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StartseiteInterview"Hass ist einfach salonfähig geworden"24.12.2019

Empathie"Hass ist einfach salonfähig geworden"

Das generelle politische Klima sei im Moment kein fruchtbarer Boden für Empathie, sagte die Neurowissenschaftlerin Grit Hein im Dlf. Negative Erfahrungen würden Mitgefühl hemmen. Deshalb brauche Empathie Beispiele und Vorbilder um sich aufzubauen.

Grit Hein im Gespräch mit Christiane Kaess

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Auf dem Bildschirm eines Smartpones sieht man eine Antwort eines Users auf einen Post  auf Twitter. (dpa/ Fabian Sommer)
Negative Erfahrungen können Empathie hemmen, sagt die Neurowissenschaftlerin Grit Hein (dpa/ Fabian Sommer)
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Christiane Kaess: Hass und Hetze im Internet, im Extremfall wird daraus Gewalt, Bedrohungen von Politikern, eine polarisierte Gesellschaft, in der viele nur noch ihre Meinung gelten lassen. Immer mehr bestimmen diese Themen gesellschaftliche Diskussionen. Was passiert da, wenn wir uns gegenseitig nicht mehr zuhören, kein Verständnis, keine Empathie mehr für den anderen aufbringen?

Ich konnte vor der Sendung mit Grit Hein darüber sprechen, sie ist Professorin am Zentrum für Psychische Gesundheit des Uniklinikums Würzburg, sie forscht über neuronale Mechanismen, soziale Motivation und soziale Interaktion. Ich habe sie zuerst nach ihrer Bestandsaufnahme gefragt: Fehlt unserer Gesellschaft tatsächlich die Empathie?

Grit Hein: Meiner Meinung nach kann man nicht generell sagen, dass unsere Gesellschaft empathiearmer geworden ist, aber ich denke, dass Empathielosigkeit salonfähig geworden ist in unseren Tagen.

Kaess: Warum ist das so?

Hein: Das hat sicherlich viele Gründe. Also einige hatten Sie schon genannt, soziale Medien, jeder kann sich in seine Meinungsblase zurückziehen, der Blick wird häufig nicht mehr geweitet, ist eingeschränkt. Wir wissen allerdings auch schon im Kleinen, also von unseren Forschungen, dass Empathie an sich ein zartes Pflänzchen ist. Also Empathie ist auf der einen Seite natürlich fester Bestandteil unserer westlichen Gesellschaft, das hatten Sie auch schon gesagt, ist fest in der Weihnachtsbotschaft verankert. Aber auf der anderen Seite wissen wir, dass es sehr viele Faktoren gibt, die Empathie einfach abschwächen können.

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"Negative Erfahrungen können Empathie hemmen"

Kaess: Welche Faktoren sind das? Unter welchen Umständen können Menschen denn dann nicht mehr empathisch sein?

Hein: Also ein wichtiger Faktor scheint tatsächlich Ähnlichkeit zu sein, also es scheint uns leichter zu fallen, Empathie mit Personen zu empfinden, die uns ähnlich sind. Also Empathie per se scheint wirklich im Prinzip auf eine bestimmte Personengruppe ursprünglich eingeschränkt zu sein. Und ein anderer wichtiger Faktor ist die Einschätzung, ob jemand meine Empathie verdient. Also wenn der Eindruck entsteht, dass jemand, der Empathie beansprucht, dessen nicht würdig ist, wird Empathie gekappt sozusagen.

Kaess: Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Hein: Im engen Familienkreis wird jeder sicherlich Beispiele finden können, auf politischer Ebene ist ein Beispiel meiner Meinung nach die Vorkommnisse am Silvesterabend in Köln, die unter anderem dazu geführt haben, dass die Empathie, die gerade Flüchtlingen entgegengebracht wurde ursprünglich, doch erst mal einen Dämpfer erhielt. Wir wissen aus unseren Forschungen, dass negative Erfahrungen, auch indirekte negative Erfahrungen, also beispielsweise über die Medien vermittelte negative Erfahrungen, Empathie hemmen können. Und die gute Nachricht ist aber, dass wir aufzeigen können, dass positive Lernerfahrungen Empathie auch wieder aufbauen.

