Mittwoch, 28. Februar 2024

Biathlon-WM
Ex-Biathlet Rösch über Skiprobleme: Deutschland hat einen "Platten"

Die Biathlon-WM im tschechischen Nove Mesto verlief für Deutschland bisher enttäuschend, Sportlerinnen und Sportler sind ob des schlechten Materials gefrustet. Ex-Biathlet Michael Rösch zieht nach der ersten Woche ein Zwischenfazit – und analysiert, was genau "Kopfzerbrechen bereitet".

Michael Rösch im Gespräch mit Astrid Rawohl | 11.02.2024
Michael Rösch, ehemaliger deutscher Biathlet und heutiger Trainer, am Rande eines Wettkampfes.
Michael Rösch war selbst als Biathlet für Deutschland und Belgien in der Loipe. Er gewann unter anderem 2006 mit der deutschen Staffel Gold bei den Olympischen Winterspielen in Turin. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Kunstschnee, Knobelei am Material, keine Chance auf Medaillen: Bei der Biathlon-WM im tschechischen Nove Mesto laufen die Deutschen in der ersten Woche nur unter ferner liefen mit. Am Sonntag spielten die DSV-Männer auch in der Verfolgung keine Rolle, bei den einst erfolgsverwöhnten Frauen war Franziska Preuß als Sechste in Sprint und Verfolgung noch die beste deutsche Biathletin.
Im Deutschlandfunk-Interview zog Michael Rösch, der als Biathlet 2006 für Deutschland bei den Olympischen Winterspielen Gold mit der Staffel holte, eine Zwischenbilanz. Natürlich sei die Leistung am Schießstand auch ein Thema, aber: "Man sieht es an den Laufzeiten - ich würde Franzi Preuß noch ein bisschen rausnehmen – die haben einfach zu keiner Zeit irgendwie den Zugriff auf eine Medaille."

Rösch: "Wer mit einem Platten losfährt, wird kein Sieger"

Rösch, auch als Trainer und TV-Experte erfahren, sprach den aus seiner Sicht entscheidenden Faktor für die deutsche Erfolglosigkeit in Tschechien an: "Ich kann es so ansprechen, dass es wirklich gerade eine Materialschlacht ist. Und die Deutschen da Schwierigkeiten haben, das richtige Setup zu finden."
Der 40-Jährige urteilte über die schlecht laufenden Ski bei Plusgraden auf dem weichen Kunstschnee: "Wenn der Ski vom Fuß einfach so 'reibig' geht wie so Sandpapier, dann kommst du einfach nicht vorwärts. Man kann es sich so vorstellen wie bei der Tour de France [Rad-Rundfahrt in Frankreich, d. Red.]: Wenn jemand mit einem Platten losfährt, der wird kein Sieger."
Schließlich komme dem Material mittlerweile schlichtweg eine entscheidende Bedeutung zu, auch im Verhältnis zur Lauf- und Schießleistung. "Wenn du eine Gurke unter dem Fuß hast, der Männer-Sprint dauert 10 Kilometer, das sind fast 25 Minuten. Dann potenziert sich das."
Röschs Analyse wird auch dadurch gestützt, dass die Vorbereitung sowie die Weltcup-Rennen zuvor durchaus erfolgreich verlaufen waren: "Die ganze Saison waren Männer wie Frauen konkurrenzfähig." So war Benedikt Doll, der in Tschechien ebenfalls bislang keine Rolle spielte, beim Heim-Weltcup in Oberhof vor etwas über einem Monat noch auf den ersten Platz gesprintet.

Es gibt Redebedarf bei der Ski-Vorbereitung

Doch nun treffen die Deutschen eben auf ungewohnte, unvorteilhafte Bedingungen in Nove Mesto. Diese hat auch der deutsche Chef-Techniker Sebastian Hopf identifiziert. Die Verhältnisse seien "ziemlich extrem", sagte er in einer Medienrunde: "Zu diesen ohnehin schon sehr seltenen nassen Bedingungen kommt auch noch Dreck und über Nacht kein Frost. Das ist ziemlich herausfordernd für uns." Insbesondere die "Haltbarkeit" sei ein Problem.
Vanessa Voigt verkniff sich als 15. in der Verfolgung am Sonntag jedenfalls noch eine deutliche Kritik am Material und wollte die Enttäuschungen nicht alleine darauf schieben, aber stellte klar: "Ich musste echt mit den Tränen kämpfen. Man reißt sich ein ganzes Jahr den Arsch auf und dann so was zum Höhepunkt. Ich will nichts vorwegnehmen, aber ich glaube, wir haben da Redebedarf."
Dessen ist sich auch Biathlon-Sportdirektor Felix Bitterling bewusst: "Das erste Feedback war relativ klar, dass die Ski wieder nicht grandios waren. Da brauchen wir nicht drum herumzureden. Speziell bei der Franzi tut es natürlich weh mit der Schießleistung und in der Verfassung, in der sie ist. Mit guten Ski kann sie da vorn hinlaufen."

Fluor-Verbot fordert alle Nationen heraus

Gute Ski, das garantierte über lange Zeit die Verwendung von Fluor beim Wachsen. Die wasser- und schmutzabweisende Funktion käme bei den Bedingungen in Nove Mesto gelegen. Doch seit dieser Saison ist das in allen Skisportarten und auch im Biathlon verboten, Fluor ist umweltschädlich und krebserregend. Die Technikteams müssen nun kreativ werden.
Rösch betonte, das fordere auch die anderen Delegationen heraus: "Das Material ist nicht nur bei den Deutschen gerade ein großes Thema, was wirklich vielen Nationen gerade Kopfzerbrechen bereitet. Auch Norwegen hat beim Frauen-Sprint so ein bisschen, ich sage es plakativ, ins Klo gegriffen. Das ist aktuell ein ganz schmaler Grat."
Dabei stellte Rösch in Bezug auf das deutsche Technikteam klar: "Ich will denen auch gar keinen Vorwurf machen. Ich sehe die ja jeden Tag hier von früh bis abends, die spulen im Schnitt am Tag 30 Kilometer ab, um zu testen. Aber die berechtigte Frage ist natürlich: Warum kriegen die anderen das besser hin?"
Der Ex-Biathlet stellte fest: "Anscheinend ist es einfach so, dass andere Nationen an der Schraube am Setup genau das Richtige gefunden haben." Das betreffe unter anderem die Handstruktur als oberste Schicht beim Präparieren. Denn: "Man muss sich das so vorstellen, dass der Ski eine Struktur hat – ähnlich wie ein Autoreifen. Das Wasser muss abtransportiert werden und das hat bis jetzt nicht funktioniert."

Die Suche nach dem "Geheimrezept für die Ski"

Jedenfalls besteht Hoffnung bei den Biathletinnen und Biathleten, dass in der zweiten WM-Woche der "Reset-Knopf" (Vanessa Voigt) gefunden wird. Am Dienstag (17.10 Uhr/ARD) steht das Einzel der Frauen an. Franziska Preuß hofft bis dahin auf ein "Geheimrezept für die Ski".
Und auch Benedikt Doll glaubt noch an Besserung: "Wir müssen es halt hinkriegen, dass alles zusammenpasst. Laufen, schießen und Ski – dann sind wir mit dabei."