Montag, 06.07.2020
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteGesichter EuropasGriechenland und der Tourismus in Krisenzeiten27.06.2020

Ein Sommer mit CoronaGriechenland und der Tourismus in Krisenzeiten

Die Strände der griechischen Inseln wie Mykonos waren diese Saison bislang leer. Viele Griechinnen und Griechen hoffen, dass bald Touristen aus dem Ausland kommen. Die Regierung ist stolz auf die geringen COVID-19-Infektionszahlen. Aber wie geht es weiter, wenn der Reiseverkehr wieder anläuft?

Von Rodothea Seralidou

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Boote vor Mykonos im Juni 2020 (Deutschlandradio / Rodothea Seralidou)
Mykonos ist eine beliebte Urlaubsinsel - allerdings wird im Coronajahr 2020 bislang noch nicht so viel geurlaubt (Deutschlandradio / Rodothea Seralidou)
Mehr zum Thema

Reisewarnung für die Türkei Kein Urlaub im Traumland für viele Türkischstämmige

Grenzöffnungen nach Corona "Besseres als eine Abstandsregel kann uns nicht passieren"

Corona: Erkenntnisse einer Krise Sehnsucht Tourismus

Wirtschaft in Spanien Corona hat richtig „reingeknallt“

Der neue Sommer (2/2) Nahlust statt Fernweh

Virologe zur Aufhebung der Reisewarnung "Ein Restrisiko bleibt"

Lefteris Fiorendinos dachte, er hätte die Krisenzeiten hinter sich gelassen. Vor fünf Jahren zog der Ingenieur mit seiner Familie aus Athen auf die griechische Insel Mykonos und eröffnete dort ein kleines Hotel mit zehn Zimmern. Die beliebte Urlaubsinsel blieb damals von der Finanzkrise weitgehend verschont. Die Corona-Pandemie und der damit verbundene Einbruch beim Tourismus haben Mykonos dagegen hart getroffen.

Lefteris Fiorendinos, Hotelier auf Mykonos (Deutschlandradio / Rodothea Seralidou)Normalerweise ist Lefteris Fiorendinos' Zehn-Zimmer-Hotel von Mai bis Oktober ausgebucht, sagt der Hotelier. Dieses Jahr aber seien fast alle Buchungen storniert worden. (Deutschlandradio / Rodothea Seralidou)

"So habe ich Mykonos noch nie erlebt"

Beim Rundgang über die Strände und durch die Gassen von Mykonos sieht man viele geschlossene oder in Renovierung befindliche Läden. Die meisten Urlauber sind Griechen. Ein Zuschussprogramm soll den Binnentourismus ankurbeln. Manche der griechischen Urlauber können der unverhofften Ruhe durchaus etwas abgewinnen. So wie diese Athenerin, die von der Insel stammt:

"Sonst herrscht hier Gedränge und die Strand-Liegen kosten mindestens 40 Euro das Set. Jetzt aber gibt es weit und breit keine Strandliegen. Und alles ist so sauber: Kein Plastikmüll, keine Servietten, keine Quittungen, die im Wasser schwimmen. So habe ich Mykonos noch nie erlebt! Die Insel ist echt nicht wiederzuerkennen!"

Leerer Strand auf Mykonos im Juni 2020 (Deutschlandradio / Rodothea Seralidou)So leer findet man die Mykonos' Strände in der Urlaubsssaison gewöhnlich nicht vor (Deutschlandradio / Rodothea Seralidou)

Mallorca während des Lockdowns am 8. Mai 2020 (imago / Thomas Reiner) (imago / Thomas Reiner)Corona: Erkenntnisse einer Krise - Sehnsucht Tourismus
Kaum eine Branche wurde von der Coronakrise so hart getroffen wie der Tourismus: Experten rechnen mit einem Einbruch des weltweiten Geschäfts um 70 Prozent. Wer weiterhin mit Touristen Geld verdienen will, muss sich etwas einfallen lassen. Andere sind froh, dass die Urlauber derzeit wegbleiben.

Internationale Flughäfen bald wieder offen

Voraussichtlich bleibt das nicht so. Nach und nach lässt Griechenland auch internationale Touristen rein. Verpflichtende Coronatests vor der Reise gibt es nicht, die Einreisenden werden nach der Landung nur stichprobenartig getestet. Die Regierung wirbt für Urlaub im Land. "Greek summer is a state of mind", heißt es in einem Werbefilm. Premier Kiriakos Mitsotakis sagte zum Auftakt der griechischen Tourismussaison Mitte Juni:

"Ich habe kein Interesse, Griechenland in diesem Sommer zum Reiseziel Nr. 1 in Europa zu machen. Ich bin daran interessiert, Griechenland zum sichersten Reiseziel in Europa zu machen."

Unbeschwertheit mit Auflagen

Das bedeutet auch strenge Auflagen. Wenn ab dem 1. Juli alle internationalen Flughäfen wieder offen sind, müssen Hoteliers wie Jiannis Theocharis besonders auf ihre Gäste achten. Zimmer werden dann mehrmals täglich desinfiziert, Frühstück wird individuell serviert statt im Speisesaal und extra Aufpasser achten auf Einhaltung etwa der Abstandsregeln.

"Das wird schwierig", glaubt Theocharis. "Wenn eine Gruppe von Urlaubern eine andere Gruppe kennenlernt und daraus eine große Gruppe entsteht, wird unser Job sehr schwierig."

