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StartseiteKalenderblattReichswehr gegen Arbeiter02.04.2020

Einmarsch ins Ruhrgebiet 1920Reichswehr gegen Arbeiter

Am 2. April 1920 marschierte die Reichswehr ins Ruhrgebiet ein. Ihr Ziel: den im März begonnenen Arbeiteraufstand niederschlagen. Nach dem Generalstreik zur Abwehr der Kapp-Putschisten hatten sich die Arbeiter im Revier erneut erhoben, um für Demokratie und gegen eine Militärdiktatur zu kämpfen.

Von Bernd Ulrich

Bewaffnete Arbeiter im Ruhrgebiet 1920 (picture alliance / akg-images)
Arbeiter im Ruhrgebiet leisteten 1920 gleich mehrfach bewaffneten Widerstand (picture alliance / akg-images)
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Für den linken Sozialdemokraten Heinrich Ströbel war am 25. März 1920, acht Tage nach Ende des Kapp-Putsches, vor allem eins ganz klar:

"Der erste reaktionäre Putsch ist mißglückt. Aber die Gefahr ist noch lange nicht vorüber. Bleibt das Proletariat samt den Angestellten und Beamten nicht einig, so kann über Nacht ein zweiter, vielleicht verhängnisvollerer Schlag folgen. Der Feind steht nicht links, sondern rechts!"

Ob der Appell Ströbels in der radikaldemokratischen "Weltbühne" im Ruhrgebiet überhaupt Gehör fand, bleibt eher zweifelhaft. Aber die bestens organisierte Arbeiterschaft des Reviers handelte: Sie hatte nicht nur den Aufruf zum Generalstreik befolgt. Sie wagte nun auch unter der Führung fronterfahrener Arbeiter den bewaffneten Aufstand.

"Die sich erhoben, waren vor allem Kriegsgegner"

Neben der Verteidigung der demokratischen Republik, stand vor allem der Kampf gegen eine drohende Militärdiktatur im Vordergrund - etwa im Bergischen Land. Der Lokalhistoriker Reiner Rhefus:

"Die meisten Arbeiter hier, die Arbeiterfamilien, hatten sehr unter dem Krieg gelitten, es gab Gefallene in den Familien, viele kleine Kinder sind gestorben an Unterernährung et cetera, und die Leute, die sich gegen die Militärs erhoben, waren vor allem Kriegsgegner, die mit dem Militär nichts mehr zu tun haben wollten."

Die Arbeiter im Ruhrgebiet fürchteten jene Einheiten der Reichswehr, die es mit den Umstürzlern gehalten hatten – zu Recht. Einige Freikorps, darunter auch solche, die bereits den Kapp-Putsch unterstützt hatten, waren schon ins Revier geschickt worden, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Tatsächlich war es verschiedentlich zu Übergriffen gekommen. Sie rechtfertigten aber keineswegs das mediale Schreckensbild einer vielfach so bezeichneten völlig enthemmten, bolschewistischen Soldateska.

Kämpfe im Ruhrgebiet 15. März bis 10. Mai 1920 (Die “Rote Armee” der Arbeiter kämpft gegen hereinstoßende Freikorps). Instruktionserteilung vor dem Abmarsch der “Roten Armee”.  Foto. | (picture alliance / akg-images)Darstellung der "Roten Ruhrarmee" 1920 (picture alliance / akg-images)

Der Wirklichkeit entsprach das so wenig wie der angeblich hohe Organisationsgrad und der propagierte Umfang der "Roten Ruhrarmee" von bis zu einer Million Arbeitern, bei einer geschätzten tatsächlichen Stärke von bis zu 60.000 Mann.

"Kohle musste unter allen Umständen produziert werden"

Aber aus Sicht der Regierung stand die Unterdrückung des Aufstandes noch aus einem anderen Grund auf der Tagesordnung. Der Zeitzeuge und Historiker Georg Eliasberger:

"Die Vorstellung, dass das wichtigste Industriegebiet des Reichs sich da zu einem Aufstand erhebt, war natürlich unerträglich. Vergessen Sie nicht: Kohle war das, was unter allen Umständen produziert werden musste, nicht nur für den inneren Bedarf. Es mussten Reparationslieferungen gezahlt werden in Kohle. Vom Standpunkt der Regierung aus war irgendeine Befriedung des Ruhrgebiets ne absolute Notwendigkeit."

Doch Eliasberger gab auch zu bedenken:

"War das nun wirklich notwendig, war das die einzige Möglichkeit, dass man sich verbündet hat mit der Generalität und dem Offizierskorps des Kaiserreichs, um die dann einzusetzen gegen Arbeiter?"

"Einmarsch hat furchtbare Folgen"

Einige der schon losgeschickten Freikorps, zumeist angeführt von jungen, rechtsgerichteten Weltkriegsoffizieren, voller Hass auf Arbeiter, linke zumal, hatten bereits mit dem Morden begonnen. Der damalige Reichsinnenminister Erich Koch vermerkte in seinem Tagebuch über eine ministerielle Besprechung am 25. März 1920:

"Einmarsch hat furchtbare Folgen. Leute zum Teil noch zur Verteidigung der Republik auf der Straße. Auch Mehrheitssozialisten stehen vielfach hinter den Forderungen. Vereinbarung wird empfohlen, damit die Vernünftigen wieder nach Hause gehen."

Solche Vereinbarungen hat es gegeben, und zwar zwischen Reichsregierung und Teilen der Aufständigen. Allerdings waren weder Mitglieder der Roten Ruhrarmee oder der radikalen Arbeiterräte eingeladen worden noch Vertreter aus den Reihen der Militärs. Dennoch schienen die Verhandlungen erfolgreich. Denn, so Georg Eliasberger:

"Auf dieser Basis haben große Teile der bewaffneten Arbeiter im Ruhrgebiet die Waffen niedergelegt und sind nach Hause gegangen. Und was übrig blieb, ist dann natürlich von der Reichswehr – mit großer Brutalität nebenbei gesagt - niedergeschlagen worden."

"Wehrlose Leute wurden erschlagen"

Der Einmarsch regulärer Reichswehreinheiten seit dem 2. April verschärfte die Lage des zu großen Teilen schon befriedeten Ruhrgebiets neuerlich. Ein Augenzeuge:

"Also, die Reichswehr hat denn ja auch hier sozusagen stärkstens gehaust. Wir ham an der Straße erlebt, wie Leute erschlagen waren, Jungs von 18, 20 Jahren. Wir ham einen solchen Eindruck schon als 14-, 15-Jährige gehabt, dass das ein Verbrechen war, was die da begangen hatten, denn: Wehrlose Leute wurden erschlagen."

Der Kampf der Roten Ruhrarmee war einer der größten Massenaufstände in der deutschen Geschichte. Seine brutale Niederschlagung durch Reichswehr und Freikorps bleibt unvergessen.

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