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Startseite@mediasresLokalradios kämpfen um ihre Existenz30.03.2020

Corona-PandemieLokalradios kämpfen um ihre Existenz

Viel zu tun, aber kaum noch Einnahmen: Die Corona-Krise trifft auch lokale Radiostationen hart. Weil viele Unternehmen gerade ihre Werbespots stornieren, drohen hohe Millionenverluste. Die ersten Sender warnen nun bereits vor Insolvenzen.

Von Christoph Richter 

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Blick in Berlin nach Sonnenuntergang auf den Fernmeldeturm Berlin-Schäferberg.  (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
50 bis 75 Millionen Euro - so hoch beziffern Branchenkenner die Verluste für die lokalen Radios (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
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Radio Potsdam sendet rund um die Uhr. Einer von etwa einem halben Dutzend Lokalsendern, die in Brandenburg ein Vollprogramm anbieten. Doch wie lange noch? Das ist unklar. Denn in Zeiten der Corona-Pandemie brechen massiv Erlöse weg. Es sei mit Verlusten bei Werbeeinnahmen von bis zu 70 Prozent zu rechnen, heißt es hinter vorgehaltener Hand bei der Landesmedienanstalt. Ein Problem, denn die meisten lokalen Hörfunkstationen finanzieren sich vollständig aus Werbung.

"Jetzt haben wir auch einen kleinen Puffer. Aber auch wir sagen, zwei Monate halten wir durch. Was danach kommt, wird auch für uns extrem schwierig", sagt Juliane Adam, Geschäftsführerin des Lokalradios Radio Potsdam. Die meisten Arbeitsplätze im Großraumbüro – wo ansonsten geschäftiges Gewusel herrscht - sind verwaist.

"All die Kollegen, die zu Hause arbeiten können, arbeiten bereits zu Hause. Das betrifft natürlich vor allen Dingen die Marketing-Abteilung, den Vertrieb, die Disposition, die sind alle schon zu Hause. Und alle die, die senden, die sind hier. Und auch da werden wir in den nächsten Tagen noch mal eine Stufe weitergehen, dass wir auch untereinander hier noch ein bisschen weniger Kontakt bekommen. Weil es natürlich total wichtig ist, dass wir weiter senden können."

So viel zu tun wie nie

Der Jahresetat bei Radio Potsdam beträgt eine Million Euro, sagt die studierte Marketing-Spezialistin und Radiomacherin Juliane Adam. Zwölf festangestellte Mitarbeiter arbeiten dort. Und es sei einigermaßen bizarr, ergänzt Adam, dass man so viel zu tun habe wie noch nie, aber so gut wie keinen Euro verdiene. Man habe schlicht kaum noch Einnahmequellen: Möbel- und Autohäuser genauso wie der kleine Mode-Laden um die Ecke, viele Werbekunden hätten ihre Anzeigen storniert. Dabei sei man jetzt gerade so wichtig, schiebt Adam noch schnell hinterher.

  (imago/ FrankHörmann/Sven Simon) (imago/ FrankHörmann/Sven Simon) Berechtigte Dauerberichterstattung
Kritische Distanz gehört zu den wichtigsten Tugenden im Journalismus. Doch in der Corona-Krise versammeln sich viele Medien hinter den Appellen von Politikern und beteiligen sich an Aufrufen. In diesem konkreten Fall halte er das für angemessen, sagte der Medienethiker Christian Schicha im Dlf.

"Alle Läden in der Umgebung, die jetzt sagen, wir bauen einen Lieferservice auf, die kommen zu uns und sagen: 'Könnt ihr es ansagen?' Weil sie müssen es ja in irgendeiner Form verbreiten können. Also dafür sind wir jetzt da. Der Oberbürgermeister ruft hier an, ist eine halbe Stunde später da, sagt: 'Es gibt eine neue Verordnung, ich würde gerne bei euch senden, damit ich es den Leuten erzählen kann.' Also Lokalradio ist gerade so wichtig wie nur irgendwas, weil sie gerade auf kleiner, lokaler Ebene unheimlich gut die Informationen verbreiten können."

