Mittwoch, 20.03.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteInformationen am MorgenDörfer im rheinischen Revier vor ungewisser Zukunft 08.03.2019

Braunkohletagebau GarzweilerDörfer im rheinischen Revier vor ungewisser Zukunft

Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich – all diese Orte sollen eigentlich dem Braunkohletagebau im Rheinland weichen. Die Umsiedlung war beschlossene Sache, aber nach den Protesten um den Hambacher Forst wurden die Karten neu gemischt. Nun sind Anwohner hin- und hergerissen.

Von Moritz Küpper

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Jahrelang stand dieses Schild am Ortseingang von Keyenberg, bald wird es den Kohlebaggern weichen, so wie die Kirche und Häuser im Hintergrund (picture-alliance / dpa / Caroline Seidel)
Jahrelang stand dieses Schild am Ortseingang von Keyenberg. Aber mittlerweile wollen gar nicht alle Anwohner bleiben. (picture-alliance / dpa / Caroline Seidel)
Mehr zum Thema

Diskussion um Braunkohle-Ausstieg Bleibt der Hambacher Forst?

Gestaltung des Kohleausstiegs Der Teufel steckt noch im Detail

Kohleausstieg Zukunft des Hambacher Waldes weiter unklar

Bernd Piepers Haus liegt in einer Straße am Dorfrand von Keyenberg. Manche Häuser hier stehen schon leer, nach ein paar Schritten über die asphaltierte Einfahrt, öffnet sich bereits die Haustür:

"Schön guten Tag."

"Haben Sie mich schon gesehen?"

"Ja, habe ich. Pieper, Hallo."

Pieper, 55 Jahre alt, in Keyenberg geboren, Installateur, Frau, zwei erwachsene Kinder, hat sein Haus vor über 20 Jahren gebaut. In ein paar Monaten wird er es verlassen, wie geplant umsiedeln, wegen des Braunkohletagebaus – doch nun ärgert er sich. Ärgert sich darüber, dass in der Öffentlichkeit vor allem die Kohlegegner zu Wort kommen – und will daher reden:

"Bis vor einiger Zeit hätten sie mit mir alles machen können, ich wäre bis sonst wo mitgegangen, bis nach Berlin oder sonst was und hätte gesagt: Das Dorf bleibt stehen. Nur jetzt ist es zu spät."

Hoffnungslose Heimat

Pieper ist bei den Schützen und im Karnevalsverein aktiv, Keyenberg ist seine Heimat. Aber das, was er an seiner Heimat so liebt, verschwindet immer mehr. Ende 2016 bekam der Ort offiziell den Umsiedlerstatus, er soll weggebaggert werden. Genauso wie die anderen Dörfer Kuckum, Unterwestrich, Oberwestrich und Berverath. Doch, durch die Proteste rund um den Hambacher Forst, nach den Empfehlungen der Kohlekommission, gibt es nun Hoffnung. Nicht aber bei Bernd Pieper:

"Also, ich hoffe, dass die Umsiedlung nicht gestoppt wird und das alles so bleibt, wie es bis jetzt ist. Alles so durchgezogen wird. Müssen die Politiker jetzt mal sagen und nicht erst Ende des Jahres, wie es doch teilweise schon in der Presse stand, weil ich finde es eine Frechheit, die Leute so lange in Ungewissheit zu lassen."

Neue gegen alte Dörfer

Piepers Sorge: Wenn das alte Dorf jetzt stehen bleibt, dann geht es zu Lasten des Neuen, wird die Dorfgemeinschaft zerrissen: Wo findet der Karnevals-Umzug statt? Wo das Schützenfest? Dann gibt es keine neue Sporthalle, wird das Neu- vor Keyenberg, das eigentlich mit Abschluss der Umsiedlung aus dem Dorfnamen des Neubaus getilgt werden soll, wohl stehenbleiben.

"Tja, keine Ahnung, wie das dann funktionieren soll. Für ewig Neu oder so."

Galgenhumor. Doch: Dass jemand anderes in sein Haus zieht, ist für ihn unvorstellbar:

"Ja, ich habe mal so blöderweise gesagt: Dann sprenge ich es lieber in die Luft. Ja, ist blöd gesagt, aber ich habe hier jeden Stein im Hause selber angefasst, ich hänge hier schon dran."

Alles steht leer

Das eigene, selbstgebaute, geliebte Haus sprengen, obwohl es nun vielleicht eine Möglichkeiten geben würde, es zu retten?

"Es ist zwar irgendwo widersinnig, irgendwo haben wir uns früher darüber aufgeregt, aber das ist ja wirklich eine gesundheitliche Frage, weil ich war – bevor hier irgendwas in trockene Tücher war, ich war, ich sag jetzt mal, völlig von der Rolle."

Es ist eine groteske Situation, rund um den Tagebau Garzweiler II. Wer in diesen Tagen durch die Dörfer fährt, sieht alte Höfe, dicke Bäume, kleine Seen, Vögel zwitschern, doch das alles soll weg. Weggbaggert werden. Viele Häuser sind schon leer. Der Metzger, der Bäcker, Blumen-Hanni, alle haben verkürzte Öffnungszeiten.

