Donnerstag, 08. Dezember 2022

Archiv


Deutsches Steuergeld für den Sibirischen Tiger

Die unberührte Fläche des russischen Bikin-Tals wäre für die Holzindustrie eine wahre Wonne. Hier lebt aber auch der Amur-Tiger, von dem es weltweit nur noch 500 Exemplare gibt. Talbewohner und Umweltschützer haben sich zusammen getan, um das Areal zu schützen.

Von Mareike Aden | 23.04.2011

    Über ruckelnde Waldwege geht es im Geländewagen hinein in das Bikin-Tal im Fernen Osten Russlands an der chinesischen Grenze. Im Wagen sitzen die Naturschützer Iwan Rogow und Jewgenij Lepjoschkin vom russischen Zweig der Umweltschutzorganisation WWF. Sie wollen das Tal, das mit seinen weiten Laub- und Nadelwäldern zu den letzten Urwäldern Russlands gehört, vor der Zerstörung durch die Holzwirtschaft retten - und somit auch den Amur-Tiger, von dem es weltweit nur noch 500 Exemplare geben soll. Sein Lebensraum ist bedroht: Im unteren Teil des Bikin-Tals arbeiten seit Jahren Holzfäller im Auftrag von großen Konzernen. Schon lange wollen sie auch in den Rest des Tals vordringen, sagt Jewgenij Lepjoschkin:

    "Schon Anfang der 90er-Jahre haben die Bewohner des Tals mit Waffen in der Hand den Holzfällern den Zugang versperrt. Und das Risiko, dass die Holzfäller wiederkommen, besteht weiterhin: Denn die Wälder in der ganzen Region werden weniger, die Holzindustrie braucht neue Flächen. Wenn der Holzeinschlag erst einmal beginnt, dann meist nicht nach den gesetzlichen Regeln: Es wird mehr abgeholzt als erlaubt und andere Bäume als erlaubt. Nicht viele Taiga-Flächen hier sind übrig. Die noch unberührten Flächen des Bikin-Tals wären ein richtiger Leckerbissen für die Holzwirtschaft."

    Das Ziel von Iwan und Jewgenij ist das kleine Dorf Krasnij Jar- es liegt mitten in der Taiga, am Ufer des Flusses Bikin, nach dem das Tal benannt ist. Viele der Dorfbewohner gehören zu den Urvölkern der Nanai und Udegen, die traditionell von der Jagd und vom Fischen leben. Um die noch intakten Waldflächen langfristig dem Zugriff der Holzkonzerne zu entziehen, haben sich die Bewohner des Dorfes mit dem World Wide Fund for Nature zusammen getan: Gemeinsam mit der Naturschutzorganisation mieten sie seit Ende 2009 4600 Quadratkilometer, rund ein Drittel des Tals, vom russischen Staat - für 49 Jahre. Wladimir Schirko ist Vorsitzender der Dorfgemeinschaft. Seine Mutter gehörte zum Volk der Udegen.

    "Die Taiga bedeutet für unser Volk Leben - wenn es sie nicht mehr gibt, dann habe die Udegen keine Lebensgrundlage mehr. Seit Jahren setzen wir uns für den Schutz unserer Taiga ein, denn sie ist immer wieder in Gefahr. Jetzt haben wir einen Teil unseres Tals mieten können - das ist im Moment der einzige Weg. Einen offiziellen Schutzstatus für das Gebiet haben wir bei der russischen Regierung bisher nicht durchsetzen können."

    Im Hauptquartier der Dorfgemeinschaft besprechen Wladimir Schirko und seine Mitarbeiter mit den Umweltschützern was derzeit auf ihrem gemieteten Areal geschieht. An dessen Außengrenzen haben sie in Zusammenarbeit mit den örtlichen Polizisten, Kontrollpunkte eingerichtet, erzählt Jewgenij Lepjoschkin:

    "Mit den Kontrollpunkten können wir die Schutzmöglichkeiten für unser Gebiet voll ausschöpfen. Wir kommen denen auf die Spur, die unsere Regeln brechen. Wir halten Holztransporte an, die unser Territorium durchqueren und überprüfen ihre Papiere. Wir überprüfen alle, die auf das Gebiet wollen, auf illegale Waffen und illegalen Holzabtransport."

