
Im niederländischen Groningen wurde über Jahrzehnte Erdgas gefördert und damit viel Geld verdient. Doch die Förderung hatte Folgen: Immer wieder bebte die Erde, Häuser wurden beschädigt. Bis heute sind bis zu 200.000 Menschen von den Folgen betroffen. 2022 wurde die Förderung zwar gestoppt, abgeschlossen ist der Fall aber nicht. Die Konzerne Shell und ExxonMobil verlangen jetzt Milliarden als Entschädigung für den vorzeitigen Ausstieg.
Auch anderswo gibt es Hinweise auf Erdbeben im Zusammenhang mit Gasförderung, auch in Deutschland. Welche Risiken birgt die Erdgasförderung und wer trägt am Ende die Kosten für die Schäden?
Wie kann Erdgasförderung Erdbeben auslösen?
„Durch die Erdgasförderung kann es - genauso wie beim Mineral- oder Kohlebergbau oder beim Bau von Tunneln - zu Erdbeben kommen“, heißt es vom Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG). Die Förderung von Erdgas könne die Spannungsverhältnisse im Untergrund verändern, was je nach vorhandener Spannung zu Erdbeben führen könne. Wie stark ein Erdbeben zu spüren ist und wie groß die Schäden sind, hängt von seiner Stärke, seiner Tiefe und davon ab, wo es passiert. Meist gilt: Je stärker das Beben und je näher es an der Oberfläche und an Wohnorten liegt, desto größer sind die möglichen Folgen.
Im niederländischen Groningen, wo mehr als 60 Jahre lang Erdgas gefördert wurde, entstanden viele dieser Erdbeben in nur etwa drei Kilometern Tiefe. Darüber liegen weiche Schichten aus Ton, Torf und Sand. Deshalb konnten dort auch vergleichsweise schwache Beben starke Auswirkungen haben. 1993 bestätigte auch der Staatliche Geologische Dienst der Niederlande offiziell den Zusammenhang zwischen der Erdgasförderung und den Erdbeben in der Region.
Was sind die Folgen der Erdbeben?
In Groningen sind die Folgen bis heute spürbar, obwohl die Erdgasförderung inzwischen gestoppt wurde: Bis zu 200.000 Menschen sind betroffen. Viele mussten ihre Häuser verlassen, weil sie einsturzgefährdet waren. Mehr als 3300 Häuser wurden abgerissen, andere repariert. Viele Baumaßnahmen stehen erst noch an. Auch nach dem Stopp der Gasförderung ist die Gefahr in Groningen nicht vorbei.
Im November 2025 gab es dort noch einmal ein Erdbeben der Stärke 3,4. Dabei wurden mehr als 2100 weitere Häuser beschädigt. Seit Beginn der Gasförderung bis zum Sommer 2025 wurden insgesamt mehr als 490.000 Schadensfälle gezählt. Die Folgen betreffen aber nicht nur die Gebäude, sondern auch die Menschen selbst. Laut einer niederländischen Forschungsgruppe, die die Auswirkungen der Erdbeben untersucht, leiden rund 10.000 Menschen in der Region unter gesundheitlichen Problemen. Genannt werden vor allem Stress, Schlaflosigkeit und Herzrasen.
Ein aktueller Bericht geht sogar davon aus, dass noch mehr Menschen betroffen sein könnten, weil viele Reparaturen erst noch anstehen. Eine weitere Studie untersucht, ob der dauerhafte Stress das Sterberisiko erhöht. Ihr zufolge könnten jedes Jahr fünf bis 17 Menschen aufgrund der langfristigen Belastung vorzeitig sterben.
Erfahrung aus den Niederlanden: Wer bezahlt für Schäden durch Gasförderung?
Die Fördergesellschaft NAM, eine gemeinsame Firma von Shell und ExxonMobil, stritt zunächst ab, dass die Erdbeben für die Schäden verantwortlich waren. Betroffene mussten oft erst nachweisen, dass Risse und andere Beschädigungen wirklich von den Erdbeben kamen.
2016 reagierte die Regierung mit einem Gesetz. Seitdem gilt ein Erdbeben automatisch als Ursache für Schäden am Haus, solange die Förderkonzerne nichts anderes beweisen können. Außerdem übernahm die niederländische Regierung das Schadensmanagement. Sie bezahlt Reparaturen und Sicherungsmaßnahmen zunächst selbst und stellt die Kosten danach NAM in Rechnung.
2018 vereinbarten der Staat und die Konzerne einen geregelten Ausstieg aus der Erdgasförderung bis spätestens 2030. Doch schon 2019 zog die Regierung das Ende der Förderung auf 2022 vor. Genau dagegen wehren sich Shell und ExxonMobil heute: Sie argumentieren, sie hätten mit einer Förderung bis 2030 gerechnet, und verlangen jetzt Geld für entgangene Gewinne. Im Raum stehen Milliardenforderungen. Die niederländische Regierung habe angeblich nur 300 Millionen angeboten. Die Konzerne klagen nun.
