Mittwoch, 17. August 2022

Corona-Auffrischungsimpfungen
Warum die Booster-Dosis sinnvoll ist

Um die Omikron-Variante des Coronavirus einzudämmen, setzt Deutschland auch auf Booster-Impfungen. Klar ist mittlerweile: Die Auffrischung schützt vor allem gegen schwere Krankheitsverläufe. Wer darf und sollte sich die dritte Impfdosis abholen und wer die vierte? Wie lange hält der Schutz? Was ist mit Genesenen?

26.07.2022

    Schild mit der Aufschrift "Booster-Impfung"
    Im Kampf gegen das Corona-Virus gilt als ein sinnvolles Mittel die Booster-Impfung (imago images/Bihlmayerfotografie)
    Die Wirksamkeit einer Corona-Impfung lässt mit der Zeit nach. Eine dritte Dosis (erster Booster) soll dem schwindenden Immunschutz vorbeugen, denn durch eine Auffrischung können sich deutlich mehr Antikörper gegen das Virus bilden. Inzwischen gibt es aber schon die vierte Impfung, also eine zweite Booster-Dosis – allerdings gilt die Empfehlung dafür momentan nur für bestimmte Gruppen.
    Wegen der Omikron-Variante ist die Frage nach der Auffrischung dringlicher geworden. Die bestehenden Covid-19-Impfstoffe schützen Studiendaten zufolge deutlich weniger vor einer Infektion mit Omikron und dessen Subtypen als beispielsweise vor der zuvor dominierenden Delta-Variante. Zudem wird im Herbst ein zusätzlicher Anstieg der Fallzahlen erwartet. 

    Wem wird aktuell eine Viert-Impfung empfohlen (zweiter Booster)?

    In dieser Frage sind sich verschiedene Akteure aus Wissenschaft und Politik uneinig – vor allem, was das Mindestalter angeht. 
    Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC sowie die EU-Arzneimittelbehörde EMA raten allen Bürgerinnen und Bürgern, die älter als 60 Jahre sind, zu einer zweiten Auffrischungsimpfung. Dem schließt sich auch Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery an. In Deutschland zieht die Ständige Impfkommission (STIKO), die auf nationaler Ebene für Empfehlungen zuständig ist, die Altersgrenze aktuell noch bei 70 Jahren (vgl. S. 8).
    Ebenfalls angeraten wird die Viert-Impfung für Risikogruppen (z.B. Menschen mit Immunschwäche) sowie Beschäftigte im Gesundheitswesen und Pflegeeinrichtungen. 
    Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geht in seiner Empfehlung darüber hinaus. Der SPD-Politiker sagte dem Nachrichtenmagazin "Spiegel", wenn auch Jüngere den Sommer ohne ein Krankheitsrisiko genießen wollten, würde er die zweite Auffrischungsimpfung in Absprache mit dem Hausarzt empfehlen. Das Long-Covid-Risiko und das Infektionsrisiko seien dann für ein paar Monate deutlich reduziert.
    Dem widerspricht der Vorsitzende der STIKO, Thomas Mertens. "Ich halte es für schlecht, medizinische Empfehlungen unter dem Motto 'Viel hilft viel' auszusprechen", sagte Mertens laut der "Welt am Sonntag"
    Er kenne keine Daten, die einen solchen Ratschlag rechtfertigten. Es sei wichtig, sich klarzumachen, dass man nicht jedes Jahr ständig die gesamte Bevölkerung – also auch jüngere, gesunde Menschen – impfen könnte. Das Ziel sei es nicht, Infektionen zu vermeiden, sondern Erkrankungen, so Mertens.

    Wem werden drei Impfungen geraten (erster Booster)?

