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StartseiteInterviewHubertus Heil (SPD): "Wir können uns keinen Corona-Jahrgang erlauben"17.03.2021

Bonus für AusbildungsbetriebeHubertus Heil (SPD): "Wir können uns keinen Corona-Jahrgang erlauben"

Auch in der Krise müsse sichergestellt werden, dass junge Menschen die Chance auf einen Ausbildungsplatz haben, sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im DLF. Der geplante Ausbildungsbonus werde unbürokratisch und schnell ausgezahlt werden und dazu beitragen, Ausbildungsplätze zu erhalten.

Hubertus Heil im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) (picture alliance/dpa/Gregor Bauernfeind)
Mit Kurzarbeit habe man bisher einigen Erfolg im Kampf um Arbeitsplätze gehabt, doch die Ausbildung bereite ihm Sorgen, sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im Interview (picture alliance/dpa/Gregor Bauernfeind)

Die Corona-Pandemie stellt die deutsche Wirtschaft vor große Schwierigkeiten, viele Unternehmen haben deshalb die Zahl ihrer Ausbildungsplätze reduziert. Die Hälfte der 18 bis 30 Jährigen meint laut einer Umfrage der Versicherungswirtschaft, dass die Pandemie ihre Chancen auf Ausbildung erheblich verschlechtert habe. Die Bundesregierung möchte mit einem Maßnahmenpaket in Höhe von 700 Millionen Euro gegensteuern. Unternehmen mit bis zu 500 Beschäftigten, die einen Schaden in der Coronakrise erlitten haben, sollen 4.000 Euro pro Ausbildungsplatz bekommen. wenn sie ihre Ausbildungsplätze erhalten, für zusätzliche Ausbildungsplätze soll es 6.000 Euro geben.

"Wir sind in der größten Wirtschaftskrise unserer Generation", sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im Deutschlandfunk. Die Maßnahme sei notwendig und werde Ausbildungsplätze erhalten. Es müsse sichergestellt werden, dass junge Menschen die Chance auf eine Ausbildung haben. "Wir können uns keinen Corona-Jahrgang erlauben", sagte Heil. Eine fehlende Berufsausbildung sei ein großer Risikofaktor für Arbeitslosigkeit, zwei Drittel der Langzeitarbeitslosen verfügten über keine abgeschlossene Berufsausbildung.

Eine Auszubildende trägt einen Nasen-Mundschutz bei der Arbeit an einer Drehbank in der Ausbildungswerkstatt der PCK-Raffinerie in Brandenburg. ( picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Christophe Gateau) ( picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Christophe Gateau)Arbeitsmarkt in der Pandemie - Bund erhöht Ausbildungsprämie
Aufgrund des pandemiebedingt eingeschränkten Arbeitsmarktes hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr Unternehmen unterstützt, die Ausbildungsplätze anbieten. Diese Förderung wird für 2021 aufgestockt.

Heil: Unbürokratische und schnelle Hilfe

Man müsse daher um jeden Arbeitsplatz kämpfen, bisher sei dieser Kampf beispielsweise mit der Kurzarbeit nicht ohne Erfolg geführt worden. Doch der Ausbildungsplatz bereite ihm sorge, sagte Heil. Viele junge Menschen bekämen derzeit keine Berufsorientierung in den Schulen und könnten auch keine Praktika machen. Wenn die Ausbildung in der Krise nicht gut laufe, drohe nach der Krise ein Fachkräftemangel. Das sei auch nicht im Interesse der deutschen Unternehmen.

Der Zuschuss werde unbürokratisch organisiert werden, versprach Heil. Die Bundesagentur für Arbeit werde die Anträge zügig bearbeiten. Die Behörde habe auch die Kurzarbeit schnell abgewickelt. Ab 1. Juni würde der Ausbildungsbonus gelten, sagte Heil. Unternehmen sollten sich aber schon vorher informieren und Anträge stellen.

