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StartseiteInterview"Wir sind am Beginn einer zweiten Corona-Welle"22.08.2020

FDP-Gesundheitspolitiker Ullmann"Wir sind am Beginn einer zweiten Corona-Welle"

Die täglichen Anstiege der Corona-Infektionen müsse man ernst nehmen, sagte FDP-Gesundheitspolitiker Andrew Ullmann im Dlf. Doch starre Obergrenzen für Veranstaltungen seien „zu einfach“, Druck durch Strafen für Maskenmuffel reichten nicht aus. Es gehe um Konsequenz bei der Durchsetzung bestehender Regeln.

Andrew Ullmann im Gespräch mit Jörg Münchenberg

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Kommerzieller COVID-19-Test für Reiserückkehrer aus Nicht-Risikogebieten am Flughafen Hamburg (picture alliance / dpa / Christian Charisius)
Der FDP-Gesundheitspolitiker Ullmann sieht bislang keine überzeugende Umsetzung der Corona-Testpflicht für Reiserückkehrer aus Risikogebieten (picture alliance / dpa / Christian Charisius)
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Die Zahl der täglichen Neuinfektionen mit COVID-19 in Deutschland steigen. Mit 2.034 (21. August 2020) hat sie den höchsten Stand seit Ende April erreicht. Die Debatte über Gegenmaßnahmen nimmt neu an Fahrt auf.

Ullmann ist ausgebildeter Arzt und Obmann der FDP im Gesundheitsausschuss des Bundestags. Die Verordnungen und guten Ideen, die es gebe, müssten konsequent umgesetzt werden. Die Durchsetzung der Testpflicht für Reiserückkehrer aus Risikogebieten etwa sei eine Katastrophe:

"Alleine, was in Bayern passiert ist, wo mehrere hundert Leute gar keine Informationen bekommen über ihre Testergebnisse, dass wir noch eine unsägliche Zettelwirtschaft haben, dass noch nicht digitalisiert wurde, zeigt eigentlich, wo die Mängel in unserem Land sind."

"Wir können uns sicherlich keinen zweiten Shutdown leisten"

Ullmann hält einheitliche Test- und Präventionsstandards in der Bundesrepublik für nötig. "Hier denke ich nicht nur an Reiserückkehrer, sondern an Schulen, Kitas, Pflegeheime, Altenheime, Restaurants. All das, wo wir wissen, wo Infektionsketten entstehen können, da muss ein Konzept her, dass man diese Menschen auch regelmäßig testen kann."

"Minimum 1,5 Meter" – im Deutschen Historischen Museum in Berlin ist auf dem Boden ein Hinweis auf den Mindestabstand aufgebracht. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene) (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)RKI: Clever testen und diszipliniert verhalten
Voraussagen über eine zweite Welle ließen sich nur schwer treffen, sagte Dirk Brockmann vom Robert-Koch-Institut. Um sich aber möglichst gut davor zu schützen, sei vor allem wichtig, diszipliniert zu bleiben – und gezielt zu testen.

Jörg Münchenberg: Herr Ullmann, wie bewerten Sie den Anstieg der Corona-Infektionszahlen jetzt in Deutschland?

Andrew Ullmann: Diese Anstiege muss man wirklich ernst nehmen. Wir sind am Beginn einer zweiten Welle in Deutschland. Viele sprechen immer noch von einer Dauerwelle, aber es ist ja ganz klar, die Zahlen steigen an. Wir haben jetzt eine Situation, wie wir sie im April hatten – und da bedarf es jetzt Maßnahmen, damit es nicht außer Kontrolle gerät, denn wir können uns sicherlich keinen zweiten Shutdown leisten, wie wir es im März hatten.

Münchenberg: Um nun noch mal auf die Ursachen zu sprechen zu kommen, es gibt ja inzwischen deutlich mehr Tests, insofern stellt sich ja schon die Frage, wie belastbar oder wie aussagekräftig sind die aktuellen Zahlen?

Ullmann: Ich denke, die Zahlen sind durchaus auch aussagekräftig durch die mehr Testungen, die wir eindeutig auch mehr durchführen, wird die Dunkelziffer auch kleiner. Man hat ja im März, im April davon gesprochen, dass durch die Dunkelziffer möglicherweise die Infektionsrate fünf- bis zehnmal höher ausfällt, viele Studien deuten darauf hin, dass im Augenblick vierfach höhere reelle Infektionen stattfinden. Aber man muss eines sagen, die relative Zahl, also die Prozentzahl der positiven Ergebnisse, ist relativ gleich geblieben, das heißt bei gleichbleibender oder leicht ansteigenden prozentualen Zahlen deutet es doch auf einen wahren und echten Anstieg der Infektionen hin.

