
US-Präsident Donald Trump sagt, er habe die iranischen Seehäfen im Persischen Golf blockiert. Kein iranisches Schiff könne mehr den Iran verlassen oder anlaufen. Das betrifft wohl vor allem Tanker, die Öl nach China bringen sollen. Damit ist China nun stärker vom Irankrieg betroffen als zuvor.
Denn bisher galt das Land als relativ resistent gegenüber der Energiekrise und den Folgen des Irankriegs. Das Bruttoinlandsprodukt in China legte im ersten Quartal sogar um fünf Prozent zu - mehr, als Analysten prognostiziert haben. Und manche Beobachter sehen in Peking den „lachenden Dritten“ und Profiteur des Konflikts. „Im Grunde genommen muss man leider feststellen, dass in China wahrscheinlich täglich die Sektkorken knallen, weil sie sehen, wie ihr größter Konkurrent in der weltwirtschaftlichen Ebene sich selbst zerlegt“, sagt beispielsweise der Ökonom Markus Taube.
Was bedeutet der Irankrieg für China und seine Rolle als Welt- und Wirtschaftsmacht? Und wie könnte das Land sich in Zukunft in dem Konflikt positionieren?
Inhalt
- China hat gute Karten in der Energiekrise
- Alle verlieren – Chinas Probleme als Exportnation
- Ein schwacher US-Dollar: Vor- oder Nachteil für China?
- Geostrategische Interessen: Taiwan und die Straße von Hormus
- Chinas schützt Shanghai-Gruppe und BRICS-Staaten nicht
- Wie wahrscheinlich ist ein militärisches Eingreifen Chinas?
China hat gute Karten in der Energiekrise
China hat – als Unterstützer Teherans – lange noch Erdöl aus dem Iran bekommen. Trotz Sanktionen sei der Rohstoff über verdeckte Kanäle aus Iran an China geliefert worden, sagt Doris Fischer, Professorin für China Business and Economics an der Universität Würzburg. Und das in nicht unerheblichem Maße: Vor Kriegsbeginn seien etwa 90 Prozent der Öl-Exporte aus Iran nach China gegangen.
Und auch nachdem der Iran die Straße von Hormus blockiert hat, steuerten die Öltanker noch China an. „China hat sich diesen Weg offensichtlich – soweit es geht – auch noch freigekauft, sprich: Garantien bekommen, dass seine Schiffe nicht angegriffen werden.“ Das Erdöl aus Iran hätte Peking sicher auch zu einem guten Preis erhalten, mutmaßt die China-Expertin. Schließlich gab es aufgrund der Sanktionen kaum andere Abnehmer – und der Iran war auf die Einnahmen durch den Erdölverkauf angewiesen.
Insgesamt pflegen China und Iran enge Beziehungen – diplomatische und seit 2021 auch noch eine „umfassende strategische Partnerschaft für Angelegenheiten von Wirtschaftssicherheit und technologischer Kooperation“.
Die Energiekrise macht China bisher also weniger zu schaffen als anderen Ländern, obwohl es einer der größten Ölimporteure der Welt ist. Dass die USA nun ihrerseits die Straße blockieren und Schiffe daran hindern, iranische Häfen anzusteuern, wird für das Land auch nicht sofort zum Problem: Denn China soll über umfangreiche Ölreserven verfügen.
Generell ist China besser gegen die Energiekrise gewappnet als andere Länder. Schon vor vielen Jahren hat das Land seine Abhängigkeit von Ölimporten reduziert, den Ausbau der erneuerbaren Energie vorangetrieben und die Energieversorgung der Wirtschaft teilweise auf Strom umgestellt. Zudem baut China noch im großen Stil Kohle ab, hat seinen Energiemarkt also diversifiziert.
China hat sich außerdem zu einer globalen Supermacht im Bereich der erneuerbaren Energien und der Elektromobilität entwickelt – und profitiert nun im Zuge der Energiekrise von der großen Nachfrage nach Solarpanels und Elektroautos.
Rolf Langhammer, Handelsexperte beim Kiel Institut für Weltwirtschaft, sieht darin allerdings nur einen kurzfristigen Effekt. Denn schwächelt aufgrund des Irankriegs die Weltwirtschaft, könne global weniger Geld investiert werden. Und das gelte für Solaranlagen und Elektroautos ebenso wie für andere Güter.
Alle verlieren – Chinas Probleme als Exportnation
Fest steht: Die hohen Energiekosten und die Inflationsspirale treffen früher oder später auch China. Denn schwächelt die Wirtschaft seiner Handelspartner, bedeutet das für das Land Verluste. Die Binnennachfrage in China ist gering, das Land ist vor allem von Exporten abhängig. „China geht da nicht unbeschadet raus. Wir werden alle leiden. Aber die Energienot ist eventuell unmittelbar geringer als für manche andere Länder“, sagt Fischer.
„Alle verlieren, das ist völlig klar“, sagt auch Langhammer. „Wenn die Nachbarn jetzt mit ihrem Wirtschaftswachstum runtergehen und nicht mehr die Waren kaufen, die China gerne dort absetzen möchte, dann wird es auch für China problematisch.“
Ein schwacher US-Dollar: Vor- oder Nachteil für China?
