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Charles J. Shields: "Der Mann, der den perfekten Roman schrieb"Knurriges Genie

Falsches Jahrzehnt, falsche Rezensenten, falsche Gewohnheiten: Im Leben des US-Schriftstellers John Williams lief vieles nicht rund. Charles J. Shields hat nun eine erste, spannende Biographie über den erst posthum entdeckten "Stoner"-Autor geschrieben, dessen Romane heute als Meisterwerke gelten.

Von Wolfgang Schneider

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Buchcover: Charles J. Shields: „Der Mann, der den perfekten Roman schrieb. ‚Stoner‘ und das Leben des John Williams“ (Buchcover: dtv)
John Williams war der "Mann, der den perfekten Roman schrieb", wurde aber erst nach seinem Tod berühmt (Buchcover: dtv)

Bevor John Williams Geschichten erfand, erfand er sich selbst. Das hatte der Nachfahre texanischer Kleinbauern auch nötig, um seiner armseligen Kindheit in den Zeiten der Großen Depression zu entkommen. Charles J. Shields macht in seiner Biographie einige Schlüsselerfahrungen geltend, die bei Williams früh die Begabung zum Erfinden von Identitäten und Geschichten weckten. Dazu gehört der Tag, als der Neunjährige erfuhr, dass George Williams, mit dem er sich nicht gut verstand, gar nicht sein wirklicher Vater war. Sein wahrer Erzeuger sei ein glückloser Glücksritter namens J. E. Jewell gewesen, der überfallen und ermordet worden sei – so erzählte es ihm die Mutter.

Ein schockierendes Mutter-Geständnis 

Für Kinder hat die Enthüllung einer solchen verborgenen Identität oft Initiationscharakter. Shields verweist auf Harry Potter, dem eines Tages in seinem Dursley-Elend offenbart wird, dass er ein Zauberer sei. Ganz so grundstürzend war die Offenbarung für den neunjährigen John Williams vermutlich nicht; aber sie brachte ihm eine erste Ahnung vom fiktiven Charakter des Lebens:

"Die Lektion bestand darin, dass etwas durchaus wahr sein konnte, wenn alle glaubten, dass es wahr sei. Hatten seine Lehrer nicht jeden Morgen zur Anwesenheitskontrolle ‚John Williams?‘ gerufen, und hatte er nicht geantwortet ‚Hier!‘? Jedes Kind hätte daraus den Schluss gezogen – besonders eines, das so intelligent war wie er –, dass die Wahrheit wandelbar war. Lügen, faustdicke Lügen, Fiktionen, Flunkereien, erfundene Geschichten können Bedeutung schaffen."

John Williams war kleinwüchsig und hatte eine Neigung zum Stottern. Aber als Jugendlicher hatte er bereits das Selbstbewusstsein und die Phantasie, sich eine Identität zu erfinden, die ihm Respekt verschaffte. Er trug Kleidung von lässiger Eleganz, absolvierte ein Sprechtrainung, belegte Schauspielkurse und lernte, wie man eine einschmeichelnde Baritonstimme auch aus schmächtigem Brustkorb erklingen lassen kann. Vor allem suchte er die Schulbibliothek heim und las so viel, dass die Lokalzeitung einen Artikel über den Bücherwurm verfasste. Nebenbei schrieb er Sketche, die er selbst aufführte. Noch keine zwanzig, folgte er dem Lockruf des Radios: als Sprecher und Reporter.

Ein Bücherwurm mit vielen Talenten

1942 meldete sich Williams dann freiwillig zur US Air Force und kam als Funker eines Transportflugzeugs auf dem asiatischen Kriegsschauplatz zum Einsatz. Vom ostindischen Bengalen aus unternahm er mit seiner Crew abenteuerliche Versorgungsflüge über den Himalaya nach China, um die nationalchinesischen Truppen unter Chiang Kai-shek im Kampf gegen die Japaner zu unterstützen. Dass er einen Absturz nur haarscharf überlebte, wie man in manchen biographischen Abrissen lesen kann – auch das, stellt Shields klar, war eine effektvoll erfundene Geschichte.

Nach dem Krieg schlug Williams sich zunächst mit verschiedenen Jobs durch und schrieb seinen ersten Roman "Nichts als die Nacht", von dessen pathetischem Stil er sich später distanzierte. Dann begann er, mit einem Stipendium für ehemalige Army-Angehörige an der Universität von Denver zu studieren. Nach seiner Promotion wurde er dort Assistenzprofessor für englische Literatur. Außerdem gehörte er zu den Pionieren der Creative-Writing-Kurse in den Vereinigten Staaten. Die Auffassung, dass sich eigenes Schreiben und Literaturwissenschaft nicht vertragen, fand er unsinnig. Allerdings nahm der Lehrbetrieb viel Zeit in Anspruch, so dass sich das Verfassen eigener Werke in die Länge zog. 1960 aber war es so weit: Williams hatte seinen zweiten Roman "Butcher’s Crossing" vollendet. 

In seinem berühmtesten Roman "Stoner" verlässt ein Farmersohn seine bedrückende Herkunftswelt, studiert Literaturwissenschaft und wird Professor an einem kleinen College. Will Andrews, der Held von "Butcher’s Crossing", macht genau das Umgekehrte. Einer angesehenen Bostoner Familie entstammend, hat er sein Studium in Harvard abgebrochen, weil er das wahre und wilde Leben kennenlernen will, draußen in der freien Natur des Westens, mit den romantischen Ideen von Ralph Waldo Emerson im Kopf. "Butcher’s Crossing" ist ein düsterer Abgesang auf die Mythen des "Wilden Westens"; es ist die Schilderung einer obsessiven Jagd auf die letzte große Büffelherde und eine grandiose Parabel des Scheiterns. Zu Williams Entsetzen wurde der Roman von der maßgeblichen New York Times jedoch als Western besprochen. Höhnisch formulierte der ignorante Kritiker:

Sein zweiter Roman wurde als Western missverstanden

"Das Werk wimmelt von plastischen Beschreibungen, bis hin zu den zahlreichen Farben der Grashalme. Die Geschichte allerdings enthält wenig Aufregendes und bewegt sich mit der Geschwindigkeit einer Schnecke durch einen Teich voll Sirup. Man kann sie jederzeit beiseite legen, was viele Leute tun werden."

