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StartseiteKultur heuteDie Wunden des Algerienkrieges verheilen nur langsam03.07.2012

Die Wunden des Algerienkrieges verheilen nur langsam

Frankreich-Korrespondentin Ursula Welter über den Jahrestag der Unabhängigkeit

Am 3. Juli jährte sich das Ende des französisch-algerischen Kolonialkrieges zum 50. Mal. Hunderttausende starben in dem Konflikt. Die damals aus Algerien vertriebenen Franzosen sehnen sich noch heute nach "ihrer" Heimat, sagt Ursula Welter, vieles sei noch nicht aufgearbeitet - doch jetzt beginne auch die Zeit, nach vorne zu schauen.

Das Gespräch führte Burkhard Müller-Ullrich

Eine Einheit der Harkas, von den Franzosen rekrutierte Muslime für den Kampf gegen die algerischen Rebellen, marschiert 1957 durch eine Straße in Algier. (picture alliance / dpa / AFP)
Eine Einheit der Harkas, von den Franzosen rekrutierte Muslime für den Kampf gegen die algerischen Rebellen, marschiert 1957 durch eine Straße in Algier. (picture alliance / dpa / AFP)

Burkhard Müller-Ullrich: Es war ein blutiger Weg, der zu dem historischen Datum führte, das jetzt 50 Jahre zurückliegt: die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich. Im März 1962 endete mit einer Konferenz in Evian am Genfer See der achtjährige Krieg zwischen der Kolonialmacht und den Separatisten, am 3. Juli endlich erkannte de Gaulle die Unabhängigkeit Algeriens an und zwei Tage später, am 5. Juli, folgte auch eine entsprechende Erklärung der siegreichen Rebellen in Algier. Wie viele Tote es auf beiden Seiten gab, war und ist umstritten, allein die Zahl der getöteten Algerier wurde von Frankreich mit 350.000 angegeben, algerische Quellen sprechen von bis zu 1,5 Millionen. Was dann folgte, waren die Flucht und Vertreibung der bis dahin noch in Algerien verbliebenen Franzosen, die sich viel mehr als Algerier denn als Franzosen fühlten, weil ihre Familien zum Teil schon seit Generationen im Maghreb sesshaft waren. Sie und ihre Geschichte sind ein integraler Bestandteil der Fünften Republik, aber – die Frage geht an unsere Korrespondentin in Paris, Ursula Welter – welche Rolle spielen sie heute im öffentlichen Leben und wie viele sind es?

Ursula Welter: Es sind ja verschiedene Gruppen, die heute noch die Erinnerung an Algerien wach halten. Da haben wir auf der einen Seite die sogenannten Pied-noir, also die Schwarzfüße; das waren rund 700.000, die damals in aller Eile über das Mittelmeer gekommen sind. Es gibt und gab die Harki und deren Nachfahren, also die einheimischen Algerier, die aufseiten Frankreichs gekämpft haben, gegen die Befreiungsbewegung FLN, auch deren Nachfahren sind hier. Die Harki haben bis vor einigen Jahren noch in Lagern gelebt, viele von denen haben diese Lager auch gar nicht verlassen, und deren Angehörige kämpfen jetzt um Rehabilitierung und darum, dass auch auf sozialer Ebene etwas getan wird für diese Gruppierungen. Die Pied-noir wiederum sind gerade in Südfrankreich sehr präsent, es gibt viele Gruppierungen, die untereinander nicht alle unbedingt vernetzt sind und verknüpft sind, da gibt es auch Konkurrenz. Aber in einem sind sich doch viele einig, nämlich dass sie bis heute davon sprechen, dass de Gaulle Verrat begangen hat an diesem Teil Frankreichs.

Müller-Ullrich: Diese Pied-noir, die träumen von einem Algerien, in dem sie mal gelebt haben, aber das es nicht mehr gibt. Wollen die da zurück?

