Sonntag, 03. Juli 2022

Amtsantritt vor 100 Jahren
Walther Rathenau - Weimars innerlich zerrissener Außenminister

Am 1. Februar 1922 wurde der Schriftsteller, Industrielle und liberale Politiker Walther Rathenau zum Reichsaußenminister ernannt. Obwohl angefeindet im In- und Ausland, erzielte er bald politische Erfolge - bis ihn Rechtsradikale noch 1922 ermordeten.

Von Bernd Ulrich | 01.02.2022

Walther Rathenau, damaliger deutscher Reichsaußenminister, auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1922 - er ist auf dem Weg von Berlin nach Genua
Walther Rathenau 1922 auf dem Weg von Berlin nach Genua. (imago / Topfoto / United Archives International)
„Um eins bei Rathenau im Außenministerium. Er leitete das Gespräch ein mit ausführlichen Klagen über die Arbeitslast, die er tragen müsse, und die Schwierigkeiten, denen er begegne. Nach seiner Ansicht könne keiner diese Stellung länger als sechs Monate aushalten.“
So Harry Graf Kessler in seinem Tagebuch im März 1922. Kurz zuvor, am 1. Februar, war der Industrielle, Schriftsteller und Politiker Walther Rathenau zum Reichsaußenminister ernannt worden. Er war Teil des Kabinetts, das der liberale Zentrumspolitiker Joseph Wirth anführte, jener Reichskanzler, dem selbst außenpolitische Ambitionen nachgesagt wurden. Rathenau hingegen galt als umstritten: Vom Ausland angefeindet, von der nationalen Rechten verfemt, von Teilen des Volkes gehasst. Robert Musil hat ihn in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ in der Figur des Industriellen Paul Arnheim mit sanfter Ironie charakterisiert:
„Das ist ein Phänomen wie ein Regenbogen. Er spricht von Liebe und Wirtschaft, von Chemie und Kajakfahrten, er ist ein Gelehrter, ein Gutsbesitzer und ein Börsenmann; mit einem Wort, was wir alle getrennt sind, das ist er in einer Person.“

Ein innerlich zerrissener Mann

Noch kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs, an dem er mit seiner Organisation der Kriegswirtschaft und der Rohstoffversorgung starken Anteil hatte, charakterisierte Rathenau selbst diese Zerrissenheit in einer heute befremdlich wirkenden Diktion:
„Ich bin ein Deutscher jüdischen Stammes. Mein Volk ist das deutsche Volk, meine Heimat ist das deutsche Land, mein Glaube der deutsche Glaube, der über den Bekenntnissen steht. Doch hat die Natur, in lächelndem Eigensinn und herrischer Güte, die beiden Quellen meines alten Blutes zu schäumendem Widerstreit gemischt: den Drang zum Wirklichen, den Hang zum Geistigen.“

Diplomatischer Durchbruch mit dem Vertrag von Rapallo

Schnell konnte der neue Außenminister einen ersten Erfolg verbuchen. Mit der Konferenz von Genua vom 10. April bis zum 19. Mai 1922 durfte erstmals wieder eine deutsche Delegation an einer internationalen Zusammenkunft teilnehmen. Am Rande der Konferenz kam es mit dem Vertrag von Rapallo zu einer Annäherung zwischen dem Deutschen Reich und der jungen Sowjetunion, die als zweiter, eigentlich geächteter Staat neben Deutschland teilnahm. Am 16. April schlossen sie den Vertrag von Rapallo. Er sah die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und wirtschaftlicher sowie militärischer Zusammenarbeit vor. Für beide Staaten war es die Durchbrechung der außenpolitischen Isolation. Der Historiker Lothar Gall relativierte die Rolle Rathenaus beim Abschluss des Vertrags:
„Aber Rathenau war gar nicht für Rapallo. Wirth versuchte diese Politik, und man hat zu Recht gesagt, der Wirth hat ihn benutzt, hat gesagt, wenn das gut geht, geht’s gut, wenn nicht, war's Rathenau.“

Attentat der rechtsradikalen Terrorzelle "Organisation Consul"

Rathenau ging es vielmehr um einen Ausgleich mit dem sogenannten Erbfeind Frankreich. Die Annäherung an die Sowjetunion nahm er hin, ohne sie wirklich zu befürworten. Dem Hass der Rechtsradikalen auf Walther Rathenau tat das keinen Abbruch. Am 24. Juni 1922 wurde er auf dem Weg ins Amt ermordet. Die Mörder waren Mitglieder eines deutsch-völkischen Verschwörerbundes, der "Organisation Consul". Dessen Mitglieder verübten politische Morde, um so einen Aufstand von Links zu provozieren. Den wiederum sollten dann bereitstehende rechte Truppenverbände niederschlagen. Friedrich Wilhelm Heinz, als Weltkriegsoffizier führendes Mitglied der „Organisation Consul“ und direkt an den Vorbereitungen zum Mord an Rathenau beteiligt, hat es in aller Offenheit so formuliert:
„Wir dürfen nicht zuerst losschlagen. Die Kommunisten müssen es tun! Man muß sie dazu zwingen. Man muß Scheidemann, Rathenau, Ebert und die ganzen Novembermänner hintereinander killen. Dann wollen wir doch mal sehen, ob sie nicht alle hochgehen, die rote Armee, die USPD, die KPD.“

Nur ein Auftakt rechten Terrors in der Weimarer Republik

Da mochte mancher in die Zeilen des Gedichts „Rathenau“ einstimmen, das Kurt Tucholsky fünf Tage nach dem Mord in der „Weltbühne“ veröffentlichte. Adressiert war es an eine wehrhafte Republik:
 „Steh einmal auf! Schlag mit der Faust darein!/ Schlaf nicht nach vierzehn Tagen wieder ein! / Sie kneifen Alle. Denn da ist kein Mann./ Da sind nur Heckenschützen. Pack sie fest -/ Dein Haus verbrennt, wenn du ́s jetzt glimmen läßt.“
Es half nichts. Schon kurz darauf, am 3. Juli 1922 wurde der Kritiker und Schauspieler Maximilian Harden vor seinem Haus in Berlin-Grunewald überfallen. Er überlebte schwer verletzt, blieb aber nicht das letzte Opfer rechter Verschwörer.