Interview 21.04.2020

Diskussion über Corona-Maßnahmen"Ruf nach weiteren Lockerungen halte ich für völlig falsch"Karl Lauterbach im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

Beitrag hören Der SPD-Politiker Prof. Dr. Karl Lauterbach (imago / Gerhard Leber)SPD-Politiker Karl Lauterbach warnt davor, die Corona-Maßnahmen weiter zu lockern (imago / Gerhard Leber)

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisiert die Debatte um weitere Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Zunächst müsse abgewartet werden, wie sich die beschlossenen Lockerungen auswirkten, mahnte er im Dlf. Bei einem Wiederanstieg der Infektionszahlen drohe sonst die Rücknahme aller Lockerungen.

Seit Anfang der Woche sind in Deutschland ersten Lockerungen der Anti-Corona-Maßnahmen in Kraft, unter anderem dürfen bestimmte Geschäfte wieder öffnen, in einigen Bundesländer auch öffentliche Einrichtungen wie beispielsweise Zoos. Und die Diskussionen um weitere Lockerungen der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie werden bereits lauter. Bundeskanzlerin Angela Merkel jedoch rief dazu auf, nicht leichtsinnig zu werden und bei der Einhaltung der Regeln nicht nachzulassen.

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Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt vor der Gefahr, dass die Menschen in der Coronakrise leichtsinniger werden könnten. Dies sei bereits bei den Öffnungen der Geschäfte zu sehen gewesen. Er warnte davor, bereits über neue Lockerungen das Maßnahmen zu sprechen. Zunächst müsste abgewartet werden, wie sich die bereits beschlossenen Lockerungen auswirkten. Es dürfe nicht zu neuen Infektionsfällen kommen, sonst drohe erneut ein exponentielles Wachstum und dann müsste die beschlossenen Lockerungen wieder zurückgenommen werden.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Die Debatte um das weitere Vorgehen in der Coronakrise werde falsch geführt, meinte Lauterbach. "Man hätte den Menschen sagen müssen: Wir haben noch nichts erreicht." Es sei lediglich die gefährliche schnelle exponentielle Ausbreitung des Virus verhindert worden, aber noch seien mehr als 98 Prozent der Bevölkerung nicht immun. Es müsste nun kommuniziert werden, dass die Bekämpfung der Coronapandemie sehr viel länger dauer könnte - nach neueren Studien der Havard Universität möglicherweise bis 2022.


Das Interview in voller Länge:

Ann-Kathrin Büüsker: Die Debatte über die Maßnahmen zur Coronabekämpfung in Deutschland wird immer kleinteiliger, das merken wir auch an der Vielzahl an Akteuren, die sich bei uns melden, um für ihre Interessen zu trommeln, denn unser aller Leben, das veränder sich ja gerade in der Krise, selbst wenn wir erste Lockerungen erleben. Insbesondere jene Gruppen, die Möglichkeiten haben, für ihre Belange zu trommeln, tun das, also Verbände, Institute, Parteien, Religionsgemeinschaften, und sie stellen dann Fragen wie: Warum dürfen Zoos in Rheinland-Pfalz öffnen, aber keine Gottesdienste stattfinden? Immer mehr Akteure warnen auch, wir wollen öffnen, sonst überstehen wir das nicht. Entsprechende Forderungen kommen etwa aus der Gastronomie. Dazu kommen dann verständnislose Eltern, die nicht verstehen, warum Kinder nicht in die Kita dürfen, Abi-Prüfungen aber geschrieben werden. Dazu kommen unterschiedliche Regelungen je nach Bundesland. In Sachsen darf man nur noch mit Mundschutz in den Bus, in NRW ist das egal. Eine schwierige Gemengelage können wir jetzt aufdröseln mit Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte, selbst studierter Mediziner und Gesundheitsökonom. Einen schönen guten Morgen!

Herr Lauterbach, die Kanzlerin hat noch einmal gewarnt, dass wir nicht leichtsinnig werden dürfen. Sehen Sie die Gefahr, dass wir leichtsinnig werden?

