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StartseiteHintergrundDie Last des Status quo03.08.2021

Ein Jahr nach der Explosion in BeirutDie Last des Status quo

Schiff kieloben, Trümmerberge, zerstörte Häuser - ein Jahr nach der gewaltigen Explosion im Beiruter Hafen ist deren Zerstörung weiter sichtbar. Viele der rund 300.000 Menschen, die obdachlos wurden, können noch immer nicht zurück. Hinzu kommt eine schwere Wirtschaftskrise - und ein erstarrtes politisches System.

Von Björn Blaschke

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Blick auf den zerstörten Hafen von Beirut, im Vordergrund ein Schiffswrack (picture alliance / AA / Hussam Shbaro)
Blick auf den zerstörten Hafen von Beirut (picture alliance / AA / Hussam Shbaro)
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Sarah-Maria sucht nach ihrem Federmäppchen. Die Schulen sollen bald wieder öffnen. Dafür will sie vorbereitet sein. - Das war vor einem Jahr. Aber wo Sarah-Maria auch guckte, sie fand ihr Federmäppchen nicht. Es musste irgendwo sein - zwischen Scherben, geborstenem Holz und Ziegelsteinschutt – zwischen all den Trümmern, die übrig waren von Fensterscheiben, Schränken, Tischen, Stühlen, Wänden. Auch am 4. August 2020 hatte Sarah-Maria gerade mit ihrer Mutter über das neue Schuljahr gesprochen.

"Plötzlich haben wir ein komisches Geräusch gehört, und dann flog alles in die Luft. Danach: überall Staub. Als ich zu mir kam, war von der Wohnung nicht mehr viel übrig, alles zerstört. Ich hatte in wenigen Sekunden mein Leben noch einmal gesehen, das Leben, das ich fast verloren hätte."

Heute ist Sarah-Maria wieder einmal in der Pasteur-Straße im Beiruter Stadtteil Jemayze. Mit ihren Eltern räumt die 15-jährige das Appartement auf, das sie bis zum 4. August 2020 bewohnten. Die Explosion, die Beirut vor einem Jahr erschütterte, war eine der gewaltigsten der Weltgeschichte: Fast 3.000 Tonnen Ammoniumnitrat gingen in die Luft. Die Rauchwolke, die danach wie ein Atompilz in den Himmel über Beirut stieg, wurde ungezählte Male mit Handys fotografiert oder gefilmt.

Fast 220 Tote nach der Explosion

Die Bilder lassen die Folgen der Explosion nur erahnen: Fast 220 Tote, mehr als 6.500 Verletzte, Zehntausende Häuser und Wohnungen beschädigt oder ganz zerstört.

Der Hafen heute. Es herrscht wenig Betrieb, wohl auch, weil hier kaum Schiffe anlegen. Die meisten Container-Transporter laufen Tripolis im Norden des Libanon an, weil sie dort be- und entladen werden können. Nur manchmal ertönt in Beirut das Warnsignal, wenn sich einer der vier noch funktionierenden Kräne in Bewegung setzt. Zwölf weitere wurden durch die Explosion vor einem Jahr beschädigt. Ersatzteile sind teuer. Von dem Krater, den das explodierte Ammoniumnitrat hinterließ, ist nichts zu sehen: Der Kai, auf dem das Lager mit den Chemikalien stand, wurde einfach weggerissen. Sofort bahnte sich das Meer seinen Weg und füllte den Krater.

"Meine Regierung hat das gemacht", steht am Straßenrand vor der Ruine des Lagerhauses in Beirut, das Anfang August 2020 explodierte (Deutschlandradio / Björn Blaschke) (Deutschlandradio / Björn Blaschke)Libanon: Zwischen Kreuz und Koran
Bei der Explosion im Hafen von Beirut starben im August letzten Jahres mehr als 200 Menschen. Der tiefe Krater in der Stadt wirkt wie ein Sinnbild für die Krise des Landes. Die Bevölkerung traut ihrer Regierung nicht zu, einen Ausweg zu finden. Die Religionsgemeinschaften sind ein Teil des Problem.

Um das Getreidesilo, vor einem Jahr tausendfach fotografiert, weil es wie ein Mahnmal neben dem Explosionsort stehen blieb, wurde eine Sicherheitszone eingerichtet, sagt Joe Saab, neuer Direktor für Planung und Projekte: "Es neigt sich zur Seite, weil die Hälfte der Säulen unter dem Silo, zerstört wurden. Darum knickt das Gebäude langsam weg - über zwei bis drei Millimeter jeden Tag. Vielleicht mehr. Das ist viel. Ob ich erwarte, dass das Silo wegsackt? Ja, jederzeit, jederzeit."

