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Ein Jahr nach dem Referendum
Keine Lösung in Katalonien in Sicht

Vor einem Jahr haben die Separatisten in der spanischen Region Katalonien über die Unabhängigkeit von Spanien abstimmen lassen. Die spanische Staat hat dieses Referendum nicht akzeptiert. Für den heutigen Jahrestag haben Separatisten zu Demonstrationen in Barcelona aufgerufen.

Von Oliver Neuroth | 01.10.2018
    Man sieht einen Polizisten von der Seite, dessen Helmvisier gerade mit gelber Farbe bespritzt wird. Dahinter weitere Polizisten.
    Demonstranten, die für die Unabhängigkeit von Katalonien sind, warfen bei Protesten Farbe auf Polizisten (Daniel Cole / AP / dpa )
    Applaus für eine Wahlurne. Es ist ein Exemplar, das vor einem Jahr beim Referendum zum Einsatz kam - und zwar in einer Schule in Barcelona-Gracia, die zu einem Abstimmungslokal umfunktioniert wurde. Jetzt kehrt die Urne in die Schule zurück- umjubelt von 40, 50 Bewohnern des Stadtviertels, die vor dem Gebäude eine Menschenkette bilden. Mittendrin steht Antoni.
    "Das ist sehr emotional für mich. Jahrelang hatten wir für das Referendum gekämpft. Heute sind wir näher als je zuvor an der Unabhängigkeit Katalonien, wir werden sie eines Tages erreichen."
    So lautet auch Antonis Wunsch für die Zukunft, den er auf einen Zettel geschrieben und diesen in die Wahlurne gesteckt hat. Mit ähnlichen Aktionen haben gestern viele Katalanen vorab an den Jahrestag des Referendums erinnert - alles lief friedlich ab. Ganz anders als am Samstag:
    Ausschreitungen in Barcelona
    Es kam zu Ausschreitungen am Rande zweier Demonstrationen in Barcelona. Radikale Separatisten bewarfen Polizisten mit Gegenständen und Farbbeuteln; diese setzten Schlagstöcke ein. Mehr als 20 Menschen wurden leicht verletzt. Szenen, die für neue Diskussionen in Katalonien sorgen - und die separatistische Regionalregierung unter Druck setzen. Denn sie rief stets dazu auf, ohne Gewalt für das Ziel der Unabhängigkeit zu demonstrieren. Wobei der Ton von Regionalpräsident Torra schärfer wird. In einer Ansprache gestern nannte er den 1. Oktober 2017 einen Sieg für Katalonien und kritisierte die spanische Regierung, die die Polizei angewiesen habe, das Referendum gewaltsam zu verhindern.
    "Dieser 1. Oktober hat uns unser Ziel gezeigt. Wir müssen einen neuen Vorstoß wagen, einen neuen 1. Oktober begehen, an dem wir das gleiche tun wie vor einem Jahr. Nun, wo wir die Angst hinter uns gelassen haben, müssen wir vor allem den zivilen Ungehorsam aus dem vergangenen Jahr wiederholen."
    Sanchez lehnt Unabhängigkeitsreferendum ab
    Die katalanische Regionalregierung will weiterhin durchsetzen, dass es zu einem neuen Unabhängigkeitsreferendum kommt - und zwar zu einem, das der spanische Staat akzeptiert. Spaniens Regierungschef Sanchez hat das schon mehrmals abgelehnt und auf die Verfassung verwiesen. Die sieht eine solche Volksbefragung nicht vor. Aber Sanchez will der Regionalregierung in Barcelona offenbar entgegenkommen und brachte zuletzt ein Referendum über mehr Autonomierechte für Katalonien ins Gespräch.
    "Der Vorschlag der spanischen Regierung, der das verbindende Element in der katalanischen Bevölkerung ist, zwischen Nationalisten und Nicht-Nationalisten, lautet: Eine Reform der Selbstverwaltung, die im Autonomiestatus festgeschrieben ist."
    Doch ein solches Referendum reicht Regionalpräsident Torra nicht aus, er wies es als unzureichend zurück und beharrt auf seiner Maximalforderung. Die politischen Gespräche zwischen Madrid und Barcelona, die durch die neue sozialistische Zentralregierung überhaupt erst wieder wurden, sind weit von einer Lösung des Konflikts entfernt. Nach Umfragen ist weiterhin etwa die Hälfte der Katalanen für eine Loslösung von Spanien und die andere Hälfte dagegen.
    Die Unabhängigkeits-Befürworter in Barcelona-Gracia sehen sich dagegen fast am Ziel, sie rufen "Wir haben gewählt!" Bei Antoni ist keine Enttäuschung zu spüren, dass seit dem Referendum vom 1. Oktober 2017 bisher nichts nach einer Republik Katalonien aussieht.
    "Nein, es war ja klar, dass das keine Sache ist, die von heute auf morgen passiert. Wir unternehmen Schritt für Schritt. Auch wenn ich persönlich lieber etwas schneller voran gehen würde."
    Demonstration für den Abend angekündigt
    Für heute Abend hat die Unabhängigkeitsbewegung zu einer Demonstration in der Innenstadt von Barcelona aufgerufen: Auf einem zentralen Platz soll ein großes Transparent hängen mit dem Schriftzug "Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht". In Anlehnung daran, dass die spanische Justiz das Unabhängigkeitsreferendum verboten hatte. Und wieder kommen die Wahlurnen von vor einem Jahr ins Spiel: Die Teilnehmer der Demo wollen sie durch die Menschenmenge bis vor das katalanische Parlament tragen.