"39 Prozent der Infektionen durch Reiserückkehrer verursacht"

Münchenberg: Noch mal auf die Ursachen zu schauen, welche Rolle spielen da die Reiserückkehrer, wir sind ja in der Hauptreisezeit im Augenblick, und viele Menschen kommen ja jetzt wieder zurück.

Ullmann: Ja, die Zahlen steigen da ebenfalls, bundesdurchschnittlich zu 39 Prozent sind die Infektionen durch Reiserückkehrer verursacht, die dann wiederum Infektionsketten auslösen. In Berlin sollen es sogar bis zu 50 Prozent sein, aber nichtsdestotrotz finden immer noch Infektionen zu Hause statt, wie es gerade auch im Bericht durchgegeben haben, auch im familiären Umfeld gibt es hier Ansteckungsketten, Stichwort ist hier Feierlichkeiten, die durchgeführt werden, Geburtstage, Hochzeiten et cetera, die darf man nicht vernachlässigen. Ich denke, dadurch, dass wir so gut waren in Deutschland mit den Maßnahmen, die wir durchgeführt haben, gemeinsam als Gesellschaft durchgeführt haben, ist eine große Lockerheit entstanden. Wir müssen begreifen, dass die alte Normalität dieses Jahr tatsächlich nicht zurückkommen kann, vielleicht nächstes Jahr.

Eine Atemschutzmaske wurde drapiert für ein Foto. Köln, 29.07.2020 *** A breathing mask was draped for a photo Cologne, 29 07 2020 Foto:xC.xHardtx/xFuturexImage (imago images / Future Image) (imago images / Future Image)"Diese Wellen gehören zur eingeschlagenen Strategie"
Der Ökonom Straubhaar hat davor gewarnt, auf die steigenden Zahlen von Corona-Neuinfektionen mit einem erneuten Lockdown zu reagieren. Man sollte prüfen, wo man mit vergleichsweise geringen Maßnahmen Wirkung erzielen könne, sagte er im Dlf.

Aber wir müssen jetzt sehen, dass die Infektionsrate nicht größer ansteigt, denn die Folgen, die daraus erwachsen, sind schon immens. Und wenn wir da jetzt nicht eingreifen, könnte es durchaus Schwierigkeiten geben. Aber ich denke, die Maßnahmen, die wir im März ergriffen haben, müssen wir im Augenblick sicherlich nicht diskutieren, denn wir haben in der Zwischenzeit viel mehr dazugelernt über diese Virusinfektion.

Testpflicht besser umsetzen

Münchenberg: Sie haben gesagt, die Wachsamkeit hat eher nachgelassen, man ist eher unachtsam, will vielleicht auch etwas nachholen. Die Frage ist ja schon, wie kann, wie muss Politik darauf eingehen?

Ullmann: Ich denke, die Politik muss erstens verständnisvoll darauf eingehen und nicht grundsätzlich sagen, wir müssen mehr Gesetze haben, wir müssen mehr bestrafen. Ich bin immer noch überzeugt, dass wir mehr aufklären sollen. Wir wissen ja, dass 91 Prozent der Bevölkerung mit den Maßnahmen auch einverstanden sind. Aber wenn die Politik und gerade die Regierenden gute Ideen haben, die sie durchführen wollen, müsste auch die Durchführung ebenfalls gut sein.

Münchenberg: Was sind denn gute Ideen?

Ullmann: Ich sage mal, die verpflichtende Testung von Reiserückkehrern aus Risikogebieten, die schon stattfinden, aber die Durchführung ist ja eine Katastrophe. Alleine, was in Bayern passiert ist, wo mehrere Hundert Leute gar keine Informationen bekommen über ihre Testergebnisse, dass wir noch eine unsägliche Zettelwirtschaft haben, dass noch nicht digitalisiert wurde, zeigt eigentlich, wo die Mängel in unserem Land sind, die wir dringend auch ändern müssen, damit wir auch mehr Sicherheit und mehr Flexibilität haben in der Krise – und da gab es ja einiges Versagen.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Druck alleine bringt es natürlich nicht"

Münchenberg: Die Frage ist ja trotzdem, Sie haben das ja angesprochen, mit lokalen Ausbrüchen, Feiern, Partys, da ist ja auch interessant, dass sich vor allem jetzt jüngere Leute stärker infizieren. Da ist ja schon die Frage, wie will, wie kann man die erreichen, wenn nicht am Ende mit mehr Druck?

Ullmann: Ich denke, Druck alleine bringt es natürlich nicht, man muss aufklären, man muss in den Unterricht das hineinbringen, man muss es im Fernsehen bringen, im Internet entsprechende Aufklärung bringen. Die Kommunikationswege der Jugend sind andere im Vergleich zu meiner Generation, der in den 50ern ist. Da bedarf es natürlich mehr Aufklärung, aber auch mehr Durchsetzung. Es kann nicht angehen, wenn man im Zug fährt, wie ich es vor einigen Wochen erlebt habe, und der Schaffner noch nicht einmal die Maske richtig auf hatte, da kann natürlich die Personen auch nicht ermahnen, die Maske aufzusetzen, die auch mit diesem Zug reisen. Wir müssen mit gutem Beispiel auch vorangehen und diese Sachen auch durchführen. Aber natürlich, da gebe ich Ihnen recht, wer sich nicht an die Regeln hält, muss auch bestraft werden, das muss sein. Aber da müssen wir auch nicht sagen, wir brauchen mehr Gesetze dazu, sondern wir müssen die Gesetze, die wir haben, die Verordnungen, die wir haben, auch entsprechend umsetzen.

"Die Obergrenze ist zu einfach geschaut"

Münchenberg: Aber auf der anderen Seite, es wird ja auch diskutiert, bundesweit einheitliche Obergrenzen für Feiern, würde das wirklich helfen? Und die Frage ist ja dann auch wieder, wer setzt das durch, wer schaut darauf?

Ullmann: Die Obergrenze, muss ich ehrlicherweise sagen, ist zu einfach geschaut. Ich sage mal, bei mir im Büro, wo ich einen Raum habe mit circa 18 Quadratmetern, wenn ich da sage, hier dürfen 20 Leute rein, das geht gar nicht. Im Gegensatz dazu, wenn ich in einer Halle bin mit 20 Leuten, da ist es kein Problem, da gibt es auch keine Übertragungsmöglichkeit. Es geht letztendlich nicht um die Zahl, das wäre natürlich sehr einfach und simpel gedacht. Wir müssen sehen, dass die Regularien, die wir haben, auch medizinisch sinnvoll sind, das heißt man muss dann überlegen, wie weit die Konzepte gehen – im Sinne von, wie viele Leute pro Quadratmeter dürfen irgendwo in einem Geschäft sein oder in einer Halle bei einer Feierlichkeit. Und man muss noch unterscheiden, ob die Feierlichkeit draußen stattfindet an der freien Luft oder in einem Raum, wo man nicht lüften kann oder Räumlichkeiten, die man gut lüften kann. All das sind Faktoren, die eine wesentliche Rolle spielen, ob die Infektionsgefahr größer ist oder nicht.

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Einheitliche Test- und Präventionsstrategie gefordert

Münchenberg: Angedacht ist ja auch, jetzt bundesweit einheitliche Strafen gegen Maskenmuffel in Bus und Bahn zu verhängen. Sinnvoll?

Ullmann: Ich halte das für eine sinnvolle Sache, aber ich würde sagen, warum versuchen wir jetzt einheitliche Strafen zu diskutieren? Ich würde lieber eine einheitliche Teststrategie bundesweit und auch eine Präventionsstrategie, dass die Regularien bundesweit die gleichen sind. Es ist eine andere Geschichte, wenn wir einen Ausbruch haben, einen Hotspot haben, da bedarf es regionaler Interventionen, die da notwendig werden – zum Beispiel in einer Stadt, in Passau, bricht eine Infektion aus, dann muss man nicht in Kiel entsprechende Maßnahmen ergreifen, sondern in der Region in Niederbayern beispielsweise. Aber die Prävention, die AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmasken) einhalten, Digitalisierung, auch die Tests, die dann durchgeführt werden, dann zeitnah den Leuten auch zur Verfügung stellen. Hier denke ich nicht nur an Reiserückkehrer, sondern an Schulen, Kitas, Pflegeheime, Altenheime, Restaurants. All das, wo wir wissen, wo Infektionsketten entstehen können, da muss ein Konzept her, dass man diese Menschen auch regelmäßig testen kann, nicht nur zum Schutz des einzelnen Menschen, sondern auch für die Gesellschaft.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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