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StartseiteHintergrundBefällt das Virus auch das Geschlechterverhältnis?29.06.2020

Corona und die FrauenförderungBefällt das Virus auch das Geschlechterverhältnis?

Soziologinnen befürchten, dass es durch Corona zu einem "Rollback" in den Geschlechterverhältnissen kommt. Aktuell wird das zwar statistisch nicht bestätigt, das Konjunkturpaket der Bundesregierung lässt aber Gleichstellungsansätze vermissen - und auf EU-Ebene werden sie sogar zurückgenommen.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Ein Plakat des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VdU) wirbt auf dem MINTsummit - Women in Leadership in Mülheim an der Ruhr für eine "Karriere als Unternehmerin".   (dpa / SVEN SIMON)
Werbung für eine "Karriere als Unternehmerin". In Führungspositionen sind Frauen aber immer noch unterrepräsentiert (dpa / SVEN SIMON)
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"Es weht durch die ganze Historie ein Zug der Emanzipation…", singt Claire Waldoff 1926 in Berlin. "Überall will das Weib auf den Thron."

Auf den Thron? Nein. Die Hälfte der Macht – Gleichberechtigung – würde schon reichen, erklärt Marie-Elisabeth Lüders im Jahre 1958 im Interview mit der Tagesschau:

"Sie sind als die Vermittlerin im Bundestag bekannt: Was würden Sie heute über die Vermittlerrolle der Frau in der aktiven Politik sagen?" - "Ich bin der Meinung, dass in der aktiven Politik ohne die Vermittlung der Frau überhaupt nicht(s) geht, weil die Männer eine starke Neigung haben sich zu zanken, und die Frauen eine ebenso starke Neigung haben sich zu versöhnen."

Rechte sind keine Selbstverständlichkeit

Zwei provokante Aussagen in einem Satz. Geschadet haben sie Lüders nicht. Heute ist ein Bundestagsgebäude nach der FDP-Politikerin benannt, in Gedenken an eine der ersten Frauenrechtlerinnen der Nachkriegszeit.

"All das, was ich heute habe – die Möglichkeit, frei meinen Beruf zu wählen, die Möglichkeit, wirtschaftlich unabhängig zu sein, eine Vergewaltigung anzuzeigen, falls sie in meiner Ehe passieren sollte -, die wurden uns nicht geschenkt."

Ricarda Lang, neue stellvertretende Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, spricht auf dem Bundesparteitag der Grünen. (dpa / Guido Kirchner)Ricarda Lang, stellvertretende Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen (dpa / Guido Kirchner)

Ricarda Lang, 26 Jahre alt, ist stellvertretende Bundesvorsitzende von Bündnis90/Die Grünen: "Die wurden alle hart erkämpft. Und Dinge, die erkämpft werden, können auch wieder verloren gehen, weil die nie eine Selbstverständlichkeit sind."

Viele Themen "bei Weitem noch nicht erledigt" 

Die Corona-Pandemie wirft darauf ein Schlaglicht. Seit dem Ausbruch von Covid-19 in Deutschland Anfang März beschreiben Autorinnen in Kolumnen und Interviews gravierende Nachteile, vor allem für Frauen: Einkommensverluste und Existenzangst durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit, eine hohe Doppelbelastung durch Job und Schulunterricht zuhause, und zudem eine Zunahme häuslicher Gewalt, die wegen der hohen Dunkelziffer oft nur schwer nachzuweisen ist. Zu diesen Belastungen, die unmittelbar durch die Krise ausgelöst oder verschärft wurden, kommen altbekannte Probleme hinzu:

"Egal, ob dass das das Thema Gewalt gegen Frauen betrifft, oder die Frage (der) Aufwertung sozialer Berufe, ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen, oder auch die Frage Aufstieg von Frauen in Führungspositionen – das sind alles Themen, die bei Weitem noch nicht erledigt sind", mahnt die Bundesfrauenministerin im Interview mit dem Deutschlandfunk.

