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StartseiteEuropa heuteGegen das Vergessen15.11.2019

Deutsche Kriegsgräber am BosporusGegen das Vergessen

Dass deutsche Soldaten in Kriegsgräbern in Frankreich oder Russland ruhen, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass es auch in Istanbul eine deutsche Kriegsgräberstätte gibt. Dort ruhen Gefallene beider Weltkriege. Ein deutscher Offizier pflegt den Friedhof seit Jahren ehrenamtlich.

Von Susanne Güsten

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Grabplatten für gefallene Soldaten der beiden Weltkriege, umgeben von Bäumen. Die  deutsche Kriegsgräberstätte in der Türkei liegt am Bosporus, im Norden Istanbuls bei Tarabya. (Deutschlandradio/Susanne Güsten)
Der deutsche Soldatenfriedhof liegt im Norden Istanbuls in einem Park, den der osmanische Sultan einst dem deutschen Kaiser schenkte. (Deutschlandradio/Susanne Güsten)
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Vögel singen im Wald über der Bosporus-Bucht von Tarabya im Norden von Istanbul. Klaus Wolf kniet vor einer Grabplatte aus weißem Marmor.

Wolf fegt Blätter und Nadeln von der Grabplatte und beginnt dann, die Buchstaben der verwitterten Inschrift sorgfältig mit einem schwarzen Filzstift nachzuziehen:

Der Soldatenfriedhof befindet sich im Norden Istanbuls

"Man kommt zum Nachdenken, wenn man den Namen nachschreibt. Wenn der Name verschwindet, auch auf einem Stein, dann verschwindet auch die Erinnerung. Und so gibt man einem Menschen irgendwie die Erinnerung und eine Präsenz zurück. Auch wenn ich ihn nicht kenne, nicht weiß, wer er war…"

Nur der Name dieses Matrosen ist noch bekannt, er hieß Peter Schneider und starb im Ersten Weltkrieg an den Dardanellen oder im Schwarzen Meer - wie alt er war und wo er herkam, ist nicht überliefert. Zusammen mit 676 anderen deutschen Gefallenen der Weltkriege ruht er nun auf dem deutschen Soldatenfriedhof am Bosporus.

Bis zum Volkstrauertag am Sonntag will Wolf alle Grabsteine gereinigt und frisch beschriftet haben. Der deutsche Oberst, der bei der NATO in Istanbul stationiert ist, kümmert sich rein ehrenamtlich um den Friedhof, und das schon seit 17 Jahren. Kein anderer kennt die Schicksale der hier bestatteten Soldaten so gut wie er:

"Hier unten ist das Kameradengrab der U-Boot-Besatzung von der UB 46, die im Dezember 1916 eingelaufen ist, eigentlich um den Weihnachtsurlaub zu beginnen. Da sind sie auf eine Mine gelaufen und gesunken und alle gefallen."

Die Gräber sind weitgehend unbekannt

Erst Jahrzehnte später wurden die Gebeine der Mannschaft geborgen. Nun liegen sie auf dem Soldatenfriedhof unter Bäumen und Blumen in einem Park, den der osmanische Sultan einst dem deutschen Kaiser schenkte und der heute dem deutschen Generalkonsulat in Istanbul gehört. Nur wenige Deutsche erinnern sich heute an diese Soldaten, sagt Wolf:

"2002 kam ich das erste Mal nach Istanbul und hatte überhaupt keine Ahnung, dass hier deutsche Soldaten eingesetzt waren im Ersten Weltkrieg. Ich kannte nicht die Schlacht von Gallipoli, und das ist im Grunde schon peinlich genug, wenn man als Generalstabsoffizier mit militärgeschichtlicher Ausbildung solche Wissenslücken hat, das ist schon betrüblich."

Diese Wissenslücke hat Wolf seither geschlossen: Er hat ein Buch über das deutsch-türkische Militärbündnis im Ersten Weltkrieg geschrieben und eine Ausstellung über den Soldatenfriedhof erstellt, der 1915 auf Anweisung von Kaiser Wilhelm II. errichtet wurde.

Nicht einverstanden war der Kaiser allerdings mit dem Denkmal, das für den Friedhof angefertigt wurde: Es zeigt einen sterbenden Soldaten, der einem Engel in den Armen liegt. Der Bildhauer Georg Kolbe wäre fast an die Front geschickt worden zur Strafe, erzählt Wolf.

Oberst Wolf, dienstältester deutscher Offizier bei der NATO-Vertretung in Istanbul  auf dem deutschen Soldatenfriedhof im Norden Istanbuls bei Tarabya, nahe Istanbul.  Links zu sehen ein Denkmal des Bildhauers Georg Kolbe.  (Deutschlandradio/ Susanne Güsten)"Wenn der Name verschwindet, auch auf einem Stein, dann verschwindet auch die Erinnerung." meint Oberst Wolf von der NATO-Vertretung in Istanbul. (Deutschlandradio/ Susanne Güsten)

"Die wenigsten Soldaten, die hier liegen, haben eine Familie"

"Heute sind wir dankbar, ein Denkmal zu haben, das so ganz anders ist als kriegerische Glorifizierung, sondern das Leid, das Sterben, die Trauer, den Schmerz übergroß und überdeutlich zeigt."

Mit einer Kranzniederlegung an diesem Denkmal wollen deutsche Diplomaten am Sonntag der Soldaten gedenken, die fern von ihren Familien starben und hier begraben liegen. Ein wichtiges Gedenken, findet Wolf:

"Die wenigsten Soldaten, die hier liegen, vielleicht fast keiner, haben eine Familie, die sie regelmäßig besuchen kann. Sie liegen hier alleine mit ihren Kameraden. Die Einsamkeit des Sterbens setzt sich fort auf so einem Friedhof. Das, denke ich mal, sollten wir nicht vergessen."

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