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StartseiteHistorische AufnahmenIdealisierter Schmerz08.10.2020

Das letzte Konzert von Fritz WunderlichIdealisierter Schmerz

Was hält sie seit Jahrzehnten wach, die weltweite Begeisterung für Fritz Wunderlich? Im letzten Konzert 1966 kann man das Wunder ergründen. Seine Stimme lässt den Schmerz der Gegenwart vergessen - und strahlt bis heute unübertroffen.

Am Mikrofon: Thilo Braun

Das Porträtbild eines lächelnden ca. 35-jährigen Mannes mit kurzen Haaren (schwarz-weiß). (Siegfried Lauterwasser/Deutsche Grammophon)
Seine Fangemeinde ist sich sicher: Einen Tenor wie ihn gab es nie - und wird es womöglich auch nie wieder geben. (Siegfried Lauterwasser/Deutsche Grammophon)
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Das Tondokument im Zentrum dieser Sendung ist im technischen Standard weit entfernt von allem, was wir gewohnt sind. Es knistert, rauscht und knackt. Es klingt dumpf und manchmal eiert es auch ein bisschen. Eine Zumutung. Doch schon nach 18 Sekunden scheinen alle diese Fehler nichtig: denn dort ist ein Strahlen, ein Glanz, eine Stimme, die nur einem gehören kann: Fritz Wunderlich. Woher kommt sie? Diese ungebremste Begeisterung für Fritz Wunderlich, und das seit Jahrzehnten? In den vergangenen Wochen, um seinen 90.Geburtstag Ende September, konnte man es wieder beobachten: Kaum spricht jemand den Namen aus, kaum postet da einer eine alte Plattenaufnahme in sozialen Netzwerken – da überschlagen sich schon die Kommentare: Ein kollektives Loben, Erinnern und Schwärmen beginnt, stets begleitet mit Reden von der "guten alten Zeit" und der Übereinkunft: Einen Tenor wie diesen gab es nie und wird es auch nie wieder geben. 

Ist das nachvollziehbar? Ist es angemessen? Oder erzählen solche Begeisterungschöre am Ende gar mehr über die Rückwärtsgewandtheit der Klassikwelt als über den Musiker Wunderlich selbst?

Diese Sternstunden-Sendung geht den Fragen nach. Und zwar am Beispiel einer Aufnahme, die wohl wie keine mit dem Mythos Wunderlich verknüpft ist: denn im Mittelpunkt steht der letzte von Fritz Wunderlich überlieferte Mitschnitt. Ein Liederabend in Edinburgh aus dem Jahr 1966. Ein paar Tage später stirbt Wunderlich, bei einem unglücklichen Unfall (ein Sturz von der Treppe) im Alter von nur 35 Jahren. Und so wird der Liederabend in Edinburgh im Rückblick zum Abschiedskonzert.

Fritz Wunderlich - der Romantiker

Fritz Wunderlich war ein Romantiker, durch und durch. Das Singen war ihm nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung, eine ernste, beinahe heilige Angelegenheit. Wie das "Nachtstück" von Franz Schubert ging er die meisten Kunstlieder an: im Timbre heldenhaft zitternd, mit kräftigem Passagio und einem würdevollen, gemessenen Tempo. Und mit der Kunst, über Minuten auf einem Höhepunkt, einem Spitzenton, zuzusteuern, an dem ihm dann endgültig das Publikum zu Füßen lag.