Franziska Giffey (SPD), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, spricht am 02.04.2020 in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin (dpa / picture alliance / Carsten Koall)Franziska Giffey (SPD), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (dpa / picture alliance / Carsten Koall)

Als Beispiele nennt Sozialdemokratin Franziska Giffey eine Lohnlücke von über 20, und eine Rentenlücke von über 50 Prozent: "Das hängt natürlich damit zusammen, dass viel mehr Frauen in Teilzeit arbeiten, dass die familiäre Sorgearbeit eben hauptsächlich immer noch bei den Frauen verortet ist, und in der Krise umso mehr. Das sind alles Punkte, die nicht dazu führen, dass wir eine wirkliche Chancengerechtigkeit haben."

Rückschritte nicht belegbar

Verstärkt die Coronakrise nun das Unbehagen der Geschlechter? Von empirisch belegbaren Rückschritten kann jedenfalls nicht die Rede sein. Zu diesem Schluss kommt eine erste repräsentative Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und der Universität Bielefeld jüngst: eher nicht. Demnach übernahmen noch im vergangenen Jahr deutlich mehr Frauen als Männer Aufgaben in Haushalt, Pflege und Kindererziehung – jetzt aber haben Männer prozentual aufgeholt. Sie sind allerdings auch von einem viel niedrigeren Niveau aus gestartet. Laut Studie kümmerten sich Frauen im April zwischen Montag und Freitag im Schnitt siebeineinhalb Stunden um Kind und Kegel, Männer hingegen nur vier Stunden.

Die Münchner Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky zieht ein gemischtes Fazit:

"Also auf der Basis aktueller Forschung zu diesem Thema meine ich, dass man durchaus sagen kann, auf jeden Fall gibt es diese Ungleichheit, und es gibt auch Anzeichen dafür, dass sie sich verfestigt im Kontext der Corona-Krise. Aber: Womöglich eben nicht ganz so krass, wie es viele dachten. Und nicht so einheitlich."

Hausfrauenehe steuerlich bevorzugt

Entscheidend seien mehrere Kriterien, sagt Villa Braslavsky. Die Professorin, die zu Genderfragen und Geschlechtergerechtigkeit forscht, verweist auf Milieu, Einkommen, Branchen und das jeweilige Alter. Alles Faktoren, die beim Gender Gap, also der Einkommenskluft zwischen den Geschlechtern, eine wichtige Rolle spielen, ebenso das Ehegattensplitting, das die Hausfrauenehe steuerlich bevorzugt.

Zwei Männer in Anzügen und zwei Frauen in Kostümen stehen auf einer Treppe. (imago / Leungchopan) (imago / Leungchopan) Gleichberechtigung im Beruf - Was Frauenquoten für Männer bedeuten In der Bundesregierung bahnt sich ein Streit um Frauenquoten an. Die Debatte wird dabei oft hitzig geführt, manche Fragen bleiben allerdings auf der Strecke. Was bedeuten Frauenquoten eigentlich für Männer? Und sind sie überhaupt das beste Mittel?

"Das macht‘s irgendwie ökonomisch für den Moment vernünftig, aber was ist in 20, 30 Jahren? Wenn dieses Paar sich trennt womöglich, wie wirkt sich das aus auf Versicherungsleistungen, auf die Rente – da merken sehr viele Frauen insbesondere, sehr spät: ‚Oh Mist.‘ Männer merken übrigens: ‚Oh Mist, ich war überhaupt nicht der Vater, der ich eigentlich sein wollte‘."

Frauen arbeiten häufiger zuhause

Eine aktuelle Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, IAB, in Nürnberg greift ein weiteren Aspekt auf: Frauen haben in der Coronakrise häufiger von zuhause aus gearbeitet als Männer. Während es bei den Frauen 28 Prozent waren, verlegten unter den befragten Männern nur 17 Prozent ihren Arbeitsplatz ins Wohnzimmer. Über die Gründe dafür gehen die Meinungen auseinander. Das IAB erläutert, dass Frauen eher in der Verwaltung beschäftigt sind und deshalb Corona-bedingt jetzt häufiger in Heimarbeit gehen. Elke Ferner vom Deutschen Frauenrat sieht hingegen eine schon lange vorhandene, strukturelle Benachteiligung. Die Coronakrise decke diese Defizite auf und verschlimmere sie teils sogar, meint die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete:

