Montag, 20. Mai 2024

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Sport in Afghanistan
"IOC und FIFA sollten Afghanistan komplett ausschließen"

Friba Rezayee war die erste Olympionikin Afghanistans. Als Judoka trat sie 2004 in Athen an. Sie kritisiert die internationalen Verbände dafür, Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban weiter an Wettbewerben teilnehmen zu lassen. Die Sportlerinnen im Land müssten um ihr Leben fürchten.

Friba Rezayee im Gespräch mit Maximilian Rieger | 20.08.2022
Friba Rezayee steht als Rednerin an einem Pult
Friba Rezayee fordert Sportverbände auf, die Taliban nicht anzuerkennen. (Thomas Søndergaard/Play the Game)
Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan erklärte das Internationale Olympische Komitee, es habe Ausreisevisa für mehr als 300 Menschen aus der olympischen Familie Afghanistans organisiert. Wie viele Funktionäre und wie viele Sportlerinnen und Sportler darunter waren, ist allerdings nicht bekannt.
Im Gegensatz zur ersten Herrschaftsphase der Taliban in Afghanistan (1996-2001) hat das Internationale Olympische Komitee Funktionäre und Aktive aus dem Land nicht aus der Olympischen Bewegung ausgeschlossen. Repräsentanten Afghanistans hätten versichert, die Prinzipien und Werte der Olympischen Charta zu beachten, auch die Gleichbehandlung von Frauen, so das IOC: Das IOC werde die Umsetzung weiter genau beobachten.
Maximilian Rieger: Das IOC scheint zu glauben, dass die Taliban die Olympische Charta respektieren - wie bewerten Sie das?
Friba Rezayee: Meine Bewertung ist: Es ist bekannt, wozu die Taliban fähig sind, wofür sie stehen, was ihre Ideologie ist. Das haben sie in den 90er-Jahren gezeigt und es sind jetzt genau die gleichen Taliban. Der einzige Unterschied ist, dass die Menschen jetzt Internet haben und Zugang zu mehr Medien – das hatten wir damals nicht. Die Taliban verletzten Menschenrechte und sie verstoßen gegen die Werte und Prinzipien der Olympischen Charta. Sie erlauben Frauen nicht, zur Schule zu gehen oder Sport zu treiben. Das ist eine klare Verletzung von Menschenrechten, es ist Diskriminierung und das ist nicht akzeptabel.
Rieger: Sie stehen mit vielen Sportlerinnen in Kontakt. Was würde passieren, wenn sie versuchen würden, zu trainieren?
Rezayee: Die Taliban haben strikte Regeln und Strafen eingeführt für Frauen, die erwischt werden, wenn sie Sport treiben. Wenn Frauen gesehen werden, werden sie von den Taliban geschlagen. Frauen werden inhaftiert oder erschossen. Wir hatten viele Trainingszentren in Afghanistan.

Unser Judo-Zentrum für das Frauen-Team wurde komplett geschlossen. Die Taliban haben das Zentrum nicht nur stillgelegt, sondern auch ein gigantisches Schloss an der Tür angebracht. Taliban-Kämpfer haben in der Nachbarschaft patrouilliert und gewartet, dass Frauen zum Training kommen, um sie zu überwältigen.

Die Taliban haben auch den Trainer verfolgt, weil er Frauen und Männer zusammen trainiert hat und Mixed-Teams zugelassen hat – was laut den Taliban eine Sünde und verboten ist. Die Strafen für Athletinnen sind also schwerwiegend.

"Unsere Häuser haben sich in Gefängnisse verwandelt"

Rieger: Wie gehen die Athletinnen, die noch in Afghanistan sind, damit um?
Rezayee: Sie verstecken sich. Sie sind alle Zuhause und das Zuhause ist zu einem Gefängnis geworden. Ich habe vor kurzem mit einer Judoka in Afghanistan gesprochen und wollte wissen, was die Taliban mit den Frauen-Gefängnissen gemacht haben. Und sie hat gesagt:

Ach Friba, sie brauchen keine Gefängnisse für Frauen mehr, weil unsere Häuser sich in Gefängnisse verwandelt haben. Athletinnen verstecken sich also in ihren Häusern und löschen ihre Social-Media-Posts: Alle Fotos, die zeigen, dass sie mal Sportlerinnen waren, jeden Hinweis, dass sie Teil des Nationalen Olympischen Komitees waren.

Nur ein paar tun es nicht, was aber sehr, sehr riskant ist. Aber sie können nicht einmal ihren Nachbarn oder Freunden erzählen, dass sie mal Sport betrieben haben – besonders Kampfsport. Weil der Kampfsport die Frauen ermächtigt hat und das sehen die Taliban als inakzeptable Gefahr für sich. Es ist also alles stillgelegt und die Athletinnen fürchten um ihr Leben.
Rieger: Angesichts dieser Umstände: Sollten das IOC und andere Verbände die afghanischen Verbände von internationalen Wettbewerben ausschließen?
Rezayee: Das Afghanische Olympische Komitee ist die Taliban und die Taliban sind das Afghanische Olympische Komitee, es ist zu 100% kontrolliert.

Ich glaube, dass das IOC und die FIFA den afghanischen Verband komplett ausschließen sollten, es sollte keine Delegationen zu irgendwelchen Wettbewerben geben, die vom IOC organisiert werden. Denn sie erfüllen ganz deutlich nicht die Vorgaben in Sachen Geschlechtergerechtigkeit.

Das IOC und andere Verbände müssen afghanische Athletinnen direkt kontaktieren, mit Frauen-Rechts-Organisationen zusammenarbeiten, die Frauen durch Sport ermächtigen, zum Beispiel Woman Leaders of Tomorrow oder der Organisation von der Ex-Fußballerin Khalida Popal. Denn wir sind vor Ort, wir wollen Transparenz und wir wollen Menschenrechte und Frauenrechte respektieren. Und wir wollen die IOC-Regeln respektieren, sie müssen mit uns direkt arbeiten.
Ich glaube, dass es allen afghanischen Athletinnen und Athleten erlaubt sein sollte, direkt mit dem IOC zu sprechen und an Wettbewerben teilzunehmen – aber nicht unter der schwarz-weißen Flagge der Taliban, sondern unter der dreifarbigen Flagge.

"Sie haben uns komplett im Stich gelassen"

Rieger: Rückblickend betrachtet: Haben die Verbände versagt?
Rezayee: Das Nationale Olympische Komitee und die anderen Verbände haben absolut versagt, gerade in Hinblick auf die Athletinnen. Als die Taliban zurückkamen, sind die Funktionäre der Verbände alle aus dem Land geflohen. Sie haben Asyl gesucht in verschiedenen Ländern, einschließlich in Europa und Nord-Amerika.
Sie haben die verwundbaren Athletinnen zurückgelassen. Anstatt ihnen zu helfen, haben die Funktionäre ihren Familien oder Freunden aus der vorherigen Regierung geholfen. Sie haben uns komplett im Stich gelassen und deswegen sollte das IOC direkt mit den Sportlerinnen arbeiten.
Rieger: Wissen Sie, warum das IOC und die anderen Welt-Verbände anders reagieren als vor 20 Jahren, als die Taliban verband wurden?
Rezayee: Das IOC hat entweder keine Ahnung, wenn es um die Taliban geht und was mit Frauen-Rechten und Frauen-Sport in Afghanistan passiert oder sie haben sich bewusst dafür entschieden, ignorant zu sein und den Frauen in Afghanistan nicht zu helfen. Es gibt keine andere Erklärung. Das IOC hat die Taliban in den 90er-Jahren verbannt, was richtig war. Aber jetzt entscheiden sie bewusst, den Frauen in Afghanistan nicht zu helfen.

"Erkennen Sie die Taliban nicht an"

Rieger: Was sollten und was können Verbände jetzt tun, um Athletinnen und Athleten in Afghanistan zu helfen?
Rezayee: Wir fordern vom IOC und den anderen Verbänden drei Dinge. Erstens: Erkennen Sie die Taliban nicht an! Denn die Taliban repräsentieren nicht Afghanistan. Die Taliban haben keinen Sitz in der UN und die Taliban sprechen insbesondere nicht für die Frauen und die Jugend.
Zweitens: Arbeiten Sie direkt mit den Athletinnen zusammen! Wir stehen in Kontakt zu den Frauen, ich spreche täglich mit Athletinnen. Ich will sichergehen, dass sie am Leben sind.
Und drittens: Stiften Sie Sport-Stipendien für qualifizierte Athletinnen aus Afghanistan, weiten Sie das IOC-Flüchtlingsteam aus! Und Stipendien sind dafür der beste Ansatz, denn das ist der einzige Weg, wie Athletinnen ihren Weg und ihren Traum verfolgen können, Champions zu werden. Und auch, weil die Olympischen Spiele 2024 in Paris näherrücken und die Qualifikation dafür jetzt schon beginnt.
Jetzt ist die Zeit, mit uns und den Athletinnen in Kontakt zu treten, mit den Judoka, mit dem Volleyball-Team und ihnen die Stipendien zu geben, damit sie wieder anfangen können, zu trainieren und sich auf Olympia vorzubereiten.

Der Grund, warum wir so viel Wert auf Frauen im Sport legen ist: Es geht nicht nur um den Sport, sondern wir wollen Menschenrechte, Frauenrechte retten. Das Erbe und die Werte des Sports sind durch die Taliban in Gefahr und unsere Athletinnen kämpfen jeden Tag und jede Nacht, um ein Vorbild zu schaffen, die Taliban zu widerlegen und um ihre Rechte zu bewahren, um 2024 in Paris anzutreten. Wir geben nicht auf.

Rieger: Es gibt keine kurzfristige Aussicht darauf, dass die Herrschaft der Taliban endet. Was bedeutet das für Zukunft des Sports in Afghanistan?
Rezayee: Die Herrschaft der Taliban über das Nationale Olympische Komitee bedeutet, dass der Sport für Frauen sterben wird. Geschlechtergerechtigkeit wird sterben. In die Sporthalle zu gehen, wird ein Verbrechen, Sport treiben wird ein Verbrechen und Frauen werden dafür bestraft werden. Wenn man einer Gesellschaft den Sport wegnimmt, bleibt nichts für die Gesellschaft übrig. Afghanistan wird ein dunkles, einsames Land werden.