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StartseiteEuropa heuteEuropaweite Discovery-Studie kommt nicht voran03.06.2020

Corona erforschenEuropaweite Discovery-Studie kommt nicht voran

Sie sollte ein europäischer Medikamententest werden. Unter der Federführung Frankreichs wollten Wissenschaftler das geballte hohe europäische Forschungsniveau sowie die Expertise großer europäischer Hospitäler dokumentieren. Das war der Plan im März 2020. Inzwischen sieht die Realität ernüchternd aus.

Von Birgit Kaspar

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Coronavirus-Testauswertung in einem Labor in Geesthacht in Schleswig-Holstein. Eine Person mit blauen Schutzhandschuhen befüllt Teströhrchen. (dpa/Daniel Bockwoldt)
Die DisCoVery-Studie sollte das Vorzeige-Projekt europäischer Forschung werden (dpa/Daniel Bockwoldt)
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Die DisCoVery-Studie hätte ein Vorzeigeprojekt europäischer Forschung werden sollen. Erste Ergebnisse des klinischen Medikamententests hatte der französische Präsident Emmanuel Macron für Mitte Mai angekündigt. Doch darauf wartet eine ungeduldige Öffentlichkeit bis heute. An der Untersuchung unter der Federführung des renommierten Instituts für Gesundheit und medizinische Forschung INSERM nahmen bis Mitte Mai rund 750 französische Patienten teil. 3200 sollten es insgesamt europaweit werden. Luxemburg beteiligte sich mit genau einem Probanden. 60 werden angestrebt. Die übrigen europäischen Staaten, die zunächst Interesse signalisiert hatten, sind noch nicht dabei.

Hamburg, Universitätsklinikum Eppendorf (UKE): Zwei Ampullen des Medikamentes Remdesivir stehen während einer Pressekonferenz auf einem Tisch. (dpa/Ulrich Perrey) (dpa/Ulrich Perrey)Kampf gegen Coronavirus: Medikamente zur Behandlung von COVID-19
Einen Impfstoff oder ein neues Medikament zu entwickeln, ist langwierig. Im Kampf gegen die Corona-Pandemie muss es schneller gehen. Die Hoffnung richtet sich daher auf bekannte Medikamente, die zur COVID-19-Therapie umfunktioniert werden könnten.

Professorin Florence Ader, bei INSERM verantwortlich für DisCoVery, die für ein Interview nicht zur Verfügung stand, erklärte in einem Videopressestatement:

"Während der Zeit, die wir gebraucht haben, die Studie in Frankreich auf den Weg zu bringen, haben mehrere Länder beschlossen, sich Programmen wie Solidarity von der Weltgesundheitsorganisation anzuschließen. Also einem vereinfachten Protokoll, das weniger Ansprüche an die medizinische Begleitung der Patienten stellt, aber die gleichen Moleküle prüft."

Beteiligung an WHO-Studie

Zu diesen Ländern gehören Italien, Spanien, Belgien und auch Deutschland, das seine Beteiligung an der WHO-Studie Anfang April bekannt gab. Belgien hat sich inzwischen von Solidarity zurückgezogen. Nach Angaben von Ader ist INSERM nun noch mit Kollegen in Österreich, Portugal und Deutschland im Gespräch. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung bestätigte auf Anfrage, dass Deutschland sich an der DisCoVery-Studie beteiligen werde.

Hervé Chneiweiss, Präsident des ethischen Komitees von INSERM, beklagte im Fernsehsender TV5 Monde das Zögern der Europäer:

"Dies ist eine beachtenswerte Studie, die uns klare Antworten zu den unterschiedlichen Bereichen hätte geben sollen. Aber wir schaffen es nicht, die unterschiedlichen nationalen Regelungen zu harmonisieren, denn wir sind konfrontiert mit bürokratischen Hindernissen, mit Unwillen und mit dem Rückzug der Staaten auf sich selbst.

Das Gilead-Logo wird auf einem Smartphone neben einem Bildschirm mit einer Coronavirus-Grafik (AFP / Olivier Douliery) (AFP / Olivier Douliery)Solidarity-Studie der WHO: Vier Medikamente gegen COVID-19
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat ebenfalls eine Studie begonnen, in der gleich vier Behandlungsansätzen unter die Lupe genommen werden, die Solidarity-Studie.

Am Ende heißt es, DisCoVery funktioniert nicht, aber Solidarity läuft nicht viel besser." Professorin Ader versuchte aber optimistisch zu bleiben. Man brauche eben mehr Zeit: "Der Vorteil ist, wenn wir diese europäische Vernetzung jetzt auf die Beine stellen und eine Harmonisierung erreichen, die funktioniert, dann haben wir eine enorme gemeinsame Schlagkraft für künftige Projekte."

Zu wenige Versuchspersonen

Das sei im Interesse der Wissenschaft und der Patienten. Inzwischen liegt einer der vier Studienbereiche auf Eis: Hydroxichloroquine wird nicht mehr getestet. Das bedeutet auch, dass insgesamt weniger Patienten notwendig sind. Denn 600 Probanden wurden als Minimum für jeden Bereich bezeichnet, damit die Studie wissenschaftlich haltbare Ergebnisse liefere. Dennoch bleibt der Mangel an Versuchspersonen das größte Problem. Gesundheitsminister Olivier Véran zeigte im Nachrichtensender BFM-TV seine Enttäuschung:

"Wir haben unser Soll an Patienten fast eingebracht. Die anderen Länder haben leider nicht mitgezogen und das bedeutet, die erhoffte Zahl der Patienten wurde nicht erreicht. Aber das ist nicht der Fehler Frankreichs." Inzwischen sinken die Zahlen der Covid-19-Erkrankten, die in Krankenhäuser eingeliefert werden – eine erfreuliche Tendenz, die es aber noch schwieriger gestaltet, die notwendige Zahl an Probanden zu erreichen. Einige französische Mediziner haben der Studie inzwischen den Spitznamen Fiascovery gegeben. Ein Europa der medizinischen Recherche liegt offensichtlich noch in weiter Ferne.

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