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In anderen Ländern sind Schutzmasken längst Pflicht, in Deutschland aber gibt es keine einheitliche Regelung. Das sei kaum nachvollziehbar und eine Schwäche des föderalen Systems, kommentiert Frank Capellan.

Lauterbach: Diese Gefahr sehe ich absolut. In der Tat, wir haben gestern schon beobachtet, dass die Menschen unvorsichtiger geworden sind. Darüber hinaus sind viele jetzt schon dabei, neue Forderungen zu stellen, anstatt, dass man abwartet, ob die Lockerungen, die wir jetzt gemacht haben, ob wir die leisten können oder ob die schon zu weit gehen, wird schon nach neuen Lockerungen gerufen. Somit bin ich insgesamt sehr pessimistisch, ich hätte selbst sogar die Lockerungen, die wir jetzt gemacht haben, noch nicht beschlossen, ich hätte versucht, länger durchzuhalten, um die Zahl der neuen Fälle soweit herunterzudrücken, dass man jeden neuen Fall neu verfolgen kann, so ähnlich, wie man das in Südkorea gemacht hat, aber da hat man sich nicht dafür entschieden. Daher haben wir das früh gelockert, wir haben alles auf Kante genäht, es darf nicht zu neuen Fällen kommen, man ist sonst sehr schnell wieder beim exponentiellen Wachstum, dann müssten schon wieder die Lockerungen, die man beschlossen hat, zurückgenommen werden. Das wäre für Wirtschaft und für die Menschen sehr demoralisierend, das ist aber etwas, was durchaus jetzt passieren kann, wenn wir noch mehr lockern oder wenn die Vorsichtsmaßnahmen zu schnell verloren gehen.

Kampf gegen die Pandemie könnte bis 2022 dauern

Büüsker: Nun sind in der Debatte der vergangenen Tage im Prinzip auch über die Ostertage immer wieder solche Begriffe gefallen wie Lockerung, der Begriff Normalität, Rückkehr zur Normalität. Das hat die Debatte bestimmt, ist das nicht klar, dass bei der Allpräsenz dieser Worte die Leute denken, okay, jetzt können wir wieder zurück ins normale Leben?

Lauterbach: Das stimmt, die Debatte ist da auch falsch geführt worden, man hätte sagen müssen, wir haben bisher noch nichts erreicht. Was uns gelungen ist, wir haben diese schnelle, extrem gefährliche Ausbreitung der Epidemie in den Griff bekommen, aber es ist nicht zu einer Immunität in der Bevölkerung gekommen, das heißt, nach wie vor ist es so, dass über 98 Prozent der Menschen es noch vor sich haben. Und wenn wir jetzt wieder zum exponentiellen Wachstum zurückkehren würden, dann stünden wir nach sehr kurzer Zeit genau da, wo wir vor Wochen gestanden haben, dann hätten wir mit sehr viel Geld nichts erreicht.

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Büüsker: Herr Lauterbach, wenn ich Sie dann richtig verstehe, heißt das ja, dass die Politik verpennt hat, den Bürgerinnen und Bürgern zu erklären, was sie eigentlich vorhat, ihr Ziel, tatsächlich adäquat zu kommunizieren.

Lauterbach: Das weiß ich nicht, es ist ja sehr viel kommuniziert worden, aber die Bürger, glaube ich, leben hier vom Wunschdenken. Die Menschen haben sich ja sehr stark eingeschränkt, und wenn man sich sehr stark einschränkt, dann wird normalerweise viel erreicht. Gerade wenn man beispielsweise, um im Bild zu bleiben, zu Hause geblieben ist wegen einer Grippe, ist man danach wieder genesen. Mein Eindruck ist, dass in der Bevölkerung das ein bisschen so gesehen wird, als wenn das jetzt der Fall gewesen wäre. Wir müssen aber kommunizieren, dass es sehr lange dauern kann. Die neueren Studien von der Harvard-Universität, das tut mir fast weh, das sagen zu müssen, das sagt niemand von uns gerne, aber die gehen sogar davon aus, dass es sein kann, dass wir bis 2022 gegen diese Pandemie kämpfen müssen. Ein Impfstoff ist keineswegs sicher, wenn er kommt, wahrscheinlich in der späteren Hälfte des nächsten Jahres, in diesem Jahr wird er auf keinen Fall kommen. Ich glaube, wir müssen das ganz ehrlich kommunizieren, niemand überbringt gerne die schlechte Nachricht, vor allem in der Politik nicht, das ist aber das, wofür wir derzeit gebraucht und auch bezahlt werden.

