
Offiziell propagiert die Volksrepublik ihre kulturelle Vielfalt. Die Realität sieht anders aus. Unter dem chinesischen Staatspräsidenten und Chef der Kommunistischen Partei Xi Jinping erhöht China seinen Druck auf ethnische Minderheiten: Im März beschloss der Volkskongress ein Gesetz zur Förderung einer gemeinsamen nationalen Identität. Es zielt darauf ab, die ethnischen Minderheiten des Landes stärker an die von Han-Chinesen dominierte Mehrheitsgesellschaft zu binden.
Kritiker sehen darin einen weiteren Schritt, die kulturelle Eigenständigkeit von Gruppen wie Uiguren oder Tibetern zu untergraben.
Enorme Vielfalt: Die ethnischen Minderheiten in China
Die mit Abstand größte Bevölkerungsgruppe in China sind die Han-Chinesen. Sie machen etwa 91 Prozent aus. Deswegen wirkt die chinesische Gesellschaft erst einmal ethnisch sehr homogen. Dabei ist das Land unglaublich vielfältig. 55 ethnische Minderheiten gibt es. Sie machen zwar nur neun Prozent der Bevölkerung aus, aber die von ihnen bewohnten „autonomen“ Regionen umfassen nahezu zwei Drittel der Gesamtfläche des Landes.
Die aktuelle Linie Pekings gegenüber Minderheiten
Laut Verfassung ist die Volksrepublik China ein Vielvölkerstaat. Doch verlieren Minderheiten und ihre Kulturen seit Jahren immer weiter an Eigenständigkeit. Ihr autonomer Raum wird immer enger. Das kürzlich verabschiedete „Gesetz zur Förderung ethnischer Einheit und des Fortschritts“ wertet explizit Hochchinesisch als Sprache auf - in Schulen, in Verwaltung und öffentlichem Leben: ein weiterer Schritt in Richtung Assimilation, während Peking zugleich den Schutz von Minderheiten betont.
Das neue Gesetz möchte außerdem das Bewusstsein der einen chinesischen Nationengemeinschaft festigen. Dafür sind millionenschwere Fördersätze für Landkreise, Gemeinden und Dörfer vorgesehen.
Zwar wird nach wie vor gerne in Museen und Touristenparks die ethnische Vielfalt mit Fotos, Kostümen und Kunsthandwerk ausgestellt. Doch diese Vielfalt wird dabei nicht als eigenständiger kultureller Raum definiert, sondern als Teil einer einzigen chinesischen Nation.
Die Kulturen der Minderheiten verschwinden also nicht einfach. Sie werden ausgestellt und vermarktet: in Vorzeige-Klöstern, in Parks. Vielfalt wird zur Kulisse und zum Geschäftsmodell, von dem viele Menschen vor Ort immerhin profitieren. Übrig zu bleiben droht am Ende jedoch nur Folklore. In einer staatlich verordneten Erzählung nationaler Einheit.
Historischer Blick auf Chinas Minderheitenpolitik
Dass Han als Begriff für eine ethnische Gruppe verwendet wird, ist eigentlich ein sehr junges Phänomen. Die Verwendung schälte sich erst im späten 19., frühen 20. Jahrhundert heraus, während des Wechsels von der Kaiserzeit - die 1911 mit der Xinhai-Revolution zu Ende ging - zur Republik China.
Der Begriff wurde vor allem zur Abgrenzung zu den damals herrschenden Mandschuren genutzt, die die letzte Kaiserdynastie stellten. Der han-chinesische Nationalismus sei also „als eine Art anti-manschurische Befreiungsideologie“entstanden, sagt der Sinologe Björn Alpermann. Nach dem Ende der Kaiserzeit 1911 herrschten über Strecken dieser sehr turbulenten Phase die Nationalisten. „Die haben die Han-Chinesen im Prinzip ins Zentrum gestellt und haben ihre Ideologie entsprechend ausgerichtet und eigentlich damals schon eine Art Assimilation der anderen Ethnien an die Han-Chinesen zumindest als Fernziel propagiert.“
Auch unter Mao wurden ethnische Minderheiten gezielt verfolgt und diskriminiert: Während der Kulturrevolution wurden die Schriften und das Brauchtum vieler Minderheiten verboten. In den Schulen durfte nur noch Mandarin gesprochen werden.
Anfang der 1980er reagierte die chinesische Führung auf die Unzufriedenheit in den Gebieten der Minderheiten und verabschiedeten „Autonomiegesetze“. Sie gestanden den ethnischen Minderheiten zumindest formell einige Freiheiten zu. „Trotz dieser rechtlichen Aufwertung der ethnischen Minderheiten existiert keine echte Autonomie”, bilanzierte Politikprofessor Thomas Heberer 2005 in den „Informationen zur politischen Bildung“ der Bundeszentrale für politische Bildung.
Weswegen Peking eine repressive Minderheitenpolitik verfolgt
Die kommunistische Führung möchte mit ihrer repressiven Minderheitenpolitik Aufständen und einer Abspaltung von Minderheiten entgegenwirken. Nach den Unruhen 2008 in Lhasa und anderen Teilen Tibets und 2009 in der Hauptstadt der autonomen Region Xinjiang durch die Uiguren habe „man eben verstärkt zu dieser Assimilationsstrategie gegriffen“, sagt der Sinologe Björn Alpermann. „Seither ist es wirklich sehr deutlich, dass die Kommunistische Partei eine Homogenisierung anstrebt.“
Diese gewaltsame Homogenisierung richte sich keineswegs nur gegen die ethnischen Minderheiten, so Alpermann. Auch die Han-Chinesen seien davon betroffen. „Auch da werden regionale Unterschiede kleiner gemacht, werden Dialekte verdrängt und werden regionale Identitäten unterdrückt, zum Wohle eben einer übergreifenden Identifizierung mit der chinesischen Nation.“
Geburtenkontrolle und Umerziehungslager: Das Vorgehen der Regierung
China unterdrückt systematisch ethnische und religiöse Minderheiten, insbesondere die Uiguren und andere muslimische Gruppen in Xinjiang. Hunderttausende wurden in Umerziehungslagern inhaftiert, gefoltert und einer Zwangsassimilation unterzogen. Die Maßnahmen umfassen massive Überwachung, Zerstörung religiöser Stätten und Geburtenkontrolle.
In Regionen wie Xinjiang oder in Tibet werden außerdem bewusst viele Chinesen angesiedelt. Ein weiterer wichtiger Hebel: das Bildungssystem in dem Hochchinesisch, das sogenannte Mandarin, als Sprache dominiert. Minderheitensprachen werden zunehmend an den Rand gedrängt.
Etwa 300 Sprachen und Dialekte gibt es in China. Doch viele junge Menschen lernen sie nicht mehr. Denn nur wer Mandarin spricht, hat gute berufliche Aufstiegschancen.
Ein Blick in die an Ethnien reiche Provinz Yunnan zeigt aber auch positive Entwicklungen: Viele Menschen berichten von besseren Lebensbedingungen, mehr Einkommen und mehr sozialem Aufstieg – auch aufgrund von Infrastrukturprojekten der Regierung. Gleichzeitig beschreiben sie sprachliche Verluste, Veränderungen im kulturellen Alltag und eine auch dadurch wiederum wachsende Tendenz zur Angleichung. Kurz gefasst: einen schleichenden kulturellen Verlust. Kommerzialisierung und wirtschaftlicher Druck haben einen wesentlichen Anteil daran.
Onlinetext: Leila Knüppel