    Seit dem 13. Januar 2022 empfiehlt die STIKO die Corona-Auffrischungsimpfung (dritte Impfung) für alle Personen über zwölf Jahren. Die Booster-Impfung soll mit einem mRNA-Impfstoff erfolgen. Für Personen unter 30 Jahren und Schwangere ab dem zweiten Trimenon beschränkt sich die Empfehlung ausschließlich auf den Impfstoff von Biontech/Pfizer, für alle weiteren Menschen seien die Vakzine von Biontech und Moderna gleichermaßen geeignet.
    Wegen der Omikron-Variante rät die STIKO dazu, die Booster-Dosis bereits nach mindestens drei statt nach sechs Monaten zu erhalten. Die Empfehlung gilt für Personen ab zwölf Jahren. Auch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA rät zu einem Abstand von drei Monaten.
    Menschen, die bislang nur einmal mit dem Vakzin von Johnson & Johnson geimpft wurden, sollten vor dem Booster eine Optimierung ihrer Grundimmunisierung vornehmen und sich mit einem mRNA-Impfstoff impfen lassen. Das kann bereits ab vier Wochen nach der Erstimpfung erfolgen. Auch hier sollte dann die dritte Impfdosis, also der eigentliche Booster, mit einem mRNA-Impfstoff durchgeführt werden – und zwar ebenfalls drei Monate nach der optimierten Grundimmunisierung.

    Dürfen sich Genesene boostern lassen?

    Ja. 
    Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums sollte allerdings Folgendes beachtet werden: 
    • Wer sich nach einer Impfung angesteckt hat, sollte erst sechs Monate nach der Infektion die Auffrischungsdosis erhalten. 
    • Wer sich vor der ersten Impfung angesteckt hat und danach geimpft wurde, soll sechs Monate nach der ersten Impfung den Booster bekommen. 

    Wie gut schützt die Auffrischungsimpfung vor Omikron?

    Derzeit beherrscht die Omikron-Variante mit dem Subtyp BA.5 das Infektionsgeschehen in Deutschland – mit einer Abdeckung von 87 Prozent (RKI-Wochenbericht - KW 28/2022)
    Omikron hat damit andere Varianten fast vollständig verdrängt. 
    Zwar schützt die Auffrischungsimpfung nicht vollständig vor einer Omikron-Infektion, sie erhöht aber den Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf und vor einer Hospitalisierung gegenüber der Erst- und Zweitimpfung, wie Daten aus England Anfang 2022 zeigen.

    Wie lange hält die Booster-Impfung?

    Die STIKO und das Robert-Koch-Institut machen bislang keine Angaben dazu, wie lange die Auffrischungsimpfungen ihre Wirkung behalten. Aus der Fachwelt finden sich dazu unterschiedliche, teilweise gegensätzliche Aussagen. 
    Die Immunologin Christine Falk vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung sagte gegenüber dem niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, dass die Auffrischungsimpfung deutlich länger als drei Monate Schutz biete. „Die dritte Impfung sorgt für eine verstärkte Antikörper- und T-Zellantwort, die mit einem immunologischen Gedächtnis verknüpft ist. Dies hält länger als drei Monate (...).“ 
    Eine Studie, die im Fachmagazin „The Lancet Respiratory Medicine“ veröffentlicht wurde, hat Daten von mehr als 11.000 Patienten aus den USA analysiert, die wegen einer Atemwegsinfektion in eine Klinik eingewiesen wurden oder eine Notaufnahme aufgesucht haben. Für jene Fälle, bei denen nachweislich eine Corona-Infektion vorlag, haben die Wissenschaftler zwischen den Varianten Delta und Omikron unterschieden. Da Pfizer die Studie finanziert hat, wurde ausschließlich die Wirksamkeit des Impfstoffes von Biontech/Pfizer (Comirnaty) untersucht. 
    Eines der Ergebnisse: Drei Impfungen (also bis einschließlich erster Booster) gewährten innerhalb der ersten drei Monate nach der letzten Dosis hohen Schutz vor Krankenhauseinweisungen. Dies gilt für die Varianten Delta und Omikron. Nach Ablauf der drei Monate zeigte sich jedoch eine Abschwächung des Schutzes vor der Omikron-Variante – auch in Hinsicht auf das Risiko der Hospitalisierung. 
    Eine weitere Studie mit mehr als einer Million Teilnehmenden aus dem „New England Journal of Medicine“ hat die Wirksamkeit von Comirnaty (Biontech/Pfizer) mit Fokus auf die vierte Dosis (zweiter Booster) untersucht. Demnach erhöhte die vierte Dosis den Schutz vor Infektion gegenüber der dritten Dosis – allerdings hatte sich dieser Vorsprung nach nur sechs Wochen wieder abgebaut. Der Schutz vor schweren Verläufen blieb jedoch auch nach diesem Zeitraum erhalten. 

