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StartseiteKultur heuteWarum sind Baritone oft die Bösen und Tenöre die Guten?11.05.2020

Endlich mal erklärtWarum sind Baritone oft die Bösen und Tenöre die Guten?

Der Gute singt höher, der Böse tiefer. Wer Opernrollen statistisch auswerten würde, käme dabei genau zu dieser Verteilung. Dass die Tenöre meist die Sympathierollen singen und die (Bass-)Baritone die Schurken, liegt vor allem an der Vorliebe eines Komponisten.

Von Jörn Florian Fuchs

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Tänzer und Julian Prégardien als Tamino in "Die Zauberflöte (NEU)" (Staatsoper unter den Linden / Monika Rittershaus)
Der Gute und Liebende: Tenor Julian Prégardien als Tamino in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. (Staatsoper unter den Linden / Monika Rittershaus)
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Natürlich ist die Frage ein wenig zugespitzt. Wer sich ein bisschen mit der Opernliteratur auskennt, wird sofort sagen: Aber Gurnemanz, der würdige Gralszeremonienmeister aus Wagners "Parsifal", singt tief und hat doch so gar nichts von einem Bösewicht. Und Verdis "Otello"? Das ist doch ein Tenor, der seine angeblich untreue Gattin Desdemona umbringt. Wie so oft im Leben gilt auch in der Kunst: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Ziemlich oft jedoch sind die Rollen klar verteilt. Der Tenor ist jugendlicher Held, der Bariton (beziehungsweise Bass) zumindest zwiespältig, wenn nicht gleich vollends bösartig. Weil es in der Oper bekanntlich nicht selten um Liebe geht, kann man die Sache noch etwas genauer fassen: Der Tenor ist meist ein ehrlich Liebender, während Mann als baritonaler Rivale eher als Verlierer aus dem Kampf scheidet - zumindest was die Gunst des Publikums betrifft. Ein Bariton ist übrigens nichts anderes als ein "höher gelegter" Bass.

Verdi liebte Vokalduelle

Diese Stimm- und Rollenzuteilung entstand im 19. Jahrhundert. Vor allem Giuseppe Verdi hat gern solche Vokalduelle geschrieben. Man denke nur an Graf Luna im "Troubadour": Der ist ein Bariton und lässt am Ende den Tenor Manrico hinrichten. In Verdis "Traviata" leidet der tenorale Held Alfredo unter den Ränken seines baritonalen Vaters Giorgio. In Wagners "Ring" muss der anfangs strahlende Held Siegfried eine der anspruchsvollsten Tenorpartien überhaupt bewältigen, er fällt im buchstäblichen Sinne seinem dunkel timbrierten Gegenspieler Hagen zum Opfer.

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Bis ins 20. Jahrhundert hinein, bis zu Giacomo Puccini, hielt sich das Rollenmodell. Dann lösten sich die Konturen langsam aber sicher auf. In Ferruccio Busonis großer Oper "Doktor Faust" ist alles anders: Der Komponist legte den Konflikt zwischen dem wissbegierigen, lebenshungrigen Gelehrten und seinem höllenheißen Verführer als Kampf zwischen Bariton und Tenor an.

Schneekönigin als Bass

In unserer Gegenwart freilich gibt es gar keine Grenzen mehr. Weil die Geschlechterrollen und -identitäten auf der Bühne ja auch mitunter munter durcheinander gewürfelt werden, weiß man erst beim Lesen der Partitur oder beim Hören, wer welche Rolle singt. In Hans Abrahamsens Oper "Die Schneekönigin" ist die titelgebende Figur zum Beispiel ein Bass.

In manchen experimentellen Stücken der Neuen Musik gibt es sogar Stimmwechsel innerhalb einer Partie - nicht nur Countertenöre die mal hoch, mal normal tenoral singen, sondern sogar "Counterbaritone". Das Springen von höchsten Höhen in tiefste Tiefen und zurück beherrschen allerdings nur wenige Sangeskünstler.

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