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StartseiteInterview"Wir sind die ersten Ansprechpartner für unsere Patienten"09.03.2021

Corona-Impfungen in Hausarztpraxen"Wir sind die ersten Ansprechpartner für unsere Patienten"

Es sei richtig, die Arztpraxen in die Corona-Impfstrategie mit einzubeziehen, sagte Anke Richter-Scheer vom Bundeshausärzteverband im Dlf. Hausärzte seien die Ansprechpartner für Patienten und könnten die Impfungen gut steuern. Bei den kostenlosen Schnelltest müssten auch die Apotheken einbezogen werden.

Anke Richter-Scheer im Gespräch mit Sandra Schulz

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Ein Corona-Impfstoff wird mit einer Spritze aufgezogen. (imago / Georg Ulrich Dostmann)
Ab April soll auch in hausärztlichen Praxen gegen das Coronavirus geimpft werden. (imago / Georg Ulrich Dostmann)
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Anfang März hat die Bund-Länder-Runde die Ankündigung gemacht: Einen Schnelltest pro Woche und pro Person soll es geben. Was die Umsetzung betrifft, da verwies Gesundheitsminister Jens Spahn auf die Länder. Diese müssten die Tests bestellen und auch die Infrastruktur schaffen. Die Länder dagegen sehen den Bund in der Verantwortung, der jetzt auch ein neues Angebot gemacht hat. Trotzdem fehlen die Tests vielfach noch, viele Fragen sind noch offen. Gestern war offizieller Start der Schnelltest-Aktion. 

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Anke Richter-Scheer, Vorsitzende des Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe, Vorstandsmitglied beim Bundeshausärzteverband und gleichzeitig auch noch die Leiterin des Impfzentrums im Kreis Minden-Lübbecke sagte, es sei einr ruhiger Tag gewesen. Sie begrüßt im Deutschlandfunk, dass die Arztpraxen bei der Schnelltastaktion miteinbezogen werden. Sie regte aber auch an, Apotheker für die Durchführung von Schnelltests zu qualifizieren. Hausärzte und der öffentliche Gesundheitsdienst könnten das alleine nicht bewerkstelligen. Ab April soll zudem auch in hausärztlichen Praxen gegen das Coronavirus geimpft werden. Auch das begrüßte sie, denn die Hausärzte seien die ersten Ansprechpartner für die Patienten.

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Das Interview im Wortlaut

Sandra Schulz: Wie war das bei Ihnen? Rennen die Menschen Ihnen die Praxis ein?

Anke Richter-Scheer: Aktuell noch nicht. Wir haben gestern einen sehr ruhigen Tag gehabt. Ich habe auch von Kollegen nichts anderes gehört. Es läuft ja jetzt auch erst an. Von daher gesehen: Jetzt im Moment nein, die Patienten rennen noch nicht die Praxis ein. Wir sind ja im Vorfeld auch schon so vorgegangen, dass wir immer wieder Kontaktpersonen getestet haben. Viele Praxen sind das Testen auf Corona natürlich gewöhnt.

Angebot von Terminsprechstunden für die Testung

Schulz: Wie wollen Sie das denn machen, wenn die Menschen kommen? Das dauert dann eine Viertelstunde. Es gibt auch Wartezeit. Lässt sich das in Ihrer Praxis organisieren?

Richter-Scheer: Das lässt sich organisieren. Auch Hausarztpraxen sind heutzutage bereits so, dass sie nach Termin arbeiten, und ich weiß von vielen Kollegen, so auch ich, dass wir eine Terminsprechstunde ausschließlich für die Testung machen. Da eignet sich zum Beispiel die Mittagspause, wo wir normalerweise Hausbesuche machen, dass man in der Zeit zwei oder drei Stunden zum Testen anbietet. Dann hat man auch die entsprechenden Räumlichkeiten. Und wie gesagt: Der Patient darf ja nicht oder sollte nach Möglichkeit nicht ohne Termin kommen, ich möchte einen Schnelltest haben, sondern auch hier anrufen oder über eine Online-Terminvereinbarung, wie die einzelne Praxis aufgestellt ist, einen Termin vereinbaren und dann in die Praxis regulär kommen. Dann sollte das zu organisieren sein. Natürlich wird es eine Menge werden, ganz klar, aber wir Hausärzte testen ja nicht alleine. In erster Linie sind ja die zuständigen Stellen des öffentlichen Gesundheitsdienstes und die von den betriebenen Testzentren beauftragt worden. Wir haben jetzt im Kreis Minden-Lübbecke ein sehr großes Testzentrum durch diese Stelle. Das heißt, es wird sich hoffentlich auch ein wenig entzerren.

