Samstag, 28. Januar 2023

Neuer Booster
Wie wirksam sind die an Omikron angepassten Impfstoffe?

In Deutschland hat die seit Mitte Juni dominierende Omikron-Linie BA.5 andere Varianten fast vollständig verdrängt. Inzwischen gibt es Impfstoffe, die an die Omikron-Varianten angepasst sind. Die STIKO empfiehlt diese für eine Booster-Impfung. Wie gut schützen die neuen Vakzine?

09.12.2022

    Schild mit der Aufschrift "Booster-Impfung"
    Im Kampf gegen das Corona-Virus gilt als ein sinnvolles Mittel die Booster-Impfung (imago images/Bihlmayerfotografie)
    Die Wirksamkeit einer Corona-Impfung lässt mit der Zeit nach. Eine dritte Dosis (erster Booster) soll dem schwindenden Immunschutz vorbeugen, denn durch eine Auffrischung können sich deutlich mehr Antikörper gegen das Virus bilden. Inzwischen gibt es aber schon die vierte Impfung, also eine zweite Booster-Dosis – allerdings gilt die Empfehlung dafür momentan nur für bestimmte Gruppen. Auch die Zulassung der neuen Impfstoffe hat an der STIKO-Empfehlung nichts geändert. Wegen der Omikron-Variante ist die Frage nach der Auffrischung dringlicher geworden. Innerhalb nur weniger Wochen wurden bereits drei, an unterschiedliche Omikron-Subvarianten angepasste, Impfstoffe freigegeben.

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    Wie ist der Stand bei angepassten Omikron-Impfstoffen?

    Nur circa zwei Wochen nachdem die Europäische Kommission zwei Impfstoffe zugelassen hatte, die an die Omikron-Variante BA.1 angepasst sind, wurde Mitte September 2022 erneut grünes Licht gegeben: Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat die Zulassung für einen Impfstoff von Biontech/Pfizer erteilt, der besonders gut gegen die Variante BA.5 schützen soll, aber auch gegen BA.4. Es handelt sich hierbei um angepasste bivalente Vakzine, die sich neben der ursprünglichen Variante auch gegen die Virusvarianten BA.1 beziehungsweise BA.4 und die sehr stark verbreitete Omikron-Sublinie BA.5 richten.
    Die Verbreitung der Varianten BA.5 und BA.4 beträgt hierzulande circa 98 Prozent. Der an BA.1 angepasste Impfstoff, welcher erst Anfang September in Europa zugelassen wurde, werde nun nicht mehr benötigt, sagte der Infektiologe Peter Kremsner im Dlf.
    Allerdings: Nur die nun faktisch veralteten Booster-Impfstoffe gegen BA.1 wurden auch in klinischen Studien erprobt. Beim jüngst freigegebenen Impfstoff gegen BA.4 und BA.5 wurden bei der EMA-Entscheidung keine Daten zur Wirksamkeit und Nebenwirkungen berücksichtigt, die an Menschen gewonnen worden wären. Der Infektiologe Kemsner geht aber davon aus, dass der neue Impfstoff in ähnlichem Maße verträglich sei wie das Ursprungsvakzin.

    Wem wird aktuell eine vierte Impfung empfohlen (zweiter Booster)?

    In dieser Frage sind sich verschiedene Akteure aus Wissenschaft und Politik uneinig – vor allem, was das Mindestalter angeht. Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC sowie die EU-Arzneimittelbehörde EMA raten allen Bürgerinnen und Bürgern, die älter als 60 Jahre sind, zu einer zweiten Auffrischungsimpfung.
    In Deutschland zieht die Ständige Impfkommission (STIKO), die auf nationaler Ebene für Empfehlungen zuständig ist, die Altersgrenze seit dem 18. August 2022 ebenfalls bei 60 Jahren. In ihrer Empfehlung heißt es, Menschen in dieser Altersgruppe und im Alter ab fünf Jahren mit einem erhöhten Risiko für schwere Covid-19-Verläufe infolge einer Grunderkrankung sollten einen weiteren Booster erhalten. Bedingung für die Auffrischung ab diesem Alter sei im Regelfall, dass die erste Booster-Impfung oder die letzte Corona-Infektion mindestens sechs Monate her sei. Ebenfalls angeraten wird die Viert-Impfung für Beschäftigte im Gesundheitswesen und Pflegeeinrichtungen. 
    Mit den nun zugelassenen auf die Omikron-Variante angepassten Impfstoffen hat sich die Empfehlung der STIKO zum Boostern nicht geändert. Auch wenn derzeit BA.4 und BA.5 die dominierenden Varianten sind, empfiehlt die STIKO für einen Booster alle angepassten Vakzine - den an BA.4 und BA.5 angepassten wie auch jenen an BA.1 angepassten. Entscheidend bei den neuzugelassenen Impfstoffen ist demnach die Anpassung auf Omikron und nicht mehr auf den Wildtyp des Coronavirus.
    Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery forderte im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sogar eine STIKO-Empfehlungen für noch jüngere Menschen. Unter-60-Jährige, deren letzte Impfung oder Infektion mindestens sechs Monate zurückliegt, sollten auf Wunsch eine zweite Auffrischimpfung bekommen können.

