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StartseiteHintergrundKommt nach der Coronakrise die Bankenkrise?18.04.2021

Banken- und FinanzsektorKommt nach der Coronakrise die Bankenkrise?

Die Banken in Deutschland geben sich zuversichtlich: Sie hätten ihre Risiken trotz der Coronakrise im Griff. Durch den langen Lockdown und die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht werden sich Pleiten vieler Unternehmen aber verschleppen. Damit könnten sie auch ihre Banken als Kreditgeber gefährden.

Von Brigitte Scholtes

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Eine Sparkassen-Filiale in Eilshausen, Nordrhein-Westfalen (imago / Kirchner-Media / Wedel)
Sparkassen und Volksbanken zählen zu größeren Instituten und sind darum nicht so gefährdet wie regionale Banken, sagen Experten (imago / Kirchner-Media / Wedel)
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"Anders als in der Finanzkrise vor 12 Jahren waren wir Banken in dieser ersten Phase der Corona-Pandemie Teil der Lösung und nicht das Problem. Doch was kommt jetzt? Und wie können wir dauerhaft Teil der Lösung bleiben?" Das fragte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing schon im vergangenen September bei einer Bankentagung. Die grundsätzliche Einschätzung, dass die Banken in dieser Krise nicht das Ausgangsproblem darstellen, die teilen Ökonomen wie Jan Pieter Krahnen, Direktor am Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE an der Goethe-Universität Frankfurt:

"Die Situation ist ja insofern ganz anders als bei der letzten Finanzkrise 2007, 2008, 2010, als dieses Mal die Hilfeleistungen des Staates ganz massiv in die Industrie hineingegangen sind und auch an die Haushalte im Grunde, über Kurzarbeitsgeld nämlich, und dadurch bei den Banken in den Kreditbüchern bisher kaum große Schadensfälle erkennbar werden, jedenfalls keine überwältigenden. Und das ist der Unterschied."

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Denn die Banken haben in dieser Krise bisher oft nur Kredite des Staates an die Unternehmen durchgeleitet, die dieser über die Förderbanken des Bundes oder der Länder vergibt, auch wenn das nicht in allen Fällen reibungslos funktioniert hat. Deshalb haben sie selbst bisher noch nicht mit größeren Kreditausfällen rechnen müssen. Das aber wird sich in den nächsten Monaten und Jahren ändern. Nicht nur diese Stützung läuft aus. Auch Insolvenzen müssen wieder zügig wie vor der Krise beantragt werden. So ist auch den Vertretern der Banken bewusst, dass sie sich für mögliche Ausfälle wappnen müssen.

Banken müssen sich für künftige Ausfälle wappnen

"Wir rechnen mit steigenden Insolvenzzahlen." Sagte vor wenigen Wochen Gerhard Hofmann, Vorstand des BVR, des Bundesverbands Volks- und Raiffeisenbanken. Aber die Banken seien stabil genug, um solche Ausfälle schultern zu können, ist aus der Branche zu hören. Das mag insgesamt so sein. Doch schaut man etwas tiefer, dann erkennt man doch deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Industrien.

Unternehmen, die die Digitalisierung vorantreiben, gehören zu den Gewinnern, die Branchen Einzelhandel, Gastronomie, Kultur, Tourismus bekanntlich zu den Verlierern. Dazu aber zählen oft viele kleine Unternehmen. Und die, so meint Markus Demary, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, seien oft Kunden der auch kleineren Banken, meist Sparkassen oder Genossenschaftsbanken:

"Das sind die Banken vor Ort, zu denen sie hingehen, weil sie sie natürlich auch kennen, während die großen Unternehmen natürlich zu den Großbanken gehen, um sich finanzieren zu lassen, weil es da letztendlich auch um größere Investitionssummen geht und größere Kreditvolumina, was kleinere Banken nicht stemmen können. Das heißt natürlich, dass diese Coronarisiken, die besonders Restaurants treffen, also kleinere Unternehmen, auch bei den kleineren Banken in Form von Kreditverlusten anfallen können."

Regionale Banken potenziell gefährdet

Könnte also der Vorteil der Kundennähe, den die kleinen und regionalen Banken gern betonen, in dieser Krise zum Nachteil werden? Diese Gefahr sieht Demary nicht:

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"Zum einen kennen die kleineren Banken ihre Klienten vor Ort ganz gut, und damit lassen die natürlich ein relativ gutes Kreditrisikobild zeichnen, vor allem auch wenn man langfristige Geschäftsbeziehungen hat und damit auch, wenn man die Möglichkeit hat, einfach mal bei dem Unternehmen vorbei zu schauen und zu sehen, wie gut da die Geschäfte laufen. Man hat mehr weiche Indikatoren im Vergleich zu so einem anonymen Kapitalmarktgeschäft. Das ist also durchaus so eine gewisse Stärke auch dieser kleineren Banken, dass sie die Kreditrisiken gut einschätzen können. Und damit können sie natürlich auch die Kreditrisiken gut managen."

Die Sparkassen seien vorsichtige Kaufleute, versicherte kürzlich erst wieder der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, Helmut Schleweis:

"Wir legen ja in guten Jahren die Risikovorsorge, die wir da nicht brauchen, dafür zurück, dass wir sie dann einsetzen können, wenn sie gebraucht wird. Und deswegen kann ich auch sagen: Selbst bei erhöhter Risikovorsorge, mit der wir rechnen, sind wir da gut gerüstet, um das entsprechend abfangen zu können."

Das versichert auch BVR-Vorstand Gerhard Hofmann: "Die wichtige Botschaft aus unserer Sicht ist natürlich, dass wir unseren Kreditbestand sehr, sehr gut analysieren und durchgesehen haben, dass wir nicht davon ausgehen, dass die Risikoentwicklung entscheidend das Jahr 2021 hinsichtlich des Ausblicks prägen wird. Das wird einen Einfluss haben, das ist überhaupt keine Frage. Aber wir sehen aus heutiger Sicht nicht, dass eine Situation entsteht, die wir etwa nicht verkraften könnten oder die uns sehr, sehr stark nach unten zieht."

Dass Genossenschaftsbanken und Sparkassen da noch recht stabil dastehen, das bestätigen auch Bankenexperten wie Jan Pieter Krahnen von der Universität Frankfurt. Das liege allein schon am jeweiligen Haftungsverbund, dem die Volksbanken bzw. Sparkassen angehörten: 

"Deshalb würde ich das als Ökonom immer als ein Institut ansehen. Und dann ist natürlich unsere deutsche Volksbank eine große Institution mit vielen kleinen Niederlassungen überall, die scheinbar selbstständig operieren, und genauso bei den Sparkassen. Nur in dem Endauftritt dem Kunden gegenüber, kommen sie wie unabhängige Institute daher, sind aber haftungstechnisch eng miteinander verbunden."

Lage der Fluggesellschaften belastet auch große Banken

Einer besonderen Herausforderung sehen sich die Banken gegenüber, die vor der Krise große Unternehmen finanziert haben, die nun stark von den Folgen der Pandemie betroffen sind – etwa Fluggesellschaften. Die belasten aktuell zum Beispiel die Helaba, die Landesbank Hessen-Thüringen. Aber auch deren Finanzvorstand Detlef Hosemann versicherte bei der Bilanzvorlage vor wenigen Wochen, man habe diese Risiken im Griff, denn viele Fluggesellschaften hätten von sich aus schon mit der Restrukturierung begonnen:

"Mit Blick auf unseren Bestand bei der Flugzeugfinanzierung können wir festhalten, dass die von uns finanzierte Flugzeugflotte sich überwiegend aus solchen Typen zusammensetzt, denen wir weiterhin eine langfristige Nutzung und damit Nachfrage unterstellen."

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Das klingt zunächst alles sehr beruhigend. Denn im laufenden Jahr scheint das Risiko von steigenden Ausfällen noch nicht so groß zu sein. Ein Grund sind eben die staatlichen Hilfsgelder, die den Unternehmen über die Pandemie helfen sollen, ein weiterer die zwischenzeitliche Aussetzung der Insolvenzantragspflicht. Deshalb treten die eigentlichen Probleme vielleicht auch erst in den Folgejahren zutage. Denn um ihre Verluste in der Krise auszugleichen, mussten sich die Firmen noch weiter verschulden. Deshalb könnte es noch spannend werden, meint Markus Demary: 

"Was uns bevorstehen wird, wird sein eine Phase der Restrukturierung und Schuldenkonsolidierung im Unternehmenssektor, was bei dem einen oder anderen Unternehmen bedeutet, dass sie lange Zeit erst mal nicht investieren können, bis Eigenkapital wieder aufgebaut und Schulden abgebaut sind. Andere Unternehmen müssen möglicherweise auch Insolvenz anmelden. Selbst wenn diese Coronakrise überwunden ist, ist davon auszugehen, dass wir dann möglicherweise noch ein bis zwei Jahre schätzungsweise haben, wo Unternehmen entsprechend ihre Bilanzen wieder verbessern müssen."

"Zombieunternehmen" gefährden Innovation

Und das wirkt sich dann auf die weitere Erholung der Wirtschaft aus. Da habe sich in der Krise viel Energie angestaut. So beschreibt es Hans-Peter Burghof, Inhaber des Lehrstuhls für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim, Energie, die sich entfalten müsse: 

"Das hängt ganz entscheidend ab, ob wir tatsächlich deutlich mehr Verluste bekommen durch entsprechende Unternehmensausfälle oder das rasche Wachstum aus der Krise heraus viele Probleme beseitigt, die man auf den ersten Blick haben könnte. Ich glaube, die Banken sind stark genug, um da eine gewisse Geduld an den Tag zu legen, dass wir nicht jedem, der mal nicht zahlt, sofort den Hahn zudrehen. Aber natürlich gibt es dafür Grenzen."

Burghof spricht damit auch das Problem der so genannten Zombieunternehmen an, solcher Firmen also, die durch die Krise geschleppt werden, obwohl sie auch zuvor schon nur geringe langfristige Überlebenschancen hatten. Die nämlich könnten der Innovationsstärke der deutschen Wirtschaft schaden, fürchtet Sascha Steffen, er ist Professor für Finance an der Frankfurt School of Finance & Management. Das habe man in der Finanzkrise vor allem in den südeuropäischen Ländern beobachten können: 

"Das hatte extremst negative Auswirkungen auf Innovationspotenzial in den Industrien, wo die aktiv sind. Solange die Firmen da sind, schreckt das unter Umständen einfach gesunde Firmen ab, hier einfach aktiv zu werden, hier zu investieren, und das führt dazu, dass wir weniger Innovation, weniger Investition in Forschung und Entwicklung sehen, dann natürlich weniger Patentanmeldungen. All das führt dazu, dass insgesamt die Produktivität in diesem Sektor fällt, und das hat dann mittelfristig starke Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung insgesamt."

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Solange es nicht zu einer großen Insolvenzwelle komme, könne man auch eine größere Zahl an Pleiten bewältigen, glaubt Markus Demary vom Institut der deutschen Wirtschaft. Dazu kann man in Deutschland auf das Schutzschirm-Verfahren zurückgreifen. Wenn ein guter Sanierungsplan vorgelegt wird, dann kann ein Unternehmen damit restrukturiert und saniert werden. Zudem gibt es seit der Finanzkrise Regeln für die Abwicklung von Banken, mit denen vermieden werden soll, dass eine Bank, die in Schwierigkeiten kommt, andere mit sich reißt. Das scheine zu funktionieren, meint Demary:

Banken bräuchten mehr Eigenkapital

"Die Möglichkeiten, die jetzt für die Bankenaufsicht und die Bankenabwicklung bestehen, also Risikenfrüherkennung und entsprechend auch Eingriffsmöglichkeiten, das Abschirmen von verlustreichen Geschäften gegenüber dem Kundengeschäft, und was es da noch an Möglichkeiten gibt, hat vieles an Risiken aus diesem Bankensektor rausgenommen, was natürlich dazu führt, dass auch im Falle einer erneut aufkommenden Krise hier viel besser reagiert werden kann."

Die Banken scheinen also zunächst gut gerüstet, um tatsächlich weiter Teil der Lösung zu sein. Ob das so bleibt, daran hat Sascha Steffen von der Frankfurt School of Finance jedoch Zweifel. Zusammen mit dem Bonner Ökonom Moritz Schularick und Tobias Tröger von der Goethe-Universität Frankfurt hat er schon vor einem Jahr für europäische Banken einen Eigenkapitalbedarf von etwa einer halben Billion Euro errechnet – wenn es denn zu einer deutlichen Rezession und zu Kreditausfällen käme. Mit jedem weiteren Lockdown sei diese Gefahr gestiegen:

"Das kann man natürlich hin und her rechnen, wie man möchte, aber ich glaube das Endresultat ist dasselbe: die Banken sind nicht hinreichend stabil, um gleichzeitig neue Kredite zu vergeben und aber auch die Verluste zu absorbieren, die aus dieser Krise entstehen könnten."

