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Der lange Schatten von Dallas

Um kaum ein anderes Attentat ranken sich so viele Verschwörungstheorien wie um den Tod von US-Präsident John F. Kennedy 1963 in Dallas. Der Angriff stellt eine Zäsur in der amerikanischen Geschichte dar: Das Vertrauen der Amerikaner in ihre Regierungen wurde nachhaltig zerstört.

Von Tom Goeller | 17.11.2013

    "All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin. And therefore, as a free man, I take pride in the words: Ich bin ein Berliner!”"

    "Alle freien Menschen, wo immer sie auch leben, sind Bürger Berlins. Als freier Mensch bin ich deshalb stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner."

    Diese Worte kennt fast jeder. Gesprochen von John F. Kennedy am 26. Juni 1963 um 13 Uhr vor dem Rathaus Schöneberg in Berlin. Der amerikanische Präsident ist in die damals geteilte Stadt gekommen, um vor aller Welt klar zu machen, dass die USA für die Freiheit West-Berlins und darüber hinaus für die Freiheit in der ganzen Welt einstehen. Kennedy gibt den Berlinern damit neue Hoffnung und sie feiern ihn enthusiastisch.

    Heute undenkbar, stehen an diesem Tag Hunderttausende von Berlinern auf den Dächern, lehnen sich aus Fenstern, und die Balkone direkt gegenüber dem Rathaus sind überfüllt. Der 46-jährige Kennedy wirkt jünger als er ist. Er verkörpert Jugend, Dynamik, Erfolg, Zuversicht. Er steht für einen Wechsel in der Politik.

    Zu Hause erwarten die Menschen von ihm, dass er das Problem der Rassentrennung löst. Seine Wahl zum Präsidenten war deutlich von Afro-Amerikanern unterstützt worden, denen er ein Bürgerrechtsgesetz versprochen hatte. Dies führt im Sommer 1963 zu jener Kundgebung, bei der der schwarze Pastor Martin Luther King seine berühmt gewordene Rede hielt "I have a dream - ich habe einen Traum". Darin forderte er die Integration der Afro-Amerikaner in die weiße Gesellschaft Amerikas.

    In der Welt gefeiert, zu Hause umstritten
    In der Außenpolitik, die sich zwischen den USA und der kommunistischen Sowjetunion auf eine abgrundtiefe, hochemotionale Feindschaft festgefahren hat, hofft man auf einen Wandel. Hofft man auf Entspannung zwischen Ost und West. Doch nicht jedem gilt der jugendlich-fröhlich wirkende Präsident als Hoffnungsträger. Während Kennedy im Ausland überschwänglich, ja geradezu religiös anmutend wie ein Messias gefeiert wird, hat er zu Hause einflussreiche Gruppen verprellt, die in seiner Regierungspolitik eine einzige Katastrophe erblicken, teils für ihre persönlichen Partikularinteressen, teils für die ganze Nation.

    Und so wird er fünf Monate später auf einer Wahlkampfreise in der erzkonservativen texanischen Stadt Dallas nicht mit der gleichen Freude umjubelt wie in Berlin. Am 22. November gegen 12.30 Uhr Ortszeit sind mehrere Schüsse an der Dealey Plaza zu hören. Der langsam im Tempo von nur fünfzehn Stundenkilometern vorbeifahrende Präsident bricht von mehreren Schüssen getroffen in seinem offenen Wagen zusammen. 30 Minuten später stellen die Ärzte den Tod John F. Kennedys fest. Er ist einem Attentat zum Opfer gefallen.

    Eineinhalb Stunden später wird Lee Harvey Oswald festgenommen. Ein ehemaliger US-Marine-Soldat, der eine Zeit lang in der Sowjetunion gelebt hat. Man wirft ihm vor, von einem Lagerhaus aus, das unmittelbar an der Dealy Plaza steht, mit einem Gewehr die tödlichen Schüsse auf Kennedy abgefeuert zu haben. Oswald beteuert in Verhören und gegenüber der Presse seine Unschuld und behauptet, als patsy, als Sündenbock herhalten zu sollen.