Gleichzeitig läuft der Streit über die eigentlichen Schäden weiter. Aufgrund wachsenden öffentlichen Drucks setzte das niederländische Parlament außerdem einen Untersuchungsausschuss ein, der die Verantwortung in dem Fall klären sollte. Der Bericht des Untersuchungsausschusses von 2023 macht klar: Der niederländische Staat und die Konzerne Shell und ExxonMobil hätten über Jahre die Sicherheit der Menschen vernachlässigt und nur wirtschaftliche Interessen verfolgt. Von beispiellosen Systemversagen ist die Rede.
Der damalige niederländische Ministerpräsident Mark Rutte entschuldigte sich und kündigte ein Entschädigungspaket von 22 Milliarden Euro für die Region an. Experten gehen aber davon aus, dass die tatsächlichen Kosten deutlich höher liegen könnten. Sollten Shell und ExxonMobil jetzt mit ihren Klagen Erfolg haben, könnte ein Teil des staatlichen Hilfspakets für Groningen an die Konzerne fließen statt an die Betroffenen. Verhandelt wird darüber vor einem außergerichtlichen Schiedsgericht.
Welche Abhängigkeiten schafft Gasförderung?
Gasförderung schafft vor allem finanzielle, politische und rechtliche Abhängigkeiten. Das zeigt der Fall Groningen besonders deutlich. Über Jahrzehnte verdiente nicht nur die Fördergesellschaft Nederlandse Aardolie Maatschappij (NAM) an dem Gasfeld, sondern auch der niederländische Staat, der zusätzlich von Steuern und Abgaben profitierte. Unterm Strich floss der Großteil der Gewinne in die Staatskasse.
Die Einnahmen aus der Gasförderung haben in den Niederlanden über Jahrzehnte Infrastruktur, Industrie und Teile des Wohlfahrtsstaats mitfinanziert. Auch wenn ein Staat wie die Niederlande aus Sicherheitsgründen aus der Partnerschaft aussteigen will, kann die frühere Förderung ihn noch jahrelang finanziell und rechtlich binden. Das zeigt der aktuelle Streit mit Shell und ExxonMobil, die nun Geld für entgangene Gewinne verlangen und sich dabei auf frühere Vereinbarungen berufen.
Ähnliche Konflikte gibt es auch in anderen Energiebereichen. So wollte etwa der Energiekonzern RWE 2019 gegen den niederländischen Kohleausstieg vorgehen und Entschädigung verlangen. 2023 entschied ein deutsches Gericht, dass der Schiedsantrag von RWE nicht rechtens sei.
Auch in Deutschland zeigen sich solche Abhängigkeiten zwischen Regierung und Energiekonzernen. Ein Beispiel ist der Streit mit Vattenfall nach dem Atomausstieg. Der schwedische Energiekonzern war an vier deutschen Atomkraftwerken beteiligt und klagte nach Fukushima vor einem internationalen Schiedsgericht. Dabei ging es nicht darum, ob Deutschland aus der Atomkraft aussteigen durfte, sondern nur um die Frage, ob der Konzern für wirtschaftliche Nachteile entschädigt werden muss. Am Ende einigte man sich nach fast zehn Jahren auf eine Zahlung von 1,4 Milliarden Euro an Vattenfall.
Wie groß ist das Erdbebenrisiko durch Erdgasförderung in Deutschland?
Erdgas wird in Deutschland vor allem in Niedersachsen gefördert. Fast die gesamte heimische Förderung kommt laut Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) von dort. Insgesamt werde in Deutschland aber seit Jahren immer weniger Erdgas gewonnen. Laut BVEG ist das Gasfeld Groningen nicht mit den deutlich kleineren Erdgasfeldern in Nordwestdeutschland vergleichbar.
Die Lagerstätten in Deutschland seien tiefer gelegen und unterschieden sich auch in Größe und Gestein. Daher seien die Erfahrungen mit Erdbeben aus Groningen nicht auf Nordwestdeutschland übertragbar. Dennoch gibt es Hinweise auf Erdbeben in Niedersachsen im Zusammenhang mit Erdgasförderung. Nach Angaben des niedersächsischen Erdbebendienstes (NED) wurden in den vergangenen drei Jahren in Niedersachsen im Schnitt rund fünf Erdbeben pro Jahr registriert.
Etwa ein Drittel davon war so stark, dass Menschen sie spüren konnten. Zuletzt wurden am 11. Februar 2026 bei Visselhövede innerhalb weniger Stunden zwei Erdbeben der Stärke 2,1 und 2,6 gemessen. Das Epizentrum lag zwischen zwei Erdgasfeldern.
Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) hält einen Zusammenhang mit der Gasförderung für möglich. Ein weiteres Beispiel ist Wardenburg in Niedersachsen. Dort wurde am 1. April 2025 ein Erdbeben der Stärke 3,2 gemessen. Es war das bislang stärkste Beben in der Region zwischen Oldenburg und Cloppenburg. Das Epizentrum lag im Bereich von Erdgasfeldern. Auch hier geht das LBEG davon aus, dass das Beben wahrscheinlich mit der Gasförderung zusammenhängt. Betroffene meldeten außerdem leichte Sachschäden. Laut LBEG ist für mögliche Schäden das Förderunternehmen ExxonMobil Ansprechpartner.
Audio: Frank Odenthal, Onlinetext: Elena Matera



















