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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenHinter vorgehaltener Hand15.01.2015

DDR-DenunziantenHinter vorgehaltener Hand

Vor 25 Jahren besetzten Oppositionelle die frühere Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße. Dadurch bewahrten sie die Akten vor der Vernichtung. Nun erscheinen auch zwei Bücher, die einen Einblick in die Denunziations- und Verratskultur der Staatssicherheit geben wollen.

von Isabel Fannrich-Lautenschläger

Blick in eine Telefonzentrale der Stasi (picture alliance/dpa/ADN)
Gespräche mit Informationen etwa zu möglichen Fluchtplänen gingen bei der Telefonzentrale der Stasi ein. (picture alliance/dpa/ADN)
Weiterführende Information

25 Jahre Sturm der Stasi-Zentrale - "Wir haben das Treiben der Stasi beendet" (Deutschlandfunk, Interview mit Roland Jahn, 15.01.2015)

Experten-Kommission berät - Stasi-Unterlagenbehörde vor ungewisser Zukunft
(Deutschlandfunk, Informationen am Abend, 27.11.2014)

"Ja, guten Abend. Ich hab mal ne Information für Sie. Nehmen Sie sich mal bitte einen Stift zur Hand? Aus 7321 Steina... (Piep-Ton), die fährt am Mittwoch, den 14., nach Berlin West zu Besuch. Sie kommt nicht wieder."

Das Telefonat hat die DDR-Staatssicherheit im September 1987 aufgezeichnet. Der Anrufer verrät eine Frau, die aus der DDR fliehen will – nicht aber seine eigene Identität.

"Wer sind Sie denn? Ich kann das vertraulich behandeln."
"Ja, ich wollte mir nicht ..."
"Sie wollen anonym bleiben? Am Mittwoch, den 14.10., sie würde nicht wiederkommen? Auf was begründet sich denn das?"
"Hat sie sich geäußert im Freundeskreis, im engen."
"Hm. Naja gut, ich werde das beachten. Ich bedanke mich für den Hinweis."

In der DDR gab es unterschiedliche Formen von Verrat und Denunziation. Wissenschaftlich untersucht sind bisher nur die Berichte der IM, der Inoffiziellen Mitarbeiter, an die Staatssicherheit und damit der institutionalisierte Verrat, sagt Dr. Anita Krätzner-Ebert von der Berliner Stasi-Unterlagenbehörde.

In ihrem neuen Buch "Hinter vorgehaltener Hand" beschreibt die Herausgeberin und Mitautorin dagegen erstmals die spontane, freiwillige Denunziation in der DDR. Dafür hat sie bislang unbeachtete Zeugnisse unter die Lupe genommen: einige hundert Briefe, Telefonate und Karteikarten.

"Das fand ich für meine Forschung spannend, dass sich mit diesem kommunikativen Akt, mit dem Format der Denunziation so gut wie gar nicht auseinandergesetzt wurde. Dass es kaum Vergleiche gibt, wie vollzieht sich das jetzt? Was steht da eigentlich drinnen? Es ist eine ganz interessante Art um festzustellen, gerade anhand eben auch der Telefonanrufe, wie funktioniert so ein Gespräch."

"Eine kleine Revanche"

"Das ist ein Anruf aus BRD. Ich möchte Ihnen einen Hinweis geben über Schmuggel von Pornografie in die DDR. Notieren Sie Folgendes: (Piep-Ton), das war ehemaliger Bewohner der DDR. Der ist jetzt ausgewandert in die BRD. Der Schmuggler hält sich zurzeit in Leipzig auf."
"Mit wem ich spreche ich?"
"Ja, möchte ich natürlich nicht sagen."
"Von wo aus rufen Sie an? Aus der BRD?"
"Ja, das ist eine kleine Rechnung, die offengeblieben ist, weil der mich sehr gepiesackt hat, und der hat Euer Land auch ganz schön mies gemacht. Und das ist eine kleine Revanche."

Die Zahl der meist anonymen Anrufe und Briefe lässt sich nicht rekonstruieren. Anita Krätzner-Ebert hält dies - ebenso wie beim Thema Inoffizielle Mitarbeit - für weniger entscheidend, als das genaue Hinschauen.