    Mutmaßlicher Einzeltäter Lee Harvey Oswald: nur ein Sündenbock?
    Mutmaßlicher Einzeltäter Lee Harvey Oswald: nur ein Sündenbock? (picture alliance / dpa / UPI)
    Der Mord am Mörder
    Zwei Tage später ist auch er tot. Erschossen vor laufenden Fernsehkameras von dem Nachtklubbetreiber Jack Ruby während einer Überführung Oswalds vom Polizeipräsidium ins Gefängnis. Rubys Mordmotiv: Er habe Mrs. Kennedy die Belastung eines Prozesses ersparen wollen.

    Die Polizei von Dallas behauptet, das Attentat sei die individuell motivierte Gewalttat des angeblich vom Kommunismus in die Irre geführten Lee Harvey Oswald gewesen. Ein von Kennedys Nachfolger - Präsident Johnson - eingesetztes Untersuchungsgremium, nach dem Vorsitzenden "Warren-Kommission" genannt, kam im September 1964 zum gleichen Ergebnis: Kennedy war von einem verwirrten Einzeltäter ermordet worden. Der Vietnamkrieg lenkte von weiteren Fragen ab. Zunächst.

    Doch im tiefen Süden der USA gab es eine Person, die weiterforschte. Der Bezirksstaatsanwalt von New Orleans Jim Garrison. Da der mutmaßliche Attentäter Oswald vor dem Anschlag in New Orleans gewohnt hatte, musste sich Garrison mit den Hintergründen befassen. Im März 1967 führten seine Ermittlungen zu einem ersten Höhepunkt. Er verhaftete den Waffenhändler Clay Shaw mit der Begründung, dass dieser sowie Mitarbeiter des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA in eine Verschwörung verwickelt waren, die zum Mord an Präsident Kennedy geführt habe. Shaw wurde zwar 1969 freigesprochen, kam aber 1974 unter mysteriösen Umständen ums Leben.

    Seit Jim Garrisons Recherche steht jedoch der Verdacht der "Verschwörung" juristisch begründet im politischen Raum. Seither will die ganze Welt wissen: Warum musste Präsident Kennedy sterben? Wer hatte ein Interesse daran, dass Lee Harvey Oswald zum Schweigen gebracht wurde? Was waren die Hintergründe, die zu diesem spektakulären Mord führten? Zwei Länder sind mit dem politischen Schicksal John F. Kennedys eng verknüpft: Deutschland und Kuba.

    Die Ursachen - Berlin und Kuba
    Mit Beginn der Berlinblockade der Sowjetunion im Jahr 1948 herrschte in den USA eine massive anti-kommunistische Stimmung. Anfang 1959 spitzte sich in den USA die Wahrnehmung einer kommunistischen Gefahr dramatisch zu, der Kommunismus klopfte gewissermaßen an die Türschwelle der USA: Denn die Revolutionäre Fidel Castro und Che Guevara stürzten den amerikafreundlichen Diktator Batista auf dem Inselstaat Kuba, der nur 140 Kilometer von den USA entfernt liegt. Amerikanische Firmen und Bürger auf Kuba wurden enteignet. Castro führte den Sozialismus ein, während Tausende von Kubanern nach Florida flohen.

    Nur drei Monate nach der Amtseinführung John F. Kennedys führten am 17. April 1961 1300 Exil-Kubaner mit geheimer Unterstützung der CIA in der sogenannten Schweinebucht auf Kuba einen Landungsversuch durch. Die Invasion zur Entmachtung Castros scheiterte jedoch, vor allem weil Präsident Kennedy sich weigerte, dem Landeversuch durch Luftunterstützung zum Erfolg zu verhelfen.

    Weder die amerikanischen Geschäftsleute, die durch die kubanische Revolution ihre Spielkasinos, Bordelle und Plantagen auf der Zuckerrohrinsel verloren hatten, noch die riesige, mafiös-strukturierte Exil-Kubaner-Gemeinde in Miami vergaben dem Präsidenten diesen "Verrat" - wie sie es nannten.