Kaess: Mit dem Beispiel von der Kölner Silvesternacht meinen Sie jetzt damit, dass dieser Aspekt, jemand verdient Empathie, nicht mehr gegeben ist, weil es eben zu diesen sexuellen Übergriffen durch Flüchtlinge auf Frauen kam?

Hein: Ja, beispielsweise. Aus unseren Forschungen wissen wir ganz klar, dass negative Erfahrungen, also Erfahrungen, die sozusagen, im Englischen sagt man deservingness, diesen Aspekt des deservingness ja infrage stellen, Erfahrungen sind, die Empathie reduzieren. Das ist ein sehr starker Faktor.

Kaess: Sind denn abgesehen davon ganz generell in unserer Gesellschaft eher Umstände gegeben, die es günstig machen für Empathie, oder wo, würden Sie sagen, hakt es da?

Hein: Also ich denke, dass das generelle politische Klima im Moment kein fruchtbarer Boden für Empathie ist. Das hatte ich ja schon eingehend gesagt. Ich denke nicht, dass wir sagen können, dass der Mensch per se, dass wir alle per se weniger empathiefähig geworden sind. Aber Hass ist einfach salonfähig geworden, Hass wird propagiert und gebiert neuen Hass. Gut, Empathie braucht Beispiele, braucht Vorbilder, und Empathie braucht den Nährboden, um sich zu entfalten, und im Moment ist unser Klima kein empathieförderliches.

"Empathiefähigkeit wird nicht gefördert"

Kaess: Haben Sie auf der anderen Seite positive Beispiele dafür?

Hein: Es gibt sehr, sehr viele positive Beispiele. Deswegen, denke ich, wäre es eben auch verfehlt, generell, also uns allen Empathiefähigkeit abzusprechen. Es gibt unendlich viele Menschen um uns herum, die sich jeden Tag im hohen Maße empathisch verhalten und sich um andere aufopferungsvoll kümmern. Und es gibt auch ganz, ganz viele Beispiele, wo natürlich dann auch Empathie eingefordert und gelebt wird, im privaten Umfeld und natürlich auch im gesellschaftlichen Umfeld. Deswegen denke ich, dass natürlich man nicht platt sagen kann, dass unsere Gesellschaft generell an Empathielosigkeit leidet, also dass Menschen generell an Empathielosigkeit leiden. Ich glaube aber, dass die Empathiefähigkeit, die wir haben, im Moment eben einfach nicht gefördert wird.

Kaess: Sie haben jetzt dieses Beispiel Flüchtlingspolitik schon angesprochen. Das war ja fast so wie ein Gradmesser für eine humane und empathische Gesellschaft in den letzten Jahren. Und als 2015 besonders viele Flüchtlinge nach Europa gekommen sind, hat sich Deutschland anfangs sehr offen gezeigt, auch andere westeuropäische Länder, die nehmen bis heute Flüchtlinge auf. Aber in Osteuropa zum Beispiel ist diese Bereitschaft gar nicht vorhanden. Ist denn Empathie kulturell auch anders ausgeprägt?

Hein: Das denke ich generell nicht. Ich denke, dass Empathie beispielsweise auch natürlich durch wirtschaftliche Faktoren stark beeinflusst wird. In dem Moment, wenn Ressourcenknappheit beispielsweise herrscht, sehen wir das Phänomen, dass Empathie sich immer mehr auf den engen Personenkreis natürlich auch zurückzieht. Also mit anderen Worten, ich kann es mir auch immer weniger leisten, mit allen anderen empathisch zu sein. Also wirtschaftliche Faktoren spielen sicherlich eine Rolle. Ich glaube nicht, dass man jetzt sagen kann, dass es Kulturen gibt, die empathischer sind als andere. Die Ausprägung von Empathie mag unterschiedlich sein, aber die Empathiefähigkeit des Menschen ist gegeben, und das sehen wir beispielsweise eben auch in unseren Versuchen mit neurowissenschaftlichen Methoden, dass Empathie in uns angelegt ist, also in jedem von uns. Und das ist auch kulturübergreifend der Fall.

