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StartseiteTag für Tag"Was würde Jesus tun?"19.03.2018

Eines der letzten großen Dlf-Interviews mit Hans Küng"Was würde Jesus tun?"

Der Theologe Hans Küng plädierte 2012 im Dlf dafür, die Kirche solle sich "mehr auf die christliche Botschaft konzentrieren" und weniger auf das Kirchenrecht. Zugleich müsse sie auf die "Zeichen der Zeit" achten. Am 19. März feiert Küng seinen 90. Geburtstag. Er gibt aus Gesundheitsgründen keine Interviews mehr.

Hans Küng im Gespräch mit Matthias Gierth

Der Petersdom im Vatikan vor dem abendlichen Himmel. Vorne verläuft die Engelsbrücke über den Tiber. (picture alliance / dpa / Kevin Kurek)
Trotz aller Kämpfe mit der Kurie blickt Hans Küng positiv auf seine Zeit in Rom (picture alliance / dpa / Kevin Kurek)
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Matthias Gierth: Herr Professor Küng, Sie haben sich Ihr Leben lang ja an Rom und an der Kurie, man kann schon sagen, auch abgearbeitet. Wäre mit etwas mehr Kompromissbereitschaft von Ihrer Seite auch von der anderen Seite mehr möglich gewesen?

Hans Küng: Nun ja, also ich bin ja nun durchaus kompromissbereit, nicht wahr? Ich habe mich auch nicht abgearbeitet. Ich bin stolz darauf, dass ich sieben Jahre in Rom gewirkt habe, gute Examina gemacht habe. Und ich habe auch keinen anti-römischen Affekt. Ich kenne die römische, italienische Mentalität sehr gut. Das alles ist mir durchaus nicht unsympathisch und manchmal besser als die deutsche, denn die schlimmsten Leute in Rom sind diejenigen, die von außen kommen und sich dann entsprechend noch päpstlicher als der Papst aufführen.

"Wahrhaftigkeit, nicht Anpassung"

Aber es ist natürlich nicht gemacht mit weichen Kompromissen. Ich hatte ja eine Privataudienz mit Paul VI. am Ende des Konzils, wo er mich aufforderte, in diese Kirche – er meinte die römische Kirche – zu treten. Dann hätte ich sicher nicht weniger rasch Karriere gemacht wie mein Kollege Joseph Ratzinger, den er als den Zweiten ausersehen hatte für eine besondere Aufgabe. Aber das kann ich doch nicht machen, wenn es darum geht, ob man nun dem Evangelium folgt oder nicht folgt. Es sind ja keine Kleinigkeiten, um die da gestritten wird. Und da bin ich zwar verhandlungsbereit, aber wenn es natürlich darauf ankommt, können sie nicht einfach Kompromisse machen, ob wir einen päpstlichen Absolutismus dulden sollen, wo einer meint, er kann über die Pille befinden, über alle Fragen der Moral befinden. Das ist einfach nicht mehr durchzuhalten. Und da gibt es halt auch keine Kompromisse etwa in der Frage, kann er nun Statements abgeben, die nicht falsch sein können. Das ist die Unfehlbarkeit.

Der Theologe Hans Küng am 17.03.2015 in beim Tübinger Presseclub (dpa / Daniel Naupold)Hans Küng hat den Konflikt nie gescheut (dpa / Daniel Naupold)

Ich habe ein Buch geschrieben "Unfehlbar – eine Anfrage". Diese Anfrage ist nie beantwortet worden, obwohl sie ja von der Enzyklika Humane Vitae über die Pille provoziert worden war. Und da konnte man dann schließlich auch nicht mehr diskutieren, nachdem sie dann ihre Verfahren nicht durchführen konnten gegen mich, haben sie dann einfach in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mir die kirchliche Lehrbefugnis entzogen. Das hat ja nicht dazu geführt, dass man nun hätte leichter reden können miteinander. 