    Ein "liberaler Schwächling?"
    Kurz darauf, im August 1961, baute das kommunistische DDR-Regime in Berlin die Mauer, die die Stadt nachhaltig in zwei Hälften teilte. Erneut unternahm Kennedy nichts. Den Hardlinern in den USA galt er zunehmend als liberaler Schwächling. Im Oktober 1962 eskalierte der Konflikt um Kuba erneut. Die Welt geriet an den Rand eines Atomkrieges, als die Sowjetunion begann, Kuba zum Raketenstützpunkt auszubauen. Die USA verhängten eine Blockade. Die Sowjetunion gab nach. Der sowjetische Führer Chruschtschow schreckte vor dem Äußersten zurück.

    Kennedy hat sich erstmals durchgesetzt, angeblich mit dem Versprechen, keinen Invasionsversuch mehr auf Kuba zu unternehmen. Gleichzeitig ließ Kennedy öffentlichkeitswirksam erkennen, dass er keine Konfrontationspolitik betreiben wolle. Im Gegenteil, er suchte Entspannung mit Moskau und unterzeichnete im August 1963 gemeinsam mit Großbritannien und der Sowjetunion einen Stopp oberirdischer Atomwaffenversuche.

    Für viele Kommunistenfresser, Exilkubaner und erzkonservative Protestanten in den USA war der Katholik Kennedy nun endgültig untragbar geworden. Das zumindest glauben namhafte Historiker bis heute. So steht es weltweit in Schulbüchern, auf Webseiten, so lautet die gängige Lehrmeinung - obwohl wir inzwischen mehr über Kennedys Politik wissen, über seine Motive und über die Hintergründe des Attentats von Dallas vor fünfzig Jahren.

    Der sowjetische Premierminister Nikita Chrustschow und der kubanische Präsident Fidel Castro vor dem Hotel Theresa in Harlem, New York
    Der sowjetische Premierminister Nikita Chrustschow und der kubanische Präsident Fidel Castro vor dem Hotel Theresa in Harlem, New York (AP)
    Namhafte Verschwörungstheorien
    Seit dem Ende der Sechzigerjahre gediehen zahlreiche Verschwörungstheorien. Neben Jim Garrison begannen nun auch Journalisten sowie echte und vermeintliche Historiker ihre Recherchen. Dreizehn Jahre nach dem Mord von Dallas war es dann unter dem demokratischen Präsidenten Jimmy Carter möglich, den Kennedy-Fall erneut aufzugreifen: Ausgewählte Mitglieder des Repräsentantenhauses bildeten 1976 den "Ausschuss zur Untersuchung von Attentaten".

    Viele erdrückende Indizien waren inzwischen aufgetaucht, die sowohl die Einzeltäter Version der Warren-Kommission von 1964 infrage stellten, als auch, ob Oswald überhaupt je geschossen hat. Denn am Tag seiner Verhaftung wurde er einem Nitrattest unterzogen, der bewies, dass er in den letzten 24 Stunden keine Waffe abgefeuert hatte. Diese Tatsache war der Warren-Kommission vorenthalten worden.

    Aufgrund dieser und zahlreicher weiterer Indizien kam der Untersuchungsausschuss des amerikanischen Kongresses 1979 zu dem offiziellen Ergebnis, dass es "wahrscheinlich eine Verschwörung" zur Ermordung gegeben und mehr als eine Person auf Kennedy geschossen haben musste. Das Justizministerium wurde aufgefordert, die Ermittlungen neu aufzunehmen. Doch Anfang 1980 folgte der Republikaner Ronald Reagan ins Amt des Präsidenten. Er ließ alle weiteren Untersuchungen einfrieren. Jim Garrison glaubt, die Gründe hierfür zu kennen:

    ""Dem wäre die Erkenntnis gefolgt, dass es in der Regierung starken Widerstand gegen die Bemühungen Präsident Kennedys gab, den Kalten Krieg zu beenden. Zum Beispiel wäre sein Wunsch bekannt geworden, sich aus Vietnam zurückzuziehen. Dementsprechend wäre auch die Rolle jener Menschen deutlicher geworden, die Amerika in einen neunjährigen Krieg hineinzog."

