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CSU-Landesgruppe
Seehofers Statthalter in Berlin

Gerda Hasselfeldt und Max Straubinger bilden die Spitze der CSU-Landesgruppe. Der kleinste Partner in der Großen Koalition ist nur stark, wenn er geschlossen auftritt. Dazu muss das Duo aber nicht nur die 56 Abgeordneten in Berlin im Blick haben, sondern auch München und Horst Seehofer.

Von Katharina Hamberger | 28.10.2014

Die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe, Gerda Hasselfeldt läutet eine Glocke, neben ihr sitzt der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe, Max Straubinger.
Gerda Hasselfeldt und Max Straubinger bilden die Spitze der CSU-Landesgruppe (picture-alliance/ dpa/ Andreas Gebert)
Max Straubinger, der Parlamentarische Geschäftsführer und Gerda Hasselfeldt, die Chefin der CSU-Landesgruppe im Bundestag stehen im Werk eines bayerischen Autoherstellers mitten in Niederbayern – und schauen fasziniert den Roboterarmen zu, die sich heben und senken. Sie befinden sich mit Berliner Journalisten in Straubingers Wahlkreis. Wenn sie so nebeneinander stehen, sieht man: Das Duo, das die Spitze der CSU-Landesgruppe bildet, ist fast gleich groß. Hasselfeldt ist 2009 im Amt, Straubinger seit dieser Legislaturperiode:
Straubinger: "Also ich empfinde es als gute Zusammenarbeit und auch als Ergänzung – ich habe natürlich viel mit Organisation zu tun."
Hasselfeldt ergänzt, sie hätten auch ein enges Vertrauensverhältnis:
"... das sich auch dann auswirkt, wenn es um die Geschlossenheit der Landesgruppe insgesamt geht."
Die CSU-Landesgruppe ist der kleinste Partner in der Großen Koalition. Stark ist sie nur, wenn sie geschlossen auftritt. Aber Hasselfeldt und Straubinger müssen nicht nur die 56 Abgeordneten im Blick haben. Da ist auch noch München - und Horst Seehofer. Würde der Parteivorsitzende sich zwischen die beiden stellen – er würde sie mit seinen 1,93 Meter um einen ganzen Kopf überragen. Die Größe ist nicht der einzige Unterschied.
Straubinger: "Manches Gelingen liegt manchmal auch darin, nicht vielsprecherisch in die Öffentlichkeit gegangen zu sein, sondern beharrlich Ziele zu verfolgen. Und das Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren, gebietet manchmal auch Zurückhaltung zu üben in öffentlichen Verlautbarungen."
Hasselfeldt: "Wir sind beide keine Egozentriker. Es geht uns nicht darum, dass wir im Mittelpunkt stehen."
Nicht auf Reviergehabe angewiesen
Solche Sätze aus dem Munde Seehofers oder mach anderem CSU-Politiker - eher ein Ereignis mit Seltenheitswert. Straubinger und Hasselfeldt verbindet ihr Naturell. Sie müssen in Berlin erklären, was München will und gleichzeitig in München erklären, was Berlin nicht will und was nicht geht. Wer in Seehofers großem Schatten steht, dem gelingt dieser Drahtseilakt wohl kaum. Aber die Berliner CSU-Spitze wirkt so, als würde sie Seehofers Schatten zwar wahrnehmen, aber sich von ihm die Sonne nicht wegnehmen lassen. Was nicht heißt, dass christsoziale Parolen wie "wer betrügt der fliegt" in Berlin verwässert werden. CSU bleibt CSU. Aber Straubinger und Hasselfeldt sind auf Reviergehabe nicht mehr angewiesen.
"In der Jungen Union hab ich vielleicht manchmal ganz anders gekämpft und man hat auch unterschiedlichste Erfahrungen erlebt - auch Niederlagen verdauen müssen. Ich wollte mal zweiter Bürgermeister werden. Das ist mir nicht gelungen. Und hinterher hat mir der erste Bürgermeister den Rat gegeben: Und jetzt gehst du mit ins Wirtshaus und schluckst es runter und aus. Und das glaube ich, war ein guter Rat."
Niederbayern ist Straubingers Heimat
Straubinger hat in Bayern einen Hof - sechs Hektar Land. Sein Wahlkreis umfasst die Landkreise Rottal-Inn und Dingolfing-Landau. Er kennt hier jeden Grashalm, fast jeden den er trifft, wird geduzt. Berlin ist schon auch schön, sagt er, aber Niederbayern ist seine Heimat. Er ist der Prototyp des bayerischen Politikers. Schnauzbart, akkurat geschnittenes Haar, die Krawatte fällt nicht unbedingt senkrecht nach unten:
"Also der Max Straubinger, der isst lieber Leberkäs und Pressack und ich bevorzuge Fisch."
Sagt Hasselfeldt, die auch ihre Wurzeln in Niederbayern hat - wie immer trägt sie ein farblich abgestimmtes Ensemble, passende Schuhe, passenden Lippenstift. Kleidung scheint ihr durchaus wichtig zu sein. Aus Sicht von Straubinger hat sie noch einen Unterschied vergessen:
"Fußball ist trotzdem, dass ich ein 60er-Fan bin, und eigentlich als Fußball-Unsachverständiger gelte, trotzdem immer noch besser angesiedelt als bei der Frau Landesgruppenvorsitzenden."
Hasselfeldt sagt, sie interessiere sich schon dafür:
"Aber ich verstehe relativ wenig davon."
Auch technikaffin ist sie weniger. Während sie schweigend durch die Fabrikhallen des großen Autobauers geht, erklärt Straubinger:
"Da wird geschweißt da drüben."
"Wo?"
"Da, da wo das Rote, jetzt haben sie ihn gesehen, da ist ein roter Punkt gewesen. Da wird Punktgeschweißt."
Desinteresse ist es aber bei Hasselfeldt nicht, das sie schweigen lässt, eher die Faszination. Bei Fußball und Technik ist es bei ihr wie auch in der Politik. Ungern sagt sie etwas über Dinge, über die sie nur wenig weiß. Wer aber nicht unbedingt Schlagzeilen produzieren will, wie Hasselfeldt und Straubinger, der tut sich aber auch schwer mit der medialen Aufmerksamkeit. Manchmal, weil die feinen aber bissigen Zwischentöne überhört werden, manchmal aber auch, weil man an so viel harmonische Zusammenarbeit nicht glauben möchte. Auch mancher in der CSU würde sich wünschen, dass mal auf den Tisch gehauen wird.
Hasselfeldt: "Ich habe es natürlich gelegentlich über mehrere Ecken gehört. Im persönlichen Umgang nicht, weil man dann natürlich wieder klein bei gibt."
Und Straubinger beweist, dass es ihm an Selbstbewusstsein nicht fehlt. Das ist dann doch wieder irgendwo typisch CSU – mia san mia:
"Man muss uns nehmen, wie wir sind."
Aber Gerda Hasselfeldt weist - mal wieder sehr dezent - darauf hin, dass aus ihrer Sicht, die Art, wie die CSU in Berlin agiert, nicht ganz verkehrt sein kann – manchmal ist eben nicht unbedingt die körperliche Größe entscheidend.
"Wir haben ein super Wahlergebnis bei der Bundestagswahl erreicht. Ein besseres übrigens noch als bei der Landtagswahl."