    Die Bewohner von Krasnij Jar selbst werden zwar Bäume fällen, aber nur so viele wie sie für den Alltag brauchen: zum Heizen und um ihre Häuser zu bauen und zu reparieren, so die Abmachung mit dem WWF. Auch auf Jagd gehen die Dorfbewohner weiterhin - denn das Fleisch von Wildschweinen, Hasen oder Hirschen ist für sie Lebensgrundlage. Aber der Amur-Tiger ist für sie tabu, sagt Wladimir Schirko:

    "Der Tiger ist für uns Udegen eine Art Gott - wir tun nichts, um ihn zu entzürnen. Und er greift uns auch nicht an. Es gab Fälle, als Menschen angegriffen wurden, aber das ist ihre Schuld gewesen, glaube ich. Wir wissen alles über ihn und tun alles um ihn nicht zu stören - er ist unser Gott."

    Wladimir Schirko, die Dorfgemeinde und der WWF bekommen noch bis Ende 2011 finanzielle Hilfe von deutschen Steuerzahlern: Das Bundesumweltministerium hat WWF Deutschland 2,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, der koordiniert die Arbeit mit dem russischen Zweig der Organisation. Die Gelder für das Bikin-Tal kommen aus dem Budget für die Internationale Klimaschutzkampagne des Bundes. Zu Recht, sagt Forstexperte Jewgenij Lepjoschkin: Denn die Waldflächen des Pachtgebiets sind als Kohlenstoffspeicher wichtig für das Weltklima. Doch langfristig soll das Projekt ohne Hilfe aus dem Ausland auskommen.

    "Als Resultat des dreijährigen Projektes werden wir eine konkrete Zahl haben, wie viel Kohlenstoff die Wälder auf unserem Gebiet speichern, wenn es keine Abholzung gibt. Wir wollen offizielle Bescheinigungen darüber bekommen, damit wir diese Zahl in Emissionsrechte umwandeln und die dann auf dem internationalen Markt verkaufen können."

    Am Nachmittag begleitet Jewgenij die Dorfbewohner auf Patrouillenfahrt. Mehrmals wöchentlich fahren sie über die Grenzen des eigenen Gebietes hinaus - wo ein Baum nach dem anderen gefällt wird. Hier wollen die Naturschützer überprüfen, ob die Gesetze eingehalten werden und wenn nötig die Behörden über illegales Handeln informieren.

    Die Verwaltung der Region Primorje, zu dem das Bikin-Tal gehört, hält oft still - zu wichtig ist der Holzexport für die Region, vor allem nach China. Besonders begehrt ist die Koreakiefer - für die Naturschützer ein Problem.

    "Die Korea-Kiefer trägt sehr viele Nüsse. Die sind Futter für Wildschweine und andere Wildtiere - und die wiederum sind Beute für den Tiger. Das Ökosystem des Bikin-Tals und des ganzen Gebiets hängt von der Korea-Kiefer ab, deshalb muss man sie schützen."

    Seit Putins Machtwort zum Tigerschutz im vergangenen Herbst steht sie nun in ganz Russland auf der Schutzliste.

    "In unserem Land muss leider erst ein Mann wie Putin öffentlichkeitswirksam eine solche Strategie formulieren, bevor Behörden auf niedrigen Ebenen aktiv werden. Besonders wichtig sind nun Kontrollen und das Gesetzesverstöße auch geahndet und registriert werden. Denn ein großes Problem ist, dass es immer viele Verstöße und illegale Abholzung gibt, aber wir auf dem Papier noch viel Wald haben - aber das haben wir überhaupt nicht."

    Das neue Gesetz ist jedoch nur ein erster Schritt zum Schutz des Tigers und des Bikin-Tals, sagt Lepjoschkin. Die Umweltschützer werden nun selbst darüber wachen, ob es auch eingehalten wird.