Mittwoch, 10. August 2022

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Coronakrise
"Die Ängste verschieben sich"

Das Coronavirus sei zu Beginn der Pandemie abstrakt gewesen, sagt der Philosoph Philipp Hübl im Dlf. Erst mit konkreten Bildern von COVID-19-Erkrankten seien die Menschen vernünftiger geworden. Dadurch hätten sich Ängste verschoben, sodass zum Beispiel der Gang in den Supermarkt eine Bedrohung sein kann.

Philipp Hübl im Gespräch mit Anja Reinhardt | 10.04.2020

Eine Schlange vor einem Supermarkt in Spanien Anfang April
Wegen der Sorgen in der Coronakrise seien viele Menschen schnell bereit gewesen, sich auf Einschränkungen einzulassen, sagt Philipp Hübl (Getty / David Ramos)
In der Coronakrise machten sich die Menschen "Sorgen um die Zukunft des Landes, um ihr Leben, um ihre Angehörigen oder ihren Job zu verlieren", sagte der Philosoph und Buchautor Philipp Hübl im Dlf. Diese Sorgen zeigten, dass wir etwas wertschätzten, das bedroht sei. "Deshalb waren auch viele Menschen schnell bereit, sich auf Einschränkungen ihrer Freiheit einzulassen, um ihr Leben oder oft vor allem oft das Leben von anderen zu schützen."
Die Moral sollte idealerweise immer aus der Vernunft hergeleitet sein - dafür gebe es Gesetze. Aber in den Alltagssituationen trieben uns die Emotionen an. "Das ist nicht schlimm", sagt Hübl, "denn wie beispielsweise bei der Sorge, mich selbst anzustecken, verhalte ich mich vorsichtiger".
Das einzige Problem sei, dass Emotionen "oft über das Ziel hinausschießen - das heißt: Man weiß bei Emotionen wie beispielsweise Angst, dass sie übertrieben sein können." Bestes Beispiel dafür seien Haie und Terroranschläge. Die Vorstellung daran sei mit etwas schlimmen verknüpft, dennoch würden nur sehr wenige Menschen daran sterben. Anders sei das bei Mücken. "Wir haben vor Mücken sehr wenig Angst, obwohl viele Menschen an Malaria sterben."
Coronavirus
Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)
Ähnlich sei es nun auch zu Beginn der Corona-Pandemie gewesen. "Dort hatten die Menschen zu wenig Angst, weil Corona etwas Abstraktes war. Man hat gedacht, das ist so was wie eine leichte Grippe." Erst die konkreten Bilder von kranken Menschen hätten dazu geführt, dass die Angst stärker geworden ist und dazu führt, dass die Menschen sich vernünftiger verhalten."
"Die Ängste verschieben sich. Terror ist immer noch in den Hinterköpfen, aber eine noch größere Bedrohung ist jetzt, in den Supermarkt zu gehen und sich da vielleicht anzustecken.
Die beste Art mit solchen Extremsituationen umzugehen sei im Fall des Coronavirus wissenschaftliche Analyse. "Wir wissen, die Wissenschaft ist so gut wie nie auf diese Pandemie vorbereitet." Immer wenn eine Emotion aufkomme, wie zum Beispiel Angst, sei die richtige Haltung zu sagen: Was kann man vernünftiger Weise tun.
Philipp Hübl, Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart (9.5.2015).
Der Philosoph und Buchautor Philipp Hübl (Philipp Hübl)
Die Suche nach dem "fairen Prinzip"
Die Corona-Pandemie bringt die Gesellschaft auch vor schwierige moralische Entscheidungen - wie zum Beispiel über Leben und Tod in den Krankenhäusern. Abzuwägen, wie man in einer Extremsituation über Menschenleben entscheidet, sei aus Katastrophenfällen bereits bekannt, so Hübl. Bei der Triage würden zwei Prinzipien aufeinanderstoßen. "Auf der einen Seite haben wir sehr starke pflichtethische Intuitionen, die sagen jedes Leben ist gleichviel wert." Die konsequentialistische Denkschule besage so viele Leben wie möglich zu schützen." Wer die Pflichtethik betont, verneint die Lage. Denn egal, wie man handelt, man wird ein Leben nicht retten können. Ich möchte nicht in der Haut dieser Ärzte stecken."
Es sei aber wichtig, eine Entscheidungsmatrix zu haben. Dadurch könne man den Ärzten in den Extremsituationen die moralische Last abnehmen. "Man muss ihnen auch aus Gründen der Fairness eine Regel zu Hand geben, weil die Auswahl sonst zufällig oder unfair sein könnte."
Dennoch habe diese Entscheidungsmatrix Folgen. Sollte es beispielsweise zum Prinzip werden, dass man nur die jüngeren Leute retten möchte, "dann stellt sich das Gefühl ein, man gehört mit 60 nicht mehr zur Solidargemeinschaft. Deshalb ist es unheimlich schwierig, ein Prinzip zu finden, dass am Ende die Menschen rückwirkend immer noch als das faire Prinzip aufgefasst haben." Deshalb könne es sehr gut sein, dass sich die Welt und unsere Sicht auf die Dinge veränderten.