    Castro, die CIA oder die Italo-Mafia?
    Entscheidend an Garrisons Engagement ist jedoch, dass er die Einzeltäter-These von 1964 als falsch entlarvt hatte, auch wenn es bis heute, auch in Deutschland, Autoren gibt, die unumstößlich an Lee Harvey Oswald als alleinigen Schützen festhalten.

    Im Laufe der Jahre schälten sich bei den Untersuchungen folgende mögliche Attentäter und ihre Motive heraus:

    Erstens: Ein Racheakt des kubanischen Revolutionsführers Fidel Castro, den Kennedy nachweislich mittels CIA-Agenten in 33 geplanten Mordanschlägen hat umbringen lassen wollen.

    Oder zweitens: Die CIA im Zusammenspiel mit Exil-Kubanern, die Kennedy beseitigen wollten, um frei Hand für einen neuen Umsturzversuch auf Kuba zu bekommen.

    Oder drittens: Die Italo-Mafia in den USA könnte es gewesen sein.

    Der Historiker Lammar Waldron und der Radio-Journalist Thom Hartmann legten in dem 2005 erschienenes Buch "Legacy of Secrecy - Das geheim gehaltene Erbe" die These vor: Die Mafia hat Kennedy umgebracht.

    Im Mittelpunkt dieser wissenschaftlichen Arbeit stehen die verdeckten Ermittlungen des amerikanischen Inlandsgeheimdienstes FBI gegen die amerikanischen Mafiabosse Carlos Marcello, Santo Trafficante und Johnny Roselli. Und: Es ging um Kuba und um die Gefahr, einen Weltkrieg heraufzubeschwören. Im Einzelnen: Gemäß Waldron und Hartmann hatte John F. Kennedy nach dem Schweinebucht Desaster von 1961 seinen Bruder Robert beauftragt, einen neuen Plan zur "Befreiung Kubas" zu entwickeln.

    Verdeckte Operationen mit dem Feind
    Im Frühjahr 1963 ergab sich ein Glücksfall für die Kennedy-Brüder: Der kubanische Revolutionsheld Commandante Juan Almeida, bester Freund von Che Guevara, nahm von sich aus Kontakt zu Robert Kennedy auf, und zwar über einen Mittelsmann, der auch Kontakt zur amerikanischen Mafia unterhielt. Almeida erhielt von den Kennedys 500.000 Dollar, um einen Staatsstreich in Havanna auszuführen, und zwar so, dass die USA als Drahtzieher nicht bekannt würden.

    In diesen Almeida-Plan der Kennedys waren nur etwas fünf Personen eingeweiht. Denn John F. Kennedy befürchtete, wenn die Russen davon Wind bekämen, könnte sich erneut eine Konfrontation ergeben, wie bei der Stationierung der sowjetischen Raketen auf Kuba im Jahr zuvor.

    Vier Tage vor seinem Besuch in Dallas hielt John F. Kennedy eine Rede, die versteckte Botschaften an Almeida enthielt, um dem kubanischen Commandante persönlich zu versichern, dass er am Tag des Umsturzes mit der Unterstützung des amerikanischen Präsidenten rechnen könne. Der Staatsstreich sollte am 1. Dezember 1963 stattfinden, also neun Tage nach dem Besuch in Dallas.

    Kennedy hatte zudem vorgesorgt: Sollte der Umsturz problematisch verlaufen, war er bereit, diesmal US-Truppen nach Havanna zu schicken, unter dem Vorwand, dort Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Gegen eine solche Aktion könnten die Russen nichts einwenden, so sein Kalkül, wie Waldron und Hartmann anhand der gefundenen Quellen aufzeigen.

    Mafia fühlte sich bedroht
    Beide Autoren kommen außerdem zu dem Schluss: Die amerikanische Italo-Mafia hatte trotz höchster Geheimhaltung der Kennedys von dem Almeida-Plan erfahren. Nämlich durch den Mittelsmann, den Robert Kennedy zu Commandante Almeida nutzte. Die drei Mafiabosse Carlos Marcello, Santo Trafficante und Johnny Roselli beschlossen nun, die Kenntnis über diesen Plan auszunutzen, um "Giovanni", wie sie John F. Kennedy nannten, loszuwerden. Denn der amerikanische Präsident bedrohte inzwischen ihre Existenz und ihre Zukunft, finanziell und tatsächlich.