"Ich glaube, beides ist richtig. Zum einen ist es wirklich so, dass man die Defizite, die es überall in der Gesellschaft gibt, jetzt wie unter einem Brennglas sieht. Jüngst gerade die Situation in den Fleischfabriken, aber auch beim Thema, wo arbeiten Frauen, wie werden sie denn für ihre systemrelevante Arbeit entlohnt. Das sieht man jetzt alles viel, viel deutlicher, weil genauer hingesehen wird. Das ist zum einen eine Chance, zum anderen aber auch Risiko. Chance, dass man jetzt endlich anfängt, das konsequent anzugehen. Risiko aber, dass man jetzt wie üblich bei Krisen sagt, na, das ist jetzt aber mal zweitrangig. Und lass uns mal erst die großen Themen bewegen, und dann sehen wir mal weiter, wie es mit der Gleichstellung geht."

Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände zurückhaltend

Während Frauenverbände, Feministinnen und die Grünen ihr Anliegen offensiv vorantreiben, verhalten sich Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände beim Thema Gleichstellung auffallend ruhig. Ob das Taktik oder Ignoranz ist, lässt sich kaum nachverfolgen. Interviewanfragen werden abgelehnt. Der Bundesverband der Deutschen Industrie verweist auf den Bundesverband der Arbeitgeberverbände. Der wiederum entschuldigt seine Absage mit den Sommerferien, und der Zentralverband des Deutschen Handwerks lehnt erst ab und reagiert dann gar nicht mehr.

Zwei junge Männer gehen mit zwei Kindern über eine Straße. (dpa) (dpa) Männer in neuen Rollen - "In das Geschlechterverhältnis ist Bewegung gekommen" Im Rollenverhältnis von Mann und Frau hat sich nach Ansicht des Soziologen Michael Meuser viel verändert. Dennoch werde in der Wirtschaft noch davon ausgegangen, dass Männer keine familiären Verpflichtungen hätten, sagte er im Dlf. Die Coronakrise berge sogar die Gefahr einer Retraditionalisierung.

Stellung bezieht am Ende Gisela Kohl-Vogel, Unternehmerin aus Aachen und dort Präsidentin der Industrie- und Handelskammer. Die 52-Jährige betreibt mehrere Autohäuser mit über 500 Angestellten. Dass die Pandemie vor allem erwerbstätige Frauen belaste, glaubt Kohl-Vogel nicht:

"Eine unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen haben wir hier nicht gesehen. Es war natürlich so, dass auch mal Männer gesagt haben, dann geh ich noch ein bisschen mehr in Kurzarbeit. Ich muss mich heute um meine Kinder kümmern, denn meine Frau muss arbeiten. Also ich hatte das Gefühl, das war ausgeglichen, dass man sich gemeinsam überlegt hat, wie es denn gehen kann."

AfD prangert Benachteiligung von Männern an

Dennoch, so meint die CDU-Bundestagsabgeordnete Sylvia Breher, sei es wichtiger denn je, am Ball zu bleiben. Denn, sagt Breher, es gehe um das gesamtgesellschaftliche Klima.

"Diese Debatte heute ist wichtig, weil allein schon der Titel dieser Debatte in Männerrunden zu einem Schmunzeln führt. Und weil allein heute Morgen im Fachgespräch im Ausschuss zum Dritten Gleichstellungsbericht dieses Thema bei einem männlichen Kollegen zu einem vorpubertären Gekicher gesorgt hat."