"Gastronomie ist ein viel größerer Risikofaktor"

Büüsker: Heißt das, bisher hat die Politik es verpasst, so ehrlich zu kommunizieren?

Lauterbach: Ich glaube, dass schon zum Teil ehrlich kommuniziert wurde, ich bin auch nicht derjenige, der jetzt die Politik hier kritisieren möchte. Ich blicke einfach nach vorne, ich bin ja selbst auch Teil der Politik. Aber wir müssen alle zusammenhalten, und ich halte jetzt den Ruf nach noch weiteren Lockerungen, den halte ich für völlig falsch, egal, von wem er kommt. Ich halte auch nicht für richtig, dass wir so viele Maßnahmen beschlossen haben mit Ausnahmen und nicht bundeseinheitlich. Da entsteht der Eindruck, als wenn das eine andere willkürlich wäre und man hätte das im eigenen Bundesland gar nicht machen müssen. Auch die Diskussion jetzt um die Gastronomie und viele andere Bereiche, das ist alles jetzt überhaupt nicht hilfreich.

Büüsker: Aber können Sie auch nachvollziehen, dass zum Beispiel Gastronomen jetzt sagen, wir können nicht mehr, wir brauchen jetzt irgendeine Lösung?

Lauterbach: Natürlich. Und die Gastronomen verdienen auch eine Lösung, die brauchen unsere Unterstützung. Wir müssen aber dann darüber sprechen, was können wir anbieten, außer dass die Geschäfte geöffnet werden. Wir müssen Geld anbieten, das wird nicht anders gehen als mit Unterstützung, um die Gastronomie über Wasser zu halten. Vor wenigen Tagen ist eine Vorveröffentlichung gekommen, um ein Beispiel zu bringen, die zeigt, dass sich also in Restaurants auch über den Air Conditioner in China offenbar die Erkrankung ausgebreitet hat, die Infektion ausbreitet hat. Und wir wissen, dass Geschäfte ein Risikofaktor sind, aber dass die Gastronomie ein viel größerer Risikofaktor ist. Das ist also nicht in den Griff zu bekommen, und wenn man da viel riskiert zum jetzigen Zeitpunkt, dann befürchte ich, werden wir nach wenigen Wochen sehen, dass die Werte wieder hochgehen und dass wir wieder mehr Lockerungen zurücknehmen müssen.

"Bundesweit eine Mundschutzpflicht einführen"

Büüsker: Sie haben ja eben für einheitliche Lösungen in Deutschland plädiert. Da würde ich gerne das Thema Mundschutzpflicht noch mal aufgreifen, weil da sehen wir ja tatsächlich derzeit deutschlandweit sehr uneinheitliche Herangehensweisen. Sachsen hat die ab dieser Woche schon beschlossen, Bayern will sie auch einführen, Thüringen diskutiert gerade. Müsste so eine Pflicht nicht deutschlandweit kommen?

Lauterbach: Aus meiner Sicht ja. Die Studien, die gemacht worden sind in den letzten Wochen, haben immer stärker gezeigt, dass der Mundschutz tatsächlich etwas bringt. Der normale Mundschutz, den man sich selbst bastelt, der bringt auch wahrscheinlich etwas bei Sprechen, weil wir immer klarer sehen, dass beim Sprechen die Übertragung des Virus auch möglich ist, zuerst hat man gedacht, das wären nur Tröpfchen, die typischerweise beim Niesen oder Husten entstehen, jetzt wissen wir, dass das ganz gewöhnliche Sprechen auch ein Risikofaktor ist, da hilft der selbstgebastelter Mundschutz. Viel besser wäre natürlich ein Mundschutz mit OP-Qualität, der derzeit fieberhaft produziert wird. Er schützt sogar den Träger etwas und natürlich jeden, der dem Träger begegnet. Um mit Mundschutz arbeiten zu können, wäre jetzt aus meiner Sicht zumindest im ÖPNV, aber auch in wieder geöffneten Geschäften das Tragen eines Mundschutzes medizinisch sinnvoll. Der selbstgemachte Mundschutz ist nicht immer perfekt, aber wenn gut erklärt ist, wie man ihn trägt, dann hilft er mehr, als dass er schadet. Wenn man ihn falsch verwendet, ist es umgekehrt. Das kann man jetzt erlernen und man muss so schnell wie möglich zum richtigen, guten OP-Mundschutz kommen. Aber jetzt wäre die Zeit, das einheitlich bundesweit zu regeln, der Mundschutz ist jetzt eigentlich angesagt.

Büüsker: Aber selbst die Kanzlerin sagt, versteht es im Moment nur als Gebot und empfiehlt noch keine Pflicht. Warum so zögerlich an der Stelle?

Lauterbach: Niemand will die Menschen jetzt mit schlechten Nachrichten konfrontieren, weil das haben wir ja über Wochen gemacht. Ich glaube aber, dass wir die Bürger auch zum Teil unterschätzen. Man muss es einfach tun, es bleibt ja sowieso nichts anderes übrig. Ich mache auch die Erfahrung, dass viele Bürger verstehen, dass sie jetzt vorsichtig sein müssen. Und es gibt auch viele Bürger, die genau verstehen, wie die Pandemie in Deutschland sich entwickelt hat und von daher von uns das auch erwarten. Merkel hat ja gestern gesagt, wir können jetzt nicht weiter Forderungen diskutieren, das sehe ich genauso. Ich bin auch der Meinung, dass man jetzt ehrlich sein sollte und bundesweit eine Mundschutzpflicht in bestimmten Bereichen einführen sollte.

"Wir brauchen Abstand plus Mundschutz"

Büüsker: Aber Herr Lauterbach, es ist ja nicht unbedingt eine schlechte Nachricht, wenn man den Bürgerinnen und Bürgern sagen kann, hier wir haben eine sehr einfache Methode, wie ihr euch gegenseitig schützen könnt, ihr müsst euch nur ein Stück Stoff vor den Mund ziehen. Das ist ja eigentlich eine gute Nachricht.

Lauterbach: Das wäre die falsche Nachricht, weil es genau so nicht ist. Leider muss man den Abstand halten und den Mundschutz tragen. Das ist die schlechte Nachricht, dass der Abstand alleine nicht reicht, sondern dass zusätzlich noch der Mundschutz auch noch getragen werden müsste. Wenn man den Eindruck erweckt, dass der Mundschutz die Abstandsregelungen ersetzt beziehungsweise beim Abstand mehr Möglichkeiten gibt, dann ist das schlicht falsch. Mehr Möglichkeiten hätten wir nur, wenn wir bereits gute Mundschütze von OP-Qualität hätten für jeden, was nicht der Fall ist, wenn eine App am Platz wäre, wo jeder neue Fall verfolgt werden könnte, wenn wir um jeden neuen Fall konsequent alles abtesten würden, ob sich neue Fälle ergeben haben. Und wenn wir das tun würden von einer Ausgangssituation her, wo viele neue Fälle nicht entstehen, sodass man die Ressourcen hat – so ähnlich wie bei Webasto am Anfang –, die Fälle nachzuvollziehen, davon sind wir aber sehr weit entfernt. Daher müssten wir jetzt die schlechte Nachricht kommunizieren, und das sollten wir auch. Wir brauchen Abstand plus Mundschutz.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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