Das vollständige Interview im Wortlaut:

Tobias Armbrüster: Herr Heil, die Bundesregierung steht ja gerade massiv in der Kritik wegen ihrer Entscheidung, den Impfstoff von Astrazeneca aus dem Impfprogramm erst mal rauszunehmen. Kann man in dieser Lage überhaupt noch ganz normal Wirtschaftspolitik machen und so ein Programm wie dieses Ausbildungs-Förderungsprogramm heute beschließen?

Hubertus Heil: Impfen ist tatsächlich die einzige Chance, dass wir durch diese Krise durchkommen, durch die Gesundheitskrise und damit auch durch die Wirtschaftskrise. Deshalb kann ich mir vorstellen, dass diese Entscheidung am Montag viele Menschen verunsichert hat. Umso mehr hoffe ich, dass wir morgen Klarheit bekommen von der europäischen Behörde und dass wir auch mit diesem Impfstoff hoffentlich, mit Astrazeneca, aber auch mit anderen Impfstoffen vor allen Dingen schneller werden beim Impfen, um die Krise zu überwinden. Das muss unser Ziel sein. Deshalb muss unser Blick da auch nach vorne gehen. Deutschland muss da besser werden, weil das Ganze wichtig ist zum Schutz der Gesundheit und auch der wirtschaftlichen Entwicklung und der Arbeitsplätze in Deutschland.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Armbrüster: Das ist jetzt nicht ganz Ihr Ressort, aber wünschen Sie sich, dass Astrazeneca wieder zum Zuge kommt?

Heil: Ich hoffe, dass das der Empfehlung entspricht, die die europäische Behörde morgen gibt. Ich muss aber zugeben, dass mir dazu Details nicht vorliegen. Die Behörde soll morgen entscheiden und ich hoffe, dass es dann gelingt, auch diesen Impfstoff einzusetzen, neben den anderen, damit wir Deutschland durch die Krise sicher bringen können.

"Wir kämpfen nicht ohne Erfolg um jeden Arbeitsplatz"

Armbrüster: Herr Heil, dann lassen Sie uns sprechen über das Thema, das Sie heute vor allem beschäftigen wird: die geplante zusätzliche Ausbildungsunterstützung für Firmen, die auch in dieser Pandemie Ausbildungsplätze, Lehrstellen anbieten. Da wollen Sie massiv Geld reinstecken, Unternehmen fördern. Da fragen sich sicher viele Menschen: Wird die Auszahlung dieser Unternehmenshilfen jetzt auch wieder Monate dauern?

Heil: Nein! Wir haben ja Gott sei Dank die Bundesagentur für Arbeit, die das abwickelt. Aber worum geht es? – Wir sind in der größten Wirtschaftskrise unserer Generation und wir kämpfen nicht ohne Erfolg um jeden Arbeitsplatz – mit der Kurzarbeit, die übrigens schnell funktioniert im Gegensatz zu mancher Wirtschaftshilfe, weil das die Bundesagentur mit den Unternehmen sehr, sehr gut abwickelt.

Aber wir müssen uns Sorgen am Ausbildungsmarkt machen. Wir haben im letzten Jahr eine Krise mit vereinten Kräften vermieden, aber die Bewährung kommt in diesem Jahr, weil viele junge Menschen im Moment keine Berufsorientierung an den Schulen erleben, wie das sonst der Fall ist, weil es keine Praktika gibt und weil viele Betriebe sich überlegen, jetzt auszubilden oder nicht, angesichts der wirtschaftlichen Lage. Das muss das Jahr der Ausbildung werden und deshalb geben wir richtig Gas und werden auch die Ausbildungsprämien verdoppeln beispielsweise.

Eine Auszubildende zur Frisörin mit Nase-Mund-Schutz übt das Haareschneiden an einem Übungskopf mit Perücke (imago/Sven Simon) (imago/Sven Simon)DGB-Bildungsexperte 
Der Einbruch des Ausbildungsmarkts in der Corona-Pandemie sei fatal, weil dadurch bald mehr Fachkräfte fehlen könnten, warnte der DGB-Bildungsexperte Matthias Anbuhl im Dlf. Das Förderprogramm der Bundesregierung setze zwar an der richtigen Stelle an, sei aber viel zu bürokratisch.

