Freitag, 27. Januar 2023

Sport und Bildung
Warum Fußballprofis heute gut gebildet sind

Früher galt der Fußball als Arbeiterdomäne, heute ist das anders: Die Nachwuchsleistungszentren kooperieren mit Schulen - das Bildungsniveau im Fußball steigt. An der Vorsorge für das Leben nach der Karriere fehlt es aber noch.

Von Felix Lill | 15.10.2022

Flüchtlingskinder nehmen am 16.09.2015 im Sportpark Ostra in Dresden (Sachsen) am Talente-Tag für Flüchtlingskinder der SG Dynamo Dresden teil.
Fußball wird komplexer - nicht nur motorische Fähigkeiten, sondern auch kognitives Verständnis für anspruchsvolle Taktik brauchen Profi-Fußballer. (dpa/picture alliance/ Arno Burg)
Ulf Baranowsky überrascht Menschen seit Jahren regelmäßig, wenn er vom Profifußball erzählt: „Fußballer sind besser gebildet als viele glauben. Das zeigt sich insbesondere am hohen Anteil der Abiturienten", sagt der Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler, der Gewerkschaft für den deutschen Profifußball.
Ulf Baranowsky (li.), Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV beim Proficamp der Vereinigung der Vertragsfußballspieler in der Sportschule Wedau. Dabei haben vereinslose Spieler die Chance, sich im Mannschaftstraining fit zu halten und sich in Testspielen für neue Jobs zu empfehlen.
Ulf Baranowsky (li.), Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV (dpa / picture alliance / David Inderlied)
Seit rund zehn Jahren lässt die Spielergewerkschaft den Bildungsstand von männlichen Fußballprofis erheben. In der dritten und jüngsten Studie von 2021 kam heraus, dass 49,1 Prozent der befragten Spieler Abitur haben, was in etwa dem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht. Außerdem heißt es in einer Zusammenfassung:
Rückläufig ist der Anteil der Spieler mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung (14 Prozent). Allerdings stieg der Anteil der Spieler, die parallel eine Berufsausbildung absolvieren, leicht an (5,3 Prozent). […] Der Anteil der Profis mit einem abgeschlossen Hochschulstudium ist zwar leicht gesunken (4,4 Prozent). Dafür hat aber der Anteil der Studenten unter den Profis zugenommen (29,8 Prozent).

Den bildungsfernen Fußballer gibt es nicht mehr

Für die Studie sind über die Jahre jeweils zwischen 200 und 400 Profis von der ersten bis zur dritten Liga interviewt worden. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ für alle Fußballprofis.
Ulf Baranowsky von der Spielergewerkschaft spricht aber von klaren Tendenzen, die sich ablesen ließen. Besonders zeige sich: Das bis heute vertretene Klischee vom bildungsfernen Fußballer hält der Realität kaum stand. Das ist ein Ergebnis von Strukturreformen.

Nachwuchsleistungszentren an Schulen gekoppelt

Um die Jahrtausendwende führte der DFB neue Regeln ein, nach denen jeder Profiverein ein Nachwuchsleistungszentrum etablieren musste, das jeweils auch mit einer Schule kooperiert. Während bis heute nicht ganz klar ist, welche sozialen Schichten sich beim Kampf um einen Platz in den Nachwuchsleistungszentren durchsetzen, zeigt sich: Wer erstmal drin ist, profitiert von der engen Betreuung nicht nur fußballerisch, sondern oft auch bildungstechnisch.
Und eine hohe Schulbildung könnte auch hilfreich sein in einer Fußballwelt, die taktisch immer komplexer wird. Im Vergleich zur Vergangenheit sei der Fußball von heute: "Anspruchsvoller auf jeden Fall. Je nach dem, wie man das den Spielern aufbereitet, ist das auch für die jetzt nichts Neues", sagt Lukas Keppler, Managing Director des Fußballanalyseunternehmens Impect, das Fußballdaten für Profiklubs erhebt.
Zumindest denjenigen, die den Sprung in den Profifußball geschafft haben, traut Keppler zu, dass die Daten, die von seinem Unternehmen bereitgestellt werden, zumindest größtenteils ankommen:
"Wenn man das jetzt auf einzelne Kennzahlen runterbricht und das einem Spieler vermittelt, dann sitzt da keiner mit einem Brett vorm Kopf. Und dann ist das, glaub ich, aber auch wie in jeder anderen Branche: Da hat man, glaube ich, einen guten Querschnitt über die komplette Gesellschaft, da hat man einige, die das total annehmen und sagen: Ich sehe da total den Wert drin, Daten zur Messung meiner eigenen Leistung zu nutzen. Dann hat man welche, die nehmen das einfach so hin. Und dann hat man natürlich auch welche, die sich dem komplett verweigern und sagen: Was willst du jetzt hier mit Zahlen?"