Nach fünf Jahren literarischer Arbeit blieb nicht nur der Erfolg aus; Williams musste als Verfasser eines vermeintlich missglückten "Westerns" nun auch um seinen Ruf als Wissenschaftler fürchten. Unterdessen arbeitete er bereits an dem Roman, der erst in diesem Jahrtausend zur internationalen literarischen Sensation werden und seinen Nachruhm sichern sollte. Allerdings wurde dem so lange verkannten Schriftsteller nach dem Debakel mit "Butcher’s Crossing" auch "Stoner" vom Verlag nicht gerade aus den Händen gerissen. Für den Biographen Shields ist "Stoner" ein Roman, der mit seinem schlichten, prägnanten Stil, seinem melancholischen Grundton und seiner Lebensphilosophie eines leidgeprüften Stoizismus völlig quer lag zu dem Jahrzehnt, in dem er erschien: den Sechzigern mit ihrem technischen Optimismus, ihrer Grundstimmung der Emanzipation und des Aufbruchs, ihrem Verlangen nach Hedonismus und Ausschweifung, Buntheit und Pop, und nicht zuletzt auch einer neuen Lust an literarischen Formexperimenten zwischen Moderne und Postmoderne. Wohl nie war klassisches Erzählen à la "Stoner" weniger angesagt.

Auch sein Meisterwerk "Stoner" fiel 1965 durch

Kaum erstaunlich also, dass auch dieser "perfekte" Roman 1965 wenig Beachtung fand. Ein vorübergehender Erfolg kam für Williams erst sieben Jahre später, wenn auch in geschmälerter Form. Für sein viertes Prosawerk "Augustus", einen komplexen Briefroman über die römische Antike, erhielt er seinen einzigen bedeutenden Literaturpreis, den National Book Award. Aber die Jury war gespalten in Traditionalisten (die für Williams plädierten) und Modernisten, und so wurde der Preis geteilt; die andere Hälfte ging an den Schriftsteller John Barth. Williams litt aber vor allem darunter, dass die Mitwelt angesichts des langersehnten Erfolges keineswegs in Ausnahmezustand geriet:

"Dem Umstand zum Trotz, dass Williams der erste und einzige Bewohner Colorados war, der je den National Book Award bekommen hatte, schickte die Denver Post, die größte Zeitung im Staat, keinen Reporter zu ihm, um ihn zu interviewen. Ebenso wenig gab es im Fachbereich Englisch eine ‚ökumenische Zusammenkunft, um John zu feiern‘, wie ein Kollege meinte. Stattdessen gab es eine Menge Kopfschütteln hinter verschlossenen Türen. ‚O mein Gott, als wenn es nicht schon vorher schwierig mit ihm gewesen wäre!‘ Einiges davon war Neid, aber Johns Kollegen wussten, dass seine Auszeichnung zur Folge haben würde, dass er seine knurrigen Erklärungen zur Literatur jetzt mit noch mehr Autorität verkünden würde."

Die Uni-Kollegen fanden ihn "schwierig"

Das klingt so, als wäre Williams ein Sonderling und Einzelgänger gewesen. Shields macht aber deutlich, dass er, mehr als sein Held Stoner, ein Mann war, der durchaus die Geselligkeit liebte und auf Partys ausgiebige Reden schwang, den Drink in der einen Hand, die Zigarette in der anderen. Viermal war er verheiratet, in seine letzte Ehe mit Nancy Gardner brachten die beiden Partner sieben Kinder mit. Die Ehe währte 35 Jahre, bis zu Williams Tod 1994. Lange vorher war er – als Kettenraucher und Alkoholiker – bereits gesundheitlich angeschlagen.

"Der John Williams, der in den frühen 1980er Jahren in den Hörsaal kam, zog einen kleinen silbernen Sauerstofftank auf Rädern hinter sich her. Er benutzte die damit verbundene durchsichtige Maske, die er in der einen Hand hielt, während er abwechselnd durch sie inhalierte und dann einen Zug aus einer brennenden Zigarette nahm."    

Zu den Qualitäten dieser Biographie gehört es, dass sie sorgfältig recherchiert, aber vor allem auch gut erzählt ist. Und dass sie ebenso kompetent über das Leben des Autors wie über seine Werke informiert. Die literaturwissenschaftliche Position von John Williams im Umfeld des formbewussten New Criticism wird deutlich skizziert, seine unglückliche Stellung im amerikanischen Literaturbetrieb herausgestellt. So entsteht im Kontext der Epoche das Porträt eines Mannes, der faszinierend, aber nicht immer angenehm wirkt. Und dem bei aller Fehlbarkeit mit "Stoner" und "Butcher’s Crossing" zwei schlackenlose Meisterwerke der amerikanischen Literatur gelungen sind.

Charles J. Shields: "Der Mann, der den perfekten Roman schrieb. "Stoner" und das Leben des John Williams". Biographie
Aus dem amerikanischen Englisch von Jochen Stremmel
dtv, München. 384 Seiten, 26 Euro

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