Armbrüster: Aber eigentlich – wir hören das ja immer wieder – geht es vielen Unternehmen in Deutschland gerade blendend, wenn wir jetzt mal von Restaurants und Hotels absehen. Da ist die Frage: Brauchen solche Firmen wirklich eine Förderung für ihre Ausbildungsprogramme?

Heil: Nein. Wir wollen vor allen Dingen mittelständische und kleine Unternehmen fördern bis zu 500 Beschäftigten. Voraussetzung ist schon, dass auch ein wirtschaftlicher Schaden in der Krise da war, dass mal Kurzarbeit gemacht werden musste innerhalb des letzten Jahres, oder dass es Umsatzrückgänge gibt. Aber wir wollen diese kleinen  und mittelständischen Unternehmen jetzt ermutigen auszubilden, weil was wir uns nicht leisten können ist, dass nicht ausgebildet wird in der Krise und wir nach der Krise in Deutschland wieder Fachkräftemangel beklagen. Das geht nicht und deshalb brauchen wir diesen Schutzschirm für Ausbildung – auch deshalb, weil wir uns keinen Corona-Jahrgang erlauben können, weil junge Menschen eine Chance haben müssen, und übrigens, weil ich als Arbeitsminister weiß, dass die meisten Langzeitarbeitslosen, zwei Drittel in Deutschland, über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. Deshalb müssen wir jetzt auch mithelfen, dass kleine und mittelständische Unternehmen ausbilden.

Wir werden heute Nachmittag übrigens Wirtschaft, Gewerkschaften, Bund, Länder an den Tisch bringen, damit das in der Fläche auch ankommt. Es geht ja nicht nur um diesen Schutzschirm für Ausbildung, sondern es geht darum, dass wir in jeder Region in Deutschland jetzt Bündnisse für Ausbildung schließen müssen.

"Das ist gut investiertes Geld"

Armbrüster: Aber trotzdem geht es ja auch um eine Menge Geld, das da verteilt wird. Wie wollen Sie da sicherstellen, dass sich dort jetzt nicht auch wieder Firmen bedienen oder Anträge stellen – Firmen, die es eigentlich gar nicht nötig haben?

Heil: Indem wir ein sehr abgestuftes Instrumenten-Setting haben. Es geht zum einen um die Ausbildungsprämie für die, die ihre Ausbildungsquoten halten. Das ist eine Voraussetzung. Dann gibt es pro Ausbildungsplatz 4000 Euro, für zusätzliche 6000. Es gibt auch einen Zuschuss für Ausbilder, damit die nicht in Kurzarbeit gehen, weil ohne Ausbilder keine Ausbildung. Es gibt auch Übernahmeprämien in den Fällen, in denen Unternehmen insolvent gehen. Damit junge Menschen ihre Ausbildung nicht abbrechen müssen, kriegen Unternehmen, die sie übernehmen, eine Übernahmeprämie. Das ist gut investiertes Geld. Ich sage es noch mal: Wir können es uns nicht leisten, den Jungen die Zukunft in dieser Zeit zu versperren, und die Wirtschaft braucht Fachkräfte. Deshalb ist es richtig, dass wir diesen staatlichen Impuls auch geben, und der wird unbürokratisch administriert werden.

Armbrüster: Aber können ein paar tausend Euro Zuschuss eine Firma, die sich in einer wirklich schweren Krise befindet, wirklich zum Umdenken bewegen und dazu bringen, Lehrlinge einzustellen, zusätzliche Lehrlinge?