    Die Kennedys führten bereits seit Mitte der 1950er-Jahre geradezu einen Kreuzzug gegen das organisierte Verbrechen in den USA. Insbesondere der im Senat als juristischer Berater tätige Robert Kennedy tat sich mit der Aufdeckung krimineller Machenschaften innerhalb amerikanischer Gewerkschaften hervor und veröffentlichte deren Verbindungen zur Mafia.

    Nach der Wahl zum Präsidenten ernannte John F. Kennedy seinen Bruder zum Justizminister und beauftragte ihn mit der Zerschlagung des organisierten Verbrechens in den USA, worin beide Kennedys neben der Rassentrennung das schlimmste Übel für die amerikanische Gesellschaft zu erkennen glaubten. Robert Kennedy führte die Mafia alsbald regelrecht vor: Im September 1963 übertrug das Fernsehen eine Senatsanhörung zum organisierten Verbrechen in den USA, in der ein Mafia-Zeuge Millionen von Zuschauern die Struktur und Machenschaften der Organisation erklärte.

    Ergebnis: Carlos Marcello, dessen Einflussgebiet Louisiana und Texas umfasste, fand sich im November 1963 vor einem Bundesgericht in New Orleans wieder. Santo Trafficante, der in Florida Spielhallen unterhielt und im Drogengeschäft dealte, war im Oktober 1963 Gegenstand einer Anhörung im Kongress, die ihn und seine Mafia Organisation erstmals öffentlich bloßstellte. Und auch der Mafia-Don Chicagos, Johnny Roselli, musste sich im Herbst 1963 gerichtlich verantworten. Waldron und Hartmann:

    "Robert Kennedy war dabei, die Mafia auszuräuchern. [...] Die Geschäfte von Marcello, Trafficante und Roselli hatten keine Chance mehr zu bestehen, solange John F. Kennedy Präsident und sein Bruder dessen kreuzfahrender Justizminister war. [...] Es war ein Totalangriff auf die Mafia in den USA, zumal Marcello mächtiger war als jeder andere herkömmliche ‚Pate‘. Mächtiger sogar, als jene Romanfigur namens Don Corleone in dem berühmten Buch Der Pate."

    Laut Waldron und Hartmann hatten die drei Mafia-Paten ursprünglich darauf gehofft, dass John F. Kennedy Kuba zurückerobern werde, entweder mit Hilfe von willigen Exil-Kubanern oder mit eigenen Streitkräften. Sie hofften darauf, dann wieder ihre Nachtklubs, Bordelle und Spielkasinos auf der Karibikinsel eröffnen zu können. Nun aber lernten sie im Laufe des Jahres 1963, dass die beiden Kennedys zwar beabsichtigten, Kuba mittels eines internen Staatsstreiches vom Kommunismus zu befreien, aber nicht vorhatten, den vorherigen Zustand wieder herzustellen. Im Gegenteil: Alle Mafia-Geschäfte im amerikanischen Einflussgebiet sahen sich eines Generalangriffs der Kennedy-Regierung ausgesetzt.

    Die Brüder Kennedy: John F., Robert und Ted (v.l.n.r.) in Hyannis Port
    Die Brüder Kennedy: John F., Robert und Ted (v.l.n.r.). Auch Robert wurde ermordet. (AP)
    Jack Ruby und Lee Harvey Oswald als Auftragsmörder?
    Die drei entschlossen sich 1963 zu handeln: Wen genau sie als Attentäter anheuerten, konnten auch Waldron und Hartmann nicht herausfinden. Als wahrscheinlich gilt: Der Nachtklubbetreiber Jack Ruby, der für Marcello arbeitete und auch Trafficante kannte, wurde von diesen beauftragt, den Schützen zu betreuen und in Position zu bringen. Lee Harvey Oswald eignete sich aufgrund seines vorübergehenden Aufenthalts in der Sowjetunion ideal als Vorzeigetäter. Er wurde als das missbraucht, als was er sich selbst am Attentatstag bezeichnete: als Sündenbock.

