Freitag, 02. Dezember 2022

Todestag der Chanson-Sängerin vor 25 Jahren
Barbara - mit Musik in die dunklen Zonen des Innenlebens

In Paris war sie zur Welt gekommen, die jüdische Familie stammte mütterlicherseits aus Odessa. Mutig verwirklichte Barbara ihren Traum, Pianistin, Sängerin und Chanson-Schreiberin zu werden. An einem schwarzen Flügel verzauberte sie ihr Publikum.

Von Karl Lippegaus | 24.11.2022

Die französische Chanson-Sängerin und Komponistin Barbara, aufgenommen im September 1965
Die französische Chanson-Sängerin und Komponistin Barbara, aufgenommen im September 1965 (picture-alliance / dpa / London Express)
Das Einzige, was ihr niemand nehmen konnte, waren ihre Erinnerungen. Unbeirrt von wechselnden Moden verwandelte Monique Serf alias Barbara ihr Leben in Chansons. Sie war die erste Frau, die sich ihre eigenen Lieder schrieb und diese Domäne männlicher Chanson-Autoren Anfang der 1960er-Jahre durchbrach. Für ihre Texte benutzte sie eine einfache, direkte Sprache. Barbara schrieb fast dreihundert Chansons, aber nur ein knappes Dutzend machten sie berühmt. Die sang sie immer wieder, um sie „von den wechselnden Zeiten imprägnieren zu lassen“, wie sie es nannte.
Monique Andrée Serf wurde am 9. Juni 1930 in Paris geboren. Schon als Kind träumte sie davon, in Music-halls aufzutreten. Aber es wurde ein langer, zäher Aufstieg: Zehn Jahre lang tingelte sie durch kleine Cabarets, anfangs in Brüssel, dann in Paris. „Nur meine Chansons sprechen von mir. Sie sprechen für mich.“
In Paris hatte sie etwas Gesangsunterricht bekommen, aber nie Klavierstunden, sie spielte alles „nach Gehör“. Doch gerade deshalb klang Barbara so anders als Brel oder Brassens. Sie fand ungewöhnliche Akkordverbindungen, ohne die Regeln zu kennen und hörte viel Jazz. Lange war sie die einzige Frau, die sich am Klavier begleitete und sang. Ihrer Stimme galt immer ihre größte Sorge.
Für sie war „die Stimme die Musik der Seele“. Ihr Publikum erkannte sich auf Anhieb wieder in ihren Reflexionen über verlorene Illusionen. Im Alltag jedoch war sie keineswegs so traurig wie in dem Chanson „Nantes“ oder in „Dis quand reviendras-tu?“, sondern im Gegenteil sehr lebhaft, witzig, lebensbejahend. Mit dem Album „Barbara chante Barbara“ gewann sie 1964 den Großen Schallplattenpreis.

Sie brauchte viele Jahre, um ein Trauma zu bewältigen

Sie war noch keine elf Jahre alt, als sie von ihrem Vater, vor dem sie große Angst hatte, sexuell misshandelt wurde. „Eines Abends, in Tarbes, versinkt meine Welt im Horror. Ich bin zehneinhalb Jahre alt.“ Sie brauchte viele Jahre, um dieses Trauma zu bewältigen, sich von der Untat „reinzuwaschen“, wie sie es nannte. „Die Bühne ist der einzige Ort auf Erden, wo ich nie gelitten habe, ja nicht mal daran denken musste.“
Sie gab kaum Interviews. Nie sprach sie über ihre jüdische Herkunft, ihre Kindheit und Jugend oder ihre Eltern. Kein einziges Mal hatte sie als Kind mit der Mutter einen Spaziergang gemacht, daran erinnerte sie sich. „Von klein an dachte ich, jüdisch zu sein bedeute nicht, einer Religion, einem Volk anzugehören, sondern abgewiesen zu werden. Um der Verfolgung zu entkommen, musste man schweigen, sich verstecken, sich retten. Daher mein Sinn für das Geheimnis, den Untergrund, das Zerbrechliche.“
Als Gunther Klein, der Direktor des Jungen Theaters in Göttingen, sie in Paris live erlebte, lud er sie nach Deutschland ein, und sie sang in Göttingen. Im kleinen Garten neben dem Theater schrieb sie das berühmte Chanson „Göttingen“, aus einem „tiefen Verlangen nach Versöhnung, aber nicht um zu vergessen,“ wie sie sagte. Sogar eine Platte mit den deutschen Texten besang sie danach.
Mit ihrer Musik drang sie in die dunklen Zonen des Innenlebens ihrer Zuhörer vor. Nichts, keine Geste war geprobt, kalkuliert oder wirkte affektiert. Auf der Bühne blätterte sie wie in ihrem intimen Tagebuch. „All meine Energie sollte in die Chansons und nur in sie fließen.“ Am 24. November 1997 starb in Paris die Frau, die sich Barbara genannt hatte.