In der Krise konzentriere man sich vor allem auf die naheliegenden Kreditausfälle und die Rezession, sagt Steffen. Doch die früheren Probleme wie der Umgang mit den niedrigen bzw. negativen Zinsen etwa seien damit nicht verschwunden, mahnt er, und das sieht auch Hans-Peter Burghof so: 

"Die Niedrigzinsphase verbindet sich mit der Überregulierung. Und da haben wir auch große Risiken, dass die Banken da nicht das leisten können, was sie für die Wirtschaft leisten sollten."

Overbanking: Es gibt zu viele Banken in Deutschland

Die starke Regulierung lähmt die Banken einerseits, andererseits versuchen sie, in der Niedrigzinsphase ihre Profitabilität zu steigern. Die ist vor allem in Deutschland noch viel zu niedrig, der Wettbewerb ist hart. Denn die Zahl der Banken ist immer noch zu hoch. Das kritisieren Bankenexperten seit Jahren. Jan Pieter Krahnen von der Universität Frankfurt: 

"Die Erkenntnis der letzten Jahre ist, dass das so einfach nicht passiert, dass also die Institute, die da sind, doch ein Stehvermögen haben, das oft aus ihrem Verbundcharakter resultiert, so dass die eigentliche Bereinigungsphilosophie, die hinter der Europäischen Bankenaufsicht steht, einfach nicht bisher zum Zuge gekommen ist. Also sehe ich da das große Risiko. Unsere Banken sind letztendlich zu wenig profitabel, um so dauerhaft erfolgreich im Wettbewerb bestehen zu können."

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Um doch einigermaßen über die Runden zu kommen, steigt dann die Gefahr, dass die Institute mögliche Risiken außer Acht lassen, fürchtet Bankenexperte Steffen.

Staatsanleihen im Portfolio als Risikofaktor

Auch wenn die Banken in Europa seit der Finanzkrise deutlich mehr Eigenkapital vorhalten müssen, um bestimmte Risiken abzudecken, so lässt die aktuelle Regulierung immer noch ein großes Risiko außer Acht: Staatsanleihen. Die können Banken kaufen, ohne dafür Sicherheiten hinterlegen zu müssen, erklärt Markus Demary vom Institut der deutschen Wirtschaft: 

"Wenn eine Bank einen Kredit vergibt, dann muss sie den mit Eigenkapital unterlegen, aber Staatsanleihen, da ist das nicht notwendig. Das heißt, die Bank kann Staatsanleihen entsprechend erwerben allein mit geliehenem Geld."

Eine gefährliche Entwicklung. Das weiß die Aufsicht, das weiß die Geldpolitik, das weiß auch die Politik. Die Lösung liegt nahe: Wenn Banken Staatsanleihen in ihr Portfolio nehmen, dann sollten sie dafür genauso Eigenkapital hinterlegen wie für andere Kredite. Denn sie nehmen ja Schuldpapiere der Staaten ins Depot. Doch da scheuen sich die Regulierer noch. Im Baseler Ausschuss, dem Gremium für die internationale Bankenregulierung, sei man noch nicht zu einer Einigung gekommen, sagte Bundesbankpräsident Jens Weidmann vor wenigen Wochen. Ein gefährliches Zögern:

"Man findet einfach innerhalb von Europa keinen politischen Konsens, das zu machen." Sagt Sascha Steffen von der Frankfurt School. Dafür gibt es einen guten Grund: es ist für die Regierungen einfacher sich zu verschulden, wenn die Banken, vor allem die im eigenen Land, ihnen diese Schulden finanzieren, indem sie die Staatsanleihen ins Portfolio nehmen. Das war schon so vor und in der Staatsschuldenkrise vor gut zehn Jahren, als diese Risiken vor allem in hoch verschuldeten Ländern wie Italien, Spanien und Griechenland zutage traten. Inzwischen verschulden sich die Staaten zur Krisenbewältigung abermals in großem Stil und die Banken greifen zu, sagt Steffen:

"Wenn der Bankensektor nicht hinreichend stabil ist, führt das dazu, dass Banken in Geschäfte gehen, die unter Umständen eher Wetten sind als alles andere, nicht hinreichend Kredite vergeben an den realen Sektor, und dass sich dann die Wirtschaft einfach schleppend nur weiterentwickelt. Und das führt dann unter Umständen noch zu mehr Pleiten in der nahen Zukunft."

