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Der Papst auf LesbosEin Zeichen der Hoffnung

Der Besuch von Papst Franziskus im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist mehr als nur eine humanitäre Geste. Er lenkt den Blick auf die Schattenseiten der Flüchtlingspolitik der Europäischen Union. Die Aufmerksamkeit, die die Flüchtlinge durch den Papstbesuch bekommen, lässt sie aber auch wieder Hoffnung schöpfen.

Von Jan-Christoph Kitzler | 16.04.2016

Papst Franziskus wird beim Besuch des Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos von Flüchtlingskindern besucht. Er wird begleitert von Bartolomaios, dem orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel.
Papst Franziskus beim Besuch des Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos. (picture alliance / dpa / Orestis Panagiotou)
Da kann der Vatikan noch so sehr betonen, der Besuch des Papstes sei eine rein humanitäre Reise. In Wirklichkeit ist der Besuch von Franziskus auf der Flüchtlingsinsel Lesbos hoch politisch.
In jedem Fall ist das ein ungewöhnlicher Besuch, der Empfang am Flughafen gehörte da fast noch zum Standardprogramm. Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras stand am Rollfeld und mit ihm Bartolomaios, der orthodoxe Patriarch von Konstantinopel, und Hieronymos, Erzbischof von Athen und Primas der Orthodoxen Kirche in Griechenland.
Aber lange hielt sich der Papst nicht mit Höflichkeiten auf: Er wollte nach Moria, das größte Flüchtlingslager auf Lesbos. Draußen haben sie noch schnell die Mauer weiß gestrichen, drinnen hat das Lager sein Gesicht total verändert, seit das Flüchtlingsabkommen der EU mit der Türkei in Kraft getreten ist, sagt Sasha Myers von Save the Children:
"Seit dem 20. März ist Moria ein Haftzentrum geworden, eine geschlossene Einrichtung, niemand kommt rein und raus. Da sind Kinder eingesperrt. Einige sind da seit Wochen und wir wissen nicht, wie lange sie bleiben werden, denn die griechischen Behörden haben nicht die Möglichkeiten, alle Asylanträge zu bearbeiten. Das heißt, Frauen, Kinder, Familien sind festgesetzt, für lange Zeit."
Das Leben für die Flüchtlinge wird noch gefährlicher
600.000 Flüchtlinge sind seit Beginn letzten Jahres über Lesbos nach Europa gekommen. Seit ein paar Wochen kommen im Schnitt deutlich weniger, über 300 Flüchtlinge sind in den letzten Tagen abgeschoben worden in die Türkei. Die Verzweiflung der Menschen auf Lesbos ist seitdem größer geworden.
Schon vor der Reise des Papstes haben hohe Vertreter des Vatikans das Abkommen kritisiert. Man könne Menschen nicht wie eine Ware hin und herschieben hat ein hoher Kurienkardinal gesagt. Und auch Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch Deutschland, hält die neue Flüchtlingspolitik der Europäischen Union für hochproblematisch:
"Wenn sich die Zahl verringert hat, bedeutet das nur, dass die Menschen in der Türkei feststecken. Und sie stecken in Syrien fest. Es gibt provisorische Flüchtlingslager in Syrien an der türkischen Grenze, die Leute kommen da nicht rüber, und die werden zur Zeit gerade von der ISIS überfallen. Weniger Flüchtlinge, die nach Europa kommen, bedeutet nicht weniger Flüchtlinge überhaupt. Sie kommen halt nur nicht hierher. Und es bedeutet auch, dass das Leben für die Flüchtlinge noch gefährlicher und noch verzweifelter ist."
Gedenken für die Toten
Freedom – Freiheit rufen die Menschen bei der Ankunft des Papstes. Der nimmt sich viel Zeit für die Begegnung mit ihnen. "Die Flüchtlinge sind keine Zahlen, sie sind Personen: Sie sind Gesichter, Namen, Geschichten – und als solche müssen sie behandelt werden." Hatte der Vatikan am Morgen noch über den Twitter-Account des Papstes verbreitet. Für die Menschen in Moria ist der Besuch des Papstes ein Zeichen der Hoffnung.
Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat die Situation auf Lesbos nach dem EU-Abkommen mit der Türkei heftig kritisiert, doch auch Michele Fellaro sieht den Papstbesuch positiv: "Aus symbolischer Sicht ist das sicher gut. Ich hoffe, das wird die Solidarität herausstreichen, die es bisher auf dieser Insel gab, und die Solidarität, die jeder in Europa bräuchte, um Menschen zu helfen, die Schutz suchen und humanitäre Hilfe."
Am Nachmittag wird Franziskus zusammen mit den Vertretern der Orthodoxen Kirchen im Hafen von Mytilini, der Hauptstadt von Lesbos, noch der Toten gedenken. Über 700 Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen allein seit Jahresbeginn auf dem Seeweg nach Europa ertrunken. Viele von ihnen zwischen Lesbos und der türkischen Küste.