Mittwoch, 29. Juni 2022

Pro-russische Propaganda
Die "Querdenken"-Szene findet neue Narrative

Zu Falschinformationen über die Corona-Pandemie gesellen sich Verschwörungs-Narrative über den Russischen Angriff auf die Ukraine: In Telegram- und Facebookgruppen von Coronaleugnern kommt pro-russische Propaganda gut an.

Text: Pia Behme | Ingrid Brodnig im Gespräch mit Mirjam Kid | 08.03.2022

Zwei Hände bedienen ein Smartphone
In Telegramgruppen von Corona-Leugnern werden pro-russischen Narrative über den Ukraine-Krieg geteilt. (unsplash / Christian Wiediger )
"Erst zwei Jahre Gehorsam für eine Grippe, jetzt auf Kommando Hass gegen Russen", schreibt Bodo Schiffmann. Der Mediziner gilt seit bald zwei Jahren als eine Führungsfigur unter den sogenannten "Querdenkern". Auf Schiffmanns Telegram-Kanal werden nun, seit Russlands Angriff auf die Ukraine, pro-russische Narrative geteilt. Auch der Livestream des russischen Propagandasenders RT DE lief hier, bis Schiffmann ihn vergangenen Freitag wieder einstellte. Am gleichen Tag sperrte Telegram den Kanal des Senders.
Es sind unterschiedliche, teils widersprüchliche Narrative, die derzeit Anklang in der coronaverharmlosenden Szene finden. Häufig wird dabei Propaganda des Kremls aufgegriffen. Etwa das Bild von der Ukraine als Aggressor. Oder die Behauptung, dass die Ukraine ein vom Westen unterstütztes Nazi-Regime sei. 

Pro-russische Propaganda dockt an Corona-Verschwörungsideologien an

"Es gibt auch Narrative, die an bereits bestehende Verschwörungsnarrative anknüpfen", sagt Julia Smirnova, Analystin am Institut für strategischen Dialog (ISD). In manchen Gruppen werde behauptet, dass hinter dem Krieg in der Ukraine die Neue Weltordnung (NWO) stehe - eine Verschwörungsideologie, laut der es das Ziel von Eliten ist, eine autoritäre, supranationale Weltregierung zu errichten.
"Einige Kanäle behaupten, dass Putin gegen die NWO kämpfe, andere sagen, dass Putin Teil der NWO ist", so Smirnova gegenüber dem Deutschlandfunk. Eine weitere Behauptung: Der Krieg soll von angeblichen Impfschäden ablenken.

"Querdenken"-Szene empfänglicher für Propaganda

Eine Kurzstudie des ISD zeigt, dass Coronaskeptiker und Impfgegner im deutschsprachigen Raum empfänglicher für russische Propaganda auf Facebook sind. Das liegt zum einen daran, dass rechtsextreme und rechte Stimmen in dieser Szene relevant sind und schon früher putinaffin waren, sagt die österreichische Desinformationsexpertin Ingrid Brodnig.
Zudem passen Feindbilder der coronaskeptischen Szene zur russlandaffinen Rhetorik. "Etwa, dass man westlichen Medien nichts glauben dürfe. Da kann ich kognitiv leicht von einem Thema auf das andere switchen", so Brodnig.

Mehr zum Thema Verschwörungserzählungen in Medien:

Ken Jebsen: Vom Jugendidol zum Verschwörungsmystiker
Eingeschränkter Kanal: Telegram geht offenbar gegen Attila Hildmann vor
QAnon und "Querdenker": "Eine Abgrenzung findet überhaupt nicht statt"

Eine weitere Erklärung liegt in der Coronaberichterstattung russischer Staatsmedien. In einem EU-Dokument von Anfang 2020 heißt es Medienberichten zufolge, Russland habe eine "bedeutende Desinformationskampagne gegen den Westen gestartet, um die Auswirkungen des Coronavirus zu verschlimmern, Panik zu erzeugen und Misstrauen zu säen". Russland wies die Vorwürfe zurück.

Expertin: RT DE "als respektable Quelle"

Für Julia Smirnova trifft das insbesondere auf RT DE, ehemals "Russia Today", zu. Der russische Staatssender habe seit Beginn der Pandemie die Covid-Maßnahmen in Deutschland und anderen westlichen Demokratien kritisiert und dabei auch Falschinformationen verbreitet. "Es kann sein, dass diese Taktik dazu geführt hat, dass RT Deutsch als Quelle ausgerechnet in Gruppen von Covid-Skeptiker*innen zum einen eine große Reichweite bekommen hat und zum anderen als respektable Quelle gesehen wird", so Smirnova.
Diese Position kann RT DE jetzt für die Verbreitung russischer Staatspropaganda nutzen. Bis zu seiner Sperrung hatte der Telegram-Kanal des Senders zuletzt einen starken Anstieg der Abonnentenzahl verzeichnet.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige jederzeit wieder deaktivieren.

Neue Themen als Überlebensstrategie

Ingrid Brodnig sieht in dem Thema Ukraine zudem den Versuch der coronaverharmlosenden Szene, auch dann präsent zu bleiben, wenn die Pandemie zu einer Endemie wird. Denn die Mobilisierung über das Corona-Thema stockt.
"Diese Szene braucht Anschlusserzählungen, über die man sich dann wieder aufregen kann. Da ist zum einen das Klima-Thema interessant. Aber auch Russland, weil ich da wieder eine Wahrheit gegen den Mainstream habe, die ich verbreiten kann. Es kann auch eine Überlebensstrategie für die Szene sein, sich neue Themen zu erarbeiten."