Schiffe, die die Druckwelle kentern ließ, liegen Kiel-oben im Hafenbecken. Überall Trümmerberge: Metallträger, verbogene Zäune und Autoreste ragen aus Betonbrocken heraus. Container sind verbogen als hätte eine Faust eine Softdrinkdose zerdrückt. Nur die Straßen sind sauber.

"Wir schieben alle Trümmer zusammen. Da, hier und dort - in allen Hafenbereichen - und die französische Regierung will eine Firma das alles säubern lassen. Die haben schon ihre Pläne und sie werden bald mit den Reinigungsarbeiten beginnen."

300.000 Menschen wurden obdachlos

Die zerstörerische Explosion machte Nabil Assi und seine Familie obdachlos, so wie 300.000 andere Menschen. Viele wohnen bis heute in einer Notunterkunft oder bei Verwandten oder Freunden. Die Familie Assi hat in einem anderen Stadtteil ein kleines Appartement gemietet: "Ein Jahr ist es jetzt her. Und wir renovieren noch immer, bauen um. Wir hatten viele Probleme, die auch längst nicht gelöst sind. Wir haben noch einiges vor uns. Nach einem Jahr. Und so geht es weiter."

Blick in den Stadtteil Gemmayzeh in Beirut: Zerstörte Häuser (picture alliance / AA  / Hussam Shbaro)Blick in den Stadtteil Gemmayzeh in Beirut: Viel ist weiterhin zerstört (picture alliance / AA / Hussam Shbaro)

Langsam geht es weiter, wie Nabil bei einem Rundgang durch die Wohnung in der Pasteur-Straße sagt. Er und seine Frau können sich nur an den Wochenenden und an Feiertagen um die Sanierung kümmern. Ansonsten müssen sie von morgens bis abends arbeiten. Im eigenen Computergeschäft, mit dem sie nur wenig verdienen: "Sie kennen den Dollar-Preis. Wir müssen Gehälter zahlen. Und wir nehmen in unserem Geschäft nur Libanesische Lira ein. Also: Die Last ist groß."

Misswirtschaft, Korruption und ein verkrustetes politisches System

Die Last, die die Menschen im Libanon zu tragen haben, sie ist ein Geflecht aus Misswirtschaft, Korruption und einem verkrusteten politischen System. Das basiert im Kern auf einer Jahrzehnte alte Regel: Die besagt, dass ein Christ Staatspräsident des Libanon sein muss, ein Sunnit Regierungschef, ein Schiit Parlamentspräsident.

Dieser strenge Proporz hat dazu geführt, dass zwei Dutzend wichtiger religiös-politischer Führer einander ständig Geschäfte zuschachern. Die Gewinne streichen sie für sich ein - an der Staatskasse vorbei. Sie versuchen, ihre Gefolgsleute an sich zu binden, indem sie ihnen Posten im öffentlichen Dienst zuschieben, Stipendien oder Krankenhausaufenthalte zahlen. Nabil sagt: Jeder Führer hat seine Klientel.

Pro-iranische Hisbollah-Kämpfer halten während des Trauerzuges von fünf ihrer Kollegen, die bei Zusammenstößen mit der türkischen Armee in der syrischen Provinz Idlib getötet wurden, Fahnen in der Hand.  (picture alliance / Marwan Naamani) (picture alliance / Marwan Naamani)Pro-iranische Schiitenpartei im Libanon: Im Griff der Hisbollah
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Gleichzeitig versucht das Establishment immer wieder, die Landsleute zu schröpfen. Das führte im Herbst 2019 – weniger als ein Jahr vor der Explosion am 4. August – zu Protesten. Khalil, der Bruder von Sarah-Maria, war dabei. Der 19-Jährige erinnert sich gut daran, was die Proteste auslöste: "Sie wollten ein neues Gesetz erlassen, das eine Steuer auf Internettelefonie vorsah. Und auch ich bin auf die Straße gegangen, bis die Regierung zurücktrat. Aber wie immer: Die eine Regierung geht, die andere kommt. Und die Macht bleibt bei jemandem dahinter, der mächtiger ist."

Die Krise im Libanon geht tief und besteht aus vielen Krisen, sagt der Finanzexperte der Byblos-Bank, Nassib Ghobril: "Wir hatten eine Wirtschaftskrise, eine Finanzkrise und eine Währungskrise vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie – und dann kam die Explosion im Hafen von Beirut dazu."

