10. Todestag des LiedermachersLudwig Hirsch - ein paradigmatischer Wiener

Mit geschmeidig-melodiös verpacktem Sarkasmus und politischen Chansons füllte Ludwig Hirsch in den 1970ern Hallen in Österreich und Deutschland. Unheilbar erkrankt, nahm sich der Liedermacher vor zehn Jahren das Leben.

Von Günter Kaindlstorfer | 24.11.2021

Ludwig Hirsch wurde 1946 als Sohn einer Arztfamilie in der Oststeiermark geboren.
Ludwig Hirsch wurde 1946 als Sohn einer Arztfamilie in der Oststeiermark geboren. (picture alliance / Keystone)
 „I lieg am Rucken und stier mit zugmachte Augn
in die Finsternis
es is so eng und so feucht um mi herum
I denk an di …“
1978 brachte der Wiener Schauspieler Ludwig Hirsch eine LP mit morbid-makaberen und zugleich rotzfrechen Songs heraus – die „Dunkelgrauen Lieder“ – die ihn schlagartig auch als Chansonnier und Liedermacher bekannt gemacht haben.

Ein politischer Liedermacher

„Ich bin bei meinen Texten, bei meinen Geschichten ein Erfinder. Also, ich erfinde diese Situationen. Es hat mich immer interessiert, in fremde Figuren reinzuschlüpfen“, bekannte der Bühnenkünstler, damals noch Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt, in einem Interview. Aber er selbst, so Ludwig Hirsch, sei alles andere als „dunkelgrau“: „Das ist jetzt ein gewagter Vergleich, aber wenn zum Beispiel der Hitchcock seine Krimis dreht und da die Leichen und die Mörder aufmarschieren, ist ja der Hitchcock auch kein Mörder. Ich bin auch nicht dunkelgrau, nicht. Das ist erfunden.“
Ludwig Hirsch, 1946 als Sohn einer Arztfamilie in der Oststeiermark geboren und in Wien aufgewachsen, hat sich – bei aller kunstvoll zelebrierten Morbidezza – stets auch als politischer Liedermacher verstanden. Den krakeelenden Alltagsfaschismus, der ihm an Österreichs Wirtshaustischen häufig begegnete, diesen Faschismus mochte der Künstler so gar nicht: „Was mir so auffällt und was mich so ein bissi schreckt: Diese Stammtisch-Ärmelhochkrempler werden in letzter Zeit besonders laut und dürfen sehr viel unwidersprochen sagen. Das schockt mich manchmal ein bissel, gell. Da muss man hellhörig bleiben und aufpassen.“
„Und trotzdem, ich fordere sie auf, gnädige Frau,
und auch Sie mein Herr:
Ein bisserl den Hintern bewegen.
Ja, ich weiß, er wiegt zwar ziemlich schwer.
Aber wollen wir nicht auch einmal ein bissel was riskieren?
Weil: Alles geht. Es müssen nur mehr probieren.“

Sarkastische Texte kombiniert mit einschmeichelnden Streicherklängen

Seine sarkastischen Texte, kombiniert oft mit einschmeichelnden Streicherklängen, waren ein stilistisches Markenzeichen Ludwig Hirschs. In den 70er- und 80er-Jahren füllte der Liedermacher mit seinen Konzertauftritten mühelos Hallen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit der Unausweichlichkeit des Todes hat sich der Chansonnier nicht nur musikalisch immer wieder auseinandergesetzt.
„Na ja, ich denk mir schon: Was ist dann nachher, nicht? Geht’s weiter? Ich glaub schon. Ich glaube, wenn es so etwas wie ein Fegefeuer gibt, ich glaub, da sind wir jetzt drin. (…) Ich glaub, nachher geht’s uns allen ein bissel besser als jetzt. Ich glaub, wenn man dann auf der anderen Seite ist – oder hinter dem Horizont, wie man es immer auch nennt – ich glaube, das wird so eine Art Nachhause-kommen, ein Wieder-zuhause-sein, ich glaube, es wird ein Geliebte-Wesen-in-die-Arme schließen. Ich glaube, so wird es sein.“
Im Jahr 2011 erkrankte Ludwig Hirsch an Lungenkrebs. Unheilbar: eine schockierende Diagnose für den damals 65-Jährigen. Am Morgen des 24. November öffnete der Liedermacher – nach einem letzten kurzen Telefonat mit seiner Frau – das Fenster seines Sonderklassezimmers im Wiener Wilhelminenspital und sprang von dort in den Tod. Auf den Schwingen des „großen schwarzen Vogels“, den er 30 Jahre zuvor so sehnsuchtsvoll und vielleicht prophetisch herbeigesungen hatte, trat Ludwig Hirsch seine letzte Reise an.
„Jetzt war‘s grad günstig
Die ander‘n do im Zimmer schlafen fest
Wann mer ganz leise san
Hört uns die Schwester net
Bitte, hol mi weg von do“
In einem Ehrengrab der Stadt Wien hat Ludwig Hirsch – ein, man kann sagen, paradigmatischer Wiener - seine letzte Ruhestätte gefunden.