Ernst in der Sache bedeutet allerdings nicht, dass es nicht lustig zugehen durfte: im Gegenteil. Weggefährtinnen und -gefährten haben Fritz Wunderlich immer als humorvollen, zu Scherzen aufgelegten Menschen beschrieben. Im "leichten" Fach der Operette und Schlagerwelt fühlte Wunderlich sich als Interpret ebenfalls wohl. Vielleicht liegt das auch seiner Biografie: Als junger Mann zieht er singend und Akkordeon spielend durch die Kneipen in der Pfalz. Allerdings nicht aus reinem Vergnügen, sondern aus existenzieller Not heraus. Die Mutter ist arm, der Vater früh gestorben, das Geld meistens knapp. Auch das Studium an der Musikhochschule Freiburg soll er sich auf diese Weise ersungen haben.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf bekommt so auch die Heiterkeit einen Hauch von Tragik. Das leichte Fach, die vielen Scherze, das ausgelassene Feiern bis spät in die Nacht, das Freunde bezeugt haben: Vielleicht war das alles auch eine Bewältigungsstrategie? Ein Mittel, um die Schwere der Welt zu ertragen? 

Leiser, leiser, kleine Laute, 
Flüstre, was ich dir vertraute, 
Dort zu jenem Fenster hin! 
Wie die Wellen sanfter Lüfte 
Mondenglanz und Blumendüfte, 
Send' es der Gebieterin! 
  
So lautet die erste Strophe im Schubertlied "An die Laute". Der Text stammt vom romantischen Dichter Johann Friedrich Rochlitz, er hat diese Zeilen aufgeschrieben im Jahr 1805, über 160 Jahre bevor Fritz Wunderlich es gesungen hat. 

Von dieser zeitlichen Distanz zwischen Wunderlich und Rochlitz ist aber nichts zu hören. Im Gegenteil, Fritz Wunderlich singt diese Zeilen, als hätte er sie sich gerade erst ausgedacht. Wellen sanfter Lüfte, Mondenglanz, Blumen und Düfte – kein Klischeebild der Romantik scheint ihm zu süß, zu künstlich zu sein. Wunderlich hinterfragt nicht, er nimmt an. Er glaubt an das, was er singt.

Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum Wunderlich schon zu Lebzeiten so gefeiert wurde. Im Nachkriegsdeutschland, in einer von Krieg und Hungerjahren gebeutelten Gesellschaft, verkörpert er ein Überbleibsel besserer Zeiten. Durch diese Stimme, diesen heldenhaften Glanz reisen die Hörer zurück in eine Epoche, in der man noch unschuldig träumen durfte. Als der Glaube an den Humanismus, an die reinigende und erhebende Wirkung des Menschen durch Musik noch nicht widerlegt, zerstört, zerrissen war durch die Gewalttaten zweier Weltkriege. Wunderlich hören heißt, den Schmerz der Gegenwart zu vergessen – und stattdessen, zumindest für einen Moment, hinab zu tauchen in die Welt des romantischen Sehnens, des idealisierten Schmerzes. 

Das Kunstlied - eine Oper im Kleinformat?

Ein Kunstlied, sagen manche, sei eine Oper im Kleinformat. Auch hier gehe es um Heldengeschichten und emotionale Konflikte, um Liebesleid und Liebestod – nur eben kürzer, rascher, verdichteter. Im "Lied eines Schiffers an die Dioskuren" von Franz Schubert geht es um Treue. Das lyrische Ich verdeutlicht sie am Beispiel zweier Sterne: Castor und Pollux. Über diese Brüder aus der griechischen Mythologie gibt es tatsächlich eine Oper, geschrieben hat sie der französische Barockkomponist Jean-Philippe Rameau. Im Gegensatz zu Rameau schrieb Schubert seine Lieder aber nicht für eine Welt prunkvoller Bühnenbilder und Kostüme – sondern für die Kammer. Für kleine intime Konzerte in den Wohnzimmern des Bildungsbürgertums.

Wenn Fritz Wunderlich Schubertlieder singt, passt der Begriff "Oper im Kleinformat" trotzdem. Einerseits wegen der Dramatik, die er an den Tag legt. Ob eine Liebe realistisch, ob ein Schwärmen übertrieben ist – das spielt keine Rolle. Denn es ist ja gerade das Extrem dieser Empfindungen, die in seinen Interpretationen so fasziniert und fesselt. 

