Dienstag, 23. April 2024

Mädchen-Karate in Bangladesch
Karate für Geschlechtergerechtigkeit

In Bangladesch ist Sport traditionellerweise Männersache. Im Norden des Landes ändert sich das gerade: Mädchen lernen Karate – und werden dadurch nicht nur zu Athletinnen, sondern auch zu Personen mit neuer Kraft im Alltag.

Von Felix Lill | 23.03.2024
Das Bild zeigt Mädchen aus Bangladesch, die draußen in weißen Karateanzügen und unterschiedlichen Gürtelfarben Karate trainieren.
Normalerweise treiben Mädchen in Bangladesch keinen Sport. Seit 2018 bemühen sich die humanitären Nichtregierungsorganisation "Care" und "Plan" darum, das zu ändern. (picture alliance / ZUMAPRESS.com / Abu Sufian Jewel)
Es ist kurz nach 10 Uhr morgens in Rangpur, einer 300.000-Einwohner-Stadt im Norden von Bangladesch. An der Sekundarschule Gangachara im Stadtzentrum ist auf den ersten Blick alles wie immer: Die Kleineren rennen wild über den Schulhof, die älteren Mädchen und Jungs verbringen die Pause eher in getrennten Gruppen und kichern.
Aber dann, mitten auf dem sandigen Hof, ist da eben die Truppe um die 13-jährige Tasmin Toraiya Ohi, alle Mädchen sind in weiße Anzüge gekleidet – sie treiben Karate: "Wir machen das jeden Tag. Vor kurzem haben wir endlich den gelben Gürtel bekommen. Wir lieben es, Sport zu treiben!"

Anti-Sport-Tradition in Bangladesch wird gebrochen

In Bangladesch ist das ein Statement. Denn Mädchen machen hier eigentlich keinen Sport. So ist jedenfalls die Tradition – die an dieser Schule aber seit sechs Jahren gebrochen wird.
Seit 2018 führen hier die humanitären Nichtregierungsorganisationen (NGOs) "Care" und "Plan", unterstützt mit Geldern der Europäischen Union und der Österreichischen Entwicklungsagentur, das sogenannte JANO-Projekt durch. Neben einer Verbesserung der Ernährungslage in Zeiten des Klimawandels soll die Rolle von Mädchen und Frauen gestärkt werden, damit auch sie ihr Wissen einbringen können, wenn sich das Land modernisieren muss.
Als wichtiger Hebel hierfür soll Sport wirken, sagt der Lehrer Shafiqul Alam: "Durch das Projekt haben wir ein Fach eingeführt, das den Kindern nicht nur die Grundlagen einer gesunden Ernährung beibringt, sondern auch den Umgang mit der Pubertät. So etwas ist neu in Bangladesch. Ähnlich wie Sport für Mädchen, vor allem Kampfsport!"

Nur Mädchen werden ausgebildet

In 331 Schulen der Region werden nun Mädchen – und nur Mädchen – im Karate ausgebildet. Warum? Das erklärt der Lehrer Shafiqul Alam anhand einer Anekdote:
"Mädchen und Jungs haben zwar gemeinsam Unterricht, sind bisher aber trotzdem immer getrennt voneinander gewesen. In der Tradition geht das so weit, dass die Mädchen nur zusammen mit der Lehrkraft in den Klassenraum gehen und wieder raus. Als bräuchten sie den Schutz der Lehrkraft vor den Jungs. Aber das ändert sich gerade. Die Mädchen sind selbstbewusster geworden. Mädchen und Jungs sind jetzt öfter auch Freunde."
Tasmin Toraiya Ohi bestätigt das: "Ich fühle mich jetzt stärker. Wenn ich allein rausgehe, hatte ich früher manchmal Angst, dass ich angegriffen werde. Aber jetzt kann ich mich verteidigen. Am Anfang haben sich ein paar Jungs über uns lustig gemacht. Jetzt haben sie eher Angst vor uns, wenn sie auf dem Schulhof unsere Tritte und Schläge sehen."

Bangladesch belegt im Gender-Gap-Report Mittelmaß

Dass Mädchensport in Bangladesch bisher ein Tabu ist, mag verwundern, wenn man sich die Rolle von Frauen in der Gesellschaft generell ansieht: Im Gender-Gap-Report des Weltwirtschaftsforums, das in verschiedenen Gesellschaftsbereichen die Geschlechtergleichheit international vergleicht, schneidet Bangladesch immerhin im globalen Mittelmaß ab.
Seit 15 Jahren wird das Land von einer Frau regiert. Und die wichtigste Exportindustrie ist der Textilsektor, in dem vor allem Frauen arbeiten. Das Weltwirtschaftsforum schreibt: "Island und Bangladesch sind die einzigen Länder, wo Frauen das höchste politische Amt im Land für mehr Jahre innegehabt haben als Männer."

Frauen nahmen besondere Rolle ein – außer im Sport

Im 175-Millionen-Einwohner-Land Bangladesch herrsche außerdem die höchste Geschlechtergleichheit in Südasien, so der Report. Aber im Sport ist das überwiegend muslimische Land bisher eher bekannt dafür, dass Mädchen und Frauen eben kaum Teilhabe genießen.
So berichtete vor einigen Jahren schon türkische Sender TRT in seinem internationalen Programm über sportinteressierte Mädchen in Bangladesch: "Sie stehen oft dem Widerstand ihrer Eltern und der breiteren Gesellschaft gegenüber, die sie lieber jung verheiratet sehen würden – in einer Nation, wo Frauen zahlreichen Hürden begegnen, wenn sie nur Sport treiben wollen."

"Ich würde gerne zu Olympia"

Aber es tut sich etwas. Im Cricket, dem mit Abstand beliebtesten Sport in Bangladesch, gibt es seit 2007 eine Nationalmannschaft der Frauen. Und im Bericht von TRT wird eine Frau erwähnt, die im Jahr 2020 als Trainerin einer Männer-Fußballmannschaft arbeitete.
Und wenn es nach Tasmin Toraiya Ohi geht, müssen sich Bangladesch bald professionelle Strukturen im Karate etablieren. Denn sie will in ihrem Sport noch hoch hinaus: "Ich würde gerne zu Olympia. Dafür würde ich auch hart trainieren. Ich bringe Karate auch schon meiner Schwester und ein paar Freundinnen bei."
Denn falls sie es selbst nicht schafft, werde ja vielleicht aus denen eine große Athletin. Tasmins Freundin Sadia Ahmed hat dagegen keine Olympiaambitionen. Nützlich findet sie den Sportunterricht trotzdem: "Ich glaube, ich will Soldatin werden. Ich mag das Kämpfen. Und die Art, so diszipliniert zu sein und Uniform zu tragen. Wir haben auch schon ein Karate-Zertifikat. Das hilft mir vielleicht mal bei meiner Bewerbung."
Beim Selbstbewusstsein hilft der Sportunterricht den Mädchen offenbar schon heute.
Disclaimer: Teile der Reisekosten wurden von der NGO "Care" übernommen. Es wurde kein Einfluss auf die Berichterstattung genommen.