Welter: Ich habe sehr oft gehört in den Gesprächen, dass die Männer, aber auch die Frauen sagen, wir träumen von unseren Geburtsorten, von den Städten, unserer Kindheit, unserer Jugend, aber wir sind nie wieder hingeflogen. Also viele haben diesen Traum offenbar bewahrt, bewahren diesen Traum. Es ist auch kein Zufall, dass viele im Süden Frankreichs leben, sozusagen Algerien vor Augen auf der anderen Seite des Mittelmeers – nicht nur wegen des Klimas, das spielt sicherlich auch eine Rolle, und nicht nur, weil natürlich damals viele Siedlungen in aller Eile auch dort unten im Süden errichtet worden sind, sondern auch, weil es eben eine geografische Nähe gibt zu dem, was man da verloren hat. Also mit wem immer man spricht - ich habe Männer auf den Boule-Plätzen gesprochen -, man merkte schon diese Sehnsucht, man merkte nicht verheilende Wunden bei vielen und bei den wenigsten eigentlich so eine Art Pragmatismus. Den kann man jetzt spüren hier oben in Paris, im Norden. Ich sage mal, da gibt es Anhörungen im Senat. Da sitzen Politiker, algerische, aber auch französische, oder französische mit algerischen Wurzeln, die nun alle sagen, wir müssen jetzt nach vorne schauen, wir müssen versuchen, konstruktiv an die Sache heranzugehen und das zu nutzen, was es hier auch gibt. Es gibt hier eine algerisch-französische Identität, wenn Sie so wollen. Also die Geschichte ist so miteinander verwoben, dass man darauf aufbauen könnte, und jetzt so rund um den Jahrestag hört man doch sehr häufig die Forderung nach einem algerisch-französischen Freundschaftsvertrag.

Müller-Ullrich: Diese Pied-noir, kann man die politisch irgendwie verorten im Parteienspektrum? Es gibt ja auch eine Menge Publizisten, die dazugehören.

Welter: Man kann nicht sagen, es ist eine linke oder eine rechte Gruppierung. So einfach kann man sich das nicht machen. Aber es ist natürlich versucht worden, von den verschiedenen Gruppierungen, auch was die Gesetzesebene angeht und die Erinnerungsarbeit angeht, die Deutungshoheit zu gewinnen. Sie erinnern sich vielleicht: 2005, da hat man ja versucht, sozusagen bei einer Nacht- und Nebelaktion ein Gesetz zu verabschieden und durchzusetzen, das vorsah, dass im Geschichtsunterricht die positiven Aspekte der Kolonialisierung dargestellt werden sollten. Dieser Passus ist dann, auch nachdem die Historiker hier Sturm liefen, wieder herausgenommen worden. Aber das war so ein Versuch, die Sache in eine Richtung zu lenken. Und dieses fehlende gemeinsame Narrativ, die fehlende Erinnerungsarbeit seitens des offiziellen Frankreich, was eben versäumt worden ist, das führt dazu, dass eben bis heute doch jeder in seine Richtung deutet, und das macht es sehr schwer.

Müller-Ullrich: Sie sagten gerade, es gäbe keine wirkliche Erinnerungsarbeit, de Gaulle wollte sogar vergessen machen, was geschehen ist, und es fehlt an einem Gesamtnarrativ. Wie wird denn jetzt dieser Gedenktag zum Beispiel in den Medien begangen?

Welter: Ich beginne mal mit dem März, als das Waffenstillstandsabkommen anstand, das Abkommen von Evian. Da ist sehr bewusst und übrigens auch auf algerischer Seite auf Feierlichkeiten verzichtet worden – gerade weil die Wunden nicht geheilt sind und weil da sehr vieles wieder aufbricht. Was jetzt zu beobachten ist, jetzt zu Beginn, Anfang Juli, rund um dieses Datum – Algerien will am 5. Juli offiziell feiern. Hier in Frankreich findet das sozusagen auf die sehr französische Art und Weise statt: im Wege der intellektuellen Auseinandersetzung. Sie haben die Anhörungen, die sehr gut besetzt sind, auch sehr gut besucht sind, es gibt Kolloquien, Film-Kolloquien etwa, wo dann die Frage gestellt wird, wie stark sind die Filmstreifen, die es ja gegeben hat, auch in den 60er-Jahren schon, wie stark sind die im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben. Aber man sieht dann eben auch Männer und Frauen, die weinend aus dem Kinosaal rausgehen. Wenn Sie in Familien das Thema Algerien ansprechen – die Gastgeber sprudeln und jeder erzählt seine Geschichte, so wie er das erlebt hat. Und dann, nicht zu vergessen, natürlich die große Gruppe der Soldaten, die damaligen Rekruten, die auch geschickt wurden, die dann dem großen Schweigen auch unterlagen – auch da ist vieles nicht aufgearbeitet. Aber noch einmal: Ich denke, jetzt beginnt auch die Zeit, gerade auch nach dem Regierungswechsel hier, dass nach vorne geschaut wird. Francois Hollande will eine anders akzentuierte Afrika-Politik machen, und wenn man so will, führt Frankreichs Afrika-Politik auch durch die Tür Algerien.

Müller-Ullrich: Auskünfte von Ursula Welter waren das zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Algeriens.

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