    Stellt sich die Frage: Waren diese Mafia-Bosse wirklich so mächtig und einflussreich, um entscheidende Polizeidienststellen in Dallas und amerikanische Geheimdienste für sich zu nutzen sowie namhafte Medien irrezuführen? Ja, waren sie. Zu dieser Schlussfolgerung gelangte bereits die Kongress-Untersuchungskommission im Jahr 1979. Denn zahlreiche Informationen, die damals bekannt wurden, verdeutlichten, dass das gesamte Dallas Police Department auf der "Pay-List" der Mafia stand. Einer FBI-Information zufolge war Jack Ruby der Zahlmeister der Mafia, der buchstäblich jeden Polizisten der Stadt persönlich kannte.

    Nur: 1979 wussten die untersuchenden Kongressabgeordneten nicht, wie genau und warum es der Mafia habe gelingen können, einen Präsidentenmord durchzuführen und die Nachforschungen nach dem oder den Attentätern und den eventuellen Auftraggebern so zu erschweren, dass der Mord unaufgeklärt blieb. Deshalb wurde die Mafia-Theorie schließlich nicht weiterverfolgt.

    Robert Kennedy: unbeabsichtigt Mord des Bruders geplant?
    Durch Waldron und Hartmann ist nun aber bekannt geworden, welchen Plan die Mafiosi ausheckten, um ungeschoren davonzukommen: Weil sie durch den Mittelsmann auf Kuba in den hochgeheimen Almeida-Putschplan gegen Castro eingeweiht waren, nutzten sie zum einen wesentliche Teile des Plans zur Ermordung John F. Kennedys.

    Robert Kennedy soll dies schon am Todestag seines Bruders erkannt und gegenüber dem FBI-Direktor Hoover geäußert haben. In gewisser Weise hatte also Robert Kennedy den Mordplan für seinen Bruder ausgeheckt, der eigentlich Fidel Castro galt. Des Weiteren rechneten die drei Mafia-Bosse damit, dass Robert Kennedy alle Ermittlungen verhindern werde, die in Richtung dieses Putschplans deuteten, weil sonst die Rolle, die Commandante Almeida auf Kuba zugedacht war, bekannt werden würde und damit der gesamte Putschplan ein für alle Mal erledigt gewesen wäre.

    Diese Rechnung ging offenbar auf, und zwar besser noch, als die Mafiosi ursprünglich erwarten konnten. Denn auch Präsident Johnson, der nach seinem Amtsantritt von Robert Kennedy in den Plan eingeweiht werden musste, hatte ein Interesse daran, dass der Almeida-Putsch-Plan geheim blieb. Er fürchtete bei einem Bekanntwerden die Reaktion der Russen, ja, gar einen dritten Weltkrieg und wies im Übrigen Robert Kennedy an, den Plan heimlich ganz fallen zu lassen. Diese Überlegungen Johnsons sind laut Waldron und Hartmann Johnsons wahre Beweggründe gewesen, die Ermittlungen nach dem Attentat zu verschleppen und die Warren-Kommission nach nur zehnmonatiger Tätigkeit zu ihrem lausigen Endbericht von nichtssagenden 888 Seiten zu bewegen.

    Hoover: Angst vor Outing
    Auch der FBI-Direktor J. Edgar Hoover hatte Gründe, Zeugenaussagen und Polizeiberichte in Archiven verschwinden zu lassen. Hoover hatte, zum großen Ärgernis von Robert Kennedy, lange abgestritten, dass es in den USA überhaupt eine Mafia gäbe und ermittelte nur höchst zögerlich gegen die Dons. Grund: Er fürchtete, dass die Mafia, die seine homosexuelle Neigung kannte, weil er in entsprechenden Nachtklubs der Organisation verkehrte, ihn bloßstellen würde. Damals galten Homosexuelle in den USA als Kriminelle.

