Corona-AuffrischungsimpfungenWarum die Booster-Dosis sinnvoll ist

Die Zahl der Corona-Infektionen in Deutschland steigt rasant, und auch Impfdurchbrüche mehren sich. Die STIKO empfiehlt, dass alle Erwachsenen sich eine dritte Dosis eines mRNA-Imfpstoffs geben lassen. Für Diskussionen sorgt noch der Abstand zur Grundimmunisierung.

18.11.2021

Impdosen mit unbestimmten Impfstoff stehen auf einem Globus
Der Impfschutz einer Corona-Impfung lässt mit der Zeit etwas nach. Deshalb wird bereits seit Monaten über eine dritte Impfung diskutiert. Die dritte Dosis soll dem nachlassenden Immunschutz vorbeugen, denn durch den sogenannten Booster können sich deutlich mehr Antikörper gegen das Coronavirus bilden.

Wer hat Anspruch auf eine Auffrischungsimpfung?

Einen Anspruch auf eine Booster-Impfung hat jeder, der mindestens zwölf Jahre alt ist und seinen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland hat. Das galt auch schon, bevor die STIKO den Booster für alle empfohlen hat. Rechtsgrundlage ist die Corona-Impfverordnung in der geänderten Fassung von Ende August.
Dort ist in Paragraf 2 ausdrücklich festgehalten, dass der Anspruch auf eine Impfung gegen Sars-CoV-2 auch Folge- oder Auffrischungsimpfungen umfasst. Dabei müssen lediglich die von der STIKO empfohlenen Impfabstände eingehalten werden. Das sind momentan sechs Monate nach Abschluss der ersten Grundimmunisierung, im Einzelfall aber auch früher.

Für wen wird die Auffrischungsimpfung empfohlen?

Am 18. November hat die STIKO die Corona-Auffrischungsimpfung für alle über 18 Jahre empfohlen. Die Impfung soll mit einem sogenannten mRNA-Impfstoff und im Regelfall sechs Monate nach Abschluss der zweiten Spritze der Grundimmunisierung erfolgen. Im Einzelfall könne sie auch bereits nach fünf Monaten erwogen werden, teilte die STIKO mit. Weiter hieß es, ein entsprechender Beschlussentwurf sei zur Abstimmung an Fachkreise und Bundesländer gegangen, daher seien Änderungen noch möglich. Es handele sich noch nicht um eine finale STIKO-Empfehlung.
Im Oktober hatte die STIKO bereits eine Empfehlung zur Auffrischung für Menschen ab 70 Jahren sowie für Pflege- und anderes medizinisches Personal ausgesprochen. Zur Begründung hieß es damals, dass der Impfschutz nach einer zweimaligen Corona-Grundimmunisierung "mit der Zeit insbesondere in Bezug auf die Verhinderung asymptomatischer Infektionen und milder Krankheitsverläufe nachlässt". Im höheren Alter falle die Immunantwort nach der Impfung zudem insgesamt geringer aus und sogenannte Impfdurchbrüche, also Erkrankungen trotz vollständiger Impfungen, könnten häufiger auch zu einem schweren Krankheitsverlauf führen.
Auch die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) empfiehlt für Risikogruppen eine Auffrischungsimpfung mit mRNA-Vakzinen. Wie die EMA in Amsterdam Anfang Oktober 2021 mitteilte, sollten Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem frühestens nach 28 Tagen eine dritte Dosis erhalten können. Für Personen mit einem normal arbeitenden Immunsystem könne eine sogenannte Booster-Impfung ab einem Alter von 18 Jahren und mindestens sechs Monate nach der zweiten Dosis in Betracht gezogen werden.

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Der Vorsitzende der STIKO, Thomas Mertens, betonte im Oktober im Deutschlandfunk: "Je mehr alte Menschen, über 70-Jährige wir haben, die nicht ausreichend aufgefrischt sind, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass von denen auch einige schwer erkranken, und das führt dann immer zu dem Problem der intensivmedizinischen Versorgung und gegebenenfalls leider auch zu Todesfällen."
Am 8.11.2021 stellte die STIKO dann klar, dass mittelfristig auch alle anderen Grundimmunisierten eine Auffrischung erhalten sollen. STIKO-Chef Mertens betonte allerdings weiter, dass die Auffrischungsimpfungen älterer Menschen Vorrang haben sollten.
Debatte um altersunabhängige Impfung
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn rief schon Ende Oktober alle Bürger zu einer Auffrischungsimpfung auf und zwar altersunabhängig. "Boostern Sie Ihren Impfschutz für den Winter", zitierte das Bundesgesundheitsministerium Spahn in einer Twitter-Mitteilung, Impfstoff sei genug für alle da. "Aktuelle Daten aus Israel zeigen, dass das Boostern einen ganz entscheidenden Unterschied macht, um die vierte Welle zu brechen", sagte Spahn der "Bild am Sonntag" am 31. Oktober. Aktuell reiche das Booster-Tempo in Deutschlands Praxen aber nicht.
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Die Hausärzte hatten Spahns Werbung für eine Auffrischungsimpfung für alle kritisiert. Der Impfkampagne sei nicht geholfen, wenn vor jeder Praxis täglich hundert junge Menschen ohne Risikofaktoren stünden, sagte Markus Beier (30.10.2021), Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, im Dlf.
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Weitere Impfung auch bei Johnson & Johnson
Die STIKO hatte im Oktober außerdem eine weitere Impfung für Menschen empfohlen, die mit dem Vakzin von Johnson & Johnson geimpft wurden. Grund dafür sind eine überdurchschnittliche Zahl an Impfdurchbrüchen und die vergleichsweise geringe Schutzwirkung gegen die Delta-Variante. Wer mit dem Einmal-Impfstoff geimpft wurde, soll sich etwa vier Wochen danach mit einem mRNA-Impfstoff impfen lassen. Das gilt sowohl für ältere als auch jüngere Menschen.