    Wem werden drei Impfungen geraten (erster Booster)?

    Seit dem 13. Januar 2022 empfiehlt die STIKO die Corona-Auffrischungsimpfung (dritte Impfung) für alle Personen über zwölf Jahren. Die Booster-Impfung soll mit einem mRNA-Impfstoff erfolgen. Für Personen unter 30 Jahren und Schwangere ab dem zweiten Trimenon beschränkt sich die Empfehlung ausschließlich auf den Impfstoff von Biontech/Pfizer, für alle weiteren Menschen seien die Vakzine von Biontech und Moderna gleichermaßen geeignet.
    Wegen der Omikron-Variante rät die STIKO dazu, die Booster-Dosis bereits nach mindestens drei statt nach sechs Monaten zu erhalten. Die Empfehlung gilt für Personen ab zwölf Jahren. Auch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA rät zu einem Abstand von drei Monaten.
    Menschen, die bislang nur einmal mit dem Vakzin von Johnson & Johnson geimpft wurden, sollten vor dem Booster eine Optimierung ihrer Grundimmunisierung vornehmen und sich mit einem mRNA-Impfstoff impfen lassen. Das kann bereits ab vier Wochen nach der Erstimpfung erfolgen. Auch hier sollte dann die dritte Impfdosis, also der eigentliche Booster, mit einem mRNA-Impfstoff durchgeführt werden – und zwar ebenfalls drei Monate nach der optimierten Grundimmunisierung.

    Dürfen sich Genesene boostern lassen?

    Ja. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums sollte allerdings Folgendes beachtet werden: 
    • Wer sich nach einer Impfung angesteckt hat, sollte erst sechs Monate nach der Infektion die Auffrischungsdosis erhalten. 
    • Wer sich vor der ersten Impfung angesteckt hat und danach geimpft wurde, soll sechs Monate nach der ersten Impfung den Booster bekommen. 

    Wie gut schützt die nicht-angepasste Auffrischungsimpfung vor Omikron?

    Seit Juni 2022 beherrscht die Omikron-Variante mit dem Subtyp BA.5 das Infektionsgeschehen in Deutschland und hat damit andere Varianten fast vollständig verdrängt. 
    Zwar schützt die herkömmliche, noch nicht an Omikron angepasste Auffrischungsimpfung nicht vollständig vor einer Omikron-Infektion, aber auch sie erhöht den Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf und vor einer Hospitalisierung gegenüber der Erst- und Zweitimpfung, wie Daten aus England Anfang 2022 zeigen.
    Die angepassten Impfstoffe enthalten zur Hälfte das Spike des ursprünglichen Wuhan-Virus und zur Hälfte entweder das von BA.1 oder das von BA.4/5. Beim BA.1-angepassten Impfstoff zeigen Daten aus einer klinischen Studie mit zusammen rund 3.000 Probanden: Es bilden sich erheblich mehr Antikörper und sie wirken im Labor deutlich breiter, zum Teil auch gegen BA.4/5. Der neue Impfstoff gegen BA.4/5 wurde bislang nur in Tierversuchen erprobt. Da wirkt er besser gegen BA.4/5 als die anderen Impfstoffe. In der Praxis dürfte der Unterschied aber nicht so groß sein, zumal unklar ist, welche Variante im Herbst umgehen wird. Die Immunologin Christine Falk, nicht Mitglied der STIKO, aber Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung, sagt, entscheidend ist die Anpassung an Omikron generell. Das BA.1 und BA.5 Spike unterscheiden sich nur an drei von rund 1.300 Positionen, deshalb überlappe sich die Schutzwirkung beider Vakzine zum großen Teil.

