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StartseiteSprechstunde"Im Prinzip eine Situation wie bei einem Herzinfarkt"11.12.2018

Effekte von Energydrinks "Im Prinzip eine Situation wie bei einem Herzinfarkt"

Laut einer US-Studie kann schon ein einziger Energydrink die Funktion der Gefäßwände verändern. Das könne dazu führen, dass das Herz nicht mehr genug durchblutet werde, warnte der Kardiologe Claudius Jacobshagen im Dlf. Auch Herzrhythmusstörungen seien negative Effekte des Trendgetränks.

Claudius Jacobshagen im Gespräch mit Christian Floto

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Eine Reihe Dosen mit Energy-Getränken verschiedener Marken (picture-alliance / dpa / Romain Fellens)
Energydrinks verändern laut einer US-Studie die Funktion der Gefäße (picture-alliance / dpa / Romain Fellens)
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Christian Floto: Energydrinks sind beliebt, gerade bei jungen Erwachsenen. Allerdings sind diese Getränke schon seit Längerem umstritten – schon allein, weil sie große Mengen Koffein und Zucker enthalten. Zum anderen ist in der medizinischen Literatur von jungen Menschen berichtet worden, bei denen es nach exzessivem Energydrink-Konsum zu einem Herzinfarkt oder zu Herzrhythmus-Störungen kam.

US-amerikanische Kardiologen im texanischen Houston haben jetzt bei jungen Medizinstudenten – alle Anfang bis Mitte 20, körperlich gesund und Nichtraucher – die Wirkung von Energydrinks auf Gefäße genauer untersucht. Das Ergebnis: Bereits ein einziger Energydrink führt zu einer Veränderung der Funktion der Gefäßwände. Die Gefäße weiteten sich nicht so gut und schnell, wie dies normalerweise passieren müsste. Die gestörte sogenannte Endothelfunktion könnte auf Dauer das Risiko für eine Gefäßerkrankung erhöhen, berichteten die Mediziner auf der Jahrestagung der US-amerikanischen Herz-Gesellschaft.

Professor Claudius Jacobshagen ist stellvertretender Direktor der Klinik für Kardiologie am Herzzentrum der Universitätsklinik Göttingen, ihn begrüße ich jetzt am Telefon. Schönen guten Tag, Herr Professor Jacobshagen!

Claudius Jacobshagen: Ich grüße Sie!

Floto: Energydrinks verändern die normale gesunde Funktion der Gefäßwände auch junger, gesunder Menschen. Hilft dieser Befund jetzt von US-amerikanischen Kollegen die ungesunden Effekte besser zu verstehen?

Jacobshagen: Nun, zumindest zum Teil. Es erklärt die akuten Effekte der Energydrinks, wie zum Beispiel Blutdruckanstieg, aber auch Gefäßspasmen, das heißt akutes Zusammenziehen der Gefäße. Wenn das zum Beispiel die Herzkranzgefäße betrifft, führt das zu einer akuten Minderdurchblutung des Herzens, und es entsteht im Prinzip eine Situation wie bei einem Herzinfarkt. Das heißt, was das betrifft, sind die ungünstigen Effekte zu erklären.

Auch chronisch könnte man sich vorstellen, wenn die Endothelfunktion der Gefäße auf Dauer mit Energydrinks bombardiert wird, dass die Gefäße Schaden nehmen, wie wir es auch bei anderen Substanzen wie zum Beispiel beim Rauchen sehen. Es gibt aber auch andere Effekte der Energydrinks, zum Beispiel die Herzrhythmusstörungen, die jetzt nicht unbedingt auf die Gefäßfunktion zurückzuführen sind – da müssen noch andere Effekte mit dahinterstecken.

Herzrhythmusstörungen als Effekte des Konsums

Floto: Welche Stoffe sind denn da noch drin, die möglicherweise dann in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen könnten?

Jacobshagen: Es gibt einen ganzen Cocktail an Substanzen in diesen Energydrinks – Ephedrin, Theophyllin, Niacin, Pyridoxin und andere mehr. Zunächst einmal muss man sagen, dass die Koffeindosis, die Koffeinkonzentration in diesen Energydrinks zum Teil 50-fach über dem liegt, was wir von Coca-Cola oder von anderen Softdrinks kennen. Und so massive Koffeindosierungen sind gerade für Menschen, die vielleicht Koffein nicht gewohnt sind – ich denke an Jugendliche oder sogar Kinder –, durchaus schädlich.

Und dann gibt es die Aminosäure Taurin, die häufig auch in höheren Dosierungen in diesen Energydrinks vorhanden ist und von der wir wissen, dass sie in höheren Dosierungen die Herzelektrik stören können. Es kommt zu sogenannten QT-Zeit-Verlängerungen, das kann Herzrhythmusstörungen auslösen – besonders bei Patienten, die hier genetisch Veränderungen haben, von denen sie vielleicht gar nichts wissen, und die erst dann offensichtlich werden, wenn Taurin in größeren Mengen zu sich genommen wird.

Floto: Das sind Effekte, wie sie eben halt auch in Verbindung mit ganz ausgeprägten Phänomenen wie plötzlichem Herztod oder Herzstillstand bei anderen Menschen und Gruppen, beispielsweise Sportlern, auftreten können, die so etwas dann auch nicht wissen vorher.

Jacobshagen: Völlig richtig. Da gibt es das Schlummern sozusagen, Veränderungen in der Herzelektrik, die unter normalen Bedingungen nicht zum Tragen kommen. Aber wenn dann bestimmte Medikamente oder eben auch solche Energydrinks zu sich genommen werden, können diese Veränderungen plötzlich relevant werden, und dann kann es zu lebensbedrohlichen Rhythmusstörungen kommen.

"Hier geht die Gefahr von den veränderten Verhaltensweisen aus"

Floto: Als besonders riskant gilt es ja, Energydrinks mit Alkohol zu kombinieren – warum?

Jacobshagen: Ja, das ist richtig. Da muss man zwei Dinge voneinander trennen: Zum einen sind es die besonders gefährlichen Verhaltensweisen, die entstehen, wenn die aufputschende Wirkung der Energydrinks zusammentrifft mit der enthemmenden Wirkung von Alkohol. Hier sieht man besonders häufig Autofahren unter Alkoholeinfluss oder auch sexuellen Missbrauch unter Einnahme dieser Substanzen, das heißt also, hier geht die Gefahr von den veränderten Verhaltensweisen aus.

Aber Alkohol führt auch dazu, dass die Halbwertzeit von Koffein um 70 Prozent verlängert wird. Und dadurch kommt es zu einer Potenzierung der Wirkung, weil das Koffein nicht in der gleichen Art und Weise abgebaut wird, sondern viel länger im Körper persistiert, also zurückbleibt, und mit Alkohol gemeinsam plötzlich eine viel massivere Wirkung auftritt.

Floto: Das wird ja immer schlimmer, wenn man das hört. Falls Menschen jetzt nicht darauf verzichten wollen, gibt es eine Dosis, die Sie vielleicht noch als unbedenklich sehen würden, also so eine halbe Dose davon.

Jacobshagen: Zunächst mal muss man sagen, es gibt bestimmte Patientengruppen, die gar keine Energydrinks zu sich nehmen sollten: Schwangere, Kinder unter 18, Sportler vor dem Sport, in Kombination mit anderen Medikamenten oder, besonders wichtig, wenn schon eine Herzerkrankung vorbekannt ist. Wenn das alles nicht zutrifft, kann man sagen, ein Energydrink pro Tag ist vertretbar, aber dann bitte nicht vor dem Sport, nicht zusammen mit Alkohol oder anderen Medikamenten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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