Umstrittener Milliardär soll Regierungschef werden

Die Explosion des Ammoniumnitrats im Hafen von Beirut zeigte, wie erstarrt das System des Libanon ist. Der damalige Regierungschef, Hassan Diab, reichte seinen Rücktritt ein. Das macht die Neubildung eines Kabinetts nötig. Aber bis heute fand sich kein Politiker, der eine neue Regierung bilden konnte.

Zwei Kandidaten scheiterten: Sie wollten Expertenregierungen berufen. Minister, die Spezialisten in ihrem Ressort sein sollten, gleich welcher Religion sie angehören. Das boykottierten Teile des Establishments. Jetzt ist der dritte designierte Regierungschef an der Reihe: Najib Mikati, ein Milliardär, der für seine Klientelwirtschaft im Libanon verschrien ist.

Aber ein neues Kabinett sei die Voraussetzung für einen Weg aus der Krise, so Finanzexperte Ghobril: "Die politischen Parteien zanken sich, statt ein neues Kabinett zu bilden. Wir brauchen aber eine Regierung, die lokal und international glaubwürdig ist, die einen umfassenden Reformplan für die Wirtschaft und für öffentliche Kassen entwirft. Eine, die die öffentlichen Finanzprobleme angeht, die monetäre Situation und die sozialen Bedingungen. Und dann muss die neue Regierung den Reformplan nehmen und um Hilfe bitten beim Internationalen Währungsfonds."

Zerstörte Fahrzeuge und Container liegen auch ein Jahr nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut herum (picture alliance / AA / Hussam Shbaro)Zerstörte Fahrzeuge und Container liegen auch ein Jahr nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut herum (picture alliance / AA / Hussam Shbaro)

Bisher weigert sich die internationale Gemeinschaft, dem Staat Finanzhilfen zu schicken, droht sogar mit Sanktionen. Denn: Während die Führer des Libanon Jahrzehnte lang in die eigene Tasche wirtschafteten und ihr Geld ins Ausland überwiesen, führten sie den Staat in den Bankrott. Er kann keine Auslandsschulden abtragen, musste Subventionen für Benzin, Diesel oder Gas streichen. Die Staatsreserven sind fast aufgebraucht. Die Devisen werden immer weniger, auch, weil niemand mehr Geld in den Libanon bringen will.

Libanesische Lira im freien Fall

Gleichzeitig müssen die meisten Waren im Ausland gekauft werden, weil im Land kaum etwas produziert wird. Gezahlt werden Importe aber in Euro oder Dollar. Das alles spüren die Menschen täglich aufs Neue, wenn sie den Wert der Libanesischen Lira sehen: Jahrzehntelang bekamen sie für einen US-Dollar konstant 1.500 Lira. Heute müssen sie auf dem Schwarzmarkt für einen Dollar mehr als 20.000 Lira hinblättern.

Der Währungsverfall geht mit einem Preisanstieg einher. Medikamente sind Mangelware, genau wie Treibstoff. Deshalb stehen die Libanesen oft Stunden lang in Warteschlangen, bevor sie ihre Autos betanken können. Das Stromnetz funktioniert nur wenige Stunden am Tag, weil die Kraftwerke keinen Diesel bekommen. Selbst die Generatoren von Krankenhäusern stehen zum Teil still, weil nicht genügend Brennstoff da ist. Nahrungsmittel sind - laut Weltbank - im Libanon so teuer wie in keinem anderen Land des Nahen Ostens. Und – ebenfalls laut Weltbank - mehr als die Hälfte der etwa sieben Millionen Menschen im Libanon leben mittlerweile an oder unter der Armutsgrenze.

Sarah-Marias Vater Nabil ist runtergegangen auf die Pasteur-Straße, um an einem Kiosk Tee zu kaufen. Die Straße ist sauber; von dem Schutt und den Scherben, die hier noch vor einem Jahr lagen, ist nichts mehr zu sehen. Genauso wenig wie von den Nachbarn: "Viele von ihnen sind noch nicht zurückgekehrt. Das Gebäude dort zum Beispiel ist fast noch leer. Nur in einem wohnen wieder alle Familien. Es ist traurig. Die Explosion hat die gesamte Nachbarschaft betroffen."

Große Nachbarschaftshilfe nach der Explosion

Die Nachbarschaftshilfe war nach der Explosion groß: Über Wochen strömten jeden Tag Dutzende Freiwillige in die Pasteur-Straße und die anderen Gassen von Jemayze. In kleineren Grüppchen räumten sie Trümmer beiseite. Andere verschenkten Wasser und Lebensmittel. Dutzende libanesische und internationale Nichtregierungsorganisationen bauten Informationsstände auf. Das weiße Zelt des Ground Zero Relief Committee steht noch da, ist aber verschlossen.