Breher spricht in dieser Bundestagsdebatte vor einem mäßig gefüllten Plenarsaal. Einziger männlicher Redner ist ein AfD-Abgeordneter, der beim Bundesgleichstellungsgesetz eine Benachteiligung von Männern anprangert. Abgeordnete von CDU und Grünen warnen seit langem vor einem Frauenhass, der vor allem in rechtsextremistischen Kreisen geschürt werde. Christdemokrat Marcus Weinberg:

"Es ist kein ‚Genderwahn‘, wenn jeden dritten Tag eine Frau umgebracht wird von ihrem Partner oder ehemaligem Partner. Es ist auch kein ‚Genderwahn‘, wenn 40 Prozent der über 16-Jährigen bereits sexualisierte Gewalt oder körperliche Gewalt erlebt haben. Und es ist auch kein ‚Genderwahn‘, wenn in dieser Stunde, in der wir diskutieren, eine Frau wieder körperlich verletzt wird."

Feministinnen mit neuer Selbstverständlicheit

Außerhalb der Parteipolitik engagiert sich eine wachsende Gemeinde eher junger Menschen vor allem in den sozialen Netzwerken für mehr Gleichberechtigung. Mit einer neuen Selbstverständlichkeit nennen sie sich Feministinnen:

"Als ich angefangen habe vor ein paar Jahren, mich als Feministin zu bezeichnen, war der Großteil meiner Schulfreundinnen eher so: Neee. Es war nicht mal so ein Feindbild, wie ich es noch aus der Zeit meiner Mutter kenne, also Emanze. Oder diese Vorstellung: Oh Gott! Die verbrennt ihren BH in meinem Vorgarten", erinnert sich die Grünen Vizevorsitzende Ricarda Lang. Nun ändere sich was: "Jetzt, in der Corona-Krise haben wir doch sehr stark gemerkt, dass Gleichberechtigung uns alle sehr konkret betrifft. Am Essenstisch, im Homeoffice, im Altenheim oder an der Supermarktkasse."

Eine Frau mit kurzen roten Haaren und einer Brille steht an einem Rednerpult und spricht in ein Mikrofon.   (imago / Inga Kjer)Die SPD-Politikerin Elke Ferner (imago / Inga Kjer)

Elke Ferner vom Deutschen Frauenrat sieht es nüchterner. Die Sozialdemokratin ist geradezu aufgebracht, dass die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Franziska Giffey, dem Corona-Krisenkabinett der Bundesregierung nicht angehört:

"Es waren ja plötzlich nur noch Männer präsent: Virolog-en, Ärzt-e, bis auf Frau Merkel Politik-er, und da denkt man: Ist man hier völlig im falschen Film?"

Chancengerechtigkeit nicht automatisch

Die Bundesregierung beobachtet die Debatte zwar und benennt die Probleme, doch Geschlechtergerechtigkeit als Kernthema – davon kann in der schwarz-roten Koalition keine Rede sein. Die Kanzlerin äußert sich mit der ihr eigenen Nüchternheit:

"So bitter die Zwänge und Einschränkungen durch die Corona-Pandemie waren und sind – sie beflügelten auch flexible Lösungen. Bedeutet das aber automatisch einen Schritt hin zu mehr Chancengleichheit im Arbeitsleben? Viele berufstätige Frauen würden das nicht bestätigen."

Die Debatte kreist derzeit vor allem um Akademikerinnen in Dienstleistungsberufen, sind sie es doch vor allem, die in den vergangenen Monaten überhaupt im Homeoffice arbeiten konnten - anders als Pflegerinnen oder Kassiererinnen. Angela Merkel räumt ein:

"Flexibles und mobiles Arbeiten bietet zwar viele wünschenswerte Möglichkeiten, aber damit ist nicht quasi automatisch mehr Chancengerechtigkeit zwischen Frauen und Männern verbunden. Um dies zu erreichen, bedarf es noch immer eines Kulturwandels."