    Schließlich noch Richard Helms, der stellvertretende CIA-Planungsdirektor. Er stak knietief in dem Sumpf der Exil-Kubaner. Helms hatte, wie Waldron und Hartmann mit zahlreichen Beispielen belegen, auf eigene Faust, von niemanden autorisiert, CIA Mittel verwandt und CIA-Verbindungen genutzt, um Exil-Kubaner für eine mögliche erneute Invasion Kubas auszubilden und auszurüsten. Er hatte keine Ahnung von dem Almeida-Plan der Kennedys, bekam nun aber aufgrund der Ermittlungen rund um Oswald und später der Recherchen Garrisons kalte Füße.

    Zum "Schutz der nationalen Sicherheit", wie Waldron und Hartmann es nennen, und natürlich zu seinem eigenen Schutz trug er kräftig dazu bei, Informationen der CIA, die zur Aufklärung des Attentats auf Kennedy hätten dienen können, zu unterschlagen, Zeugen verschwinden oder einschüchtern zu lassen.

    Martin Luther King und Robert Kennedy auf Todesliste der Mafia?
    Aufgrund all dieser hochrangigen Abschirmung seien die Mafia-Hintermänner ungeschoren davon gekommen und - so sind sich Waldron und Hartmann sicher - fühlten sich ermutigt und waren in der Lage, in ähnlicher Weise Robert Kennedy und Martin Luther King ermorden zu lassen. Die Autoren verweisen zudem darauf, dass alle drei Mafia-Bosse in verschiedener Weise Geständnisse abgelegt hätten, dass sie John F. Kennedy hatten ermorden lassen.

    Insbesondere beziehen sich die Autoren dabei auf eine FBI-Akte, die mehr als 100 Stunden Tonbandaufzeichnungen aus dem Jahr 1985 enthält. Es handelt sich dabei um heimlich aufgezeichnete Gespräche eines FBI-Informanten mit dem Mafia-Boss von Louisiana und Texas, Carlos Marcello. Der FBI-Agent hatte sich in einer lang angelegten Undercover-Aktion mit Marcello angefreundet und ihm schließlich in ihrer gemeinsamen Gefängnis-Zelle entlockt, dass dieser die Ermordung John F. Kennedys in Auftrag gegeben habe und auf welche Weise andere Personen in dem Fall verwickelt waren. Diese Meisterleistung wurde vom FBI bis 2009 geheim gehalten. Warum, weiß niemand zu sagen.

    Alle Beteiligten von damals sind tot: Robert Kennedy wurde 1968 in Los Angeles ermordet. J. Edgar Hoover starb 1972 an Herzversagen. Lyndon B. Johnson erlag ein halbes Jahr später einem Herzinfarkt. Richard Helms starb erst 2002 im Alter von 89 Jahren und wurde mit hohen Ehren auf dem Nationalfriedhof in Arlington beigesetzt.

    Und die Bösen? Carlos Marcello starb 1993 friedlich im Kreis seiner Familie. Genauso wie Santo Trafficante, der 1987 im Alter vom 72 Jahren das Zeitliche segnete. Schlimm getroffen hat es hingegen Johnny Roselli. Ihm war man auf die Spur gekommen, dass er mit der Ermordung Kennedys etwas zu tun haben könnte und lud ihn im April 1976 gerichtlich vor. Fischer fanden ihn am 23. August 1976 tot in einem Ölfass vor der Küste Floridas.

    Ironie der Geschichte: Jener, der im Dezember 1963 im Auftrag der Kennedys sterben sollte, der kubanische Revolutionär Fidel Castro, lebt heute noch und ist 87 Jahre alt.

    Von Dallas bis Wikileaks oder: Die epochale Wirkung eines Attentats
    Der Mord an Kennedy hatte eine traumatische Wirkung auf die USA, dessen Langzeitfolgen noch immer erkennbar sind. Es ist keine kühne These, wenn man behauptet: Es gibt einen direkten Weg von Dallas 1963 zu Wikileaks von heute.

    Am 22. November 1963 wurde das Vertrauen in die Regierung zerstört. Denn für die Öffentlichkeit klang die offizielle staatliche Version, dass das kleine Licht Lee Harvey Oswald alleine den mächtigen amerikanischen Präsidenten umgebracht haben sollte, unglaubwürdig, zumal er selbst schnell beseitigt wurde.