Ruf nach unbürokratischer Hilfe

Ähnlich sieht es der freie Journalist und Vorsitzende der Brandenburger Landespressekonferenz, Benjamin Lassiwe. Er schreibt unter anderem für den "Nordkurier" oder die "Potsdamer Neuesten Nachrichten". Ihm erzählen die Redaktionen nicht nur von Einnahmeverlusten durch wegbrechende Werbung, auch von Kurzarbeit sei die Rede.

"Es ist, nach dem, was ich als freier Journalist mitbekomme, für die Kollegen in den Anzeigenabteilungen schwierig. Aber natürlich braucht man auch immer noch den, der beim Landkreis nachfragt: 'Wie sieht es mit Corona hier vor Ort bei uns im Lokalen aus?'"

Lokaljournalismus dürfe in Corona-Zeiten nicht eingeschränkt werden, betont auch Jörg Eggers, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Anzeigenblätter. Direktorin Anja Zimmer von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg appelliert an die Bundes- beziehungsweise die Landesregierungen, die lokalen Medien vor Ort unbürokratisch zu unterstützen. Auch, weil derzeit kein Ende der Corona-Krise abzusehen sei.

"Wir befürchten, das kann noch monatelang so weiter gehen. Denn am Ende ist der Werbemarkt derjenige, der sich deutlich später erholt als die Realwirtschaft."

  (dpa/ Bernd von Jutrczenka) (dpa/ Bernd von Jutrczenka)Sind Medien systemrelevant?
In der Coronakrise soll insbesondere die sogenannte kritische Infrastruktur aufrechterhalten werden. Dabei wird auch darauf geachtet, dass die Bevölkerung weiterhin mit journalistischen Informationen versorgt werden. Wie systemrelevant sind also Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen?

Warnung vor den Folgen 

Juliane Adam von Radio Potsdam ergänzt noch, dass man praktische Hilfen benötige. Und zwar so schnell wie möglich. Ansonsten könne es passieren, dass eine Reihe von kleinen – privatwirtschaftlich finanzierten – Radiostationen früher oder später in die Insolvenz gehen. Das wäre aber nicht nur ein Drama für die Mitarbeiter, sondern auch für die Demokratie insgesamt, ergänzt Radiomacherin Adam.

"Es geht hier tatsächlich durchaus um den Erhalt der Demokratie. Also wenn in der Zukunft alle privaten lokalen Radiosender verschwinden, weil sie es nicht durchgehalten haben, und nur noch wenige große Medien übrigbleiben, dann muss ich auch sagen, ich weiß nicht, ob das gut ist für den demokratischen Prozess in unserem Land."

Auch Privatsender und Lokalradios gehören zur kritischen Infrastruktur, betont Juliane Adam. Sie seien – genau wie die öffentlich-rechtlichen Sender - notwendig für die Meinungsbildung und förderten den politischen Diskurs.

"Bisher ist viel auch gesprochen worden, und viele große Blasen: Wir stellen Geld zur Verfügung und wir machen und wir tun. Es sind große Ankündigungen gemacht worden. Ich glaube, in den nächsten vier Wochen kommt es darauf an, dass da Taten folgen. Ganz klar: Cash. Punkt, aus."

Wie hoch die Einnahmeausfälle bundesweit letztlich sein werden, ist derzeit nicht abzusehen. Unter Branchenkennern, wie denen vom Portal radioszene.de, kursieren Zahlen, die die Verluste auf etwa 50 bis 75 Millionen Euro beziffern. Doch festlegen will sich keiner, zumal auch nicht absehbar ist, wie lange die Krise dauert.

Sicher sei nur, unterstreicht die Potsdamer Radiomacherin Juliane Adam: Wenn nicht bald etwas passiere, dann müssten viele Radiosender zwischen Konstanz und Wismar demnächst ihren Betrieb einstellen.

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