Freitag, 19. August 2022

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Endlich mal erklärt
Gibt es schon Corona-Kunst?

An aktueller Kunst, die sich mit Corona auseinandersetzt, herrscht kein Mangel. Aber haben Arbeiten, die im Kontext der Pandemie entstehen, wirklich derart markante Eigenarten, dass sie sich von allen anderen abheben und nachwirken? Unser Kunstkritiker Carsten Probst ist skeptisch.

Von Carsten Probst | 14.11.2020

Sticker Kölner Künstlerin Ursula Düster zeigt eine Mona Lisa mit Mundschutz
Mona Lisa mit Maske - ein Werk der Kölner Künstlerin Ursula Düster (imago images / Future Image)
Zunächst müsste man den Begriff Corona-Kunst eingrenzen: Einmal fällt durch die Pandemie und die Lockdowns ein Großteil der gewohnten globalen Infrastruktur des Kunstbetriebes aus, viele Aktivitäten von Künstler*innen verlagern sich ins Netz. Auch das ist eine Art von corona-bedingter Kunst, für die es inzwischen schon eine ganze Datenbank gibt.
Dazu gehören aber auch außerhalb des Netzes Solidaritäts- und Förderprojekte. Seit einigen Wochen läuft zum Beispiel eine Projektausschreibung der Stadt München zum Thema Social Distancing.
Dann gibt es eher dokumentarische Arbeiten, wie prominenterweise der Film "Coronation" von Ai Weiwei aus diesem Jahr, der sich als Collage von Handyfilmen dem Ausbruch der Pandemie in China widmet, wo man all die einschlägigen äußeren Merkmale der Krise sieht: Die Schutzkleidung in den Krankenhäusern, die Beatmungsstationen, die Straßensperren, die menschenleeren Städte im Lockdown.
Eine Katastrophe allein macht noch keine Kunst
Aber Arbeiten, die die Naturkatastrophe unverwechselbar zu einem Zeichen, zu einem Mythos des 21. Jahrhunderts umformen, fehlen momentan. Im Gegenteil: Viele Künstler*innen sagen ganz offen, ihnen falle zu Corona eigentlich nichts ein. Für einen Mythos fehlt der Corona-Krise wohl noch das große, signifikante Geheimnis.
Auf einem aufgeschlagenen Kunstlexikon liegt eine Brille
Spezialwissen der Kultur - Endlich mal erklärt Postdramatik? Dystopie? Keine Ahnung. Jede Kulturszene pflegt ihre Fachausdrücke, weil sie griffig sind und zutreffend. Wir erklären endlich mal die Begriffe der Spezialsprachen und antworten auf Fragen, die man sich vielleicht nicht zu stellen traut. Denn Arroganz war gestern.
Der oft bemühte Vergleich mit der Spanischen Grippe zeigt auch: Eine Katastrophe riesigen Ausmaßes, mit Auswirkungen auch in der Kunst wird nach einiger Zeit überlagert und verdrängt von anderen historischen Zäsuren, in jenem Fall dem Ende des Ersten Weltkrieges, dem Zusammenbruch des Kaiserreichs, Weltwirtschaftskrise usw. und die Kunst schließlich subsumiert unter dem Begriff der Moderne. Und so sind auch in der Corona-Krise etliche Themen angelegt, die schon vorher da waren und auch noch viel grundsätzlicher erscheinen: Die Klimakrise, neuer Nationalismus, soziale Exklusion, der Einfluss von Verschwörungstheorien, generell die Phase des Posthumanismus, die später möglicherweise das Corona-Thema überlagern werden.
Kunst für das Familienalbum
Dass wir überhaupt über Corona-Kunst sprechen, hat vielleicht weniger mit Corona zu tun, als mit einem zunehmend musealen Verhältnis zur Wirklichkeit, das dieser posthumanistischen Phase geschuldet ist. Diese Tendenz lässt sich gut in den letzten Jahrzehnten beobachten. Immer wenn etwas allgemein Erschütterndes passiert, wird nach Kunst oder Literatur gerufen. Das war bei der Wiedervereinigung so, bei 9/11, der Finanzkrise, der Klimakrise, und jetzt selbstverständlich auch bei Corona.
Coronavirus
Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)
Die Rolle, die Geschichte dabei bekommt, lässt es so erscheinen, als seien wir nur noch passive Zuschauer, Konsumenten der Geschichte, die irgendwie außer Kontrolle ist, und wollten unsere Erlebnisse für kommende Generationen verewigt wissen. Das wäre sozusagen die Familienalbum-Variante. Aber es geht auch umgekehrt, dass wir, in welchem geringen Umfang auch immer, selbst immer schon an dieser Geschichte mitwirken. Dann bräuchten wir aber eigentlich auch keinen Mythos mehr, den die Kunst beisteuert.