Labiles Gleichgewicht durch Niedrigzinspolitik 

Der Anreiz, die Staatsanleihen zu erwerben, ist groß. Denn um sie kaufen zu können, verschulden sie sich bei der Europäischen Zentralbank sehr günstig oder sogar zum negativen Zins. Wie wacklig dieses Konstrukt ist, das zeigte sich jedoch im März vergangenen Jahres zu Beginn der Pandemie, als EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte, die EZB sei nicht dazu da, die Zinsen der Länder niedrig zu halten. Auch wenn sie diese Aussage kurz darauf relativierte, so war die Reaktion an den Finanzmärkten deutlich. Die Renditen der spanischen und italienischen Anleihen schossen zunächst in die Höhe, weil eben auch die Investoren wissen, dass das Risiko einer Staatspleite mit höheren Anleihezinsen steigt. Und das hätte Rückwirkungen auch auf die Banken mit prall gefüllten Staatsanleihedepots.

Der europäische Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni (l-r), der Präsident der Eurogruppe, Paschal Donohoe, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, und der Geschäftsführer des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM), Klaus Regling, nehmen an einer Pressekonferenz während des Informellen Treffens der Wirtschafts- und Finanzminister teil.  (Hannibal Hanschke/dpa)EZB-Chefin Christine Lagarde verteidigt die Niedrigzinspolitik (Hannibal Hanschke/dpa)

Es ist also ein labiles Gleichgewicht, in dem die Banken in dieser Zeit agieren. Solange die EZB die niedrigen Zinsen beibehält, solange droht von dieser Seite keine Gefahr. Die Institute klagen zwar immer noch laut über die niedrigen bzw. negativen Zinsen. Doch sollte der niedrige Zins für sie gerade ein Anreiz sein, auch den Unternehmen mehr Kredite zu vergeben, meint Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim: 

"Die Banken haben in der Summe zumindest in Deutschland nicht das Problem, dass sie zu viel Kreditnachfrage hatten, sondern sie hätten gerne mehr Kredite an gute Unternehmen vergeben. Das ist das, wofür sie eigentlich da sind, wo sie eigentlich Spaß dran haben."

Wenn sie denn dafür genügend Kapital haben. Allerdings wären sie schlechte Banken, wenn sie nicht gelernt hätten, mit dem Niedrigzinsumfeld umzugehen, meint Jan Pieter Krahnen vom Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE. Die Banken lebten zwar normalerweise von der Zinsdifferenz zwischen Einlage- und Kreditzins, aber man könne auch andere Mittel wählen.

"Das eine sind eben negative Anlagezinsen, Sparzinsen, das andere sind einfach Gebühren, die man den Sparern abnimmt als Ersatz für Zinsen, um auf die Weise einen auskömmlichen Ertrag erzielen zu können. Und das sollten die Banken können. In anderen Ländern schaffen sie das ja auch. Wir haben hier eine Situation mit Overbanking, wir haben zu viele Banken, die Konkurrenz ist sehr hart, und es werden eben an der Stelle nicht ausreichend kostendeckende Geschäfte betrieben und nicht kostendeckende Geschäft eingestellt, dann hätten wir nämlich kein Overbanking, wenn das so wäre."

Reform des Bankensektors steht noch aus

Die Lage in Deutschland ist in dieser Hinsicht also eine besondere. Zu größeren Fusionen außer im Sparkassen- oder Genossenschaftssektor ist es bisher schließlich nicht gekommen. Die Banken sollten insgesamt wohl in der Lage sein, die direkten Folgen der Coronakrise zu schultern. Das gilt aber eben nicht für alle. So haben sich einzelne Institute wie die Deutsche Bank inzwischen aus dem tiefen Tal herausgearbeitet, doch etwa die Commerzbank sucht auch Jahre nach der Finanzkrise noch nach einem zukunftsfähigen Geschäftsmodell. Eine grundlegende Erneuerung steht noch aus – innerhalb der Branche, aber auch bei der Aufsicht. Denn man handele in Deutschland und Europa so wie immer in den letzten Jahren: Man hangele sich durch, meint Sascha Steffen. 

"Solange Dinge irgendwie funktionieren, warum soll man dann Probleme, die man weiß, unterschwellig da sind, warum soll man sie dann angehen? Das ist ja was, was sich nicht unter Umständen jetzt gleich positiv auswirkt, sondern eher in der Zukunft, wenn vielleicht auch Politiker nicht mehr an der Macht sind. Aber von daher glaube ich, dass wir die verschiedensten Probleme sehen, die aufkommen werden, und dann versucht man, sie dann zu lösen."

Es fehlt der Mut zu einer nachhaltigen Bereinigung, die eine wirkliche Stabilität bringen würde. Solange die Coronakrise anhält, wird es die wohl auch nicht geben.

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