Menschen auf der Straße wollen nicht ins Mikrofon sprechen. Hinter vorgehaltener Hand erzählen sie dann doch: Von dem Tempo, das RWE jetzt macht. Von der Angst, dass jetzt in den leeren Häusern wieder Feuer ausbricht, wie im einstigen Umsiedler-Ort Borschemich. Vor nunmehr sieben Jahren fuhren sich zwei Feuerwehrleute tot, weil sie dort Menschenleben retten wollten. Doch das Haus stand leer. Tragische Geschichten, die so gar nicht in diese vermeintliche Idylle aus alten Höfen passt – und um die jetzt wieder gekämpft wird.

Alle Dörfer bleiben?

Protest vor dem Landtag in Düsseldorf. Gut 30 Aktivistinnen und Aktivisten haben sich aufgestellt, tragen Schilder mit den Ortsnamen der Dörfer.

"Alle Dörfer bleiben, alle Dörfer bleiben, alle Dörfer bleiben."

Vor gut zwei Wochen gab NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, CDU, hier eine Regierungserklärung zur Situation im Rheinischen Revier ab:

"In den Dörfern, über die gesprochen wird, wird bereits seit Jahren umgesiedelt. Es gibt in den Dörfern, ich war ja da. Aber: Wenn Sie mit denen sprechen, merken sie, die Dörfer haben keine einheitliche Haltung. Eine Mehrheit, knapp 60 Prozent, hat sich in manchen Dörfern schon entschlossen, umzusiedeln. Und andere Familien hingegen, hoffen weiter, dass sie am angestammten Ort bleiben können."

Die Umsiedlung läuft

Eine Baustelle, auf der Neubauten und Kräne stehen. Der Himmel ist blau. (Deutschlandradio / Moritz Küpper)Neubau der Dörfer im Rheinischen Revier (Deutschlandradio / Moritz Küpper)

Das Neubaugebiet, in dem die Dörfer wieder aufgebaut werden sollen. Flache Fläche, Baukräne, Baustellenlärm. Hans-Josef Dederichs steht vor seiner Baustelle – und zeigt umher. Während jetzt noch bis zu zwei Kilometer zwischen den einzelnen Ortschaften liegen, werden es künftig nur ein paar Straßen sein:

"Wenn man das jetzt mal so: Hier ist Kuckum, auf der anderen Straßenseite ist Unterwestrich. Und dahinter kommt dann Keyenberg und da vorne ist Berverath."

Dederichs, 54 Jahre, Polizeibeamter, grüner Ratsherr in Erkelenz, ist einer der ersten am neuen Ort. Er hat ein Holzhaus gebaut, durch das er jetzt geht.

"… bisschen Wert darauf gelegt, dass es tatsächlich aus Holz ist. Es ist natürlich Ständebauwerk, aber durchgehend Holz, ohne Lösungsmittel."

720 Quadratmeter hat er nun, vorher war es doppelt so viel. Auch Dederichs ist hin- und hergerissen.

"Es gibt eine große Zustimmung zur Umsiedlung. Das hat aber auch damit zu tun, dass eben die Umsiedlung schon begonnen hat. Wenn Sie mit ihrer Familie in den Urlaub fahren und an der ersten Raststätte fragen: Wie ist es? Fahren wir weiter oder machen wir Schluss? Dann werden auch die meisten sagen, wir fahren weiter."

Hans-Josef Dederichs vor seinem neuem Holzhaus (Deutschlandradio / Moritz Küpper)Hans-Josef Dederichs vor seinem neuem Holzhaus (Deutschlandradio / Moritz Küpper)

Keine Ruhe im Revier

Auch er will, dass der neue Ort zum Leben erweckt wird – und ist trotzdem für einen schnellen Ausstieg aus dem Tagebau. Bitterkeit, dass dann sein Haus stehenbleiben könnte, hat er nicht:

"Ich habe auch schon Autos verkauft und musste damit leben, dass einer… Ich mein: Das Grundstück, auf dem ich jetzt lebe, ist seit weit über 100 Jahren in Familienbesitz. Natürlich ist das nicht so einfach und ich kann jetzt hier auch locker darüber reden, ich habe aber auch manchmal ein bisschen Wasser in den Augen stehen, wenn ich denn daran denk, was passiert. Aber ich habe mich ja nun einmal entschieden. Mir ist es aber lieber, mein Haus bleibt stehen und es wohnen ein paar andere Leute drin, die sich da noch ein vernünftiges Leben machen können, als wenn das ein usseliges Loch wird, wo nix außer Dreck, Staub und Ärger draus entsteht."

Bernd Pieper in Keyenberg sieht das anders. Ende Mai wird es das letzte Schützenfest am alten Ort geben. Ausgerechnet seine Tochter wird dann Schützenkönigin sein. Vorher jedoch, wird es wieder Proteste geben: Am 23. März soll ein Sternmarsch der Initiative "Alle Dörfer bleiben" stattfinden. Pieper schüttelt mit dem Kopf:

"Und einige tausend sprechen wieder, in Anführungsstrichen, in unserem Namen. Das geht nicht. Das ist eigentlich für uns absolut untragbar und ich gehe mal stark davon aus, dass wir uns das am 23. Auch nicht gefallen lassen werden. Jetzt haben wir gesagt: Jetzt ist Feierabend, jetzt müssen wir uns auch mal wehren."

Nach Ruhe und Frieden klingt das nicht, im Rheinischen Revier.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk