
Beinahe 900.000 neue Vereinsmitgliedschaften sind 2023 abgeschlossen worden, ein Plus von über drei Prozent. Fast jede Olympische Sportart verzeichnet Zuwächse. Die Mitgliedschaften der großen Verbände wie Fußball, Turnen oder der Deutsche Alpenverein steigen um circa fünf Prozent. Verluste gibt es, wenn überhaupt, nur sehr geringe.
Wellenreiten wird immer niedrigschwelliger
Die Sportart, die im Verhältnis zur Verbandsgröße am meisten wächst, ist Wellenreiten. War Surfen früher noch ein Sport für Küstenregionen, wird er in den letzten fünf Jahren immer niedrigschwelliger. Und zwar durch das sogenannte Rapid Surfing, das Surfen auf stehenden, künstlich erzeugten Wellen im Fluss.
"Und dadurch, dass vor allem das Rapid Surfing als Disziplin in unserem Verband sehr boomt, kommen immer mehr Vereine zu uns, die Mitglied werden. Und das ist auch genau das, woher der Mitgliederzuwachs herrührt", erklärt Michael Zirlewagen, Präsident des Deutschen Wellenreitverbands. Wer stehende Wellen bauen möchte, schließt sich oft in Vereinen oder Initiativen zusammen. Das Rapid Surfing lockt schnell Publikum an, ebenso wie die beeindruckenden Fotos von den Olympischen Surfwettbewerben.
Erfolge in der Nationalmannschaft sorgen für Mitgliederzuwächse
Herausstechende Zuwächse verzeichnen in den letzten Jahren auch die Teamsportarten Basketball und Eishockey. Beide Sportarten profitieren laut ihrer Verbandsvertreter von den Erfolgen ihrer Nationalmannschaften: Im Eishockey die Silbermedaille bei den Winterspielen 2018 und im Basketball EM-Bronze 2022 und der WM-Titel 2023.
"Insofern ist das so ein Zusammenspiel, was wahrscheinlich nur alle paar oder alle zig Jahre mal vorkommt, dass wir jetzt wirklich, was den Erfolg unserer Nationalmannschaften angeht, auf einer absoluten Welle schwimmen und dementsprechend natürlich auch Aufmerksamkeit bekommen und als nächster Faktor dann die Kinder in die Vereine strömen", analysiert Christoph Büker, Pressesprecher des Deutschen Basketballbunds.
Wegen der Premiere von 3x3 bei den Spielen in Paris und der Goldmedaille des deutschen Frauenteams, rechnet er damit, dass der Zulauf erstmal nicht abreißen wird. Allerdings sind die Vereine nicht überall darauf vorbereitet: "Die Struktur ist natürlich eine große Herausforderung. Das ist ganz klar. Das gilt nicht nur für 3x3, sondern ganz besonders auch für den Fünf-gegen-fünf-Basketball. Im Moment ist es so, dass es an einigen Stellen einfach einen so großen Zulauf gibt, dass die Vereine das vor Ort noch nicht bewältigen können, weil sie nicht genug Hallenzeiten und/oder nicht genug Übungsleiter*innen haben, die das bewerkstelligen können."
Sportstätten sportartübergreifend ein Problem
"An allen Standorten ist das Thema Eiszeiten ein Riesenproblem“: Das Sportstätten-Problem kennt auch Claus Gröbner, Generalsekretär beim Deutschen Eishockeybund: "Also wir haben einen Riesen-Investitionsstau, das sehen wir an ganz, ganz vielen Standorten. Die durchschnittliche Eishalle in Deutschland ist, glaube ich, mittlerweile über 40 Jahre alt. Neuprojekte gibt es sehr wenige. Die Gefahr, dass Standorte aufgrund von Renovierungsmaßnahmen eher geschlossen werden als neu gebaut werden, das ist sicher ein großes Thema. Das trifft aber nicht nur das Eishockey. Die gesamte Sportstätteninfrastruktur wäre zu modernisieren. Das ist auch ein großer Appell, den wir immer wieder an die Politik richten.“
Und auch die Sportvereine seien am Limit und bräuchten mehr politische Unterstützung, appelliert der DOSB in seiner Pressemitteilung zur Bestandserhebung. Tatsächlich nimmt die Anzahl der Vereine ab, während die Mitgliederzahlen steigen. 450 Vereine weniger sind es als im Vorjahr, im Jahr davor gab es sogar ein Minus von über 500 Vereinen. Zum Teil liegt das an Fusionen, an anderer Stelle aber tatsächlich am Vereinssterben.
Corona-Pandemie hat nachträglich positive Effekte
Dass der Eissport aussterben könnte, das sieht Gröbner aber nicht kommen. Eislaufen fasziniere die Menschen nach wie vor. "Ein weiterer Punkt aus meiner Sicht ist, dass wir einfach grundsätzlich auch nach der Corona-Zeit einen Boom in den Stadien erleben, also gerade im Eishockey, und übergreifend haben wir Zuwächse bei den Fans. Das sehen wir ganz, ganz stark.“
Auch Leon Ries, Geschäftsführer der Deutschen Sportjugend, glaubt, dass die Pandemie jetzt nachträglich einen positiven Einfluss hat: "Da war auch Corona ein Motor dafür, dass Eltern gesehen haben, wie wichtig Bewegung für ihre Kinder ist. Und insofern ist das an der Stelle wahrscheinlich sogar ein positiver Effekt, der sich aus dieser Zeit herübergerettet hat: Zu sagen, Bewegung und Sport ist für Kinder ein ganz, ganz wichtiger Teil ihres Heranwachsens. Und das scheint sich hier durchzuziehen.“
Im Alter zwischen null und sechs Jahren sind die Zuwächse sogar zweistellig – dort liegen sie bei über zehn Prozent. Ries: "Normal sind diese Zahlen, die wir jetzt dieses Jahr haben, glaube ich, nicht. Das ist schon echt noch mal ein ordentlicher Schwung.“
Immer mehr Mädchen und Frauen in Sportvereinen
Erfreulich findet Ries von der Deutschen Sportjugend auch, dass in vielen Bereichen die weiblichen Mitgliedschaften zunehmen, zum Teil sogar stärker steigen als die männlichen. Dafür gebe es mehrere Gründe: Zum einen sei es eine Entwicklung in der Gesellschaft - dass Sport ein Hobby für Jungs ist, ist schon lange überholt. Außerdem gibt es immer mehr weibliche Vorbilder und: "Sport ist deutlich vielfältiger geworden. Sportvereine sind vielfältiger geworden. Es gibt mehr Möglichkeiten für Mädchen, sich vielleicht auch noch mal in anderen Sportvereinen oder Sportarten auszuprobieren, die sie vorher vielleicht nicht so auf dem Schirm hatten, wo vorher vielleicht nicht so die Angebote vorhanden waren.“
Allerdings erreiche man Frauen und Männer nicht zu gleichen Teilen, berichtet Pressesprecher Frank Michael Rall vom Landessportbund NRW. Diesem Ungleichgewicht müsse man weiter aktiv entgegenwirken.