    Wie ist der Stand bei angepassten Omikron-Impfstoffen?

    Die aktuell zugelassenen Impfstoffe wurden als Schutz vor dem Wildtyp des Sars-CoV-2-Virus entwickelt, der im Laufe der Pandemie durch infektiösere Varianten weitgehend verdrängt wurde. Weil die Omikron-Variante und ihre Subtypen deutlich mehr Mutationen aufweisen als etwa die zuvor grassierenden Varianten Delta oder Beta, entwickeln Pharmaunternehmen spezielle Omikron-Impfstoffe, die diese Genomveränderung berücksichtigen. Die bereits verfügbaren Impfstoffe schützen nach Ansicht von Experten jedoch weiterhin zuverlässig vor schweren Verläufen.
    Sowohl Moderna als auch Biontech/Pfizer zeigten sich bereits zufrieden mit den Ergebnissen der angepassten Impfstoffe. Derzeit rechnen Experten und die Politik mit einer Marktreife und Zulassung bis zum Herbst. Das Bundesgesundheitsministerium kündigte ebenfalls an, dass im Herbst mindestens zwei auf Virus-Varianten angepasste Impfstoffe zur Verfügung stehen. Es werde ausreichend Impfstoff zur Verfügung stehen, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Sowohl für die Virus-Variante BA.1 als auch für die Variante BA.5 würden angepasste Vakzine auf den Markt kommen. Mögliche kurzzeitige Nebenwirkungen der angepassten Impfstoffe sind laut der Unternehmen mit denen vergleichbar, die man von vorherigen Impfstoffen kennt. Bei seltenen Impfkomplikationen ist die Studienlage noch nicht eindeutig.
    Ein mögliches Problem: Nach Angaben von „Science Media Center“ vom 29. Juni 2022 enthalten die bislang in Tests modifizierten Impfstoffe (von Biontech/Pfizer) ausschließlich eine BA.1-Komponente von Omikron, die bekanntlich erst von BA.2 und später von BA.5 verdrängt wurde. 
    Auch der Tübinger Infektiologe Peter Kremsner wies im Deutschlandfunk darauf hin, dass weitere Verzögerungen im Zulassungsprozess entstehen könnten, sollten die aktuell dominierenden Subtypen BA.4 und BA.5 ebenfalls in die Entwicklung mit einbezogen werden.
    Allerdings: In Untersuchungen mit Mäusen (wenn auch nur mit acht Individuen) wurden bereits Impfstoffe getestet, die Komponenten von BA.4 und BA.5 enthielten. Dort konnte der modifizierte Impfstoff mehr neutralisierende Antikörper generieren als der bisherige. 

    Wie läuft die Impfkampagne derzeit?

    Nach Angaben von Impfdashboard.de haben 61,8 Prozent (51,4 Mio. Menschen) der Bevölkerung Deutschlands eine zusätzliche Auffrischungsimpfung erhalten (erster Booster). Die Quote der Personen mit einem zweiten Booster (vierte Impfung) liegt deutschlandweit bei 7,8 Prozent (6,5 Mio. Menschen).
     
    Derzeit (Stand 26.07.2022) sind 22,2 Prozent der Bevölkerung in Deutschland nicht geimpft (18,4 Millionen Menschen). Für 4 Millionen Menschen im Alter bis 4 Jahren steht bislang kein zugelassener Impfstoff zur Verfügung. 
    Quellen: The Lancet Respiratory Medicine, New England Journal of Medicine, Bundesministerium für Gesundheit, Science Media Center, Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, RKI, STIKO, Volkart Wildermuth, Christina Sartori, Arndt Reuning, dpa, AP, pto, cp, jma