
Was Menschen essen und was nicht, wirkt unmittelbar auf das Immunsystem. Aber welche Ernährung ist gut für die Immunzellen, und welche schadet ihnen eher? Was können wir tun, um dieses hochkomplexe System gesund zu halten? Was bringt unser Immunsystem aus dem Gleichgewicht?
Eingreifen und schützen: So arbeitet das Immunsystem
Menschen brauchen kein starkes Immunsystem, sondern ein ausgeglichenes, sagt Kim Ohl, Professorin für Ernährung und Immunologie an der Uniklinik Aachen. Sie vergleicht das Immunsystem mit einem hochkomplexen Netzwerk, in dem Organe, Zellen und Botenstoffe in ständigem Austausch miteinander sind – ohne dass wir Menschen es bemerken.
Es erfüllt im Wesentlichen zwei Aufgaben. Zum einen übernimmt es die Abwehrstrategie. Unaufhörlich sucht das Immunsystem nach Krankheitserregern und beseitigt viele davon, bevor es überhaupt zu einer Erkrankung kommt. Auch entartete Zellen werden beseitigt, bevor eine Krebserkrankung überhaupt entstehen kann.
Zum anderen hält das Immunsystem Zellen intakt. Diesen Prozess beschreibt der Molekularbiologe Waldemar Kolanus als einen ständigen Auf- und Umbau. Das führe dazu, dass im Körper des Menschen keine Zelle mehr die gleiche sei wie bei seiner Geburt. Der Körper verändere sich ständig.
Ein ausgewogenes Immunsystem schützt also bei Bedrohung und arbeitet ansonsten unbemerkt im Hintergrund. Es muss beides gleich gut bedienen – Intervention und Prävention.
Die Brücke zwischen Ernährung und Immunsystem: der Darm
Der Darm ist die „Schaltzentrale“ des Immunsystems. Hier sitzen etwa 80 Prozent der Immunzellen. Über die Ernährung „füttert“ der Mensch zahllose Bakterien im Darm, die zusammen mit Viren und Pilzen ein hochkomplexes Ökosystem bilden – das Mikrobiom. Die aufgenommene Nahrung moduliert also das Mikrobiom – positiv wie negativ –, was wiederum das Immunsystem beeinflusst. Zahlreiche Forscher untersuchen die Bedeutung einzelner Nährstoffe, beispielsweise von Vitamin A. Ein Mangel dieses Vitamins führe dazu, dass das Immunsystem im Darm nicht mehr richtig funktioniere, so der Immunologe Christoph Wilhelm. Die Folge: erhöhter Infektionsbefall.
Ein weiteres Beispiel ist Tryptophan – eine essenzielle Aminosäure, die unter anderem in Brokkoli enthalten ist. Hier zeigten Studien, dass eine Ernährung mit wenig oder ohne Tryptophan die Wahrscheinlichkeit erhöht, an Infektionen zu erkranken oder zu sterben.
Eine vergleichende Studie im ostafrikanischen Tansania konnte den Einfluss von Ernährung auf die Darmflora und das Immunsystem zeigen. Dabei wurden Menschen aus der Landbevölkerung, die sich vorwiegend von Hirse, Maismehl, Gemüse und Obst ernähren, sowie Menschen aus der Stadt, die sich „westlich“ ernähren, also viele hoch verarbeitete Lebensmittel, Zucker, Fette und Salz zu sich nehmen, begleitet. Forscher untersuchten Stoffwechselprodukte im Blut und Moleküle, die die Aktivität des Immunsystems beeinflussen.
Bei den Probanden aus der Stadtbevölkerung ließen sich ähnliche Symptome feststellen wie in der westlichen Welt: nämlich erhöhte Werte von Molekülen, die das Immunsystem dauerhaft aktivieren, also aus dem Gleichgewicht bringen. Die Menschen auf dem Land hatten hingegen mehr entzündungshemmende Substanzen im Blut, was wohl an dem hohen Ballaststoffanteil ihrer Nahrung lag.
Ballaststoffe füttern das Mikrobiom
Ballaststoffe sind Kohlenhydrate, die fast ausschließlich in pflanzlichen Nahrungsmitteln enthalten sind, beispielsweise in Hülsenfrüchten, Nüssen, Vollkornbrot, Haferflocken oder Gemüse und Obst. Sie füttern die Bakterien des Mikrobioms und sorgen so für die Balance im Immunsystem, erklärt Immunologin Kim Ohl: Das Mikrobiom verstoffwechselt diese Ballaststoffe und stellt dabei die sogenannten kurzkettigen Fettsäuren her. Diese Fettsäuren sind wiederum wichtig für unser Immunsystem, vor allem für regulatorische T-Zellen. Die regulatorischen T-Zellen erhalten das Gleichgewicht des Immunsystems aufrecht. Bildlich gesprochen: Wenn eine Infektion beseitigt ist, stellen sie die Ruhe wieder her. Das stellt sicher, dass das Immunsystem sich nicht gegen den eigenen Körper richtet.
