Donnerstag, 09. Dezember 2021

Covid: Impfungen und InfektionenWie häufig sind neurologische Komplikationen?

Nach Impfungen gegen das Coronavirus können seltene Impfkomplikationen auftauchen. Aber auch durch eine Infektion kann es Komplikationen geben. Ein britisches Forschungsteam hat solche Vorfälle miteinander verglichen - und konnte dabei auf eine große Datenbasis zurückgreifen.

Arndt Reuning im Gespräch mit Ralf Krauter | 26.10.2021

Darstellung des Gehirns und der Faseroptik, die Daten um das Gehirn herum überträgt
In der Studie geht es um Impfkomplikationen durch die Covid-Wirkstoffe von Astrazeneca und Biontech/Pfizer. Aber auch Infektionskomplikationen wurden untersucht (imago / Westend61 )

Um welche ungewollten Komplikationen einer Impfung beziehungsweise einer SARS-CoV-2-Infektion geht es?

Angesehen hat sich das britische Forschungsteam im Fachmagazin "Nature Medicine" seltene neurologische Impfkomplikationen - zum Beispiel bestimmte Lähmungen und Schlaganfälle. Und zwar nach der ersten Impfung im Zeitfenster von Anfang Dezember 2020 bis Ende Mai 2021.
Das grundlegende Problem ist: Solche Vorfälle sind so selten, dass sie in den Zulassungsstudien nicht auffallen. Deshalb ist es wichtig, mit richtig großen Zahlen zu arbeiten. Das Team um Forschende der Universität Oxford hat Zahlen aus ganz England zur Verfügung gehabt - von über 32 Millionen Geimpften.
Diese Zahlen stammen aus einer Impfdatenbank des staatlichen Gesundheitssystems NHS. Darin finden sich das Impfdatum, der Impfstoff und die Dosis für alle Geimpften. Zusätzlich standen auch noch Daten aus Schottland zur Verfügung, die sie getrennt ausgewertet haben. Das haben die Forscher mit Krankenhausdaten abgeglichen. Das Besondere an dieser Untersuchung ist der Umfang der Daten, der ein sehr verlässliches Ergebnis verspricht.
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Was ist dabei herausgekommen?

Neurologische Komplikationen nach einer Covid-19-Impfung sind sehr selten, aber es gibt sie. Zwei Signale konnten die britischen Forscher ausmachen: Die Impfung mit dem Vakzin von AstraZeneca konnten sie in Verbindung bringen mit einem höheren Risiko für das Guillain-Barré-Syndrom. Und nach einer Impfung mit dem Impfstoff von Pfizer/Biontech war ein erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall durch Gehirnblutungen zu beobachten.
Die Forscher betonen, dass diese Ergebnisse keine Erklärung dafür liefern, wie es zu diesem Zusammenhang von Impfungen und Komplikationen kommt. Sie können also nicht sagen, was dabei im Körper genau geschieht. Sie sehen aber einen Zusammenhang in ihren Daten.

Was ist das Guillain-Barré-Syndrom (GBS)?

Das GBS äußert sich durch Lähmungen, die meistens in den Beinen beginnen, dann aber auch die Arme betreffen und das Gesicht – in seltenen Fällen auch die Atemmuskulatur. GBS tritt in drei von vier Fällen nach bestimmten Infektionen auf. Dabei kommt es dann zu einer überschießenden Immunantwort. Dadurch werden die Hüllen bestimmter Nervenfasern angegriffen, so dass sie die Nervenimpulse nicht mehr gut leiten können.
Auch in Verbindung mit Covid-19 wurden GBS-Fälle beobachtet. Und es gab zuvor Berichte aus Indien oder Großbritannien, dass GBS nach einer Impfung gegen Covid-19 auftrat. Es bestand also bereits ein Verdacht. Das waren jedoch nur einzelne Fallberichte, keine groß angelegte Studie wie die aktuelle Veröffentlichung in "Nature Medicine".
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Wie groß ist das Risiko konkret?

In westlichen Ländern tritt das Guillain-Barré-Syndrom jährlich bei 100 bis 200 Personen pro zehn Millionen Menschen auf. Das ist der normale Durchschnittswert - ohne Covid-19-Erkrankung und ohne Impfung. Das britische Forschungsteam hat nun errechnet, wieviele Fälle zusätzlich dazukommen nach einer Impfung. Und sie sagen: Es sind 38 Fälle pro zehn Millionen mit AstraZeneca geimpfter Menschen. Absolut gesehen sind es sehr wenige Fälle, aber eben auch nicht keine.
Außerdem haben sie beim Impfstoff von Pfizer/Biontech gesehen, dass damit ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle durch Gehirnblutungen assoziiert ist. Das waren 60 Fälle pro 10 Millionen Geimpfter. Gezählt wurden in beiden Fällen nur Krankenhauseinweisungen. Das ist eine methodische Einschränkung. Es könnte sein, dass weniger schwere Fälle aufgetreten sind, die aber nicht in dieser Studie aufgetaucht sind.
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Das Virus SARS-CoV-2 kann ebenfalls schwere neurologische Symptome auslösen. Liefert das britische Team auch hier handfeste Zahlen?

Ja, und die sind deutlich größer als im Fall der Impfung. Mit Blick auf das Guillain-Barré-Syndrom kommt es nach einer Infektion zu 145 zusätzlichen Fällen pro zehn Millionen Menschen, also viermal häufiger als mit einer Impfung.
Außerdem hat die Forschungsgruppe gefunden, dass eine SARS-CoV-2-Infektion das Risiko für weitere neurologische Symptome erhöht. Beispiele dafür sind: 123 zusätzliche Fälle pro zehn Millionen für Hirnhautentzündungen und Nervengewebsschädigung sowie 163 zusätzliche Fälle pro 10 Millionen für eine sogenannte myasthenische Störung, also eine gestörte Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel. Bei all diesen Komplikationen konnte das Team keine Verbindung zur Impfung feststellen.
Also: Das Risiko nach einer Infektion ist größer als nach einer Impfung. Aber in beiden Fällen sind die absoluten Zahlen für eine neurologische Komplikation sehr niedrig.