Jiannis Theocharis, Hotelier auf Mykonos (Deutschlandradio / Rodothea Seralidou)Jiannis Theocharis blickt auf eine schwierige Saison für sein Fünf-Sterne-Hotel (Deutschlandradio / Rodothea Seralidou)

Griechische Polizei kontrolliert mit Mundschutz den Busbahnhof in Kifissos (picture alliance / dpa / ANE) (picture alliance / dpa / ANE)Zehn Jahre Griechenland-Hilfen - Coronavirus gefährdet den Aufschwung
In der Schuldenkrise bat Griechenland Europa im April 2010 um Hilfe. Es folgten Kredite und harte Sparmaßnahmen für das Land, dann zeichnete sich ein Aufschwung ab. Doch nun trifft die Coronakrise den wichtigen Tourismussektor besonders hart – mit unabsehbaren Folgen für die griechische Wirtschaft.

Griechenland braucht den Tourismus

Griechenland ist wirtschaftlich auf den Tourismus angewiesen. Tourismus macht etwa ein Fünftel der nationalen Wirtschaftsleistung aus. Durch die Coronakrise könnte die ohnehin hohe Arbeitslosigkeit deutlich steigen, schätzt der Wirtschaftsforscher Giorgos Argeitis:

"Alle Prognosen gehen davon aus, dass die Arbeitslosigkeit in Griechenland dieses Jahr enorm steigen wird. Von 17 Prozent wird sie auf bis zu 22 Prozent wachsen. Das wirft uns zurück in die Jahre der griechischen Finanzkrise 2014 und 2015."

Die Reporterin bei der Spurensuche auf Mykonos (Deutschlandradio / Rodothea Seralidou)Die Reporterin bei ihrer Spurensuche auf Mykonos (Deutschlandradio / Rodothea Seralidou)

16.05.2020, Berlin. Ein Obdachloser sitzt an einer Einkaufsstrasse in Steglitz vor einem Laden und traegt einen Mundschutz. Ein älterer Mann mit Mundschutz geht an ihm vorbei. (Wolfram Steinberg / dpa) (Wolfram Steinberg / dpa)Corona: Erkenntnisse einer Krise - Spaltpilz Massenarbeitslosigkeit
Die Corona-Pandemie ist ein Schock für die Wirtschaft: Wochenlang standen Fabriken still, Restaurants und Geschäfte waren geschlossen. Das milliardenschwere Konjunkturpaket der Koalition soll nun den Konsum anregen und den Arbeitsmarkt beleben. Experten fürchten dennoch eine politische Spaltung – in ganz Europa.

Weiterarbeiten ohne Bezahlung

Zu spüren bekommen das etwa Anastasia und Elena, die eigentlich beide anders heißen. Beider Jobs hängen direkt oder indirekt am Tourismus. Elena ist offiziell in Kurzarbeit - eine Krisenlösung, bei der die EU Griechenland mit 1,4 Milliarden Euro unterstützt - in Form von Kreditien. Allerdings arbeitet Elena de facto den ganzen Tag, sagt sie. Genauso wie Anastasia, deren Arbeitsvertrag temporär ausgesetzt ist:

"Das bedeutet eigentlich, dass man in der Zeit der Freistellung überhaupt nicht arbeitet. So hat man uns das auch von der Personalabteilung gesagt. Offiziell. Inoffiziell aber läuft die Arbeit weiter, es gibt sehr viel zu tun, man sagt uns: 'Ihr müsst das Unternehmen unterstützen.'"

Die griechische und europäische Fahne (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld) (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)Griechenland und die EU - Eine komplizierte Beziehung
Es war der vielleicht schwierigste Moment in den Beziehungen zwischen Griechenland und der Europäischen Union: Kurzfristig stand der Verbleib in der Eurozone auf dem Spiel, denn das griechische Referendum im Sommer 2015 über die Brüsseler Sparauflagen sorgte in der EU für große Unruhe.

Bislang wenige COVID-19-Tote in Griechenland

Bei der Zahl der COVID-19-Infizierten ist Griechenland bis dato glimpflich davongekommen - nicht einmal 200 Todesfälle sind durch die Krankheit zu beklagen. Anders als Italien und Spanien hat Griechenland die COVID-19-Infektionskurve flach halten können. Die konservative Regierung führt das auf ihr hartes Durchgreifen zurück: Eindämmung durch frühen Lockdown und strenge Kontakteinschränkungen. Der Athener Krankenhaus-Chefarzt Ilias Sioras sieht die Leistung eher bei seinen Landsleuten:

"Das Verdienst gilt allein den Menschen in Griechenland, die den Anweisungen der Experten gefolgt sind, weil sie wussten, wie es um unser kaputtgespartes Gesundheitssystem ausschaut. Sie wussten genau: Mit so einem Gesundheitssystem würde das Ganze sonst nicht gut ausgehen. Deshalb sind sie zuhause geblieben."

Parwana Amiri lebt mit rund 3.000 anderen Flüchtlingen im griechischen Camp Ritsona (Deutschlandradio / Rodothea Seralidou)Parwana Amiri sagt, die Flüchtlinge im Camp Ritsona fühlten sich allein gelassen mit der COVID-19-Pandemie (Deutschlandradio / Rodothea Seralidou)

Flüchtlinge fühlen sich allein gelassen

Bis dato hält das Gesundheitssystem stand. Durch den jetzt wieder anlaufenden und für Griechenland so wichtigen Tourismus könnte sich das allerdings ändern, fürchtet Parwana Amiri. Die Afghanin lebt mit rund 3.000 anderen Geflüchteten im Camp Ritsona nördlich von Athen.

"Griechenland war eines der sichersten Länder während der Corona-Krise", sagt Amiri. "Aber wenn jetzt die Tür geöffnet wird für Touristen, sind die Einheimischen nicht mehr sicher. Und wir noch weniger. So viele Flüchtlinge auf den Inseln werden nicht aufs Festland gebracht, als Grund wird die Corona-Gefahr genannt. Und jetzt heißt man Touristen willkommen ohne Tests? Das ist so ein diskriminierendes Verhalten!"

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk