Samstag, 31.07.2021
 
Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteCorso„Angesichts der Toten fällt es schwer, übers Tanzen nachzudenken“17.03.2021

Ein Jahr ohne Clubs„Angesichts der Toten fällt es schwer, übers Tanzen nachzudenken“

Leere Tanzflächen und Bars - seit einem Jahr sind die Clubs geschlossen. Streamingangebote könnten einen Rave nicht ersetzen, sagte Elisabeth Steffen vom Ostberliner Clubkollektiv ://about blank im Dlf. Wichtiger als über Öffnungen nachzudenken sei es derzeit aber, die Zahlen wieder runterzukriegen.

Elisabeth Steffen im Corsogespräch mit Ulrich Biermann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein fast leerer Musikclub (www.imago-images.de)
Reden statt tanzen und Zutritt derzeit nur für Angestellte - die Clubs in Berlin und bundesweit sind seit einem Jahr geschlossen (www.imago-images.de)
Mehr zum Thema

Clubsterben in Berlin Mehr als nur Gastronomie

Clubszene im Corona-Winter Raven in der Cloud

Clubkultur Techno in Corona-Zeiten

Amazon-Serie "Beat" Nightlife im Berghain

Nachtleben im Lockdown Berliner Clubs bangen ums Überleben

Sven Marquardt Fotografieren und Feiern nach der Isolation

Neben der Konzertindustrie ist die Gastronomie eine der Branchen, die am stärksten unter der Pandemie leiden. Menschen, die tanzen, schwitzen und auf engstem Raum aufeinandertreffen? Das scheint auch weiterhin nicht möglich.

Geschlossenes Kino Cinema Paris mit Motto "Ohne Kunst/Uns Und Kultur Wird es Still" auf dem Kurfuerstendamm in Berlin. (IMAGO / IPON) (IMAGO / IPON)Veranstalter: "Wir verlieren etwa einen Jahresertrag pro Monat"Der Mitinitiator des Bündnisses "Alarmstufe Rot", Christian Eichenberger, hat von der Bundesregierung ein klareres Öffnungskonzept für Veranstaltungen wie Konzerte und Messen gefordert. Er warnte davor, eine Inzidenz von 35 als Richtwert für Öffnungen zu etablieren.

"Im Moment fühlt es sich an, als als ob wir in einer Flaschenpost sitzen und in einem weiten, unübersichtlichen Meer herumschwimmen und höchstens mal ein paar Klopfzeichen an die Welt heraussenden können", sagte Elisabeth Steffen vom Ostberliner Clubkollektiv ://about blank im Dlf. Ihr Club ist wie viele andere seit einem Jahr mehr oder weniger durchgehend geschlossen.

"Die Aussicht ist niederschmetternd." Dennoch, so die Clubbetreiberin, sieht sie vor allem die wirtschaftlichen und damit gesellschaftlichen Probleme, die langfristig auf alle zukommen und in ihren Augen noch viel gravierender ausfallen werden als die aktuelle Pandemie: "Es ist die Frage, wie wir als Gesellschaft oder als Clubkultur darauf reagieren. Das wird noch härter als das, was wir jetzt schon alle aushalten müssen."

Szenenbild aus der Ausstellung "Overmorrow" im Berliner Club "Wilde Renate": Brustbild einer Frau, die die Hände mit gespreizten Fingern vor ihr Gesicht hält, auf den Handflächen sieht man Augen, im Hintergrund strahlenförmige Lichter. (Mark Hunt) (Mark Hunt)Technokultur - Als ob es kein Morgen gäbe
Leben vor Lebensqualität stellen – das finden Feiernde bedenklich. Doch es geht auch anders: Viele Berliner Clubs erproben neue Konzepte, um auf sichere Weise Besucher empfangen zu können, wie Veranstaltungen in Zelten oder Kunst-Performances statt Party.

Streamingangebote könnten Raves nicht ersetzen

Angebote wie "United we stream", das sich fast direkt nach den Schließungen gegründet hat, sieht sie kritisch. Weder könne man das Loslassen und den Exzess eines Raves über den Bildschirm abbilden noch sei es möglich, genug Distanz zu unliebsamen Werbetreibenden einzuhalten.

"Bei United we stream zeigen sich Tendenzen, die die Clubkultur auch schon vorher in einer negativen Weise geprägt haben. Da kommt immer mehr Sponsoring rein, Werbung von Unternehmen, die nicht zu Clubkultur passen." Schon vor der Coronakrise sei eine starke Kommerzialisierung spürbar gewesen, jetzt kommen "Investoren, die in einer krisengebeutelten Branche Morgenluft wittern." Und angesichts von mehr als 70.000 Toten "fällt es mir schwer, über Tanzen und Wiedereröffnen nachzudenken", ergänzt Steffen.

(Production Club) (Production Club)Im Club- und Partyanzug dem Virus trotzen
Während immer mehr Lockerungen greifen, bleiben Clubs weiterhin geschlossen. Ein Unternehmen in Los Angeles hält dagegen und entwickelt ein Kleidungsstück, in dem sicheres Feiern auch in Coronazeiten möglich sein soll.

Impfpass und Apps - keine echten Alternativen

Es sei wichtig, die Zahlen herunterzukriegen statt über Öffnungen nachzudenken. Ein Sechs-Punktepapier der Berliner Clubkommission, das unter anderem Öffnungsstrategien beinhaltet, soll in der kommenden Woche vorgestellt werden. Elisabeth Steffen bleibt skeptisch, auch dem Zugang zu Clubs mit Impfpass oder Daten App kann sie wenig abgewinnen.

Mehr Freiheiten für Geimpfte?
Sollen Geimpfte früher bestimmte Freiheitsrechte zurückerhalten als Nichtgeimpfte? Ein Überblick über Einschätzungen, Argumente und die Regelungen in Israel.

"Zugang für Leute mit Impfpass kann ich mir persönlich nicht vorstellen." Zu den diversen Apps, die entwickelt werden, sei die Clubbranche gespalten, so Steffen. "Die Erfassung von Gästedaten steht im totalen Widerspruch zur Anonymität und zum freiheitlichen Gedanken für den Clubkultur steht." Am Ende bleibt die Frage, ob die Gesundheitsämter hinterherkommen. "Wir sind nicht an dem Punkt, wo wir ernsthaft über so was sprechen können."

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk