Samstag, 01. Oktober 2022

Pressefreiheit beim WM-Gastgeber
Fassade des kritischen Journalismus in Katar

Katar will die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer als politische Plattform nutzen. Doha wirbt mit der Fußballfassade um Investitionen, Touristen und Fachkräfte. Wer jedoch hinter diese Fassade blicken möchte, muss mit ernsten Konsequenzen rechnen. Das gilt auch für Journalistinnen und Journalisten.

Von Ronny Blaschke | 21.09.2022

Der Spielball der Fussball Weltmeisterschaft 2022 in Katar Al-Rihla und Spielball des DFB Pokalfinales 2022 in Berlin.
Der Sportausschuss des Deutschen Bundestages hat bei einer öffentlichen Anhörung zur Fußball-Weltmeisterschaft dem Ausrichterland Katar gesellschaftliche Fortschritte bescheinigt (picture alliance / ZB /motivio)
Seit Jahren beschäftigt sich Benjamin Best mit den Gastarbeitenden in Katar. Mehrfach reiste der Journalist des WDR an den Persischen Golf. 2019 filmte er dort verdeckt in engen, verdreckten Arbeiterunterkünften. Seine Recherchen wurden international aufgegriffen und so stand er bei seinem nächsten Besuch in Katar 2021 unter Beobachtung.
Sobald Benjamin Best und seine Kollegen in Doha das Hotel verließen, sagt er, wurden sie von zwei Fahrzeugen verfolgt: "Für mich war das einigermaßen ok, ich konnte damit umgehen. Aber ich hatte dann vor Ort auch ein Kamerateam, ich hatte da auch einen Fahrer. Und bei denen habe ich schon gemerkt, dass diese Einschüchterung funktioniert hat."
Katar und seine Nachbarn auf der Arabischen Halbinsel gehören zu jenen Staaten, in denen unabhängiger Journalismus fast unmöglich ist. Das katarische Pressegesetz von 1979 ermöglicht eine Vorzensur von Publikationen. Das Gesetz gegen Cyberkriminalität von 2014 stellt die Verbreitung von angeblichen "Fake News" unter Strafe.
In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt Katar von 180 bewerteten Staaten Platz 119. Mehrfach wurden ausländische Journalisten in Doha verhaftet, berichtet Justin Shilad von der NGO Committee to Protect Journalists: "Es gibt viel Selbstzensur und Überwachung. Und auch im Ausland zögern viele Aktivisten mit der Kontaktaufnahme zu katarischen Informanten. Es ist sehr schwer, Menschen für offizielle Interviews zu sprechen. Die Angst vor Verhaftungen und juristischen Sanktionen ist groß."

Kritik an der Herrscherfamilie ist tabu

Neben der Repression setzt Katar wie kaum ein anderer Staat auf "Soft Power", auf milliardenschwere Investitionen in Technik, Kultur, Sport und Medien. Prominente Beispiele: die Fluglinie Qatar Airways, das Museum für Islamische Kunst in Doha, die Übernahme des Fußballklubs Paris Saint-Germain. Es sind Institutionen, die Katar mit positiver Konnotation medial im Gespräch halten sollen.
Der katarische Nachrichtensender Al Jazeera etwa gilt als journalistisches Vorzeigemodell in der arabischen Welt, sagt der Nahostforscher Sebastian Sons aus dem Forschungsnetzwerk Carpo. Und er meint damit vor allem die englischsprachige Sendersparte.
"Auch das ist Strategie. Dass man der Welt zeigt: Wenn ihr Englisch versteht, merkt ihr, wir sind offen, wir sind kritisch, wir sind pluralistisch. Sobald man dann in den arabischen Diskurs geht, wird es dann etwas reglementierter und auch kontrollierter. Es gibt mit Sicherheit rote Linien: alles, was sozusagen dem kulturellen und gesellschaftlichen Bild der Herrscher widerspricht. Dazu gehört Homosexualität, dazu gehört Kritik am Islam. Dazu gehört natürlich Kritik an der Herrscherfamilie. Dazu gehört aber zum Beispiel nicht Kritik an wirtschaftlichen Missständen. Dazu gehört nicht Kritik an korrupten Verwaltungsstrukturen."

Legitimieren westliche Wissenschaftler das Regime?

In Katar sind kaum internationale Korrespondenten stationiert. Doch jetzt, kurz vor der WM, reisen Journalisten aus aller Welt ins Land. Viele von ihnen besuchen auch die "Education City", einen Campus mit Außenstellen renommierter Universitäten. Dutzende Wissenschaftler, die aus westlichen Demokratien stammen, forschen und lehren hier.
Der deutsche Politikwissenschaftler Danyel Reiche beispielsweise kuratiert an der Georgetown University in Doha mit Blick auf die WM ein Angebot von Podcasts, Blogs und Gesprächsrunden. Zudem verlegt er Bücher und verfasst Aufsätze. Häufig wird Reiche aus Deutschland als Katar-Experte angefragt.
"Wenn man in einem solchen Land wie Katar arbeitet, das nicht demokratisch ist, dann gibt es zwei Betrachtungen darauf. Das eine ist, das man sagt: Diejenigen, die dort vor Ort tätig sind, die legitimieren das Regime. Und die andere Betrachtungsweise: Diejenigen, die vor Ort arbeiten, tragen zum sozialen Wandel bei. Hier sehe ich schon, dass sich das Land erneuert. Vielleicht nicht in dem Tempo, wie man es sich wünschen würde. Aber es hat viele Verbesserungen gegeben, politisch, gesellschaftlich."
In den vergangenen Monaten erschienen in katarischen Medien hin und wieder auch Artikel über Missstände. Das Onlineportal "Doha News" griff die Recherchen des WDR-Reporters Benjamin Best über Arbeitsbedingungen auf. Es kann sein, dass sich Katar kurz vor der WM als liberaler präsentieren möchte, als es eigentlich ist.