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StartseiteEuropa heuteDas Erbe der russischen Kriegsgefangenen 09.11.2018

Das Ende des Grauens 1918 (5/5)Das Erbe der russischen Kriegsgefangenen

Als Italien Österreich-Ungarn den Krieg erklärte, entstand eine neue Front, mitten durch die Alpen. Über bestimmte Details des Kriegs in den Bergen wurde lange Zeit ungern gesprochen. Zum Beispiel über das Leid der vielen Kriegsgefangenen, von denen viel an Erschöpfung und Unterernährung starben.

Von Gerwald Herter

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Monument aus dem Ersten Weltkrieg bei Klausen. (Deutschlandradio / Gerwald Herter)
Bei Klausen erinnert ein Monument an die k.u.k.-Militärs und Generalstabschef Conrad von Hötzendorff (Deutschlandradio / Gerwald Herter)
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Rechts und links der Straße zwischen Klausen und Sankt Ulrich liegen Obstplantagen an den steilen Hängen. Das Bewässerungssystem zischt vor sich hin. Die meisten Grödner wissen, dass diese Trasse im Ersten Weltkrieg nicht für diese Straße, sondern für eine Schmalspurbahn erbaut worden ist.

Österreichisch-ungarische Soldaten und Kriegsgefangene schufteten hier, um die Bahn rasch in Betrieb zu nehmen und so die Versorgung der Kämpfer an der Dolomitenfront zu sichern. Eine kleine Eisenbahnbrücke ist noch erhalten geblieben, weil die Straße daneben verläuft. Ein paar Teile des alten Geländers rosten vor sich hin, etwa zwanzig Meter weiter oben, am Rande eines kleinen Waldes, ist ein Denkmal zu erkennen.

Kriegsgefangenen starben an Erschöpfung und Unterernährung

Ein großer Adler. Die Inschrift würdigt die Verdienste der k.u.k.-Militärs und des Generalstabschefs Conrad von Hötzendorff. Dieses Monument wurde noch in den Kriegsjahren eingeweiht, angeblich das erste Betondenkmal in ganz Südtirol. Später ist es durch eine Bronzetafel ergänzt worden. Auf Deutsch, Italienisch, Ladinisch - und auch auf Russisch wird immerhin hier an die 6.000 Kriegsgefangenen erinnert, von denen viele während der Arbeiten an Erschöpfung, Unterernährung und bei Unfällen starben.

"Die Bahn fuhr genau zwischen diesem Pfarrhaus und der Kirche durch und da gab’s große Probleme. Das Pfarrhaus hatte Risse bekommen, die Geistlichen mussten ausziehen, es war baufällig geworden und und und."

Bahnbetrieb wurde 1960 eingestellt

Die 70-jährige Margreth Rungaldier-Mahlknecht kennt diese Geschichte nur aus dem Tagebuch ihrer Urgroßmutter, aber immerhin hat sie die Schmalspurbahn noch gesehen, als sie ein Kind war.

Die Grödnerin erinnert sich daran, wie sie mit ihren kleinen Geschwistern zum Beispiel Nägel auf die Eisenbahn-Schienen legte und wie sie dem Lokführer immer nachmittags um drei zuwinkte. 1960 wurde der Betrieb der Bahn eingestellt. Rungaldier-Mahlknecht weiß bis heute, wo die Eisenbahnstrecke durch Sankt Ulrich verlief. Das Haus ihrer Urgroßeltern steht ganz in der Nähe:

"Wenn Sie diese gelbe Front sehen, dann rechts davon, das ist das Arzthaus. Und das hatten sie in den 80er Jahren gebaut und sind dann 1890 da eingezogen und die Bahn fuhr genau unter dem Haus vorüber. Sie sehen jetzt so eine Strecke, leicht erkennbar. Das ist jetzt ein Promenadenweg, eine Luis-Trenker-Promenade, und die führt dann immer geradeaus mit einer ganz geringen Steigung bis dann weiter Sankt Christina und Wolkenstein und Plan ist die Endstation."

Austrüstung und Munition für die Front

Im Ersten Weltkrieg luden Soldaten und Zivilisten Ausrüstung und Munition dort auf Seilbahnen um. Sie führten bis aufs Grödner- und aufs Sellajoch hinauf und dann ging es weiter zur Front.

Filomena Prinoth, die Urgroßmutter von Margreth Rungaldier-Mahlknecht, war in ihrem Haus nahe der Versorgungslinie Augenzeugin des Geschehens. Sie war über die politische Lage besonders gut informiert. Hinzu kamen die Berichte ihres Ehegatten, der der einzige Arzt im ganzen Tal war. Prinoth hielt vieles davon in ihrem Tagebuch fest, ihre Urenkelin hat es vor Kurzem veröffentlicht. Die Schilderungen des Elends der Kriegsgefangenen, die die Eisenbahnlinie bauten, sind besonders erschütternd:

"Das hat mich persönlich am meisten beeindruckt und ich denke jetzt immer daran, wenn ich jetzt gemütlich da herauf kutschiere oder mit meinem Mountainbike da herauf fahre, dann denk‘ ich: Du, das haben die armen Leute damals ohne Schuhe, ohne Essen im Magen, in der Kälte ohne Kleidung mit Schaufel und Hacke ausgehoben. Also das ist ein Wahnsinn."

Tagebuch ist nicht zensiert worden

In ihrem Haus in Sankt Ulrich erzählt Margreth Rungaldier-Mahlknecht, dass sich russische Wintersport-Touristen von heute kaum für das Schicksal ihrer Landsleute interessieren, obwohl sie hier während des Ersten Weltkriegs im Einsatz waren.

Allerdings sind Historiker auf das Tagebuch aufmerksam geworden, weil es eine sehr wichtige Quelle für den Alltag der Kriegsjahre ist – und im Gegensatz zu den Zeitungsberichten ist das Tagebuch der Filomena Prinoth nicht zensiert worden. Rungaldier-Mahlknecht hat sich auch zur Veröffentlichung entschlossen, weil sie damit eine Botschaft verbindet:

"Ich hoffe, dass so ein Bericht von einer Frau und Mutter doch Eindruck macht und doch vielleicht den ein oder anderen wachrüttelt, und sagt: Schau mal, wie gut wir es haben, wir müssen dankbar sein, wir müssen das schätzen, wir müssen vielleicht auch ein bisschen bescheidener werden und wir müssen vor allem den Frieden pflegen. Denn man sieht, was aus Kriegen herauskommt, also, wenn man dann die ganzen Konsequenzen summiert, dann ist das eine einzige Tragödie."

Eine Produktion des Deutschlandfunk 2015

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