Ich habe dadurch den Weg gehen können im Dienst an der Einheit der Kirche zum Frieden unter den Nationen bis hin zur Gemeinschaft der Nationen. Ich konnte für die UNO wirken, für die UNESCO wirken. Das alles hat mir ja auch viel Kredit gegeben, weil man etwas von mir erwartet, das ist Wahrhaftigkeit, Integrität, und nicht einfach eine Anpassung an die Meinung der Oberen.

Gierth: Aber gab es nicht auch Zeiten, in denen Sie unter der Dissidentenrolle, die Rom Ihnen zugewiesen hat, selbst gelitten haben?

Küng: Ja. Am schlimmsten waren natürlich die vier Monate vor Weihnachten '79, als der Missio-Entzug da war bis April zum Semesterbeginn hier in Tübingen, vier Monate, die schlimmsten meines Lebens, wo ich nicht wusste, was aus mir wird, ob ich nicht nach Karlsruhe gehen muss, um meine Lehrfreiheit einzuklagen, oder ob ich hier bleiben kann oder ob ich in die Schweiz auswandern muss, wo man mir einen Lehrstuhl in Zürich angeboten hatte und so weiter. Also, das waren schwierige Zeiten.

Aber das habe ich ja überwunden. Und nachher konnte ich mit neuer Freiheit wirken und konnte mein eigenes Forschungsprogramm machen. Ich konnte die Bücher eines nach dem anderen ruhig entwickeln, also das, was Joseph Ratzinger jetzt sehr vermisst, dass er keine solchen Bücher geschrieben hat und deswegen meint, als Papst müsse er jetzt noch Bücher schreiben. Das ist also das Schlimmste, was man machen kann, nun die Kirchenregierung zu vernachlässigen, um Bücher zu schreiben. Dafür hätte er Professor bleiben sollen. Also, das nehme ich mit Humor und – jedenfalls was mich angeht – mit Zufriedenheit.

"Was würde der Nazarener sagen, wenn er hier wäre?"

Gierth: Jetzt haben Sie in unserm Gespräch etliche Desiderate benannt. Manchmal ist es ja schwieriger, konkrete Vorschläge zu machen, die Situation der Katholischen Kirche zu verbessern. Gibt es so etwas wie ein Küng'sches Reformkonzept?

Küng: Im Grunde geht es ja darum, dass wir uns wieder mehr auf die christliche Botschaft konzentrieren und fragen würden, nicht was sagt das Kirchenrecht, was sagt der Papst Soundso, was sagt das Konzil, sondern was würde Jesus selber sagen und tun, wenn er hier wäre, der Nazarener? Es müsste also auch auf dem Petersplatz erkennbar sein, dass das der Nachfolger dieses Jesus ist. Also, das wäre das Wichtigste, sich auf die ursprüngliche Botschaft, wie sie in der Bibel dargelegt ist, zu konzentrieren und gleichzeitig die Augen offen halten für das, was Johannes XXIII. die Zeichen der Zeit genannt hat. Die Zeichen der Zeit müssen wir lesen.

Also, es wäre möglich, an allen Punkten anzufangen. Es würde schon ein Zeichen genügen, um wieder etwas mehr Freude in die Kirche zu bringen, etwas mehr Hoffnung, wenn zum Beispiel es in der Ehescheidungsfrage einen Schritt voran ginge oder in einer anderen Frage. Aber irgendein Zeichen hoffe ich noch, wird Ratzinger, der gleich alt ist wie ich und doch auch seinem Ende entgegengeht wie ich, dass er das noch schafft, ein positives Zeichen zu setzen, das ihn in besserer Erinnerung halten lässt.

Dies ist ein Auszug aus einem Gespräch, das erstmals am 07.10.2012 als "Interview der Woche" im Deutschlandfunk gesendet wurde. Lesen Sie hier die Langfassung des Gesprächs.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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