Diskutiert wird außerdem, ob die Krise zu einer Stärkung der chinesischen Währung führen könnte. Und zwar, weil der Iran angeblich die Gebühren für die Durchfahrten durch die Straße von Hormus in chinesischer Währung akzeptiert – und dies den US-Dollar als Handlungswährung schwächen könnte. Chinas Währung könnte an die Stelle treten.
Der Wirtschaftsexperte Rolf Langhammer glaubt nicht, dass China Interesse hat, den Dollar als Handlungswährung abzulösen. Deswegen sieht er eine Schwächung des US-Dollars nicht als Vor-, sondern als Nachteil für Peking. Schließlich sei China ein großer Gläubiger der USA. Und: „Wenn der Dollar wieder schwächer wird, dann verlieren auch die chinesischen Anleger an Wert.“
Geostrategische Interessen: Taiwan und die Straße von Hormus
Auch mit Blick auf geostrategische Interessen stellt sich die Lage Chinas gemischt da. Manche Experten verweisen darauf, dass der Irankrieg die USA militärisch schwäche. Der chinesische Präsident Xi Jinping könnte seine Pläne, die Inselrepublik Taiwan zu erobern, daher einfacher umsetzen.
Deswegen gelte: „Umso länger die USA in diesem Morast stecken bleiben und das Problem nicht gelöst ist, umso besser ist es für China.“ So sieht es zumindest der auf China spezialisierte Ökonom Markus Taube. Im Gegensatz zu anderen Experten bezweifelt er deswegen auch, dass China ein großes Interesse an der Öffnung der Straße von Hormus habe. Eine entsprechende UN-Resolution lehnte Peking jedenfalls ab.
Gleichzeitig führt der Irankrieg zu einer Destabilisierung des Nahen Ostens – und das ist keineswegs im Interesse Pekings. Denn China hat in der dortigen Region viel in sein Seidenstraßen-Projekt investiert.
Chinas schützt Shanghai-Gruppe und BRICS-Staaten nicht
Insgesamt könnte das unberechenbare Agieren von US-Präsident Donald Trump dazu führen, dass China als verlässlichere Alternative zu den USA wahrgenommen wird.
Gleichzeitig zeigt sich anhand von Venezuela und Iran, dass strategische Partnerschaften mit China keinen Schutz vor den USA bieten. „Diese Länder mussten ja nun feststellen, dass China nichts gegenhalten konnte gegen das, was die USA gemacht haben, und auch nicht militärisch Beistand leistet“, sagt Fischer.
Auch sonst springt China in der Krise nicht im großen Stil anderen Staaten bei, sondern bunkert im Wesentlichen Öl für sich selbst. Damit macht sich das Land nicht allzu viele Freunde. China habe in der sogenannten Shanghai-Gruppe und auch in der BRICS-Gruppe an Renommee verloren, sagt Langhammer. „Weil sie jetzt in der Krise keinen Beistand für die von der Krise gebeutelten Länder leisten. Das hätte man vielleicht von einer Führungsmacht erwarten können. Und diese Führungsrolle hat China bisher nicht übernommen.“
Wie wahrscheinlich ist ein militärisches Eingreifen Chinas?
Dass sich China in den Irankrieg militärisch einschaltet, halten viele Experten für unwahrscheinlich. „Die Chinesen sind da vorsichtig, zumal sie in der Golfregion ja auch nicht nur mit dem Iran zusammenarbeiten, sondern auch gute Partnerschaften versuchen zu pflegen mit Saudi-Arabien, mit den Vereinigten Arabischen Emiraten“, sagt Fischer.
„Die Staatsführung in Peking will im Nahen Osten Berechenbarkeit, keinen Flächenbrand, keine länger blockierte Straße von Hormus, keine Inflationswelle, die auf die eigene Konjunktur zurückschlägt“, fasst die China-Expertin Antje Bonhage die Interessen Chinas zusammen.
Ähnlich sieht es China-Experte Mikko Huotari. Für Peking sei es wichtig, die Situation zu stabilisieren und für stabile Lieferketten zu sorgen. Gleichzeitig wolle China aber auch das Teheraner Regime stützen. Schließlich gibt es zwischen den Ländern über Jahre aufgebaute Beziehungen, „Kooperationsabkommen, militärische Zusammenarbeit, technologische Zusammenarbeit und dann vor allem natürlich der Energiesektor. Und da hat China kein Interesse an der Disruption.“
Wie weit Peking gehen wird, um das Regime in Iran zu stützen, ist unklar: „Da wird ja heftig spekuliert im Moment, ob tatsächlich neue Raketenlieferungen oder auch ähnliche Rüstungsgüter jetzt stattfinden“, sagt Huotari. „Das ist im Moment nicht belegt. Ich zweifle auch, dass Peking hier wirklich jetzt einen großen Aufschlag macht, um den Iran gegen die USA aufzurüsten.“
Doch schon jetzt unterstütze China den Iran beispielsweise durch sein Satelliten-Navigationssystem BeiDou, der chinesischen Alternative zu GPS oder Galileo. Zudem kann die chinesische Führung aus dem Irankrieg auch wichtige Rückschlüsse auf militärische Taktiken der USA ziehen.
Unter dem Strich gilt: Der Irankrieg ist auch für Peking belastend, da sind sich etliche China-Experten einig. Nur ist China vielleicht ein wenig resilienter gegenüber dem Konflikt als andere Staaten – und profitiert stärker von der Schwächung der USA.
Onlinetext: Leila Knüppel





