Unruhe bringen dagegen hoch verarbeitete Lebensmittel wie Tiefkühlpizza, Süßigkeiten, Wurst oder industriell hergestellte Fleischersatzprodukte. Sie machen in Deutschland mehr als die Hälfte der gesamten Energieaufnahme von Erwachsenen aus. Das Problem: Sie enthalten kaum Ballaststoffe. So kommen die meisten Menschen nicht auf die empfohlenen 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag. Das führt dazu, dass das Mikrobiom verarmt. Denn solche Lebensmittel enthalten zu wenig „Nahrung“, um es zu füttern.
Fast Food und Salz programmieren die Zellen um
Hoch verarbeitete Lebensmittel machen das Immunsystem offenbar langfristig aggressiver. Mäuse reagieren beispielsweise auf eine ballaststoffarme, aber fett- und kalorienreiche Kost ähnlich wie auf eine Infektion mit gefährlichen Bakterien. In einem Versuch wurden die Tiere auf die „westliche Ernährung“ mit hoch verarbeiteten Lebensmitteln umgestellt, sie entwickelten dadurch massive Entzündungen im ganzen Körper. Nach dem Wechsel zu ballaststoffreicher Kost verschwand die akute Entzündung zwar wieder, aber die Körperabwehr blieb in Alarmbereitschaft. Eine Erklärung ist, dass die ungesunde Ernährung bestimmte Immunzellen genetisch umprogrammiert hat. In der Folge reagieren sie schon auf kleine Reize wieder mit starken Entzündungen.
Einen ähnlichen Effekt provoziert eine stark salzhaltige Kost. Salz verändere offenbar die Flexibilität der Immunzellen, so der Molekularbiologe Waldemar Kolanus. Eigentlich muss das Immunsystem nach einer Bedrohung durch zu viel Salz seine Aktivität zurückfahren, um die Balance zwischen Intervention und Prävention wieder herzustellen. Salz scheint diesen Rückstellmechanismus der Immunzellen aber dauerhaft zu stören, sodass die Abwehr in einer Art Stand-by verharrt.
Die Immunzellen reagieren dann auf neue Angriffe nicht mehr angemessen, sondern gereizter, und die Entzündungswerte steigen. Eine permanente Hochsalzernährung stört also die Balance im Immunsystem. Wie genau, müsse weiter erforscht werden, so Kolanus.
Stille Entzündungen schaden dem Körper
Eine Ernährung mit vielen Transfetten, viel Fleisch oder Salz trägt also dazu bei, dass sich das Gleichgewicht im Immunsystem verschiebt. Noch folgenreicher: Es erzeugt lang anhaltende niederschwellige Entzündungsreaktionen.
Sie können über Jahre unbemerkt im Körper schwelen, verursachen keine typischen Entzündungsreaktionen wie Schmerzen oder Rötungen. Dennoch sind die Zellen permanent auf Abwehr eingestellt, obwohl eigentlich keine Gefahr – beispielsweise durch Viren – da ist.
Die Forschung geht mittlerweile davon aus, dass diese stillen, chronischen Entzündungen für die Ausbreitung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs mitverantwortlich sind, die weltweit mehr als 70 Prozent aller Todesfälle verursachen. Ein Umstellen der Ernährung kann helfen. Auf den Speiseplan sollten beispielsweise mehr fermentierte Lebensmittel, beispielsweise Kefir, Sauerteigbrot oder Sauerkraut.
Versuche an gesunden Erwachsenen zeigen: Bei den Erwachsenen, die sich vermehrt mit fermentierten Lebensmitteln ernährten, sanken die Entzündungsmarker und die Diversität des Darmmikrobioms stieg an – und zwar bei allen Probanden. Die Forscher sprechen von einem bemerkenswerten Befund, denn die Zusammensetzung des Mikrobioms ist bei jedem Menschen so einzigartig wie sein Fingerabdruck. Daraus folgern sie, dass fermentierte Lebensmittel einen starken positiven Einfluss auf das Mikrobiom und darüber auch auf das Immunsystem haben.
Fasten stärkt das Immunsystem
Fastenperioden scheinen einen deutlichen Effekt auf das Immunsystem zu haben, so Christoph Wilhelm. Seine Studien gehen von der Frage aus: Bedeuten weniger Kalorien auch weniger Entzündungen? Fasten bedeutet zunächst: keine Nahrungszufuhr für den Körper. In der Folge beginnt der Körper, Fette zu verstoffwechseln – die sogenannte Ketogenese.
Ketonkörper sind wichtig für die Immunzellen: Sie unterstützen eine antivirale Immunantwort bei Infektionen. Der Organismus bildet Ketonkörper immer dann, wenn die Glukosespeicher leer sind und der Körper seine Energie aus der Fettverbrennung gewinnen muss. Also auch beim Fasten. Dabei geschieht jedoch noch mehr:
Hat der Körper für eine kurze Periode nicht genug Nährstoffe, verarbeitet oder „recycelt“ er alte, kranke oder defekte Zellen. Eine Art „Frühlingsputz“ der Zellen, erklärt Christoph Wilhelm. Dieser zelluläre Frühjahrsputz nennt sich Autophagie. Um sie in Gang zu setzen, reichen schon Nahrungspausen ab 16 Stunden.


