Das Committee arbeitet heute hauptsächlich in einem Gebäude, nicht weit entfernt von der Pasteur-Straße, aber ebenfalls am Hafen von Beirut. Maya Zeghrini ist die Leiterin. Sie sagt, ihre Leute – Ingenieure und Ärzte – hätten seit August 2020 viel geleistet. Für mehr als 600 Häuser habe das Committee den Schaden festgestellt. Und: Die Freiwilligen ihrer NGO verteilten Kleidung und Lebensmittel - nicht nur in Beirut: "Denn Menschen in allen Regionen des Libanon brauchen jetzt Hilfe, insbesondere wegen der Wirtschaftskrise, wegen Corona und wegen der Arbeitslosigkeit. Nicht nur Beirut braucht Hilfe, sondern der ganze Libanon."

12.08.2020, Libanon, Beirut: Heiko Maas (SPD,l), Bundesaußenminister, spricht mit einem libanesischen Armeegeneral am Ort der Explosion im Hafen Beiruts. Mehr als eine Woche nach der verheerenden Explosion im Hafen der libanesischen Hauptstadt besucht der Bundesaußenminister den Ort der Katastrophe. (dpa/Marwan Naamaani) (dpa/Marwan Naamaani)Bundesaußenminister Maas (SPD) zu Libanon: "Dieses Land braucht Reformen von innen"
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Wer immer Hilfe brauche, dürfe sich an sie wenden. Gleichzeitig macht Maya Zeghrini Werbung für ihre Partei. Sie gehört zu den Forces Libanaises , einer nationalistischen Christenpartei, geführt von Samir Geagea. Der war Milizenführer während des libanesischen Bürgerkrieges und gehört heute zum politischen Establishment seines Landes. Zeghrini stellt es anders dar: "Wir sind die Opposition. Es ist allen bekannt, dass wir keine Ämter übernehmen. Sie haben uns Ministerien angeboten. Aber wir haben die Macht abgelehnt. Jeder weiß, dass unsere Partei in der Opposition ist, wir der Ursprung der Revolution sind."

Das finden die, die 2019 noch die Demonstrationen gegen das System organisierten, lachhaft. Denn keiner der 14 Parlamentarier der Forces Libanaises legte nach der Explosion sein Mandat nieder. Das taten insgesamt nur vier Volksvertreter, die sich ebenfalls Oppositionelle nennen. Ob im Parlament vertreten oder ausgetreten, sagen ihre Kritikerinnen und Kritiker, seien alle in Wirklichkeit nur beleidigt, weil sie gerade zu wenig vom libanesischen Korruptionskuchen abbekämen.

Bemerkenswert ist, dass die Wählerschaft bei der letzten Parlamentswahl, 2018, noch am Erhalt des Systems mitgewirkt hatte: Sie wählte bis auf eine Kandidatin ausschließlich Mitglieder des Establishments in die Volksvertretung.

Jede Partei spielt Opposition

Im Prinzip spielt jede etablierte Partei Opposition. Die Hizb’Allah, die mächtigste Kraft im Lande, gibt vor, gegen Korruption zu kämpfen. Und die Amal-Bewegung, die mit der Hizb’Allah zusammenarbeitet, betont, dass sie schon lange für ein Ende des Konfessionsproporzes eintrete. Auch Amal-Parlamentarier Mohammed el-Khawarja: "Im Libanon bleiben die Revolutionen auf Grund der konfessionellen Spaltung erfolglos. Jede Revolution bei uns beginnt als Aufstand und endet als konfessioneller Streit. Ebenso erfolglos sind die Staatsstreiche durch die Armee. Der einzige Weg zur Reform des politischen Systems im Libanon ist die Wahlurne, sind Wahlen."

Bis das Ende des konfessionellen Proporzes erreicht ist, könne es aber bis zu 20 Jahre dauern, so Khawarja. Neuwahlen – wie sie Kritiker nach der Explosion vor einem Jahr forderten - wollen seine Amal und die anderen Parteien um die Hizb’Allah keinesfalls. Auch das nährt den Verdacht, dass die etablierten Kräfte am alten System festhalten.

Die Massendemonstrationen gegen die politische Verkrustung, die im Herbst 2019 begonnen hatten, sind verebbt. Manchmal kommt es noch zu kleineren, spontanen Protesten. Sie enden zumeist in gewaltsamen Zusammenstößen mit Sicherheitskräften.