"Nicht jeder Inoffizielle Mitarbeiter hat auch denunziert. Und nicht jeder Denunziant war auch ein Inoffizieller Mitarbeiter. Also das muss man voneinander trennen. Man muss sich halt die Akten der Inoffiziellen Mitarbeiter wirklich angucken, weil ein Verpflichtungsbericht ist ja noch lange keine Denunziation. Aber es gibt natürlich diese 15-, 20-bändigen IM-Akten, wo Freunde, Familie, Kollegen und alles ans Messer geliefert wurden. Die stehen aber neben Bänden, wo kaum Informationen drin stehen oder ganz fadenscheinige, geringe Belastungsaussagen."

Der DDR-Staats- und Parteiapparat baute nicht allein auf sein Spitzelsystem, sondern setzte die Bevölkerung unter Druck, jegliches Fehlverhalten anzuzeigen. Die SED-Parteimitglieder waren zur Wachsamkeit gegenüber "Partei- und Volksfeinden" verpflichtet, und die Mitwisserschaft bei Delikten wie "Republikflucht" stand unter Strafe. Aus einer MfS-Dienstanweisung der 80er Jahre:

"Verhalten Sie sich so, dass der Anrufer so viel und solange wie möglich spricht! Unterlassen Sie vor allem abfällige Bemerkungen, sofortiges Fragen nach dem Namen, der Telefonnummer und dem Aufenthaltsort des Anrufers sowie jedes Dazwischensprechen zwischen zusammenhängenden Ausführungen des Anrufers! Versuchen Sie, eine Art Vertrauensverhältnis zum Anrufer herzustellen, indem sie ihn und seine Ausführungen ernst nehmen."

"Es gibt Offiziere, die sind sehr geschult in dem, wie sie mit den Leuten sprechen. Das merken wir beim Telefonat mit dem Schmuggel der Porno-Kassetten, dass der Offizier doch sich sehr zurücknimmt. Und das sorgt eben auch dafür, dass der Anrufer dann mehr erzählt, dass er sogar über seine Motive erzählt, was extrem ungewöhnlich ist."

Eingriffe in das Familienleben

Mit den Motiven von Verrat und Denunziation beschäftigt sich auch Martin Ahrends. Seit 25 Jahren sammelt der Schriftsteller und Publizist ostdeutsche Lebensgeschichten. Einige dieser Gesprächsprotokolle erscheinen in Kürze in seinem Buch "Das MfS und die Familie". Darin geht es...

"... um Fälle von Verquickungen von Staatssicherheit und Familie, wo also die Staatssicherheit Familie, familiäre Bindungen, Beziehungen instrumentalisiert hat, eingegriffen hat, gestiftet hat, zerstört hat, was Familie im weitesten Sinne, also auch Liebesbeziehungen, Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Paaren, betrifft."

Mit dem langen Arm der Staatssicherheit, der bis in die intimsten Beziehungen hinein reichte, habe er selbst Erfahrungen gemacht. Die Beziehung zu seiner Frau begann damit, dass sie ihn an die Stasi verraten sollte. Als sie gemeinsam in die Bundesrepublik ausreisten, musste sein Vater, ein namhafter Geiger und Violin-Professor an der Leipziger Hochschule, sich offiziell von ihm lossagen. Er verlor seinen Posten als Rektor, besuchte ihn aber heimlich bei seinen Reisen im Westen.

"Was ist Verrat, wenn ich zu meiner Mutter komme und ihr Freund mit am Tisch sitzt, jemand, der das besondere Privileg hat, für die DEFA ins Ausland fahren zu dürfen als Kameramann, worüber ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht hatte. Dass das möglicherweise einen Preis hat so ein Privileg. Jedenfalls sitzt er mit am Tisch, ein ganz netter smarter Typ und schreibt, nachdem er dann aufgestanden und nach Hause gegangen ist, alles was ich ihm erzählt habe, an die Staatssicherheit."

Denunziation ist negativ besetzt. Nicht wer Mord oder Diebstahl anzeigt, gilt als Denunziant, sondern wer eine politische oder als politisch bewertete Straftat meldet, die in einem Unrechtssystem unverhältnismäßig sanktioniert wird.

Was IM und was spontane Denunzianten anzeigten, unterschied sich voneinander. Erstere berichteten auch über Banales, etwa den Konsum von West-Medien oder das Erzählen politischer Witze. Letztere meldeten dagegen der Stasi oder Volkspolizei häufiger Transit- und Zollvergehen oder geplante Republikflucht.