Kaess: Und wenn man es geschichtlich betrachtet: Hat Empathie über die Zeit hinweg zugenommen, im Vergleich jetzt zum Beispiel von vor 100 Jahren?

Hein: Gut, da bin ich jetzt natürlich nicht die Expertin, aber es gibt eben natürlich auch in der Geschichte immer wieder diese Negativbeispiele, und ich denke schon, dass wir sagen können, dass in den letzten 100 Jahren … Wir haben eine humanere Gesellschaft kreiert, kann man sagen, wir haben humanere Gesellschaften geschaffen, wir haben Sozialsysteme geschaffen, und das ist nicht selbstverständlich. Und deswegen ist es, denke ich, auch so wichtig, da jetzt sehr sorgsam mit umzugehen und auch einfach darauf zu achten, dass das, was hier entstehen konnte, was hier entstanden ist, sich nicht zurückbildet.

Kaess: Sie sagen, nicht zurückbildet – kann man Empathie lernen?

Hein: Man kann Empathie lernen. Wir können tatsächlich zeigen, dass sich Empathie ganz konkret durch positive Erfahrungen mit anderen aufbaut. Also selbst wenn man negative Erfahrungen mit einem anderen gemacht hat, die dann letzten Endes auch zur Reduktion von Empathie geführt haben, können positive Erfahrungen diese Abnahme von Empathie rückgängig machen.

"Zu viel Empathie kann Stress auslösen"

Kaess: Werfen wir noch einen kritischen Blick auf die Empathie. Kann man auch zu viel davon haben, schadet es auch Menschen, dass wir gerade bei all den schlechten Nachrichten, die die Medien transportieren, zu sehr mitfühlen? Was passiert da mit einem Menschen?

Hein: Zu viel Empathie kann zum Burn-out führen, also zu viel Empathie kann Stress auslösen. Das ist genauso, wie Sie sagen: Wenn ich mich nur noch mit Leid von anderen konfrontiert sehe, kann das dazu führen, dass ich mich zurückziehe, dass ich im Prinzip auch immer weniger willens und in der Lage bin, zu helfen. Das passiert besonders dann, wenn ich nicht helfen kann. Also wenn ich mich beispielsweise dem Leid einer anderen Person gegenüber hilflos fühle, dann wird sich Empathie eher in Richtung dieses Burn-outs oder dieser Stressantwort entwickeln, während auf der anderen Seite, wenn ich in der Lage bin, sozusagen meinem empathischen Impuls, zu helfen, zu folgen, also wenn ich der anderen Person helfen kann, ist Empathie eigentlich nicht per se etwas Stressinduzierendes, sondern eher auch ein positiver Zustand, der einfach dazu führt, dass ich mich einer anderen Person nahe fühle und dann eben auch helfen kann und werde.

Kaess: Geben Sie uns zum Schluss noch einen Tipp für den heutigen Weihnachtstag, der ja auch bekannt ist für Familientragödien. Gibt es einen Tipp, das zu vermeiden durch Empathie?

Hein: Was wir auch in unseren Untersuchungen immer wieder tun, ist, unsere Probanden und Probandinnen aufzufordern, sich tatsächlich in die andere Person hineinzuversetzen, so weit das geht. Also im Prinzip zu versuchen, mit der anderen Person in diesem Moment mitzuschwingen, kann man sagen, also hier fällt auch immer der Begriff der Resonanz. Das ist ein Tipp, der funktionieren sollte hoffentlich. Und das andere ist sicherlich wichtig, auch die Erwartungen letzten Endes anzupassen. Also Empathie auf Knopfdruck wird so nicht funktionieren. Also ein Abend wird nicht dazu führen, dass sozusagen sämtliche Probleme, die das restliche Jahr so mit sich gebracht haben, aufgelöst werden. Und wenn man das so akzeptiert und wenn es einem gelingt, dann sich auch in das Gegenüber hineinzuversetzen, dem es sicher genauso geht, dann muss das nicht unbedingt zum Konflikt führen, sondern kann auch die Basis für eine neue Verständigung und für einen schönen, harmonischen Abend sein.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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