintergrundinformationen zu den Themen der Zeitschrift. Jeden Monat werden im eigenen Auditorium in Civitavecchia Podiumsdiskussionen und Streitgespräche organisiert, im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Der Salon der Ideen" - mit Fachleuten aus Politik, Hochschulen, Wirtschaft und den in Italien vertretenen christlichen und nichtchristlichen Religionen.

Nur zu gern würde Paolo Bancale in seinen "Salon der Ideen" auch Gianfranco Ravasi einladen. Der Kardinal ist im Vatikan für Kultur zuständig und gilt als einer der klügsten Köpfe seiner Kirche. Ein Mann, schwärmt der überzeugte Laizist und Religionsgegner Bancale, mit dem man sicherlich ein anregendes Streitgespräch über den Sinn und Unsinn von Religionen führen könne. Noch hat Ravasi nicht auf eine entsprechende Einladung aus Civitavecchia geantwortet - doch Kirche und Atheisten hätten in Italien einiges zu besprechen.

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