Schulz: Sie sagen, in der Zeit, in der man sonst Hausbesuche gemacht hätte. Wann machen Sie die jetzt?

Richter-Scheer: Das ist eine Organisationssache. Man kann auch abends noch Hausbesuche machen. Da ist das Testen möglicherweise erschwert beziehungsweise man möchte irgendwann auch die Mitarbeiter nachhause schicken. Die Testungen können die Mitarbeiter durchführen, so dass ich schon hier und da auch einen Hausbesuch machen kann. Ich selber muss den Test ja nicht durchführen. Das ist eine Tätigkeit, die ich an meine Mitarbeiter delegieren kann.

Schulz: Und dass Sie keine Mittagspause machen, ist eingepreist, ist normal?

Richter-Scheer: Ich will nicht sagen normal. In letzter Zeit ist es weniger vorgekommen. Meine Mitarbeiter haben natürlich ihre Auszeiten. Die können sich auch aufteilen. Ich habe ja nicht nur einen; ich habe ja mehrere Mitarbeiter, und so sieht es in den meisten Praxen aus.

Genug Schnelltests vorhanden - noch

Schulz: Haben Sie denn genug Schnelltests?

Richter-Scheer: Im Moment noch. Da warte ich ab. Ich will nicht spekulieren. Im Moment habe ich noch genug Schnelltests. Auch da habe ich jetzt in meiner Umgebung noch nicht gehört, dass es ein Problem gab. Das muss man abwarten. Wenn es in der Menge angenommen wird, wie prophezeit, dann wird es wahrscheinlich irgendwann zu einem Engpass kommen werden, und dann muss man einfach weitersehen.

Schulz: Ergibt es aus Ihrer Sicht denn überhaupt Sinn, dass sich 80 Millionen Menschen einmal in der Woche testen lassen können mit diesem Schnelltest? Wir wissen ja auch, dass die positiv falschen Ergebnisse relativ hoch sind.

Richter-Scheer: Das ist genau das Problem. Dazu will ich mich, ehrlich gesagt, gar nicht äußern. Schnellteste sind wichtig in gewissen, sage ich mal, Berufsgruppen, auch in gewissen Aufenthalten, wo sich Menschen aufhalten. Lassen Sie nur mal von zehn Leuten, die ich teste, eine, die zum Beispiel in einem Lebensmittelladen arbeitet, positiv sein, die sich dann hinterher im PCR-Test testet und bestätigt. Dann ist das schon insofern ein Erfolg, denn die hätte weitergearbeitet ohne Symptome und hätte möglicherweise trotz Maske, trotz Einhaltung der Hygiene weitere Menschen wieder angesteckt. Wir müssen – das ist das gemeinsame Ziel – die Inzidenz herunterbekommen beziehungsweise auch die Pandemie eindämmen, und das geht nur – auch davon bin ich überzeugt -, indem man vermehrt testet und auch natürlich jetzt stark durchimpft.

Apotheker zur Durchführung von Schnelltests qualifizieren

Schulz: Sie haben gerade geschildert, dass Sie jetzt konkret in Ihrer Praxis im Moment keine Engpässe haben. Es wird aber aus dem ganzen Land von genau diesen Leerstellen berichtet. Was ist Ihr Blick? Haben Sie schon eine Vorstellung davon, wie das nun wirklich laufen soll in der Logistik, wenn 80 Millionen Menschen einmal in der Woche getestet werden?