Die Wirkung erreicht er dabei nicht zuletzt – und das ist der andere opernhafte Aspekt – über eine brillante Gesangstechnik. Er orientiert an der italienischen Tradition des "bel canto". Kennzeichnend für diese Ästhetik ist das Legato, der ewige Stimm- und Vokalfluss. Diesen ewigen Klang, den beherrschte Fritz Wunderlich natürlich auch jenseits der Opernbühne, in der Gattung Lied. Die Melodie steht über allem – selbst über dem Text!

Hörbar wird das vor allem in seinen Studio-Produktionen, etwa der  Dichterliebe von Robert Schumann. Der Vergleich zu anderen Einspielungen seiner Zeit, allen voran Dietrich Fischer-Dieskau, zeigt: Fritz Wunderlich nimmt es mit den Details im Text nicht ganz so genau, denkt eher in großen musikalischen Bögen. Man kann das kritisieren: Wird dadurch nicht jedes Lied dem anderen ähnlich? Lebt nicht gerade das Kunstlied vom genauen Blick auf den Text? Davon, das die Stimme je nach der Bedeutung mal unterschwelligen Ärger, mal zischende Verachtung, mal stumpfe Freude in sich trägt? 

Über die Worte und Bilder hinaus spricht die Musik

Die Gegenüberstellung ist zugegebenermaßen vereinfacht und ein bisschen unfair, denn auch Fritz Wunderlich spielt mit Farben, Zwischentönen und Haltungen. Nur im Vergleich eben ein bisschen weniger. Und das ist auch überhaupt kein Makel. Denn so kommt etwas anderes zum Vorschein: die Komposition selbst. Über die Bedeutung der Worte und Bilder hinaus spricht die Musik.

Wer Studioaufnahmen und Live-Mitschnitte vergleicht, stellt jedoch verblüffend fest: vor Publikum ist die Palette an Ausdrücken um ein Vielfaches größer! In seinem letzten Liederabend in Edinburgh liefert Wunderlich in seiner Interpretation von Schumanns "Dichterliebe" beides: Stimmfluss und Brillanz einerseits, textgerechte Nuancierung in Klangfarbe und Artikulation andererseits. Das ist einzigartig - und Grund genug, diesem Mitschnitt Gehör zu schenken, aller aufnahmetechnischen Makel zum Trotz.

Als Wunderlich ein paar Tage nach seinem letzten Konzert stirbt, ist die Musikwelt erschüttert. Alles, so scheint es, hatte diesem jungen Sänger offen gestanden: Als Opernsänger war er schon international erfolgreich, als Liedsänger gerade dabei durchzustarten. 

Auch heute, ein halbes Jahrhundert später, ist die Begeisterung für Fritz Wunderlich ungebrochen. Und das zurecht, denn sowohl stimmlich als auch menschlich verdient er unsere Bewunderung. Sein Strahlen in Klang. Sein Ehrgeiz, sein Schaffensdrang, seine Fähigkeit, in schwierigen Umständen das Gute sehen und das Beste zu geben. 

Nostalgische Vergangenheits-Verklärung war dabei nicht seine Sache. Er packte die Dinge an, im Leben und in der Kunst. Fritz Wunderlich würdigen muss daher auch bedeuten, vorwärts zu blicken. Nach Potenzialen suchen, bei sich und anderen. Die Fritz Wunderlich Gesellschaft in Kusel lebt vor, wie es gehen kann: Bei ihren jährlichen Festtagen nimmt nicht nur das Andenken, sondern auch die Förderung talentierter Nachwuchssängerinnen und -sänger eine große Rolle ein.

"Der letzte Liederabend"
Lieder von Beethoven, Schubert und Schumann

Fritz Wunderlich, Tenor
Hubert Giesen, Klavier

Ein Mitschnitt vom 4.September 1966 aus der Usher Hall in Edinburgh.
Label: Deutsche Grammophon

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