    Wie lange hält die Booster-Impfung?

    Die STIKO und das Robert-Koch-Institut machen bislang keine Angaben dazu, wie lange die Auffrischungsimpfungen ihre Wirkung behalten. Aus der Fachwelt finden sich dazu unterschiedliche, teilweise gegensätzliche Aussagen. 
    Die Immunologin Christine Falk vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung sagte gegenüber dem niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, dass die Auffrischungsimpfung deutlich länger als drei Monate Schutz biete. „Die dritte Impfung sorgt für eine verstärkte Antikörper- und T-Zellantwort, die mit einem immunologischen Gedächtnis verknüpft ist. Dies hält länger als drei Monate.“ 
    Eine Studie, die im Fachmagazin „The Lancet Respiratory Medicine“ veröffentlicht wurde, hat Daten von mehr als 11.000 Patienten aus den USA analysiert, die wegen einer Atemwegsinfektion in eine Klinik eingewiesen wurden oder eine Notaufnahme aufgesucht haben. Für jene Fälle, bei denen nachweislich eine Corona-Infektion vorlag, haben die Wissenschaftler zwischen den Varianten Delta und Omikron unterschieden. Da Pfizer die Studie finanziert hat, wurde ausschließlich die Wirksamkeit des Impfstoffes von Biontech/Pfizer (Comirnaty) untersucht. 
    Eines der Ergebnisse: Drei Impfungen (also bis einschließlich erster Booster) gewährten innerhalb der ersten drei Monate nach der letzten Dosis hohen Schutz vor Krankenhauseinweisungen. Dies gilt für die Varianten Delta und Omikron. Nach Ablauf der drei Monate zeigte sich jedoch eine Abschwächung des Schutzes vor der Omikron-Variante – auch in Hinsicht auf das Risiko der Hospitalisierung. 
    Eine weitere Studie mit mehr als einer Million Teilnehmenden aus dem „New England Journal of Medicine“ hat die Wirksamkeit von Comirnaty (Biontech/Pfizer) mit Fokus auf die vierte Dosis (zweiter Booster) untersucht. Demnach erhöhte die vierte Dosis den Schutz vor Infektion gegenüber der dritten Dosis – allerdings hatte sich dieser Vorsprung nach nur sechs Wochen wieder abgebaut. Der Schutz vor schweren Verläufen blieb jedoch auch nach diesem Zeitraum erhalten. 

    Was könnten Schleimhaut-Impfstoffe leisten?

    Schleimhaut-Impfstoffe werden in die Nase oder in den Mund gesprüht. Sie treffen also da auf den Körper, wo auch das Coronavirus eindringt. Und das könnte helfen, um nicht nur Schutz vor schweren Krankheitsverläufen sondern auch vor der Ansteckung mit dem Coronavirus aufzubauen. Denn Schleimhaut-Impfstoffe führen dazu, dass der Körper IgA-Antikörper bildet, die dann direkt auf den Schleimhäuten sitzen und das Virus abfangen können.
    Russland, China und Indien haben bereits Schleimhaut-Impfstoffe zugelassen. Zur Wirksamkeit haben die Hersteller aber noch keine vollständigen Daten geliefert. Die Phase-3-Studien der Impfstoffe aus China und Indien sind zwar abgeschlossen, aber noch nicht öffentlich einsehbar. Wie viel Immunität also an den Schleimhäuten erzeugt wird, ist noch nicht klar.

    Wie läuft die Impfkampagne derzeit?

    Nach Angaben des Impfdashboards des Bundesgesundheitsministeriums haben über 60 Prozent der Bevölkerung Deutschlands eine zusätzliche Auffrischungsimpfung erhalten.
     
    Quellen: The Lancet Respiratory Medicine, New England Journal of Medicine, Bundesministerium für Gesundheit, Science Media Center, Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, RKI, STIKO, Volkart Wildermuth, Christina Sartori, Arndt Reuning, dpa, AP, pto, cp, jma