Richter-Scheer: Auf meine Praxis bezogen habe ich eine Vorstellung. Ich gehe davon aus, dass die Kollegen das in den Hausarztpraxen auch ähnlich machen. Alles andere ist Sache des öffentlichen Gesundheitsdienstes der Kreise. Es wird natürlich auch darüber nachgedacht, Apotheker zu qualifizieren, dass auch die diese Tests durchführen. Man muss sicherlich, wenn diese Menschen alle getestet werden sollen in der Häufigkeit, diejenigen, die testen, ausdehnen. Da brauchen wir Unterstützung. Das ist sicherlich alleine durch Hausärzte und auch durch den öffentlichen Gesundheitsdienst nicht zu bewerkstelligen. Der öffentliche Gesundheitsdienst muss schon Dritte beauftragen, um das überhaupt durchführen zu können.

Schulz: Jetzt würde ich mit Ihnen gerne zur anderen Großbaustelle im Moment in Pandemie-Zeiten übergehen, zum Thema der Impfungen. Sie leiten ja, wie ich auch gerade schon gesagt habe, das Impfzentrum im Kreis Minden-Lübbecke. Wie ist die Lage da? Haben Sie genug Impfstoff?

Richter-Scheer: Ja, wir haben genug Impfstoff. Wir haben unser Kontingent. Mittels des Kontingents berechnen wir die Personenzahlen, die wir am Tag impfen können. Im Moment, muss ich sagen, sind wir sehr zufrieden. Wir haben hochgefahren wie alle in Westfalen-Lippe und so haben wir jetzt drei anstrengende Tage hinter uns, weil wir fast die doppelte Schlagzahl fahren als letzte Woche. Aber es läuft und wir haben auch genug Impfstoff, um die Menge, die wir einbestellt haben, zu impfen.

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"Versuchen den Impfstoff gut zu verimpfen"

Schulz: Wen impfen Sie im Moment?

Richter-Scheer: Wir impfen die über 80-Jährigen, dann ganz wenige Einzelfallentscheidungen, die wirklich notfallmäßig geimpft werden müssen, zum Beispiel jemand, der dringend auf einer Transplantationsliste steht, oder jemand, der eine schwere Operation dringend vor sich hat, in den nächsten Wochen. Die Menschen sollte man schon nach Möglichkeit vorziehen, soweit es das Kontingent hergibt. Man muss das immer wieder mit gewissen Einschränkungen sagen. Zum anderen ist der AstraZeneca-Impfstoff ebenfalls vorhanden. Den impfen wir in den entsprechenden Berufsgruppen, die vom Erlass vorgegeben sind. Wir fangen heute zum Beispiel mit der Polizei an. Wir haben mittlerweile die Kindergärten, die Erzieher sind da, die Grundschullehrer, und so geht es tagtäglich weiter. Wir versuchen, den Impfstoff gut zu verimpfen, und das gelingt schon.

Schulz: Jetzt gab es gestern ja die Entscheidung der Gesundheitsministerinnen und der Gesundheitsminister, die ab April auch die Arztpraxen einbinden wollen in die Impfungen. Finden Sie das gut?

Richter-Scheer: Ja, das finde ich sehr gut. Das unterstützen wir auch seitens des Hausärzteverbandes. Wir sind die ersten Ansprechpartner als Hausärzte für unsere Patienten. Wir können die Patienten auch steuern. Es wird ja immer noch im Moment, ich will nicht sagen, spekuliert, aber es heißt ja immer noch, dass wir zu Beginn dieser Aktion auch mit etwas weniger Impfstoff rechnen müssen, also weiterhin nur ein Kontingent haben. Ich denke, auch das ist gut aufgehoben in den Hausarztpraxen, denn wir können schon gucken, ohne dass wir jetzt unsere Patienten priorisieren. Priorisieren hat für mich schon einen Negativ-Touch, aber wir können schon sagen, der Patienten muss diese Woche dran, der nächste Patient kommt übernächste Woche dran. Ich denke, das kann man schon oder das sollte schon in der Hausarztpraxis bleiben in der Entscheidung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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