Wie lange reicht der Schutz nach einer zweiten Impfung?

Bei immungesunden Menschen mittleren Alters, die eine vollständige Grundimmunisierung haben, sei der Schutz vor schwerer Erkrankung weiterhin sehr gut, betonte der STIKO-Vorsitzende Mertens im Gespräch mit dem Dlf. "Das zeigen sehr viele, insgesamt fast 20 internationale Studien, sodass hier in dieser Altersgruppe die Auffrischimpfung im Augenblick nicht dringlich ist."
Bei Menschen über 60 Jahren erhöht eine Corona-Auffrischungsimpfung allerdings die Schutzwirkung des Biontech-Vakzins einer Studie zufolge beträchtlich. So habe es bei Zweifach-Geimpften in Israel mehr als zehn Mal so viele nachgewiesene Infektionen und knapp 20 Mal mehr schwere Erkrankungen gegeben als bei Dreifach-Geimpften, schrieben israelische Forscher im September "New England Journal of Medicine". In der Studie wurden Daten von mehr als einer Million Senioren in Israel berücksichtigt.
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Eine weitere Studie zur Booster-Impfung wurde im Fachmagazin "The Lancet" veröffentlicht. In der Untersuchung aus Israel haben Forscher mehr als 700.000 Personen beobachtet, die eine dritte Dosis des Biontech-Impfstoffs erhalten hatten. "Die haben sie dann mit exakt gleich vielen Doppelt-Geimpften verglichen. Also mit einer Kontrollgruppe und damit tatsächlich eine sehr breite Datenbasis", erläuterte Wissenschaftsjournalist Piotr Heller im Dlf. Das Ergebnis der Studie schilderte Heller so: "Das Risiko für einen schweren Verlauf oder einen Krankenhausaufenthalt ist für die Dreifach-Geimpften im Vergleich zu den Doppelt-Geimpften nochmals um über 90 Prozent gesunken. Und das Risiko, mit Covid zu sterben ist um über 80 Prozent runter."
Zugleich betonte der Wissenschaftsjournalist, dass für jüngere Geimpfte das Risiko für einen schweren Verlauf ohnehin geringer sei. Heller: "Bei den Unter-40-Jährigen gab es auch ohne Booster kaum schwere Fälle. Da kann man keine solche Verbesserung messen." Der Nutzen einer Booster-Impfung könnte insofern für Menschen ab 60 besonders groß sein.
Bei Jüngeren werden vor allem Ansteckungen verhindert
Laut einer Studie mit Daten aus Israel hat sich gezeigt, dass der Immunschutz des Körpers über einen Zeitraum von sechs Monaten nachlässt, und zwar in allen untersuchten Altersgruppen. Da steigt die Infektionsrate im Lauf der Zeit an, erklärte Wissenschaftsjournalist Arndt Reuning, und zwar umso mehr, je länger die Impfung zurückliegt. Für schwere Verläufe gilt das zwar auch, aber nicht ganz so stark.
Mit einer Verstärkungsimpfung für jüngere Menschen könnte man vor allem Ansteckungen verhindern, erklärte Reuning. Und das könnte für Menschen von Bedeutung sein, die im Krankenhaus oder im Pflegeheim arbeiten – damit sie nicht die besonders anfälligen Bewohner infizieren. Aber hier setzt dann sowieso eine Debatte über eine Impfpflicht ein. Denn ein gewisser Prozentsatz der Pflegekräfte ist ja offenbar überhaupt nicht geimpft.
Welche globalen Pläne gibt es für die Dritt-Impfung?
Auffrischungs- bzw. Booster-Impfungen laufen bereits in mehreren Ländern. In Israel haben alle Geimpften die Möglichkeit, frühestens fünf Monate nach der zweiten Dosis eine Auffrischungsimpfung zu bekommen. In den USA wurde eine Impfauffrischung bei Personen über 65 Jahren sowie bei Menschen mit bestimmten medizinischen Einschränkungen und in Hochrisikoberufen empfohlen.
Der Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, hatte ein Moratorium für Booster-Impfungen gefordert, "damit zehn Prozent der Bevölkerung in allen Ländern geimpft werden können". Denn Drittimpfungen in den Industrieländern verlangsamen die ohnehin nur schleppend verlaufenden Impfkampagnen im globalen Süden. Mitte November haben im globalen Durchschnitt zwar über die Hälfte der Menschheit mindestens eine Dosis eines Coronaimpfstoffs erhalten. Aber 30 Länder liegen unter fünf Prozent, die meisten davon in Afrika.
Eine Möglichkeit wäre, Drittimpfungen nur zu verabreichen, sollte ein Antikörpertest tatsächlich Schwächen in der Immunantwort anzeigen. Ein schnelles Fortschreiten der globalen Impfprogramme wäre nicht nur aus ethischen Gründen wichtig, sondern auch, um die Entstehung von Virusvarianten zu verlangsamen, die den Immunschutz weiter untergraben könnten. Um das langfrisig abzusichern, braucht es natürlich auch global flächendeckend Dritt-Impfungen - doch dahin ist es noch ein weiter weg.

Wissenswertes zum Coronvirus
Coronavirus
Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)
(Quellen: Volkart Wildermuth, Christina Sartori, "New England Journal of Medicine", Arndt Reuning, dpa)