Juristische Aufarbeitung wird behindert

In einem weitläufigen Gebäude neben dem Justizministerium hat die Anwaltskammer von Beirut ihren Sitz. Ihr Präsident ist Melhem Khalaf. Er findet es skandalös, dass die Ermittlungen zu den Hintergründen der Explosion nur schleppend vorangehen. Ja, es sitzen 18 Leute – unter anderem der ehemalige Hafendirektor - in Untersuchungshaft, andere wurden vernommen. Noch immer sei aber ungeklärt, wem das Ammoniumnitrat gehörte und was genau es entzündete. Es gebe vorläufige Untersuchungsberichte US-amerikanischer, britischer und französischer Kriminalisten, doch die Abschlussberichte lägen noch nicht vor.

Auch die Frage nach der politischen Verantwortung sei unbeantwortet, so Melhem Khalaf: "Es gibt die Absicht, den Untersuchungsprozess zu behindern. Gesetze werden auf besondere Weise ausgelegt, man versucht, der Justiz Befugnisse zu entziehen und das Verfahren zu stören. Wer tut so etwas? Das sind all jene, gegen die ermittelt wird. Jede Person, die vorgeladen werden soll, versucht die Sache zu verhindern."

Tatsächlich haben einzelne Politiker verhindert, dass der Untersuchungsrichter Kollegen von ihnen vernahm. Mehrfach wurde auch berichtet, dass der Nationale Sicherheitsrat, dem Staatspräsident Michel Aoun angehört, von der Chemikalie und der Gefahr, die von ihr im Hafen von Beirut ausging, wusste. Und keiner habe sich darum gekümmert. Der Präsident der Anwaltskammer weiß um den Vorwurf und sagt, er sei Gegenstand der Untersuchungen: "Es ist, als ob es ein komplettes System gibt, das sich davor zu schützen versucht, vor dem Ermittlungsrichter zu erscheinen. Das ist das, was wir in diesem Stadium sagen können."

Der Verdacht liegt nahe: Das System des Libanon – der Filz von Politik und Wirtschaft – führte zu einem kriminellen Schlendrian, der vielleicht die Explosion im Hafen von Beirut ermöglichte. Und jetzt – so Khalaf – gehe es darum, Gerechtigkeit durchzusetzen: "Wir werden einen langen Atem haben müssen, bis endgültige Urteile fallen. Wir gehen dieser Sache mit aller Ernsthaftigkeit nach, weil die Zukunft der Generation des Libanon mit diesem Fall zusammenhängt. Entweder Gerechtigkeit oder Zerfall; entweder Gerechtigkeit oder Willkür; entweder Gerechtigkeit oder - Gott bewahre - die Rache!"

Gefahr einer neuen Explosion

Bisher hat der Staat den wenigsten Menschen, die durch die Explosion vor einem Jahr ihre Wohnungen oder Häuser, oder gar Verwandte verloren, geholfen. Auch die Assis gingen bisher leer aus. Einige Nichtregierungsorganisationen haben ihnen geholfen, ansonsten haben sie das meiste selbst bezahlt: "Am Anfang gab es ein wenig Hilfe vom Staat, die Regierung ließ die Armee aufräumen. Danach ist nichts mehr passiert. Jetzt zahlen wir alles aus eigener Tasche. Ja, aus eigener Tasche."

Immerhin: Bis zum Ende des Jahres wollen sie wieder in ihre Wohnung in der Pasteur-Straße ziehen. Gut 15.000 Dollar werden sie dann bezahlt haben, schätzt Nabil. Das aber, so seine Frau, Maguy, sei es der Familie wert: "Es ist mein Elternhaus. Ich wurde hier geboren, ich habe hier geheiratet, ich habe meine Kinder hier aufgezogen. Darum wohne ich hier gerne."

Hoffnung. Aber das Grauen bleibt: Im Hafen von Beirut, wo sich nur selten die vier noch funktionierenden Kräne mit einem Warnsignal in Bewegung setzen, lagern wahrscheinlich noch mehr gefährliche Stoffe. Das zeigen die zwei Brände, zu denen es nach der Explosion im Hafen von Beirut kam. Und auch Joe Saab, einer der neuen Direktoren des Ports, sieht die Gefahr einer neuen Explosion nicht gebannt: "Es gibt noch Container, die mit gefährlichen Chemikalien beladen sind. Und die Armee sucht nach ihnen. Wir haben Tausende Container, die noch geprüft werden müssen."

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