Was sie dazu antrieb, insbesondere ihre Kollegen und Verwandten anzuschwärzen, und welche Beziehung sie zum Denunzierten hatten, lässt sich heute aus Mangel an Unterlagen und Informationen kaum noch rekonstruieren. Die Forscherin von der Stasi-Unterlagenbehörde:

"Das ist halt immer dieser Zwiespalt, der die ganze Denunziationsforschung eigentlich belastet. Alle wollen immer nur wissen, warum tut jemand das. Aber das heraus zu finden, ist extrem schwer. Was passiert zum Beispiel, wenn jemand zum Parteisekretär im Betrieb gegangen ist und dem eine Information gegeben hat. Der Parteisekretär schreibt für gewöhnlich einen Bericht, aber in dem Bericht steht nicht drinnen: Der und der war gerade bei mir und hat mir das erzählt. Sondern der Arbeiter Soundso hat einen politischen Witz erzählt – und schwups auf einmal ist der Denunziant verschwunden in den Quellen."

"Der Vater leidet genauso"

Das Buch von Martin Ahrends erzählt ganz unterschiedliche Geschichten: Manche handeln vom Verrat des Nachbarn oder von der Anwerbung eines Familienmitglieds durch die Staatssicherheit. Andere zeigen, dass staatsnahe Eltern in der DDR für ihre Kinder haften mussten. Weil ihnen selbst berufliche Nachteile drohten, forderten sie Linientreue.

"Jemand will mit 14, 15 aus der FDJ austreten und am nächsten Tag ist die Staatssicherheit da und sie muss, obwohl sie das überhaupt nicht will, nach dem Diktat ihres Vaters diesen Austritt zurücknehmen schriftlich und muss um Verzeihung bitten. Und der Vater leidet genauso darunter wie sie. Aber es muss sein. Das ist ja nun wirklich Verrat des Vaters an ihr, an seinem eigenen Kind, an seiner Entwicklung zum Erwachsenen."

Wo beginnt Verrat? Ahrends schildert den Fall von Gerd S.: "Fängt das mit dem Selbstverrat an, da wo man anfängt, sich selbst zu belügen? Dieser Mensch, der von seiner eigenen Mutter zur Staatssicherheit vermittelt wurde und da relativ blauäugig rein getappt ist und das erst mal ganz schick fand, 007 zu spielen. Und dann auf einem hoch abgeschirmten Übungsplatz aus dem fahrenden Auto auf Pappkameraden zu schießen mit einer scharfen Waffe."

Dass Gerd S. jahrelang für die Stasi West-Zeitungen auswerten musste, nährte seine Zweifel am System. Er kündigte seinen Dienst und schob familiäre Gründe vor. Nach einigen Wochen wurde er verhaftet.

"Und das ist auch jemand, der sich natürlich verraten hat, der andere verraten hat. Natürlich hat er bei der Staatssicherheit gearbeitet, aber irgendwann ist er dahin gekommen, damit abzuschließen und da für sich eine eigene Klärung herzustellen. Und trotzdem ist er bis heute nicht mit seiner eigenen Geschichte versöhnt."

Wo endet der Verrat? Und wie kommen die Beteiligten heute damit klar?
Manche legen alles offen, erzählt Martin Ahrends. So beichtete ein Familienvater Frau und Kindern, dass er vor '89 West-Agenten geführt hat. Anders eine Großfamilie, die den Verräter wieder in ihren Kreis aufnahm und über das Vorgefallene heilsam schwieg, wie der Schriftsteller meint.

Auch mit seinem an Demenz erkrankten und mittlerweile verstorbenen Vater war eine Klärung nicht möglich. Dessen Stasi-Akte jedoch lässt Ahrends, wie andere Menschen auch, lieber ruhen.

"Es ist nicht nur Angst. Da kann auch eine Entscheidung dahinter stecken, diesen ganzen Stasi-Quark und das, was da unter diesen speziellen Bedingungen DDR da mit uns geschehen ist und wir mit uns haben machen lassen, da worauf wir uns da eingelassen haben, uneigentlich ist, vernachlässigenswert, dass andere Dinge wichtiger sind."

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