Heil: Ja, das kann ein Anstoß sein, zumal wir auch für ganz kleine Unternehmen zusätzliche Möglichkeiten haben. Ich rate jedem Unternehmen, das sich jetzt überlegt, ob man in der Krise ausbildet oder nicht, sich mit der örtlichen Bundesagentur für Arbeit in Verbindung zu setzen, schnell zu klären, ob man diese Unterstützung bekommen kann. Aber es ist ja letztlich auch im Interesse der Unternehmen. Es geht jetzt um eine Brücke, die wir bauen, mit diesen Hilfen, mit diesen finanziellen Unterstützungsmaßnahmen, aber am Ende des Tages ist es natürlich im Interesse der Wirtschaft, der Unternehmen selbst, gut ausgebildete Fachkräfte zu haben.

Ich sage noch mal: Die Azubis von heute, das sind die Fachkräfte von morgen. Diese Krise wird überwunden werden und dann dürfen wir nicht die Potenziale dieses Landes verschenken, indem wir einen gespaltenen Arbeitsmarkt zulassen – auf der einen Seite junge Leute, die nicht in Ausbildung und Arbeit gekommen sind und in Langzeitarbeitslosigkeit sind, und auf der anderen Seite Fachkräftemangel, der auch die wirtschaftliche Entwicklung bremst. Das kann sich Deutschland nicht erlauben und deshalb müssen alle ran, Betriebe und Staat gemeinsam, und diesen Schulterschluss, den machen wir heute.

Klassenzimmer einer Schule mit einer Tafel und hochgestellten Stühlen  (IMAGO / Political-Moments) (IMAGO / Political-Moments)Berliner Landesschülersprecherin: "Eine enorme Unsicherheit, was unsere Zukunft angeht"
Durch die Corona-Pandemie und das digitale Lernen habe vielen Schülerinnen und Schülern im vergangenen Jahr der Austausch unter Gleichaltrigen sehr gefehlt, sagte die Berliner Landesschülersprecherin Ha Thy Nguyen im Dlf. Dadurch seien vermehrt psychische Probleme entstanden. Auch Zukunftsängste seien verbreitet.

Armbrüster: Herr Heil, was sagen Sie einem Unternehmen, das, sagen wir mal, morgen diesen Antrag stellt? Ab wann ist diese Förderung auf dem Konto eingegangen?

Heil: Die Verordnung wird heute im Kabinett beschlossen. Es gibt einen Schutzschirm aus dem letzten Jahr, der gilt. Das heißt, es gibt jetzt schon Unterstützungsmöglichkeiten. Die neuen Instrumente gelten ab 1. Juni in Vorbereitung des neuen Ausbildungsjahres. Deshalb kann ich jedem raten - ab nächster Woche wird die Verordnung in Kraft treten -, sich zu informieren auf der Homepage des Bundesarbeitsministeriums beziehungsweise der Bundesagentur für Arbeit. Da gibt es Informationen für die Unternehmen, wie man dran kommt. Dann wickelt das die Bundesagentur für Arbeit vor Ort mit den Unternehmen ab, wie das bei der Kurzarbeit auch läuft.

Armbrüster: Herr Heil, können Sie uns eine Zeitspanne nennen? Wie viele Wochen wird das Ihrer Ansicht nach dauern, bis das Geld da ist?

Heil: Ich neige ja dazu, dass ich mit großen Versprechungen vorsichtig bin und die Dinge in meinem Amtsbereich dann aber besser dafür klappen. Deshalb haben wir gesagt, ab 1. Juni läuft das und die Anträge können vorher schon gestellt werden. Dann läuft das auch relativ rasch. Die Azubis sollen ja dann zum neuen Ausbildungsjahr, das heißt im Herbst in den Unternehmen sein. Deshalb läuft das an und auch ganz gut. Das sind auch die Erfahrungen des bisherigen Schutzschirms.

Armbrüster: Nur noch mal ganz zum Schluss, um das klarzustellen. Sie können da tatsächlich keinen genauen Zeitrahmen nennen?

Heil: Doch, das läuft schnell. Ab 1. Juni gilt das. Man kann es beantragen und dann läuft das so schnell wie möglich binnen weniger Wochen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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