Rollenbilder sind immer noch stark

Und vielleicht auch eines Umdenkens bei den Frauen? Stimmt die vor allem in konservativen Kreisen verbreitete These, Frauen wählten ihre wirtschaftliche Existenz heutzutage selbst? Die Soziologin Paula-Irene Villa sieht da ein Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Besonders im bürgerlichen Milieu:

Barbie-Puppen hängen während der Spielwarenmesse in Nürnberg zu Präsentations-Zwecken an einer Wand am Stand von Mattel.  (dpa / Daniel Karmann)Rollenbilder sind immer noch stark in der Gesellschaft (dpa / Daniel Karmann)

"Das ist besonders in  Deutschland sehr auffällig. Wir glauben von uns, das ist eine ganz starke Überzeugung in diesen Milieus, dass wir ganz aufgeklärt sind, und dass niemand uns zu irgendwas zwingt. Und dieser starke Glaube, dass wir so individuell und mündig und autonom sind, der macht, dass wir blind werden für die Strukturen, in denen auch wir uns bewegen. Dass nämlich auch Geschlechterverhältnisse uns prägen, das Leben unserer Eltern und Großeltern auch uns prägt. Dass wir eben auch Teil von politischen Strukturen sind, über die wir nicht so einfach verfügen. Und so kommt diese Blindheit zustande. Ich glaube, dass diese ganze Coronakrise uns noch mal sehr deutlich spiegelt, wie wir, wer wir als Gesellschaft sind."

"Wenn man es eilig hat… etwas dazwischen" - dieser Werbespot aus dem Jahr 1954 verspricht fertiges Puddingpulver als Mittel gegen den Stress. Und stellt fest: "Sie wissen ja, eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen? Und was soll ich kochen?"

Diese Vorstellung lebt teilweise bis heute in den Köpfen weiter, meint Familienministerin Franziska Giffey:

"Es ist eben noch sehr verhaftet in vielen Rollenbildern. Auch bei den Kindern hört man das immer wieder. Wer ist für das Geldverdienen zuständig? Papa. Wer ist für zuhause zuständig? Mama."

Ausbau von Kitas und Ganztagsschulen

Union und SPD betonen seit jeher, sie würden junge Menschen und Familien stärker unterstützen wollen. Das 130 Milliarden Euro schwere Konjunkturpaket, das die Koalition Anfang Juni beschlossen hat, enthält deshalb ein eigenes Kapitel für den Ausbau von Kitas und Ganztagsschulen. Geplante Investitionen: Rund acht Milliarden Euro, ein kleiner Bruchteil der Gesamtsumme. Das sei völlig in Ordnung so, meint die Aachener Unternehmerin Gisela Kohl-Vogel:

"Wir halten von dem Paket viel, denn da sind viele richtige Impulse drin. Ich finde, es muss die ganze Wirtschaft unterstützt werden, und da spielt es keine Rolle, ob jetzt eine Frau noch mal eine extra Förderung dafür bekommt, dass ihre Betreuung mit dem Kind geregelt ist."

  (www.imago-images.de) (www.imago-images.de) Mangel an Corona-Expertinnen? Warum vor allem Männer uns das Virus erklären In den Chefetagen nicht nur der deutschen Medienhäuser sind Männer noch immer in der Überzahl. Auch in Zeitungen, Fernsehen und Radio kommen sie weitaus häufiger zu Wort als Frauen. In der Corona-Pandemie fällt das besonders auf: Interviewt werden fast immer männliche Experten.

Grünen-Politikerin Ricarda Lang widerspricht. Gemeinsam mit anderen Feministinnen hat sie im Frühjahr eine Aktion ins Leben gerufen mit dem Namen "Gleichberechtigung statt Blumen":

"Frauen wurde so viel gedankt in dieser Krise. Es gab einmal eine Woche, wo innerhalb von drei Tagen der Muttertag und der Tag der Pflege waren. Ich glaube, ich habe noch nie so oft gehört, was Frauen für Heldinnen sind! Aber weder für Mütter wurden Hilfsmaßnahmen wie zum Beispiel ein Corona-Elterngeld beschlossen, noch wurden für Pflegende höhere Löhne beschlossen."

Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert

Das stimmt nur zum Teil. Zum 1. Juli steigen die Mindestlöhne in der Pflegebranche Doch das reicht den Grünen nicht. Sie fordern, sämtliche staatliche Hilfen für Unternehmen in Zukunft nur dann auszuzahlen, wenn Firmen und Betriebe sich um mehr Gleichstellung bemühen, zum Beispiel eine Quote. Auch der Deutsche Frauenrat, der unter seinem Dach bundesweit 59 Mitgliedsverbände vereint, verlangt eine Konjunkturpolitik, die in der Corona-Krise Frauen und Männer gleichermaßen berücksichtigt.