Kognitive Fähigkeiten werden immer entscheidender

Daniel Memmert ist Professor am Institut für Trainingswissenschaft der Deutschen Sporthochschule Köln. Er beobachtet, wie auf dem Weg in den Profifußball auch zusehends nach analytischen Fähigkeiten ausgesiebt wird:
"Ich weiß aus dem Kontakt mit Trainern, dass auch teilweise Spieler, die nicht mehr berücksichtigt werden in der ersten Mannschaft, in der Bundesliga, weil sie dem Trainer nicht mehr folgen können bei ihren taktischen Anweisungen. Also, das heißt: Auch da ist das Niveau einfach deutlich gestiegen und die Fußballer müssen einfach über eine gewisse Aufnahmefähigkeit verfügen, um überhaupt Spielformen zu verstehen, die sie umsetzen können, oder taktische Anweisungen. Und das ist etwas, das sich auch zeigt tatsächlich, dass sich vor allem das Niveau in den Nachwuchsleistungszentren extrem vergrößert hat."
Der Leiter des Instituts für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln, Daniel Memmert.
Der Leiter des Instituts für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln, Daniel Memmert. (picture alliance / dpa - Henning Kaiser)

Nur Hälfte der Profis erwirbt berufliche Qualifikation

Das Bildungsniveau unter Profifußballern ist heute also ein anderes als noch vor der Zeit der Nachwuchsleistungszentren. Heißt das auch, dass die Fußballer von heute mit ihren Ausbildungen für die Zeit nach der aktiven Laufbahn gewappnet sind? Die Studie der Spielergewerkschaft wirft Fragen auf. Geschäftsführer Ulf Baranowsky ist sogar besorgt:
"Schon beim nächsten Foul kann die Karriere beendet sein. Und wer dann als zweit- oder drittklassiger Profi keinen Plan B in der Tasche hat, der kann schnell in eine finanzielle Drucksituation geraten. Darum gilt es also, sich schon während der Karriere in Fernstudiengängen auf die nachfußballerische Berufslaufbahn vorzubereiten. Allerdings zeigen unsere Erhebungen auch, dass rund jeder zweite Profi weder über eine berufliche Qualifikation verfügt noch dabei ist, eine solche zu erwerben."
Die Studie der Spielergewerkschaft deutet auch in Sachen finanzieller Vorsorge eine derzeitige oder künftige soziale Zweiteilung an:
"Gerade mal jeder zweite Profi gab an, über eine private Haftpflichtversicherung zu verfügen. Ebenso wenige haben das finanzielle Risiko eines gesundheitsbedingten Karriereendes mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung abgesichert. Bei der Vorsorge zeigt sich zudem, dass nur wenige Profis die staatlichen Förderprogramme ausnutzen."
Mangelnde Vorsorge ist zwar nicht nur unter Fußballern ein Problem. Aber angesichts der hohen Gehälter im Profibereich würde so eine Absicherung zumindest kaum am Geld scheitern. Vielleicht ist dies ja der nächste Schritt in der Bildungsexpansion des Fußballs: Die Übertragung analytischer Fähigkeiten von der Taktiktafel auf die Lebensplanung.
Dieser Beitrag ist der Teil der Denkfabrik des Deutschlandfunks zum Thema "Von der Hand in den Mund - Wenn Arbeit kaum zum Leben reicht". Weitere Beiträge finden Sie hier.