    Die darauf folgende Welle der Gewalt in den Sechzigerjahren heizte das Misstrauen auf einen vermeintlich aggressiven Staat im Staat weiter an: In Vietnam führte Amerika einen von der Bevölkerung ungeliebten imperialen Krieg. Zu Hause wurden mit Malcom X, Martin Luther King und Robert Kennedy namhafte Personen der amerikanischen Gesellschaft ermordet, ohne dass die Hintergründe aufgeklärt wurden. In der Öffentlichkeit machte sich Skepsis über das amerikanische politische System breit.

    Dieses gesellschaftlich Misstrauen erfuhr zehn Jahre nach dem Mord in Dallas, im Jahr 1973, seine Bestätigung, als bekannt wurde, dass Präsident Nixon einen Einbruch im Watergate-Gebäude von Washington in Auftrag gegeben hatte, um seinen politischen Gegner, die Demokraten, auszuspionieren sowie seine Methoden und Lügen, um seine dunklen Machenschaften zu verheimlichen. Die Folge war: Nixon wurde seines Amtes enthoben, die Amerikaner beendeten den Vietnamkrieg - und fühlten sich schlecht.

    Amerikaner trauen Präsidenten nicht mehr
    Die Verletzbarkeit der amerikanischen Demokratie war binnen zehn Jahren - 1963 und 1973 - zweimal aller Welt vor Augen geführt worden. Daraus zog die Nation zwei unterschiedliche Konsequenzen: Die amerikanischen Regierungen entschlossen sich, ihr Handeln noch mehr zu verheimlichen und verfeinerten hierfür ihre Methoden.

    Die amerikanische Gesellschaft hingegen hält seither ihre Präsidenten und die Abgeordneten im Kongress grundsätzlich für alles fähig. In den vergangenen zwei Jahrzehnten verlieh vor allem der Hollywood-Regisseur Oliver Stone mit seinen explizit politischen Filmen diesem Unbehagen Ausdruck.

    In der Gegenwart offenbart sich eine neue Protesthaltung: Der US-Soldat Bradley Manning gab während seiner Dienstzeit im Irak 2009 und 2010 Hunderttausende geheimer Dokumente sowie diplomatische Depeschen an die "Enthüllungsplattform" Wikileaks weiter. Und der US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Joseph Snowden eröffnete Anfang 2013 Einblicke in das gigantische Ausmaß der weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken im Auftrag von Präsident Barak Obama. Beide sagen, sie wollen dazu beizutragen, undemokratische Machenschaften ihres Landes zu enthüllen. Sie verstehen sich mit ihrem Handeln als Korrektiv.

    Edward Snowden
    Edward Snowden: Tradition des Misstrauens? (picture alliance / dpa / The Guardian Newspaper / FILE)
    USA stehen nicht mehr für Freiheit und Ehrlichkeit
    Dass Manning und Snowden zu Hause durchaus Verständnis für ihren vermeintlichen Verrat finden, liegt daran, dass seit dem Attentat auf Kennedy in der amerikanischen Gesellschaft ein tiefes Misstrauen gegen jedwede amerikanische Regierung einfach nicht mehr wegzudenken ist. John F. Kennedy stand - unabhängig vom Wahrheitsgehalt - für das gute, allen Ländern der Erde wohlgesonnene Amerika. Er stand im öffentlichen Bewusstsein für Freiheit und Ehrlichkeit. Seit seiner Ermordung stehen die USA für das genaue Gegenteil - zu Hause und in der weltweiten Wahrnehmung.

    Erst wenn bis 2017 zum 100. Geburtstag von Kennedy alle Dokumente zum Mord in Dallas veröffentlicht sind und die amerikanische Regierung außerdem nicht mehr eine geradezu paranoide Geheimpolitik verfolgt, erst dann kann die gesellschaftspolitische Heilung Amerikas beginnen. Bis dahin wird weiterhin der lange dunkle Schatten von Dallas auf den USA liegen und immer neues Aufbegehren von Einzelnen gegen den Staat hervorrufen - im Guten wie im Schlechten.