"Frauen haben für alle Bereiche unserer Gesellschaft eine große Bedeutung. Überall dort, wo Frauen gleichberechtigt sind, kommt es uns allen zugute. Mich bedrückt, dass in der staatlichen Verwaltung, in den Ministerien Frauen in Führungspositionen, Frauen nach wie vor nicht gleichberechtigt vertreten sind. Mich bedrückt, dass in der Wirtschaft Frauen immer noch unterrepräsentiert sind. Das wollen wir ändern", erklärt Peter Altmaier in einem Video auf der Internetseite des CDU-geführten Bundeswirtschaftsministeriums.

Die Aufnahmen sind über ein Jahr alt, sie zeigen den Minister am Rednerpult, umrahmt von Schnittbildern mit lachenden, diskutierenden oder aufmerksam zuhörenden Frauen. Laut Pressestelle lag der Frauenanteil bei Führungspositionen in Altmaiers Ministerium Anfang dieses Jahres bei 39 Prozent und damit über dem Schnitt der übrigen Ressorts.

Entbürokratisierung zulasten der Gleichstellung?

Auch der Koalitionsvertrag von Union und SPD enthält zahlreiche Ankündigungen – mehr Frauen in Führungspositionen, eine gleiche Bezahlung von Frauen und Männern, mehr flexible Arbeitszeiten. Was ambitioniert klingt, ist inzwischen völlig in den Hintergrund gerückt. Wirtschaftsminister Altmaier fordert angesichts der Corona-Krise, die Unternehmen zu entbürokratisieren. Dass er damit auch Gleichstellungsmaßnahmen meint, sagt Altmaier nicht. Doch seine Kabinettskollegin, Frauenministerin Franziska Giffey hält mit ihrem Ärger nicht hinter den Berg:

"Ich sehe den Bundeswirtschaftsminister da in der Pflicht, aber nicht an meiner Seite. Das muss ich leider sagen. Wir haben hier immer noch eine Diskussion – Frauen in den sozialen Berufen ja, aber bitte in Führungspositionen … ganz schwierig, und wenn wir Signale hören, dass eben Frauen in Führungspositionen als unzumutbare Belastung, als unzulässiger Eingriff in das operative Geschäft der Wirtschaft tituliert werden, dann habe ich dafür kein Verständnis. Wir sehen aus allen Erhebungen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unternehmen wirtschaftlich erfolgreicher ist, bis zu 25 Prozent höher ist, wenn es mit gemischten Teams in der Führung arbeitet. Das geht um Vorbildwirkung, um Rollenbilder, darum, dass ein diverser Blick auf Problemlagen und Lösungen immer besser ist."

In der EU "gar keine Ambition mehr erkennbar" 

Auf europäischer Ebene sind die Zeichen nicht besser. In ihrem Programm für die EU-Ratspräsidentschaft hat die Bundesregierung den Satz, Frauen in Führungspositionen zu stärken, herausgestrichen. Stattdessen heißt es jetzt nur noch, man wolle die Gleichstellung von Frauen und Männern weiter vorantreiben und sichtbar machen. Franziska Brantner, Europaexpertin der Grünen Bundestagsfraktion, ist maßlos enttäuscht:

"Der Teil, der jetzt am schwächsten ist, ist der mit Blick auf die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. In diesem Teil ist gar keine Ambition mehr erkennbar. Man möchte zwar über vieles reden und findet vieles wichtig, aber es stehen keine konkreten Vorhaben mehr drin."

Für den Moment bleiben damit nur die Worte von Eleanor Roosevelt: "Frauen sind wie Teebeutel. Man weiß erst, wie stark sie sind, wenn man sie in heißes Wasser tut."

"Raus mit’n Männern aus‘m Reichstag – und rin in die Dinger mit der Frau."

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